Lange vor den Ereignissen von Mittelerde: Mordors Schatten begab es sich, dass der Elbe Celebrimbor, Prinz der Noldor und begabtester Schmied des Zweiten Zeitalters, von Sauron in seiner Annatar-Gestalt aufgesucht wurde, damit sie beide die Ringe der Macht schmieden würden. Und lange vor dem Release des Spiels planten Monolith, diese Geschichte in einem separaten DLC zu erzählen, während ein paar Aspekte von ihr im Hauptspiel schon Erwähnung gefunden hatten. Jetzt ist er da und... puh.

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"Der helle Herrscher" ist nicht besonders gut. Oder besser: Er ist spielerisch völlig okay, weil es das Hauptspiel eben auch war, aber wenn es darum geht, irgendetwas neues zu leisten, versagt er völlig und auf ganzer Linie. Das beginnt damit, dass seine "Geschichte", so man denn behaupten will, dass er überhaupt eine hat, kaum bis gar nicht erzählt wird. Sie setzt ein, als Sauron Celebrimbors Familie bereits entführt/getötet hat und Celebrimbor sich nach Udûn begibt, um sich, den gestohlenen Einen Ring am Finger, am Dunklen Herrscher zu rächen.

Mittelerde: Mordors Schatten: Der helle Herrscher - Der nicht ganz so helle Herrscher

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Celebrimbor, wie man ihn kennt: humorlos und mit großartiger Frisur.
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Und ich erzähl euch diesen ganzen Kram, weil der DLC ihn euch nicht erzählt. Man droppt einfach mit dem ollen Elben ins komplett recycelte und bestenfalls leicht eingefärbte Tal um das Schwarze Tor herum. Celebrimbor ist sauer, wie auch ich es bin, weil ich in diesem Test deutlich zu oft das Wort "Celebrimbor" schreiben muss. Er plant, mit der Macht des Ringes Saurons Armee nach und nach zu übernehmen und ihn so zum offenen Kampf zu provozieren.

Auf dem Weg dorthin ist die gesamte Interaktion zwischen Celebrimbor und Sauron im wesentlichen die mittelerdische Version von Trash Talk – nur eben telepathisch und mit mehr altertümlichen Worten. "Du wirst mich niemals besiegen können!" grummelt Sauron aus dem Off, "Nein, DU wirst MICH niemals besiegen können!" antwortet Celebrimbor ebenso sinngemäß wie schlagfertig zurück, so brusttrommeln sich die beiden Widersacher gegenseitig an, bis sie dermaleinst voreinander stehen.

Der Weg dorthin? Fast nicht der Rede wert, leider. Man sollte meinen, dass ein kriegerischer Elbenprinz mit dem mächtigsten Objekt Mittelerdes am Finger eine merklich andere Spielweise verdienen würde, aber das ist nicht der Fall. Tatsächlich hat Celebrimbor ein paar Fähgkeiten, die ihn vom alten Waldläufer Talion aus dem Hauptspiel unterscheiden, aber viel kommt dabei nicht rum. So sind ein paar der Talente aus dem Skilltree ersetzt worden durch Fähigkeiten, die es Celebrimbor erlauben, noch mehr Orks zu dominieren.

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Die große Konfrontation, nur eben ganz, ganz klein.
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Wo Talions Schattenschlag seine Feinde entweder zu Boden werfen oder saftig enthaupten konnte, kann Celebrimbor sie nun auch nach einem Teleport direkt brandmarken, was aber mehr Munition kostet. Dafür hat er keine Zeitlupe beim Zielen, was die ganze Sache nicht leicht macht. Er kann auch mithilfe seines Geisterblitzes, der im Hauptspiel die umstehenden Feinde nur zurückgeworfen hat, Orks brandmarken – je höher die Kombo, desto mehr Orks werden bekehrt.

Unambitioniert, kurz, aber eben auch günstig - man kriegt hier, was man bezahlt, und das ist nicht viel.Fazit lesen

Wie schon angedeutet verliert Celebrimbor dafür sogar ein paar Fähigkeiten, etwa die Möglichkeit, Feinde automatisch zu betäuben, wenn er über sie springt, oder das Aufrechterhalten der Kombo trotz einer Verwundung. Das ist schade, allerdings nicht so schade wie die Tatsache, dass er nicht levelt und abgesehen von den Runen für seine Waffen keinerlei Upgrades oder Verbesserungen erfährt, was eine Menge Motivation nimmt. Ein Teil dessen ist sicherlich dem Umfang und der Struktur geschuldet, auf die wir gleich zu sprechen kommen.

