Wenn die Masse im Internet urteilt, dann oft in Extremen. In der Skala der Netzaffinen scheint es nur „super toll“ oder „herzzerreißend mies“ zu geben. Meistens eine unzureichende Bewertung, weil viel zu grob. Nicht so beim inoffiziellen Mega-Man-Nachfolger Mighty No. 9, bei dem es schwer fällt, etwas zu finden, was der ballernde Knirps richtig gut auf die Kette bekommt.

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Durch Crowdfunding finanzierte Videospiele sind eine heikle Sache. Niemand kann garantieren, dass das Endergebnis allen Backern mundet. Oder dass das Werk überhaupt erscheint. Selbst vielversprechende Programme wie das seit zweieinhalb Jahren heiß erwartete„The 90s Arcade Racer“ laufen angesichts ihrer Entwicklungszeit Gefahr, zu Vapoware zu verkommen. Geld futsch, alles futsch, Frust riesig.

Mighty No. 9 wurde vor drei Jahren mit stolzen vier Millionen Dollar aus dem Kickstarter-Topf finanziert und erscheint tatsächlich auf so ziemlich jedem derzeit gängigen Videospiel System. Schon mal „besser als nichts“, wenn man dem zynischen Kommentar des Masterminds Keiji Inafune Glauben schenkt. Ob das, was am Ende auf die Discs gepresst wurde, wirklich „besser als nichts“ ist, steht jedoch im Raum. Vor allem bei Betrachtung der Wii-U-Fassung, die noch schlechter abschneidet als ihre mannigfaltig kritisierten Gegenstücke auf PS4 und Xbox One.

Mighty No. 9 - Number Nein

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Drei animierte Gegner auf einmal kratzen schon so ziemlich am Limit des technisch Machbaren. Viel mehr Action bekommt ihr hier leider nicht geboten.
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Mega Mans buckliger Halbbruder

Ballern und Rennen in 2D-Spielstruktur. Da kann nach 30 Jahren Jump-and-Run-Historie nicht viel schiefgehen, oder? Oh doch! Der mächtige Knirps, der wie sein Vetter Mega Man wild gewordenen Super-Robotern nachjagt und ihnen im Kampf die „Xell-Kräfte“ raubt, stirbt in überaus linearen, nie überraschenden und grafisch geradezu einfältigen Leveln den erbarmungslosen Langeweile-Tod. In den acht einleitenden Spielstufen, deren Reihenfolge man frei wählen kann, ist so wenig los, dass man sich an das frühe Super Nintendo erinnert fühlt, als Spieldesigner noch mit dem Hauptprozessor der 16-Bit-Kiste kämpften und sich kaum trauten, eine Bildschirmbreite mit mehr als zwei oder drei Gegnern zu bevölkern.

Traurig, wie wenig dem damaligen Mitgestalter der Mega-Man-X-Serie vom Original in Erinnerung geblieben ist. Aus spielerischer Sicht kann Hauptdarsteller Beck höchstens ein entfernter buckliger Verwandter sein, der langsamer schießt, sich behäbiger bewegt und nicht einmal mit seinem Alleinstellungsmerkmal – dem Dash – Akzente setzt. Letzterer ermöglicht ihm, Xell-Energie von Feldgegnern zu stehlen, sobald sie durch ein paar gezielte Salven aus der Standardkanone geschwächt wurden.

Packshot zu Mighty No. 9Mighty No. 9Release: PC, PS3, PS4, Wii U, Xbox 360, Xbox One: 24.6.2016
3DS, PlayStation Vita: 3. Quartal 2016
kaufen: ab 12,90€

Grundsätzlich generiert die Kombination aus Dash und verwerteter Xell-Energie eine passable Herausforderung, die Speedrunnern entgegenkommt. Wie viele Schüsse verträgt Gegner X? Ab welchen Zeitpunkt kann man mit dem „eXcellerator Dash“ die meiste Energie für Verteidigung, Angriff oder Bewegungsgeschwindigkeit abstauben? Fragen und Antworten mit Spaßpotenzial, zumal mehrere kurz hintereinander ausgeführte Dash-Attacken Komboketten bilden und entsprechend belohnt werden.

