Metal Gear Acid (PSP-Test)
von Jörg Pitschmann

Konami legt Euch die Karten! Denn mit »Metal Gear Acid« ist nicht nur der neueste Titel aus der beliebten Solid-Snake-Reihe erschienen, sondern der gute Mr. Snake handelt und bewegt sich erstmalig rundenbasiert auf der Basis von ausgespielten Aktions- und

Bewegungskarten. Ein rundenbasierter Stealthshooter als Kartenspiel? Wie bitte geht denn das? Die Antwort: besser, als man zunächst denken mag. Dennoch dürften ausgewiesene Solid-Fans ihre Probleme mit dem neuen Produkt aus dem Hause von Starproducer Hideo Kojima haben. Denn erstmalig ist der Spieler nicht

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mehr nur von seinem strategischen Geschick abhängig, sondern auch vom Kartenglück. Und das läßt den guten Solid Snake in einem ganz anderen Licht erscheinen.

Kartenschutz
Das Wichtigste gleich zu Beginn: »Metal Gear Acid« versteht sich als Kartenspiel mit strategischem Tiefgang. Der Erwerb und das Zusammenstellen des richtigen Decks zentraler Bestandteil des gesamten Spiels. Wer in der Vorbereitungsphase zu einer Mission die falschen Entscheidungen trifft, hat buchstäblich die Arschkarten. Denn wenn einem während einer heiklen Mission plötzlich die richtigen Aktionskarten ausgehen, sieht man verdammt alt aus. Aber der Reihe nach.

Wie bei der Metal-Gear-Reihe üblich, hat auch Hideo Kojimas jüngster Sproß eine höchst politische Hintergrundgeschichte, die im Jahre 2016 spielt. Alles beginnt mit einer Flugzeugentführung, mit der unbekannte Terroristen von der US-Regierung einen rätselhaften Schatz

erpressen wollen, der auf den schönen Namen »Pythagoras« hört. Liefern die Amis nicht binnen zehn Stunden das Gewünschte, sterben die insgesamt 517 Passagiere, unter ihnen auch ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat.

Und da die netten Entführer nicht nur ein Nervengas an Bord haben, das in einer Überdosis die Bordinsassen tötet, sondern überdies eine Bombe eingebaut haben, die hochgeht, sobald das Flugzeug eine gewisse Höhe unterschreitet, ist Eile geboten. Schnitt. Wir befinden uns auf der Insel Lobito vor der Südküste Afrikas.

Ein dort befindliches schwer bewachtes Chemielabor hat einen alten Bekannten auf den Plan gerufen, der im Auftrag seines alten Chefs mal wieder die Kacke löschen soll, die schon bedrohlich am Dampfen ist. Solid Snake ist zurück, und er tritt an, um Licht in das Dunkel des Geheimprojektes zu bringen, das sich hinter dem Namen »Pythagoras« verbirgt. Nachforschungen der US-Regierung haben nämlich ergeben, daß das Projekt auf der Insel

Metal Gear Acid - Metal Gear Acid: Schlechte Karten für Solid Snake?

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durchgeführt wird. Weil die einheimischen Behörden so gar nicht mit den Amerikanern kooperieren wollten, hatte sich die US-Administration zunächst entschlossen, ein Spezialteam zur Insel zu schicken, um dort nach dem Rechten zu sehen. Anscheinend haben die japanischen Entwickler einen fatalen Hang zum Realismus, denn im Spiel ging der Einsatz mit Pauken und Trompeten schief, die GIs wurden erwischt und haben böse was auf die Fresse bekommen.

Packshot zu Metal Gear AcidMetal Gear AcidRelease: PSP: 3. Quartal 2005 kaufen: Jetzt kaufen:

Spätestens an diesem Punkt wären amerikanische Spieledesigner ihren Job losgeworden. Wo kämen wir hin, wenn nicht mal mehr die eigenen Leute das Bild der glorreichen Weltpolizisten aus den USA aufrechterhalten würden? Aber das ist ein anderes Thema. Konzentrieren wir uns also auf das Spiel. Und darin wird Solid Snake als letzter Hoffnungsträger nach Lobito geschickt, denn die Zeit läuft unerbittlich davon.

Soviel zur spannenden Hintergrundgeschichte, die im Spiel aber leider nur in Comicform mit Untertiteln erzählt wird, durch die man sich einzeln klicken muß. Da es überdies keine Sprachausgabe gibt, sondern sich die Akustik auf sparsame Sounds und eine recht eintönige, wenn auch fetzige Hintergrundmusik beschränkt, kommt dabei recht schnell Langeweile auf. Das ist schade, denn die komplexe Story mit ihren mehrfachen Wendungen und gut eingesetzten Rückblenden hätte das Zeug, in spannenden Rendersequenzen erzählt zu werden.

