Alles wird schlechter, nichts wird besser. Und früher, da waren selbst die Pixel hübscher. Ältere Spieler können ein Lied davon jammern, wie sich über die Jahre so viele ehrwürdige Videospielreihen von dem verabschiedeten, was sie einst so besonders machte. Daher entzückt der Versuch Ubisofts, mit Teil Zehn der 28 Jahre alten Might-&-Magic-Reihe die Wurzeln des Rollenspiel-Urgeisteins auszubuddeln. Dabei stolpert man jedoch gleich einem geschundenen Heroen zwischen "herrlich retro" und "verdammt altbacken" hin und her...

Might & Magic X: Legacy - Gameplay Trailer

Back to the Past!

Es fühlt sich tatsächlich an wie eine Zeitreise ins Jahr 1999. Ich sitze vorm Rechner, draußen bescheint der Mond die regennasse Straße. Und als ich auf die Uhr schaue, zucke ich kurz zusammen: Schon zwei Uhr morgens? Seit Stunden bin ich mit meiner Heroen-Gruppe durch die Gestade der Agym-Halbinsel gewandert, habe Heldentaten vollbracht, Kerker durchforstet, etliche Beinahe-Tode überstanden und mich auf dem Weg zum Shantiri-Leuchtturm fast gänzlich in der dichten und durchdachten Welt verloren – oder ziemlich verlaufen.

Das letzte Might & Magic, das dieses bei mir schaffte, das war Teil Sieben der Serie, der eben kurz vorm Millennium erschien. Kein Wunder, hat Legacy offensichtlich große Teile seiner Ansätze bei gerade diesem Urahn und dessen Vorläufern abgeschaut. Eine gute Wahl, wie ich finde.

Might & Magic X: Legacy - Mächtig magisch und machtvoll retro?

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Willkommen zurück? Der Zehner besinnt sich auf alte Stärken der Reihe - und tut gut daran.
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Klackern, bitte!

Ganz im Stile der alten Schule wird eine klassische Vier-Helden-Party gemeinsam aus Ego-Perspektive mit den WASD- oder Pfeiltasten Meter für Meter durch die schachbrettartige Welt gesteuert, während Richtungsänderungen mit schwungvollen 90-Grad-Schwenks erfolgen. Für all jene, die mit Dragon Age, Mass Effect, Final Fantasy XII oder gar Skyrim aufgewachsen sind, wird das wohl schon zu viel der Ein- und Umgewöhnung sein. Wer anstelle dieser Namen eher an Might & Magic, Wizardry, die DSA-Computerspiele und Eye of the Beholder denkt oder sich begeistert in Rollenspiel-Indies wie Legend of Grimrock vertieft, wird nach etwas stoischem Durchhalten eine heitere Nostalgiewelle umspülen.

Dabei versucht Legacy nicht gerade, euch den Einstieg übermäßig angenehm zu gestalten. Schon die Charakterkreation wirkt lieblos, bei der aus vorgefertigten Helden gewählt wird oder eine eigene Gruppe erschaffen werden darf. Das Wählen von Rassen und Klassen, Verteilen der Fähigkeitspunkte auf Macht, Ausdauer und so weiter, klar, erklärt sich von selbst. Die einzigartigen Möglichkeiten eines Freimagiers werden aber genauso knapp umrissen wie der Nutzen von Magieschulen. Und lediglich einige wenige verschiedene Köpfe als optische Anpassung für die eigene Truppe? Schon recht knausrig.

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Auch wenn's nicht unbedingt so wirkt: Die ersten Spielstunden fühlen sich merkwürdig zäh an.
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Mit der Weite kommt der Spaß

Auch fühlt man sich zu Beginn in der Hafenstadt Sorpigal ziemlich eingepfercht. Stupide Zwangsgespräche – auf Englisch mit durchschnittlichen deutschen Untertiteln - und aufgezwungene Quests stehen an. Nett immerhin, dass diese witzig umspielt werden. "Ich werde nicht von euch verlangen, im Keller Ratten zu töten", versprich etwa ein Hauptmann. Stattdessen schickt er euch in einen Brunnenschacht, um Spinnen auszurotten.

Might & Magic X Legacy ist kein Rollenspiel für die Masse, sondern soll jene eingeschworene Gemeinschaft bedienen, die seit Jahren nach Hardcore- und Retro-Rollenspielen lechzt.Fazit lesen

Erst mit dem Schritt durchs Tor, mit der Freiheit, durch die Welt zu streifen, beginnt der Spaß. Selbstbestimmt geht’s auf die Suche nach Gegnern, Kämpfen, Orten, Gegenständen, Quests und Lehrern. Die abstrakte Geschichte um die Asche des eigenen Großmeisters und die Dialektik von Gut und Böse ist dagegen schon nach wenigen Minuten vergessen und eher loser Rahmen für das eigentliche Spielgeschehen.

