„Jede Ideologie hat ihr Preisschild“, schrieb mir ein Nutzer auf Twitter, „Hat alles richtig gemacht, der Notch“ ein anderer. Beide reagierten auf meinen an Minecraft-Spieler gerichteten Aufruf, spontane Gedanken zur Mojang-Übernahme durch Microsoft zu äußern. Beide vertraten unterschiedliche Positionen und verhärteten einen Verdacht: Es fällt uns schwer, den Millarden-Deal einzuordnen. Zeit, das zu ändern.

Gegen 14:00 Uhr sickerte am gestrigen Montag durchs Netz, was bereits ein paar Tage zuvor treffsicher spekuliert wurde: Microsoft verleibt sich Minecraft-Entwickler Mojang für enorme 2,5 Milliarden US-Dollar (rund 1,9 Milliarden Euro) ein. Seitdem steht das Internet einigermaßen auf dem Kopf und versucht, die zweite unerwartete Milliarden-Übernahme binnen weniger Wochen zu beurteilen, nachdem zuvor bereits Amazon durch die überraschende Twitch-Akquise für Aufsehen sorgte.

Naturgemäß waren die wenigsten spontanen Reaktionen aus dem Netz positiver Natur, was bei der Vermählung zweier so unterschiedlicher Konzerne wie in diesem Fall bisweilen verständlich ist. Wie kommt Minecraft-Erfinder und Mojang-Mitgründer Markus „Notch“ Persson dazu, sein Lebenswerk ausgerechnet an das Unternehmen zu verkaufen, gegen das er vor ziemlich genau zwei Jahren noch scharf schoss (ein Widerspruch, der ihm durchaus bewusst ist, wie wir später noch herausfinden werden)? Was heißt das für die Mitarbeiter seiner Firma? Wohin führt der Weg unter Microsofts Führung für Minecraft sowie die Millionen Spieler?

Microsoft kauft Minecraft-Entwickler Mojang - Was bedeutet die Übernahme für Notch, Minecraft und beide Unternehmen?

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Minecraft gehört nun offiziell Microsoft. Was heißt das für die Zukunft?
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Der Kauf wirft jede Menge Fragen auf, an vielen Fronten. Grund genug, die Auswirkungen für die einzelnen Parteien einmal näher zu beleuchten.

Wie kam es zum Verkauf und was bedeutet dieser für Markus „Notch“ Persson?

It's not about the money. It's about my sanity.“, resümiert Persson am Ende seiner persönlichen Stellungnahme. Es ist die Quintessenz dessen, was er in seiner für ihn typischen, sehr direkten Art zum Ausdruck bringen will: Das Projekt Minecraft ist mir über den Kopf gewachsen, wortwörtlich. Darum sei es jetzt an der Zeit, Mojang zu verlassen.

Er habe sich nie als „richtigen“ Spielentwickler gesehen, habe Spiele stets aus Spaß an der Freude programmiert und kein Interesse daran, damit die Welt zu verändern. Mit Minecraft ist ihm jedoch genau das gelungen, ob beabsichtigt oder nicht. Sein Unternehmen hat sich dem notwendigerweise angepasst und innerhalb kürzester Zeit den Sprung vom kleinen Indie-Studio zum professionell agierenden Unternehmen absolviert – ein Aufgabe, die Notch stets verfolgt und selbst vorangetrieben hat, in der er sich letztlich aber nicht selbst sieht. Oder wie er selbst sagt: „I'm not an entrepreneur. I'm not a CEO. I'm a nerdy computer programmer who likes to have opinions on Twitter.

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Der Verkauf dürfte seit einer Weile geplant sein, Notchs Abgang nicht unbedingt.
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Dass er Mojang nun den Rücken kehrt, ist konsequent – in jeder Hinsicht. Noch vor zwei Jahren hat er sich gegen Windows 8 gesträubt, hätte Minecraft lieber gar nicht auf Microsofts neuem Betriebssystem gesehen als es zu unterstützen. Die Übernahme durch eben jenen Konzern wirft nun folgerichtig einige Fragen auf, auf die er selbst keine Antworten habe, gesteht Persson ein.

Notch möchte nicht die Verantwortung für ein Projekt in der Größe Minecrafts tragen. Er möchte von Leuten nicht mehr zu einem Symbol gemacht werden. Dass dies längst der Fall ist, wurde für ihn endgültig nach einer Minecraft-Kontroverse bezüglich privat bereitgestellter Server und darauf verkaufter Items sowie dem Betrachten des nachfolgenden Videos klar. Als Aushängeschild eines Spiels, in das Millionen Menschen weltweit täglich abtauchen, wird er für alle Veränderungen persönlich verantwortlich gemacht. Eine Last, die ihm zu schwer geworden ist.

