Schall und Rauch, von wegen. Auf der E3 vergangenen Jahres hat Nintendo schmerzvoll lernen müssen, dass Namen weit mehr sind als das, dass sie für Fans einen klar abgesteckten Rahmen bieten, in dem sie wissen, was sie erwartet. Zumindest taten sie das bis zur Ankündigung von Metroid Prime: Federation Force.

Metroid Prime: Federation Force - E3 2015 - Trailer zur Ankündigung

Koop-Shooter mit Knuddelgrafik, ausgerechnet. Würde man eine assoziative Liste aller Begriffe erstellen, die Spielern beim Begriff „Metroid“ spontan in den Kopf schießen, wären diese irgendwo zwischen „Free-to-play-Candy-Crush-Klon“ und, äh, „Flipperspiel“ zu finden. Der Shitstorm zur Ankündigung auf der E3 2015 mag ein übertriebener, wichtiger aber: ein absehbarer gewesen sein. Darbenden Fans nach dem nassforschen Other-M-Ausflug nun ausgerechnet diese Nummer hier zu servieren, ein Spiel, das auf dem Papier genau gar nichts mit den eigentlichen Tugenden der Reihe gemein hat, grenzt an Überheblichkeit, Gleichgültigkeit oder Naivität. Sucht euch was aus.

Metroid Prime: Federation Force - Other M

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Ist der erste Schock überwunden, hat man eine gute Zeit mit Federation Force. Erwartet aber keinen Überflieger.
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Der generische Look solle sich vor allem dem Mainstream-Sci-Fi-Publikum anbiedern, fürchteten Fans, der große Name hingegen die Core-Spieler abholen – und damit beide Parteien dezent veralbern. Eine steile These, die ich nach meinem Anspieltermin im Frankfurter Nintendo-Büro nicht unterschreiben, allerdings genauso wenig vollends widerlegen kann.

Mehr Federation Force als Metroid Prime

Federation Force hat, um jetzt mal Klartext zu reden, tatsächlich kaum etwas mit dem großen Namen gemein. Den Dislike-Sturmlauf auf YouTube und ähnliche Sperenzchen hätten sich die Japaner allerdings durch das Streichen des „Metroid Prime“ im Titel ersparen (oder zumindest auf ein Minimum reduzieren) können – gerade so, wie man es in weiser Voraussicht beim Zelda-Ableger Hyrule Warriors tat.

Wenn Federation Force nun so wenig mit dem Prime-Überbau gemein hat, dann womöglich auch deshalb, weil Retro Studios (die Entwickler der Prime-Reihe) in dieses Projekt schlicht nicht involviert sind. Oder zumindest fast: Bis auf das Design der Mechs, in denen ihr auf dem 3DS eure Runden dreht, haben die Texaner keine einzige Zeile Code zu diesem etwas kuriosen Projekt beigetragen. Lediglich Kensuke Tanabe ist im Produzentenchefsessel verblieben und konsequenterweise ist er es auch, der sichtbar bemüht Parallelen zwischen den Spielen zu konstruieren versucht.

Packshot zu Metroid Prime: Federation ForceMetroid Prime: Federation ForceRelease: New 3DS: 2016
3DS: 2.9.2016
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Irgendwo zwischen Metroid 2 und Super Metroid und damit im selben Zeitraum wie die anderen Prime-Titel soll dieser Blick durch die Augen eines namenlosen (?) Marines angesiedelt sein. Viel konkreter wird es nicht, weder chronologisch noch inhaltlich, denn bis auf „Marine reißt einigermaßen willkürlich verschiedene Planeten an“ ist das alles bislang wenig ergiebig und ehrlich gesagt habe ich so meine lieben Zweifel, dass sich daran noch allzu viel ändern wird.

Kein Metroid Prime, aber ein spaßiger Koop-Shooter, der niemandem wehtut.Ausblick lesen

Wenn Tanabe hiermit also den Weg „für ein neues Prime-Abenteuer“ bereiten, die Serie „auch über Samus hinaus“ erforschen will, frage ich mich: Wie? Womit? Wie sollen blasse, austauschbare Avatare irgendein Gefühl von narrativer Relevanz vermitteln? Und was soll der Cameo-Auftritt von Samus daran ändern? Ich lasse mich gern eines Besseren belehren und glaube trotzdem, mich mit der These, ein strikt missionsbasierter Multiplayer-Shooter wäre für den Kanon eines äußerst subtilen und komplexen Universums wenig ertragreich, nicht sonderlich weit aus dem Fenster zu lehnen.

Außen pfui, Innen hui?

