Es gibt schon merkwürdige Helden in Computerspielen. Besonders aus Japan, das uns schon vor Jahren eine Mücke als Hauptdarstellerin in einer Simulation geliefert hat, sind wir einiges gewohnt im Hinblick auf schräge Figuren. Dass allerdings Quecksilber zu einer Spielfigur werden könnte, hatten wir bis dato nicht vermutet.

Und doch ist es jetzt soweit, denn mit »Mercury Meltdown Revolution« ist erstmalig ein Titel für die Wii erschienen, der das giftige Schwermetall zum Protagonisten eines Computerspiels macht.

Es geht flüssig von der Hand
Erstaunlicherweise kommt der Titel nicht einmal aus Japan. Verantwortlich für die abgedrehte Idee zeichnen die Jungs der britischen Softwareschmiede Ignition, die schon 2005 den Vorgänger auf der PSP zum Leben erweckten, damals noch unter dem Namen »Archer McLean's Mercury Meltdown«. Die Grundidee des Spiels ist simpel. Man balanciert eine Kugel vorsichtig von A nach B, wobei sie weder über den Rand der Plattform fallen noch größere Teile ihrer Menge einbüßen darf. Gesteuert wird, indem man mit der Wii-Mote durch Schwenken und Neigen den Untergrund bewegt und so die Kugel ihrem Ziel entgegensteuert.

Mercury Meltdown Revolution - Ein Quecksilber-Klumpen auf Reisen: Endlich mal ein Spiel, das flutscht...

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Neulich auf der Datenautobahn: geblitzt mit 250…
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Die Idee der virtuellen Murmelbahn erinnert an das kürzlich erschienene »Kororinpa«, das sich ebenfalls die spezifischen Steuervorteile des Wii-Controllers zu eigen macht und die Kuller durch geschicktes Bewegen des Controllers über die Bahn lenkt. Das war's dann aber auch schon mit den augenfälligen Parallelen. Denn die hiesige Murmel besteht, wie schon gesagt, aus Quecksilber - mit allen Eigenschaften, die man von dem zähflüssigen Schwermetall kennt. Die Kugel kann sich teilen, auf warmen Untergründen fast flüssig werden und auf kalter Bahn dafür umso fester.

Und so verwundert es kaum, dass das eigentliche Spielziel nicht nur darin besteht, den Quecksilbertropfen sicher ans Ziel zu balancieren, sondern vor allen Dingen möglichst vollständig. Denn überall lauern Gefahren, durch die man Teile der Masse verlieren kann. Damit es möglichst nicht so weit kommt, wird der Controller quer mit beiden Händen gedreht, geneigt und gekippt, was gegenüber der einhändigen Längshaltung bei »Kororinpa« einen echten Vorteil mit sich bringt, weil man weitaus feinfühliger reagieren kann.

Packshot zu Mercury Meltdown RevolutionMercury Meltdown RevolutionErschienen für Wii kaufen: Jetzt kaufen:

Farbenblind
Nicht nur rutschige oder enge Passagen machen das virtuelle Leben als Umweltgift schwer. An einigen Stellen, wie zum Beispiel scharfen Kanten, läuft man Gefahr, dass die Quecksilbermasse in mehrere Teile zerfällt. Das ist zwar einerseits praktisch, wenn besonders schmale Stellen passiert werden müssen, führt aber auch zu hektischen Kipp-Aktionen, um nicht Teile zu verlieren.

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Wieder in Betrieb genommen: Rohrpost in Berlin.
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Besonders fies wird es dann, wenn die Quecki-Murmel eingefärbt werden muss. Manche Tore können nämlich nur passiert werden, wenn die träge Masse deren Ton angenommen hat. Dazu balanciert man sie zu einem Transmitter, der das Metall bei Berührung entsprechend einfärbt. Das wäre nicht weiter schwierig, wenn manche Colorierungen nicht erst zusammengemischt werden müssten. So erhält man beispielsweise eine gelbe Kugel, indem man das Quecksilber zunächst an einer spitzen Kante in zwei Hälften teilt und dann die eine Hälfte zu einem grünen Transmitter und die andere zu einem roten Umspritzer rollt. Danach müssen beide wieder vereint werden - und siehe da, aus grün und rot wird gelb.

Das Spielchen lässt sich weiter verschärfen, wenn nicht mehr zwei, sondern drei Komponenten benötigt werden, um die gewünschte Farbe zu erzielen. Und es versteht sich von selbst, dass natürlich alle Murmelteile äußerst emsig durch die Gegend purzeln, so dass man sehr, sehr vorsichtig sein muss.

Glücklicherweise kann man sich die einzelnen Levels vor dem Start gründlich von allen Seiten ansehen und die Wege studieren. Das sollte man auch tun, denn man hat im Allgemeinen nicht die Zeit, das Metall mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen in aller Gemütlichkeit abzuliefern. Meist läuft ein Counter gnadenlos herunter, der einen unbarmherzig daran erinnert, dass man seine equilibristischen Fähigkeiten noch nicht weit genug entwickelt hat. Zwar kann man einen Level auch dann noch abschließen, wenn man die Zeit überschritten hat, aber dann ist's Essig mit Boni und Highscores. Und wer sich vom Ehrgeiz packen lässt, der wird sich wohl kaum mit einer Schneckenwertung zufrieden geben.