Nicht ganz geklärt ist zudem, ob er den Verkauf maßgeblich ins Rollen brachte, wie bereits gemunkelt wurde, als der Verkauf noch nicht in trockenen Tüchern war. Selbst wenn sich dies bewahrheiten sollte, hat dieses Zugehen auf den weltweit größten Softwareproduzenten nichts mit den jüngsten Vorkommnissen zu tun, da erste Gespräche bereits deutlich früher stattgefunden haben müssen.

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Perssons Interesse gilt allein dem Entwickeln kleinerer Spiele – und damit ändert sich für ihn alles und nichts. Bereits bei Mojang hat er die kreative Kontrolle an Minecraft längst abgegeben und sich kleineren Aufgaben gewidmet. Insofern folgt er diesem Weg nun weiterhin, nur ohne den monatlichen Gehaltscheck von Mojang. Als frischgebackener Multimillionär ist das aber auch kein Problem mehr.

Was bedeutet die Übernahme für Mojang und Microsoft?

Was ändert sich für Mojang unter Microsofts Führung?

Zwischen den Zeilen erkennt man ihn gelegentlich doch, den wohl nicht ganz unbegründeten Respekt vor der Reaktion der eigenen Fans. Die offizielle Mojang-Stellungnahme zur Übernahme erschien beinahe zeitgleich mit der Perssons und Microsofts, liest sich allerdings eine ganze Spur zurückhaltender – beinahe so, als wolle man einen Streit schlichten, bevor er überhaupt ausgebrochen ist.

Es sind Aussagen wie „beeing as honest as possible“ und die Tendenz zum Drumherum-Reden, die Mojangs Mitteilung eher wie eine vorsichtige Rechtfertigung statt eine selbstbewusste Erklärung klingen lassen, die für ein Unternehmen eigentlich angemessen wäre, das gerade für irrwitzige 2,5 Milliarden Dollar den Besitzer gewechselt hat. Augenscheinlich wissen die Schweden zum aktuellen Zeitpunkt allerdings selbst noch nicht genau, wohin die Reise eigentlich geht.

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Von allen Parteien dürfte es Mojang wohl am schwersten treffen. Microsoft hat Intersse an Minecraft, nicht am Unternehmen dahinter. Das könnte personelle Konsequenzen nach sich ziehen.
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Neben dem personellen Aushängeschild in Form von Markus Persson muss Mojang auch den Abgang der beiden anderen Mitgründer, Jakob Porser und Carl Manneh, verkraften. Dafür habe man sich mit Microsoft einen geeigneten Partner für ein Riesenprojekt wie Minecraft geangelt – was auch immer das konkret heißen mag.

Genaueres will und kann man vermutlich nicht sagen, nur so viel: In Sachen Minecraft wird sich am Status quo in absehbarer Zeit erst einmal nichts ändern. Alle bestehenden Versionen werden auch weiterhin unterstützt, der Kreativität der Spieler wird auch in Zukunft kein Riegel vorgeschoben.

Soweit also keine Überraschungen, nur schweigt sich Mojang auch hinsichtlich anderer Themenfelder aus. Die Mehrheit der Belegschaft wird vermutlich weiterhin beschäftigt bleiben – „for the time being“. Der endgültige Verbleib der Mannschaft ist also genauso wenig in trockenen Tüchern wie die Zukunft längst begonnener Projekte. Was wird aus Scroll, dem neuen Spiel der Schweden? „Wissen wir nicht“, sagt die Pressemeldung, „Wir arbeiten weiterhin daran“ Lead Designer Mans Olson auf Twitter.

So oder so: Für Mojang ändert sich nach der Übernahme erwartungsgemäß am meisten. Die Gründer sind weg, die Zukunft ungewiss. „Everything is going to be OK.“, heißt es von offizieller Seite. Hoffen wir's.

Was bezweckt Microsoft mit dem Kauf?

Minecraft war das Ziel, Mojang nur der logische Anhang. Sowohl auf der Xbox-Internetpräsenz als auch in Microsofts offizieller Presseerklärung ist durchweg von Notchs Millionenspiel die Rede. „Minecraft to join Microsoft“ heißt es da, wie insgesamt 14-mal im Text – Mojang wird nur viermal namentlich erwähnt. Das spricht eine deutliche Sprache.

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Nicht zuletzt deshalb sind die im Internet bereits bemühten Vergleiche zwischen heute und der Rare-Übernahme im Jahr 2002 unzutreffend. Als der britischen Entwickler dem Redmonder Konzern vor zwölf Jahren 375 Millionen Dollar und damit lediglich ein Siebtel des Mojang-Geschäfts wert war, war man neben großen Marken vor allem auch an fähigen Entwicklern interessiert. Das Studio hatte seine facettenreiche Expertise unzählige Male unter Beweis gestellt, was von Mojang kaum behauptet werden kann. Warum sollte Microsoft Unsummen für ein Team ausgeben, das erst ein Spiel produziert und im Grunde kaum Erfahrung mit gängiger Videospielentwicklung hat? Ganz einfach: gar nicht.