Ein Ring, sie zu langweilen

Widmen wir uns vorher dem wichtigsten Element, dem Obermacker, dem ganz großen Käse – kurzum, dem Einen Ring. Er macht den spielerisch vielleicht größten Unterschied aus und das auch nicht unbedingt im positiven Sinn. Wo Talion drei aufladbare Super-Modi hatte, hat Celebrimbor einen, der nur durch Brandmarkungen aufgeladen wird. Dafür ist er anschließend für ein paar Sekunden quasi ein Gott, dann geht die Jagd nach neuen Brandopfern von vorne los. Wenn der Ring aktiv ist, ist Celebrimbor unsichtbar, alle Feinde in extremer Zeitlupe, er kann frei und ohne jede Einschränkung alle Arten von Fähigkeit verwenden und hat beliebig viel Munition.

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Diese zufällige Szene aus einer Zwischensequenz des Hauptspiels ist besser als der ganze DLC zusammen.
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Das kurze Machtgefühl hierbei ist ganz schick, wenn auch notwendigerweise stramm portioniert, weil es ansonsten völlig übermächtig wäre. So schick allerdings, dass der gesamte Endkampf gegen Ratet-mal-wen komplett um den doofen Ring konstruiert wurde, sodass man einen Rhythmus aus Massenvernichtung und vorsichtigem Aufladen, bei dem man notwendigerweise mehr wegrennt als richtig kämpft eingeht, find ich ihn dann doch nicht. Jedenfalls hatte ich mir so die thematisch größte Konfrontation des Spiels (das Hauptspiel mit eingerechnet) nicht vorgestellt.

Ich hatte mir irgendwas vorgestellt, und selbst damit hat "Der helle Herrscher" seine Probleme. Das recycelte Spielgebiet hab ich erwähnt. Es gibt genau eine Art von Sidequests, nämlich fünf oder sechs Missionen, die jeweils kurz und nicht fordernd sind und bei Gelingen die Wirkungsdauer des Ringes erhöhen. Daneben noch eine Art von sammelbarem Mumpitz, die außer Einblick in die Lore gar nichts bringt. Keine sonstigen Aufgaben, keine sammelbaren Objekte – kurzum, nichts zu tun.

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"Uäh?! Du hast meinen Ring!"
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Und es ist nicht gerade so, dass einen die "Story", die quasi komplett ohne Zwischensequenzen daherkommt und hauptsächlich aus dem geplusterten Voice-Over-Gefieder Saurons und Celebrimbors besteht, einen mit Umfang erschlägt. Anstatt die Türme zu erklimmen, die man aus dem Hauptspiel kennt, baut man sie in einer Handvoll Mini-Missionen auf. Danach: Offiziere brandmarken. Dann der oben beschriebene und unterwältigende Kampf mit dem Endboss. Das alles lässt sich problemlos in unter zwei Stunden abhaken, wer noch so richtig im Spielfluss ist, schafft es wahrscheinlich sogar binnen einer. Meh.

Für den luftigen Preis von zehn Euro kann man sich "Der helle Herrscher" geben, und wer seinerzeit auf den Season Pass reingefallen ist, sollte ihn sich natürlich auch mal angucken. Aber mir will partout kein echter Grund dafür einfallen, ihn zu empfehlen. Er ist das More-of-the-same-Prinzip, bloß zum Gesamtkunstwerk erhoben, und kein Funke Ambition schießt über dieses niedrig angesetzte Ziel hinaus.

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Der alte Elbe runzelt die Stirn, so manch ein Spieler wohl auch.
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Nie denkt man sich "Oh man, ich fühle mich wirklich wie der Ringträger, der Sauron herausfordert". Stattdessen fühlt man sich wieder wie Talion im Hauptspiel mit anderem Skin, was keine inhärent schlechte Erfahrung ist, nur eben schon hinlänglich bekannt. Ach, und apropos: "Talion mit neuem Skin" ist Celebrimbor dann auch in dem mitgelieferten Ring-Herausforderungsmodus, denn hier ist er, abgesehen von seinem Ring-Super-Sayajin-Modus, um seine paar eigenen Fähigkeiten erleichtert worden und spielt sich genau wie Talion. Yay.

Die Gesamtqualität der Mordor-DLCs ist eine Art Abstrafung für Fans von Season-Pässen. Während sich mittlerweile rumgesprochen hat, dass man bezüglich Early-Access-Versionen vielleicht ein bisschen gesunde Skepsis walten lassen sollte, sind Season-Pässe von diesem Dogma bislang noch etwas verschont geblieben. Aber gerade die qualitative Lücke zwischen Mittelerde: Mordors Schatten und seinen lahmen DLC-Versuchen macht wohl ziemlich deutlich, dass man auch in Bezug auf sie kritisch sein sollte. Man weiß nicht, was man kriegt, oder, in diesem Fall, ob man etwas kriegt – völlig egal, wie gut das Hauptspiel war.