Es gibt eine Mission in Men of War, dem Echtzeitstrategiespiel aus dem Hause des ukrainischen Entwicklers Best Way, in der ihr als Mitglied einer Strafkompanie unter Aufsicht der berüchtigten sowjetischen Politkommissare auf ein wahres Himmelfahrtskommando geschickt werdet: Schlecht ausgerüstet sollt ihr eine wahre Übermacht der deutschen Wehrmacht aufhalten, bis die Verstärkung eingetroffen ist.

Was sonst die Ausnahme ist, gerät in diesem Hardcore-RTS zur Regel. Fast immer kämpft man verzweifelt gegen die erdrückende feindliche Dominanz, oft wird der eigene Sieg erst in den letzten Sekunden der insgesamt 19 Missionen gesichert. Das ist zwar mithin sehr spannend (und auf Dauer nervlich belastend), doch wenn man selbst auf Stufe "leicht" um jeden Quadratzentimeter Boden kämpfen muss, werden wohl nur Profis das umfangreiche Mikromanagement des anspruchsvollen Titels zu schätzen wissen.

Men of War - Sniper TrailerEin weiteres Video

Mikromanagement ohne Ende

Anfangs wird man im Nachfolger von Faces of War (2006) von den vielen Features förmlich erschlagen, denn auf ein Tutorial wurde leider verzichtet. Man hat zunächst beinahe das Gefühl, ein Rollenspiel zu spielen. Jede Einheit, jeder Soldat verfügt beispielsweise über ein eigenes Inventar. Ihr habt also die Möglichkeit, Leichen nach nützlichen Gegenständen wie Munition, Schutzwesten, Stahlhelmen, Medikits oder besseren Waffen abzusuchen. Auf diese Weise könnt ihr zwar die Schlagkraft eurer Truppe peu a peu aufwerten, es verschlingt jedoch auch immens viel Zeit und ist aufgrund des nicht immer komfortablen Interfaces zu oft einfach nur fummelig.

Men of War - Sind sie zu stark, seid ihr zu schwach

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Meist steht man einer feindlichen Übermacht gegenüber und hat auch noch die Zeit gegen sich.
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So könnt ihr auf der einen Seite einzelne Einheiten zu Teams zusammenzuschließen und diese per Shortcut-Taste direkt anzusteuern. Andererseits ist es nicht möglich, innerhalb dieser Truppenteile durch die Soldaten zu schalten und diese dann weiter zu konfigurieren und/oder ihnen gesonderte Befehle zu erteilen. Jeder einzelne Kämpfer muss zu diesem Zweck individuell angeklickt werden, was im Eifer des Gefechts natürlich zeitraubend und umso umständlicher wird.

Man braucht daher eine ganze Weile, um sich an dieses Spielkonzept zu gewöhnen und wirklich die gesamte Spieltiefe zu erfassen. Das fummelige Interface ist dabei zwar nicht unbedingt hilfreich, funktioniert unterm Strich jedoch meist recht akzeptabel. Wie man Minen legt und entschärft, erschließt sich trotz Erklärung im Handbuch z.B. erst nach einigen hektischen Versuchen.

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Jeder Soldat verfügt über ein eigenes Inventar.
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Hat man all die Feinheiten allerdings einmal verinnerlicht, möchte man sie nicht mehr missen. Schnappt sich etwa eine normale MP-Infanterie-Einheit ein Scharfschützengewehr, stehen euch mit ihr auch entsprechende Sniper-Optionen bereit. Men of War gibt euch auf diese Weise eine enorme Vielfalt an taktischen Lösungsmöglichkeiten für die sehr abwechslungsreichen Einsätze, bei denen ihr aufseiten der Sowjets, der Wehrmacht oder alliierter Truppen in die Schlacht zieht. Doch egal, ob ihr bei einer Schleichmission mit nur wenigen Einheiten das feindliche Hinterland infiltriert, Stellungen aufbaut und verteidigt, gegnerische Stellungen überrennt oder den einzig verbliebenen Panzer retten müsst: Viele Fehler darf man sich nicht erlauben.