Tröpfchenbildung
Obwohl »Mercury Meltdown Revolution« besonders zu Anfang knallschwer erscheinen mag, sollte man sich davon nicht abschrecken lassen. Eine gewisse Einarbeitung ist fraglos erforderlich, doch unfair oder gar unlösbar ist das Spiel an keiner Stelle. Ein eingehender Besuch des Tutorials kann für Abhilfe sorgen, denn dort werden alle relevanten Levelbestandteile gut erklärt. Wem das zu wenig ist, der besucht einfach den Spielplatz-Level. Hier zählt nicht Gewinnen oder Verlieren, sondern man balanciert sein Schwermetall ohne Zeitvorgaben frei Schnauze durch die Gegend.

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Frank Zappa kann ein Lied davon singen: She had my balls in a vice, but she left the dick.
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Scheitert man an einem Level, kann man ihn beliebig oft wiederholen oder zu einem anderen im Spielabschnitt wechseln. Jeder dieser Abschnitte, im Spiel Labor genannt, besteht aus 16 Levels. Um das nächste Labor freizuspielen, muss man jedoch nicht alle Stufen erfolgreich bewältigt haben, sondern es zählt die Gesamtmenge an Quecksilber, die man gerettet hat. Je erfolgreicher man ist, desto höhere Punktzahlen gibt's zu erbeuten. Außerdem lassen sich auf diese Weise einige Partyspielchen freischalten, die das Programm sogar mehrspielertauglich machen. Die Fetenspiele sind zwar keine echten Stühlereißer, bringen aber dennoch für eine Weile Spaß.

Bevor es soweit ist, steht allerdings eine Menge Training auf dem Plan. Denn infolge der ständig wechselnden Aggregatzustände und Gemeinheiten wie den oben beschriebenen Farbmischereien verliert man des Öfteren einen Teil seines Giftmetalls. Hat man am Ende des Levels jedoch noch genug übrig, gilt er trotzdem als bestanden. Mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad sinkt allerdings die Toleranzgrenze bis auf Null. Spätestens wenn dann kurz vor dem Ziel ein winziger Tropfen verloren geht, kommt es zum vermehrten Einsatz von Kraftausdrücken.

Glücklicherweise ist auch im laufenden Spiel die Kamera frei schwenkbar und lässt sich sogar zwischen den verschiedenen Teilmengen hin und her schalten, falls man gerade mal wieder mit diversen Einzeltröpfchen herumhantiert. Und wenn alle Stricke reißen, lässt sich das Geschehen sogar während des laufenden Spiels pausieren, damit man sich über den weiteren Verlauf der Strecke ein detailliertes Bild machen kann.

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Umstritten: neues Design für's Berliner Olympiastadion.
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Doch nicht nur die Frage der richtigen Route ist wichtig, sondern auch, welche kleinen oder großen Fiesheiten der Level sonst noch bereithält. Neben den farbsensitiven Toren warten zum Beispiel Propeller auf ihren Einsatz, die je nach Beschaffenheit das Quecksilber ansaugen oder wegblasen. Böse Falle, wenn man nicht aufpasst! Gemein sind auch die kleinen Mercoids, schlecht gelaunte Kugeln, deren Gesichtsausdruck entfernt an Angela Merkel erinnert, die Teile des Quecksilbers abknabbern, wenn man ihnen zu nahe kommt.

Glücklicherweise findet sich meist eine Vermeidungsstrategie, mit der sich Überraschungen dieser Art umgehen oder zumindest mit wenig Schaden passieren lassen. Und wenn man doch scheitert: nur nicht aufgeben. Beim dritten oder vierten Versuch weiß man genau, was einen an welcher Stelle erwartet. Und dann klappt es bestimmt. Oder später.

Zellenanalyse
Technisch kommt »Mercury Meltdown Revolution« ordentlich, wenn auch ein wenig hausbacken daher. Der Celshading-Look verleiht dem Geschehen zwar einen comichaften Charakter, wirkt allerdings auch leicht antiquiert. Immerhin kann man den Effekt zumindest für die Quecksilbermasse deaktivieren. Ob man das tut, ist sicherlich eine Frage des Geschmacks. Das Metall sieht allerdings ohne das Celshading deutlich besser aus.

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Auf die schiefe Bahn geraten: Freddy Mercury.
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Soundmäßig sind auf der Wii ebenfalls keine tosenden Sprünge zu erwarten. Die Musik gibt sich passend elektropoppig, wartet allerdings nicht gerade mit Vielschichtigkeit und großer Abwechslung auf. Die Sounduntermalung ist spartanisch. Hier wäre sicherlich mehr drin gewesen, auch wenn man von einem Geschicklichkeitsspiel fraglos nicht Dolby-Sourround-Effekte mit multiplen Explosions-Symphonien erwarten sollte.

Equilibristik-Fans, Zen-Jünger und Menschen mit viel Geduld und Sinn für schöne Spielideen sollten das Programm unbedingt antesten. Berufscholeriker, Grobmotoriker und Menschen mit Bandwürmern lassen besser die Finger davon.