Minecraft war den Amerikanern 2,5 Milliarden wert, nicht das, was dahinter steht. Nur was genau Microsoft mit dem Videospielphänomen anfangen kann, ist noch unklar. Wie die Schweden übt man sich sehr in Zurückhaltung, sagt nur wenig über die Zukunft. Eine Handvoll Prognosen lassen sich allerdings schon jetzt treffen.

Was heißt all das für die Zukunft von Minecraft?

Microsoft und Mojang haben sich vorerst auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt: vorübergehende Stagnation. Minecraft wird sich nicht über Nacht verändern, zumindest soviel haben beide Parteien angekündigt und es gibt keinen Grund, dies anzuzweifeln. Niemand würde von einem abrupten Kurswechsel profitieren. Die Frage ist: Bleibt das so?

Noch gibt es nur vage Andeutungen, in welche Richtung sich das Projekt Minecraft entwickelt soll. Der Windows-Konzern schließt eine Einstellung anderer Versionen wie auch die Entwickler selbst aus – frohe Kunde für PlayStation- und Linux-Spieler. IOS- und Android-Fans haben sogar mehr Grund zur Freude, denn die mobilen Versionen des Klötzchenspiels scheinen die erste Baustelle zu sein, die Microsoft anpacken will, was angesichts bekannter Limitationen auf diesen Plattformen sicher nicht die schlechteste Idee ist. Zusammen mit der Cloud-Erfahung des Unternehmens sollen Spieler von „richer and faster worlds, more powerful development tools, and more opportunities to connect“ profitieren. Ihr könnt die Hunde fürs Erste also wieder an die Leine nehmen.

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Ein exklusives Bild aus Minecraft 2!
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Speziell die bereits angekündigte Cloud-Integration (wie auch immer diese aussehen wird) ist interessant, da sie nicht nur für das Konzept des Spiels, sondern auch für den Fahrplan von Microsoft-CEO Satya Nadella sinnvoll ist. Seitdem 47-Jährige die Position von Steve Ballmer im Februar diesen Jahres übernommen hat, verfolgt er hartnäckig eine Strategie, die Cloud-Projekte und Web-basierte Anwendungen in den Fokus rückt. Insofern macht die Mojang-Übernahme durchaus Sinn.

Für die Zukunft von Minecraft besteht im Wesentlich zwei Szenarien.

1. Die gute Nachricht
Es geht um Image und Boxverkäufe. Sollte diese Strategie verfolgt werden, ändert sich für Minecraft und die gesamte Spielerschaft voraussichtlich nur sehr wenig. Da Microsoft lediglich mit abgesetzten Einheiten Geld verdient, läge es im Interesse der Redmonder, möglichst alle Plattformen weiterhin zu unterstützen.

2. Die schlechte Nachricht
Etwas wahrscheinlicher (gerade wenn man die Entwicklung auf der Xbox One verfolgt), aber keinesfalls in Stein gemeißelt, ist die zweite Möglichkeit: Minecraft wird von Mikrotransaktionen durchzogen, möglicherweise sogar ein Free-to-play-Vertreter. Keine rosige Zukunft für ausgerechnet das Spiel, das wie kaum ein anderes für freien und fairen Zugang im Internet steht. Aber mal Butter bei die Fische: Wie viel Geld ließe sich mit diesem klug (!) umgesetzten Bezahlmodell verdienen? Die Möglichkeiten sind endlos, das zugrundeliegende Prinzip des Titels perfekt für Mikrotransaktionen geeignet. Immerhin: Auch vor diesem Hintergrund dürfte Microsoft kein geringes Interesse daran haben, fremde Systeme auch weiterhin zu unterstützen.

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Wohin geht die Reise für Minecraft? Wird Microsoft möglicherweise Mikrotransaktionen einführen oder das Konzept doch weitestgehend unangetastet lassen? Das wird sich zeigen müssen.
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Wie so oft könnte die Wahrheit auch diesmal irgendwo zwischen diesen beiden Extremen liegen. Die Situation per se ist keinesfalls so schlecht, wie sie schon jetzt häufig dargestellt wird. Der Abgang von Notch dürfte Minecraft kaum nachhaltig schaden, war der Erfinder doch ohnehin bereits seit einiger Zeit nicht mehr federführend am Projekt beteiligt. Auch abseits davon muss nicht alles schlecht werden, nur weil das Zepter nun in der Hand Microsofts ruht.

Wer 2,5 Millarden Dollar ausgibt, erwartet dafür einen entsprechenden Gegenwert und selbst Minecraft braucht seine Zeit, bis es Gewinne in nur ansatzweise dieser Größenordnung generiert hat. Selbstverständlich steht hinter der Übernahme ein größerer Plan, der sich mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit selbst dann noch zeigen wird, wenn ihr euch wieder durch bunte Klötzchen kämpft. Minecraft wird sich verändern, erst auf mobilen Plattformen, dann auf PC und allen anderen – nur die Richtung steht noch nicht fest.