Schlangenbiss
Inhaltlich wird der geneigten Zockerschar stealthbekannte Kost der Marke »Einsamer wortkarger Supersöldner löst Probleme, an denen sich schon Scharen von namenlosen Schergen die Zähne ausgebissen haben« serviert. Denn natürlich gilt es auch hier, möglichst leise und unauffällig an Gegnern vorbeizuschleichen und dem Geheimnis des Pythagoras-Projekts auf die Spur zu kommen.

Metal Gear Acid - Metal Gear Acid: Schlechte Karten für Solid Snake?

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Dazu verfügt Solid über ein ansehnliches Arsenal an Waffen und Gadgets, die ihm das virtuelle Überleben erleichtern - zumindest, wenn man auf die richtigen Karten gesetzt hat. Aber dazu später mehr. Die erste Mission gestaltet sich als Mini-Tutorial, das den Spieler in die Bewegungs- und Handlungsabläufe einführt. Der gute Snaky-Boy hat übrigens während seiner Einsätze heftigen Telefonverkehr mit seinem alten Mentor und Ausbilder Roger McCoy, der ihm mit Rat und Tat zur Seite steht. So gibt der gute Mann anfangs Tipps, welche Karte als nächstes gespielt werden muß und wie sich Mr. Snake bewegen sollte, um unentdeckt zu bleiben. Und in der Tat sind die Hinweise zumindest zu Beginn des Spiels auch dringend notwendig, denn aufgrund der vielen Faktoren, die man vor einem Zug bedenken muß, leidet die Übersicht.

Doch erfreulicherweise ist Solid zumeist nicht ganz auf sich allein gestellt, denn neben den Tipps von Schleifer McCoy gibt es da auch noch die junge Alice Hazel, eine Engländerin mit hellseherischen Fähigkeiten. Sie kann bestimmte Aktionen der Gegenseite vorhersehen und versorgt unseren Helden mit allerlei nützlichen Informationen. Lustiges Detail am Rande: des Öfteren meldet sich McCoy telefonisch bei Snake, wenn der unmittelbar hinter einem Gegner steht. Die Vorstellung, daß im Moment höchster Konzentration und absoluter Lautlosigkeit plötzlich beispielsweise ein durchgeknallter Frosch zu plärren beginnt, führte in der Redaktion zu einiger Heiterkeit. Man stelle sich weiterhin vor, der aufgeschreckte Gegner würde sich waffenschwingend auf Snake stürzen wollen, der dessen Ansinnen mit einer kurzen abwehrenden Handbewegung und den Worten »Tut mir leid, das ist ein Privatgespräch« abtäte…

Doch genug des Abschweifens. Schließlich ist man für jeden Tipp und jede Warnung dankbar, denn die einzelnen Missionen haben es durchaus in sich. Dabei gilt es stets, das optimale Maß zwischen Bewegung und Aktion zu finden. Verzettelt man sich hier, scheitert man sehr schnell und läuft Gefahr, die Mission neu beginnen zu müssen. Damit das nicht so schnell passiert, kann man auch relativ großzügig das Areal aus verschiedenen Winkeln in Augenschein nehmen. Der Analogstick zeigt die Situation aus verschiedenen Blickwinkeln, und die beiden Schultertasten lassen die Kamera um Solid Snake rotieren. Außerdem kann man in der Planungsphase durch Drücken der Dreieck-Taste die Vogelperspektive aktivieren, die einem alle in der Nähe befindlichen Gegner und deren Ausrüstung zeigt - eine überaus sinnvolle Einrichtung, von der man vermehrt Gebrauch machen sollte.

Kartenhaus
Das Kartensystem ist überaus komplex und verlangt einiges an Einarbeitungszeit und Hirnschmalz. Entscheidend für den Erfolg einer Mission ist nämlich der richtige und vor allen Dingen richtig kombinierte Einsatz der vorhandenen Spielkarten. Wer die Konsolenvorgänger kennt, sollte sich nicht zu sehr an denen orientieren, denn »Metal Gear Acid« spielt sich komplett anders. Anstelle von Stealth-Action tritt nämlich ein zünftiges Kartenspiel. Hallo? Klingeln da irgendwelche Glocken? Genau, das Prinzip der Kartenprügeleien erinnert sehr stark an »Yu-Gi-Oh«.Nur eben besser. Vor Beginn jeder Mission gilt es, sein Deck möglichst optimal zusammenzustellen. Die hierzu notwendigen Aktions- und Bewegungskarten sowie solche, die den Einsatz von bestimmten nützlichen Gegenständen ermöglichen, muß man übrigens entweder in einem Shop kaufen oder der gute Snake findet sie in den Levels.