Langsam, wenig inspiriert und technisch weit unterhalb der Möglichkeiten.Fazit lesen

Mehr als gut geplante Theorie kommt aber nicht zustande. Immer dann, wenn man meint, den Sinn hinter dem Spiel zu entdecken (oder gar einen ausgetüftelten Levelaufbau), folgt eine Durststrecke mit Leerlauf, die weder grafisch noch inhaltlich die Zeit zu füllen vermag. Mega-Man-Nachfolger? Das kann nur ein Witz sein! Thematisch gestaltete Level (Autobahn, zugefrorene Basis, Öl-Raffinerie) können inhaltliche Schwächen nicht übertünchen. Erinnerungen an den blauen Bomber erwachen höchstens bei den Robo-Bossen am Ende eines Levels.

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Immerhin die Bosse lassen entfernt so etwas wie ein wohliges Mega-Man-Kribbeln aufkommen.
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Zugegeben: Die kniffligen Duelle gegen Robobosse und ihre elementaren Superkräfte offenbaren den meisten Spielspaß in Mighty No.9, weil sie Spielern den Stachel des Anspruchs in Hintern rammen. Strategie wird plötzlich unabdinglich und die Spannung steigt erheblich, auch und gerade deshalb, weil das Stein-Schere-Papier-Prinzip der unterschiedlichen Elementarkräfte hier am effektivsten zum Tragen kommt. Da der Standard-Handblaster bei den Duellen grundsätzlich die effektivste Angriffsmethode darstellt, macht es jedoch kaum einen Unterschied, durch wessen ödes Level man sich als erstes quält.

Wo sind sie geblieben, die grafischen Feuerwerke, die einfallsreichen Hintergründe, die Licht-und Schattenspielereien der Unreal Engine? Was ist aus den unverbesserlich optimistischen Musiktracks geworden, die einen zu Mega-Man-Zeiten noch Stunden nach der Spiel-Session zum Nachpreifen zwangen und den ganzen Freundeskreis in den Wahnsinn trieben („Lass endlich die Pfeiferei sein!“)….?

Durch den Kakao ballern

Bemerkenswert! Nicht einmal wenn man den Soundtrack im Menü auf Retro-Gepiepse schaltet, stellen sich nostalgische Gefühle ein. Es dudelt einfach nur ein wenig dünner im Hintergrund. Ein Placebo, so wie jeder grafische Ansatz. Da ist kein Tiefgang, kein Design, ja nicht einmal ein Hauch Inspiration. Stattdessen blasse, verwaschene Farben auf Wii U, aufs nötigste reduzierte Polygonmodelle in der Szenerie, kaum nennenswerte Effekte und viel Leerlauf. Sieht auf PS4 und Xbox One erheblich farbkräftiger aus, ändert aber nichts an der konzeptionellen Qualität. Ein einziger Low-Poly-Gestaltungsmatsch ohne nennenswerte stilistische Vorzüge erstreckt sich über knapp vier bis fünf Netto-Spielstunden. Und obgleich man das Gefühl nicht loswird, Nintendos alte Wii technisch zu unterfordern, stottert das Spielgeschehen auf der Wii U in manchen Passagen ziemlich heftig, sofern es nicht am laufenden Band in einer ungleichmäßigen Bildwiederholrate unterhalb der 25-Bilder-Grenze schwimmt. Was ist nur aus der guten alten Qualitätssicherung geworden?

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Seht ihr die stilsichere und ästhetisch hochwertige Gestaltung der Welt? Wir auch nicht.
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Das Endergebnis stimmt auf der Wii U weit trauriger als auf den anderen Systemen, obwohl die technische Qualität heruntergeschraubt wurde. Transparenzen und Spiegelungen sind dort deutlich sparsamer. Licht und Schatten sind so unauffällig platziert, man meint, dem Grafiker sei eine Palette Pastellfarben ausgelaufen.Wäre zwar nicht sonderlich schön, aber noch halbwegs erträglich, wenn das Spiel sich nicht wie Kaugummi zöge. Spielt man Mighty No 9 erst auf Xbox One oder PS4 und anschließend auf Wii U, hat man das Gefühl, den ballernden Knirps durch eine zähflüssige Kakaomasse zu lenken.

„Bloß nicht sterben“, hört man sich murmeln. Nicht wegen des durchaus anspruchsvollen Schwierigkeitsgrades und den grob gesetzten Rücksetzpunkten, sondern weil man auf Xbox One und PS4 etwa zehn Sekunden Ladezeit ertragen muss, bevor es weitergeht. Auf Wii U kann man derweil einen Kaffee aufsetzen. Etwa zwanzig Sekunden Unterbrechung zuppeln wie Bleigewichte am Geduldsfaden. Ja, auch nach dem obligatorischen Day-One-Patch, der angeblich die schlimmsten Schnitzer ausbessern sollte.