Das alles sagt allerdings nichts, und das ist der zentrale Punkt, über die eigentliche Qualität des Spiels aus. Sobald Federation Force nämlich erst einmal einen Lore-Striptease hinlegt, sich des inhaltlichen Korsetts entledigt, ist das spielerische Gerüst, das sich unter all dem verbirgt, kein schlechtes. Um euch diesen Zahn allerdings gleich zu ziehen: Ein unerhört großartiges ist es ebenso wenig.

Stellt es euch als geistige Fortführung von Metroid Prime Hunters vor oder – für alle, die den DS-Ableger nicht gespielt haben – eben als ungefähr das, was im Begriff „Nintendo-Koop-Shooter“ so mitschwingt. Wobei Big N selbst hiermit recht wenig zu tun hat, entsteht das 3DS-Spiel doch im kanadischen Vancouver bei Next Level Games und damit einem unabhängigen Studio. Es ist nicht so, als hätte das 70-Mann-Unternehmen bislang keine umfangreichen Korrespondenzen nach Kyoto unterhalten: Sowohl die Mario-Strikers-Spiele als auch das Wii-Punch-Out entstanden ein paar Tausend Kilometer weiter östlich. Erfolge, mit denen sich die Kanadier vor drei Jahren die Rechte an Luigi’s Mansion 2 verdient hatten, das allerdings noch in enger Kollaboration mit Nintendo entstand.

Metroid Prime: Federation Force - Other M

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Der Blast-Ball-Modus ist eine Art Rocket League im Metroid-Universum und mindestens so unterhaltsam wie das Hauptspiel.
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Nicht so diesmal: Federation Force ist eine nahezu einhundertprozentige Next-Level-Produktion, als solche allerdings deutlich vom großen Vorbild und Partner beeinflusst. Dauert kaum länger als über den Startbildschirm hinaus, bis ihr das seht, besser: spürt. Ganz im Geiste der jüngsten Steuerungsexperimente wie Splatoon, Star Fox Zero oder eben des ähnlich gelagerten Hunters ist auch das 3DS-Prime ein ungewöhnlich zu bedienendes. Und wie immer in solchen Fällen werden Worte dem komplexen Zusammenspiel aus Bewegungssteuerung, Lock-on-System, manuellem Anvisieren usf. nicht gerecht. Ergo werde ich mich hüten, ein abschließendes Urteil nach einer Handvoll Spielstunden abzugeben (es hat mich allein Wochen gekostet, in Splatoon nicht mehr über meine eigenen Füße zu stolpern). Aber: Die Bewegungssteuerung lässt sich (zumindest auf dem New 3DS) auf den zweiten Stick auslagern, ist meilenweit von Hunters’ Daumenschlingenkatastrophe entfernt und überhaupt funktioniert dieses ungewöhnliche Konzept intuitiver als zu erwarten wäre.

Dieser Kompromiss aus Zugänglichkeit und experimenteller „Wird schon schiefgehen“-Einstellung ist ein überaus sinnvoller, richtet sich Federation Force mit seiner missionsartigen Koop-Struktur ohnehin eher an Feierabendweltenretter. Versteht das nicht falsch: Wer gemeinsam mit bis zu drei Freunden eine Herausforderung sucht, wird diese schon finden, etwa in Form ausrüstbarer Modifikationen. Vor jedem Kampf könnt ihr euch ein paar Raketen einstecken, Feuermunition zum Wegschmelzen von Eisbarrieren montieren oder mit Gesundheitspaketen den Sanitäter des Teams mimen. Es ist durchaus sinnvoll, jedem Mitspieler eine halbwegs feste Rolle zuzuweisen und nicht blindlos draufloszustürmen, auch und gerade dann, wenn ihr die knackigen Zusatzmissionen erfüllen wollt. Am Kern hierhinter ändert das allerdings wenig, und der sieht eben so aus, dass ihr durch lineare Feuer-, Eis- oder Was-auch-immer-Planeten stapft, marginale Rätsel im Vorbeigehen löst und primär alles wegholzt, was dumm genug ist, euren Weg zu kreuzen.

Im Verbund mit einer Handvoll Freunden macht das unleugbar Spaß, ist handwerklich kompetent gemacht und trotzdem nichts, was weit über das Beiseitelegen des 3DS im Gedächtnis bleibt. Die entscheidende Frage ist: Muss es das überhaupt? Als sympathisch-unschuldige Zwischendurchballerei ganz sicher nicht – und diesen Job dürfte Next Level Games gut geschultert kriegen. Für ein Metroid Prime hingegen, dessen Qualitäten immer im Subtilen, im Zwischen-den-Zeilen-Lesen lagen, ist das nicht einmal im Ansatz genug. Ihr müsst selbst entscheiden, was euch wichtiger ist.