Ebenfalls wichtig: jede Aktionskarte kostet Punkte. Sobald Solid sein Runden-Guthaben aufgebraucht hat, ist er leider zur Untätigkeit verurteilt, bis die verehrte Gegnerschar ebenfalls ihre Züge absolviert hat. Daher empfiehlt es sich bei der anfänglichen Zusammenstellung des Kartendecks, auf den jeweiligen Kostenfaktor ein Auge zu haben. Denn was nützen einem tonnenweise Karten mit edelsten Ausknipsern, wenn deren Einsatz so teuer ist, daß Mr. Schlange danach keine weiteren Aktionsmöglichkeiten mehr hat? Ein ausgewogenes Maß an unterschiedlichen Karten ist deshalb Pflicht. Denn während eines Zuges sind maximal sechs der zufällig

erscheinenden Karten aus dem Gesamtdeck verfügbar, von denen man in aller Regel nur zwei benutzen kann. Natürlich lassen sich auch Karten verwenden, die ein- oder mehrmalig die Zugdauer erhöhen, so daß Solid mehr als zwei Aktionen pro Zug durchführen kann.

Darauf sollte man bei der Zusammenstellung seines Decks aber nicht bauen. Jede der Karten ermöglicht unterschiedliche Aktionen wie das Benutzen einer Pistole, das Anlegen einer Schutzweste oder das Schlucken von Medizin. Gelegentlich kann man übrigens auch einen aus den ersten Teilen der Reihe bekannten Ninja zu seiner Unterstützung rufen - wenn man denn die richtige Karte bekommt. Daneben wird aber auch für jede Bewegung eine der Karten fällig. Unter ungünstigen Bedingungen kann es also passieren, daß man seine einzige vorhandene Pistolenkarte für einen Positionswechsel verwenden muß und man dann keine Möglichkeit

Metal Gear Acid - Metal Gear Acid: Schlechte Karten für Solid Snake?

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mehr hat, sich eines aufdringlichen Verfolgers zu erwehren, weil keine Wummenaktion mehr zur Verfügung steht. Insofern ist man in hohem Maße vom Kartenglück abhängig. Und genau da liegt auch der Hase im Pfeffer. Denn wenn Fortuna nicht lacht, hilft auch das beste strategische Geschick nicht mehr weiter.

Das ist für alle Snakefans mehr als ärgerlich, da der hohe taktische Anspruch des Spiels unter dem Glücksfaktor enorm leidet. Natürlich stellt einen das Zufallselement durchaus vor reizvolle strategische Erwägungen. Angesichts der Tatsache, daß verbrauchte Karten vor der nächsten Runde aus dem Talon
wieder ergänzt werden, läßt nämlich jede durchgeplante Aktion unmöglich erscheinen. Schließlich kann man sich nicht sicher sein, welche der Karten als nächste auf den virtuellen Tisch kommen.

Wer sich an derartigen Zockereien stört, sollte besser die Finger von »Metal Gear Acid« lassen, denn der Frustfaktor angesichts unkontrollierbarer Zufälle ist recht hoch. Hinzu kommt, daß die Karten auch unterschiedlich hohe Aktionspunktzahlen verbrauchen. Und je höher der Gesamtverbrauch in einer Runde ist, desto länger muß Snake aussetzen, bis er wieder zum Zuge kommt, da sich die Aktionspunkte auf seinem Kontowieder regenerieren müssen. Das stört den Spielfluß ebenfalls ungemein, denn neben allen taktischen Erwägungen, das beste aus den aufgedeckten Karten herauszuholen, muß überdies noch der zu Buche schlagende Punkteverbrauch einkalkuliert werden.

Comical Snake
So zwiespältig das Kartensystem auf uns gewirkt hat, so sehr konnte »Metal Gear Acid« aber in Sachen grafischer Präsentation punkten. Das Spiel läuft durchweg nahezu auf PS2-Niveau und bietet wunderbar detaillierte Strukturen. Auch in Sachen Farbwiedergabe brilliert das Programm auf Sonys kleiner Kampfkonsole und kann voll und ganz überzeugen.

Warum allerdings in Sachen Sound und besonders bei der Sprachausgabe gespart wurde, wird wohl ein Geheimnis der Entwickler bleiben. Das endlose Geklicke durch Textbeschreibungen macht jedenfalls weder Freude noch trägt es zur Atmosphäre bei. Dass die Mini-Playstation technisch hier deutlich

mehr draufhat, haben Titel wie das geniale »Virtua Tennis: World Tour« bereits anschaulich bewiesen, bei dem man fast schon den Eindruck hat, einem echten Tennismatch beizuwohnen - und das ganz ohne bombastische Wummersounds oder Ghetto-Gejohle einer fünftklassigen Vorschulband aus Olpe Süd.

Das Speichersystem hingegen geht absolut in Ordnung. So kann man sowohl vor und nach einer Mission speichern, aber auch während eines Einsatzes. Das ist mehr als nett, da man im Falle des unerwarteten Ablebens nicht gezwungen ist, die komplette Mission erneut durchzuhecheln.

Wenn man nicht, wie der ehrenwerte Autor dieser Zeilen, vor lauter Grübelei über seinen nächsten Spielzug alle Vorsicht fahren läßt und das Abspeichern vergißt. Je nach Aufwand des zu bewältigenden Einsatzes kann es dann nämlich passieren, daß man jemandem wehtun möchte - zumeist vermutlich sich selbst. Regelmäßiges Sichern des Spielfortschritts ist also Pflicht!