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Immer wieder steht man unter Zeitdruck, muss seine spärlichen Einheiten an der Front taktisch geschickt verschieben, zurückziehen - es ist ein stetiges Hin und Her und gerade die Deutschen rücken immer wieder mit Massen an Panzern an, gegen die man mit seinen Infanterieeinheiten schon sehr geschickt vorgehen muss, um nur den Hauch einer Chance zu haben. Nur gut, dass man jederzeit speichern kann, sonst wäre die resultierende Frustschwelle wohl deutlich zu hoch.

Nix für Anfänger

Die teilweise bockschweren Missionen erfolgreich abzuschließen, erweist sich trotz vieler hilfreicher Features auch mit mehreren Anläufen als nicht einfach. Positiv fallen dabei aber vor allem das Deckungsfeature und die meist clevere KI auf. Während ihr eure Fußtruppen ausgewählt habt, werden euch unterhalb des Cursors mit Geist-Silhouetten automatisch die jeweils möglichen Positionen und Deckungsmöglichkeiten angezeigt. Selbst hinter Büschen verschafft man seinen Soldaten einen strategischen Vorteil, da sie dort schwerer vom Feind auszumachen sind.

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Explosionseffekte wie diese sind durchaus schön in Szene gesetzt.
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Allerdings agieren die virtuellen Zinnsoldaten gelegentlich ein wenig zu autark und passen ihren Fortbewegungsstil in vorauseilendem Gehorsam dem Gelände an. Obwohl ihr also wollt, dass sie rennen, robben sie munter vor sich hin. Mitunter bemerkt man das aufgrund des Mikromanagement-Stresses erst, wenn es bereits zu spät ist. Die zahlreichen Fahrzeuge (mit verschiedenen Trefferzonen) haben darüber hinaus zwar nur selten Wegfindungsprobleme, fahren aber gerne einmal mit dem empfindlichen Heck voraus in ihr Verderben und sind überhaupt sehr anfällig für feindliche Attacken.

Kaum minder intelligent verhalten sich die Armeen der Widersacher: Soldaten ziehen sich unter Beschuss zurück, suchen Deckung und bringen unseren Vormarsch mit zielgenauer Artillerie und Mörsergranaten ein ums andere Mal zum Stillstand. Wer hier seine Truppen unüberlegt an die Front schickt, wird sehr schnell aufgerieben. Nachschublieferungen und Verstärkungen fallen meist spärlich aus und sind obendrein limitiert. Durch Erfolge (also Abschüsse) verdient ihr euch jedoch Punkte, mit denen ihr weitere Einheiten und in einigen Missionen sogar Luftangriffe anfordern könnt.

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Die Zwischensequenzen kommen oft sehr hässlich daher.
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Sollten euch all diese Mikromanagement-Details noch immer nicht genügen, könnt ihr zusätzlich noch auf die Direkt-Action-Steuerung zurückgreifen. Damit steuert ihr die Einheiten wie in einer Art Mini-Shooter einzeln über das Schlachtfeld und ballert sogar per Mausklick drauflos. Während das in offenen Feldschlachten kaum einen Nutzen bringt, kann das in den Schleichmissionen durchaus zum spürbaren Vorteil werden.

Das lässt sich von der Präsentation des Strategiespiels übrigens nicht unbedingt behaupten. Während die Optik noch mit einigen ansehnlichen Effekten punktet und unterschiedliche Szenarios für genügend Abwechslung - wenn auch mit eher geringer Detaildichte - sorgen, sind die Zwischensequenzen eine reine Zumutung. Die völlig matschigen Videos sind nicht nur abgrundtief hässlich, sie ziehen auch die gesamte Atmosphäre herunter. Auf ähnlich schwachem Niveau pendeln sich die Sprecher und die häufig monotone Hintergrundmusik ein. Einziger Lichtblick: Die Soundeffekte können durchweg überzeugen und sorgen für mächtig Bumms aus den Boxen.

Multiplayer-Fans bekommen dagegen einiges geboten. Neben fünf unterschiedlichen Modi für bis zu 16 Spieler steht auch ein Koop-Modus für vier Spieler bereit, mit dem ihr sogar die Kampagnen-Missionen gemeinsam angehen könnt.