So treibt es einen alsbald durch die weitläufige Welt. Hinein in Wälder, in dem fiese Milizionäre auf Wanderer lauern, in Höhlensysteme in den Vantyrbergen, in denen sich böse Zyklopen und Schlangenmenschen eingenistet haben oder in mythischen Ruinen, wo "korrumpierte Elite-Magiere" mit Feuerbällen um sich schleudern.

Auf in den Kampf

Ein großer, wenn nicht gar der größte Teil von Legacy besteht aus Kampf - und selbst der ist ziemlich retro. Rundenbasiert sind alle Charaktere und Widersacher nacheinander mit ihrer Aktion an der Reihe. Heißt, dass das einäugige Monstrum als erstes mit seiner Keule zuschlägt und anschließend die eigenen Recken dran sind, deren Aktionen aus der am unteren Bildrand stets sichtbaren Charakterleiste gewählt werden.

Ob Schwertschlag, Giftpfeil, magisches Netz oder Eiszauber: Je nach Gegner sind sie unterschiedlich wirksam, was zumindest später im Spiel durchaus Taktik und Nachdenken fordert. Entspannend unaufgeregt.

Zu sehen ist von den Attacken selbst nicht viel. Da blinken rote Kratzer auf, eine kleine Explosion oder zuckende Blitze und natürlich Textmeldungen, die Resistenzen oder Fehlschläge anzeigen. Kein Bombastfeuerwerk, sondern nüchternes Feedback.

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Die Kämpfe funktionieren gut, reißen für sich genommen aber auch keine Bäume aus.
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Und warum spielt man das nun trotzdem Stunde um Stunde weiter? Hauptsächlich des Erforschens der Welt wegen, die mit jedem Gespräch und Ort neue Facetten hinzugewinnt. Ansonsten ist es das Entfalten all der Möglichkeiten, das Ausgestalten der Helden, die mit jedem Stufenaufstieg, neuen Waffen und magischen Gegenständen stärker, mächtiger und einfach besser werden. Der typische Rollenspielkram eben, der damals wie heute zum Weiterspielen animiert. Nur wer durchhält wird belohnt, etwa nach 13, 15 oder 20 Stunden. Wenn man nach ewiger Ackerei an Orte gelangt, die bei vorherigen Besuchen aufgrund überstarker Monster unmöglich zu erreichen waren.

Etwas altertümlich

So sehr all dieses Rückbesinnen zu würdigen ist, so charmant Charakterbögen, Tabellen mit Abwehrchancen und Widerständen, Inventare und Kampfanzeigen auf Fans der Reihe und Freunde tiefer Rollenspielsysteme wirken, so unschön stößt manch anderes auf. Einiges in Might & Magic X Legacy lässt sich nicht mehr mit gutem Willen oder Retroaffinität rechtfertigen, sondern ist schlicht altbacken.

Wieso schauen die Gegner und Charaktere teils ganz gut, teils so kantig aus? Müssen die Städte und Außenumgebungen wirklich tot und leblos anmuten? So viele Häuser und Tempel auch herumstehen, so wenige Menschen sind auf den Straßen. Und selbst in den dichtesten Wäldern hoppelt einem kein Häschen über den Trampelpfad. Klar, auch in Might & Magic VII waren etwa Erathia und Tatalia keine pulsierenden Metropolen. Doch war dies vor 15 Jahren alleine den technischen Begrenzungen geschuldet.

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Komplex? Eher ein typisches Old-School-Inventar. Hach, wie schön...
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Schade, denn eigentlich schafft es Legacy teils überraschend hübsch auszusehen. Dann nämlich etwa, wenn man zu später Stunde vom Strand aufs Irisusmeer hinausschaut und der kalte Schein des Mondes auf die Wellen und die Sanddünen fällt. Gerade diese Momente sind es auch, die einen als Fan etwas wehmütig zurücklassen. Denn dann gerät man ins Träumen, wie viel dichter, qualitativ stringenter und irgendwie auch zeitgemäßer der ursprüngliche Geist der Serie hätte eingefangen werden können.

U don't play!

Might & Magic X Legacy wird, wie aktuell alle PC-Spiele von Ubisoft, mit dem hauseigenen Vertriebsservice Uplay verknüpft. Selbst wenn man Legacy nicht im Laden kauft, sondern auf Steam erwirbt, wird einem Uplay aufgezwungen. Beim ersten Start muss das Spiel über Uplay dann quasi noch ein zweites Mal freigeschaltet werden. Vollkommen unnötig. Immerhin funktioniert es anschließend ohne stetige Internetverbindung. Somit eigentlich kein Problem. Jedoch kam es nach einem Update von Uplay während des Tests immer wieder zu Abstürzen des Programms und nach einer Neuinstallation gar zum schweren Crash, der auch den Datenbestand einer Festplatte in Mitleidenschaft zog. Ein Einzelfall vielleicht, aber einer, der so nie hätte passieren dürfen.