Für ein bestimmtes Bekenntnis, das ich dringend loswerden muss, ist das hier vermutliche die denkbar riskanteste Community. In etwa so, wie die arabische Großmutter zum Jahrestreffen der Republikaner mitzunehmen, das Coming Out auf die eigene Trauung zu legen, Schmalzbrote auf einer Kardiologentagung zu servieren oder einen Bong-Laden neben der Hauptwache zu eröffnen - und alles an einem Tag.

Trotzdem muss es endlich raus, da ich sonst Gefahr laufe zu platzen. Nehmt es mir nicht übel, treibt mich nicht unter Prügel aus dem Dorf, aber … Ich spiele lieber offline! Da! Jetzt habt ihr es!

Bei mir begann es mit »Ultima Online«. Das erste Mal in eine Welt eintauchen, die dicht besiedelt ist, nicht mit seichten Skriptköppen, sondern echten Menschen. Schurken, Samaritern, Nervensägen, Freunden, sprich alles, was Gottes kapitaler Zoo an unterschiedlichem Material hergibt. Das zunächst existierende PvP-System ließ sich mit »Alle gegen Alle« hinreichend zusammenfassen und war für Newbies ein zäher Einstieg in diese neue Form der Realität. Aber er lohnte sich, da Britannia weitläufiger und abwechslungsreicher war als alles, was man seinerzeit in auf die heimische Festplatte beschränkten Rollenspielen zu sehen bekam.

MMOG - MMO-Bashing 2.01 – Entdeckung der Einsamkeit

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Ultima Online: Gottes kapitaler Zoo an unterschiedlichem Material.
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Der Trend setzt sich fort. Nicht zuletzt aufgrund der Finanzierungsmodelle von Online-Games bleiben sie in Sachen Umfang den jeweils aktuellen Singleplayer-Kollegen überlegen. Gegen die Weiten von »World of Warcraft« nimmt sich selbst »Oblivion« als Spielplatz für Heldenkinder aus. Und nach wie vor existiert keine Künstliche Intelligenz, die eine auch nur annähernd sinnvolle Unterhaltung oder soziale Interaktionen simulieren kann. Menschen wird man mittelfristig nicht ersetzen können. Wodurch MMOs die bessere Form des Rollenspiels bleiben. Oder?

Nicht für mich. Schon seit geraumer Zeit logge ich mich kaum noch ein, ziehe den Trip durch meine privaten Welten vor. Sei es Cyrodiil, die Schwertküste oder das alte Griechenland. Zugegeben, ich fühle mich dabei merkwürdig. Denn unter objektiven Gesichtspunkten spricht Vieles dafür, dass MMOs über kurz oder lang die Solo-RPGs vom Markt drängen, wie es die First-Person-Shooter mit den klassischen Actionspielen getan haben. Leide ich also schlicht unter einer perversen Form von Geschmacksverirrung? Der Versuch einer Rechtfertigung meiner Vorliebe für das »Singledasein« mit vermeintlich überlegenen Hintergrundgeschichten, ausgeklügeltem Questsystem oder der Tatsache, nicht auf pures Grinden beschränkt zu sein, geht nach hinten los. »Titan Quest«, irgendwer?

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"Bist du wirklich eine Frau? Nein? cu!"
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Das Argument, 95 % der echten Menschen seien kaum origineller als NPCs, zieht letztlich auch nicht. Klar, wer kennt sie nicht, die grenzdebilen Beinahe-Bots, die blind, taub und stumm durch Azeroth rumpeln oder Fast-Humanoide, deren Kommunikation sich auf »Bist du wirklich eine Frau? Nein? cu!« beschränkt. Aber lässt man die gesamten MMO-Bekanntschaften eines Spielerlebens Revue passieren, vom australischen Papageienzüchter, über den 12-jährigen Luxemburger, den alle aufgrund seiner Eloquenz und Vernunft für einen 30-jährigen Deutschen hielten und der »Bloß keine Kinder« in der Party verlangte, bis zum anonym bleiben wollenden Fußballprofi eines Zweitligisten Clubs muss man zugeben, interessantere Persönlichkeiten kennen gelernt zu haben als in den Dungeons von »Diablo II«, ja selbst »Wizardry«.

Meine zunehmende Abneigung hat einen anderen Grund und ist dem nicht unähnlich, den Alfred Polgar gegen das Romanlesen beschrieb:

»Alle diese vielen Menschen, die mitsammen 'einen furchtbaren Haufen ausmachen', wollen Brot, wollen Luft, wollen Liebe, wollen Raum. Wie man sie befriedigt, ist ein Problem, das die besten Köpfe aufregt und gegen die Wand rennen heißt. Der Kommunismus gibt vor, eine Lösung zu haben, aber obgleich seine Theorie unwiderstehlich und auch seine Praxis sehr verführerisch ist, habe ich doch furchtbare Angst vor ihm. Nicht weil er meinen Grundbesitz, meine Fabriken und meine Schlösser wegnehmen will - die kann er alle haben und mein Bankdepot als Draufgabe -, sondern weil er die Möglichkeiten des Alleinseins so erbarmungslos verringert. Er zwingt den einzelnen in die Masse hinein: molochisch aufgesperrt dräut der Rachen des Kollektivums. Ich verstehe es nicht, daß die Menschen - die doch der Gedanke, in einem Massengrab, also in zu engem Kontakt mit andern, beerdigt zu werden, schreckt -, daß sie sich so wenig davor graulen, als Lebende in Massen beisammen zu sein, klumpenweise ihre Arbeit oder ihr Vergnügen zu verrichten, auf- und übereinander zu kriechen wie die Krebse im Küchenbottich.«

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In einer Welt voller Helden gibt es keinen Helden mehr.
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Am Nachthimmel sind wir nicht einmal einer der unzähligen Sterne, sondern nur Teil der Schwärze dahinter. Bedeutungslos und in der Bedeutungslosigkeit gleichen wir den restlichen 6,7 Milliarden. Und sind wir noch so originell und sind wir noch individualistisch, es ist garantiert, dass der Gedanke von Millionen zuvor gedacht und von Abertausenden sogar gelebt wurde. Das Event heißt Schlange stehen am Gipfel des Mount Everest.

Nicht anders bei den MMOs, die gerade zum Ziel haben, realistische Strukturen nachzubilden. Zur Wirklichkeit gehört nun mal auch die Unbedeutendheit. Damit bin ich wieder einer von vielen. Denn was in einer Welt voller Helden nie existieren wird, ist »ein Held«.

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Nur als Singleplayer ist der Spieler der "Chosen One".
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Nur spiele ich doch gerade, um eben der zu sein, um jemand zu sein. So trampeln Heerscharen von schwer Bewaffneten durch gaunerverseuchte Weinberge, magisch Gerüstete warten geduldig auf die Chance, nachwachsende Goblinhorden verbläuen zu dürfen und Hundertschaften überschütten den armen Dorfalchemisten mit Ingredienzien von solcher Quantität, dass der Pläne für industrielle Heiltrankfertigung schmiedet. Wir wollen mächtige Ritter sein und sind doch nur solche von trauriger Gestalt. Selbst für Rosinante müssen wir bis Stufe 40 leveln, die Windmühlenflügel verdecken den Horizont.

Genau dieser Vorstellung kann ich aber in meinen ganz privaten RPG-Welten entfliehen, in denen ich der »Avatar« bin, der »Chosen one«. Ich, der Mittelpunkt der gesamten Illusion. Es mag genau das gleiche Theaterstück sein. Aber es ist eins, das für mich ganz allein aufgeführt wird.