Men of Valor: Vietnam (PC-Test)
(von Patrick Streppel)

Die Vietnam-Welle erreicht so langsam ihr Ende - aber auch ihren Höhepunkt? Das Entwicklerteam von Medal of Honor versucht der schwierigen Thematik mit spannend gescripteten Missionen, einem emotionalen Drumherum und

zugleich realistischer Kriegsdarstellung gerecht zu werden, doch leider ist Men of Valor in Sachen Gameplay nicht ganz ausgereift. Im Test verraten wir, ob sich der Dschungel-Tripp für Shooter-Fans dennoch lohnt.

Men of Valor: Vietnam - Men of Valor Trailer

Vietnam 1967. Ein Trupp Marines rückt auf ein Dorf vor, in dem sich Anführer der Vietnamrebellen, auch Vietkong genannt, verschanzt haben sollen. Die Spannung steigt während die Soldaten durchs dichte Unterholz schleichen und sich in der Ferne einzelne Figuren aus dem Nebel schälen. Doch Vorsicht: Handelt es sich bei den Vietnamesen wirklich um Gegner? Mit der Waffe im Anschlag rücken die Amerikaner weiter vor, nur um eine Mutter mit ihrem Kind zu entdecken. "Wir sind keine Vietkong", sagt die Frau in gebrochenen Worten und der Trupp entspannt sich merklich. Doch plötzlich wirft jemand eine Granate aus dem Dorf und der Kugelhagel beginnt…

Vergangenheitsbewältigung
Der Vietnamkonflikt ist zweifellos einer der dunkelsten Abschnitte in der Geschichte der USA und vor allen Dingen ein Ereignis, das von der Großmacht gerne verdrängt wird. Erst als sich der zweite Golfkrieg zu einem Fiasko entwickelte, zogen einzelne Demokraten die Verbindung zu dem

Einfall amerikanischer Truppen in das kleine asiatische Land - zum Schutz der Bevölkerung, zur Sicherung der südvietnamesischen Regierungsmacht, aber vor allem zur Bekämpfung des Kommunismus. Doch nicht anders als beim Kampf gegen den Terror war im dichten Dschungel Vietnams von "chirogischer Präzision" nicht viel zu spüren… Entsprechend behutsam möchte Men of Valor, der letzte einer wahren Flut von Vietnam-Shootern, das Thema aufgreifen. Anders als in Shellschock: Nam 67 sorgt nicht übertriebene Gewalt für Fuore, die Entwickler haben aber auch kein zweifelfreies Actionspiel wie Conflict: Vietnam erschaffen. Stattdessen sind es behutsame Andeutungen und Szenen wie die obige, die zwischen Blei und Blut zum Nachdenken anregen: Wer ist der Feind? Welche Motive haben die Kriegsparteien? Kann der Konflikt nicht friedlich gelöst werden? Auf Schwarz-Weiß-Malerei wird - für ein Computerspiel ungewöhnlich - weitestgehend verzichtet.

Saat des Zweifels
Men of Valor geht entsprechend vorsichtig an die Darstellung des Vietnamkrieges heran und setzt dabei vor allem auf ein emotionales Drumherum: Der Hauptcharakter, Dean Shepard, fällt nicht nur aufgrund seiner schwarzen Hautfarbe auf, sondern ist ein blutiger Anfänger, der über keinerlei Kriegserfahrung außer seiner Boot-Camp-Ausbildung verfügt.

Stirbt unser Mann im Einsatz, wird der Brief des Vorgesetzten an die Eltern verlesen - wenn da von "heldenhaften Taten" und "Opfer für sein Land" die Rede ist, dann dreht sich manch deutschem Spieler durchaus der Magen um.

Men of Valor: Vietnam - Der Vietnamkrieg hautnah – Spielspaß und Schrecken Hand in Hand

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Neben Textbriefings und wichtigen Mitteilungen schreibt oder erhält Shepard zwischen den Einsätzen regelmäßig auch Briefe seiner Familie, die mal sorgende, mal aber auch warnende Worte übrig haben: Als Shepards Truppe in den Nachrichten gezeigt wird, wie es besagtes Dorf niederbrennt, mahnt ihn sein Vater, das man immer eine Wahl habe, das richtige zu tun. Doch wohnten in den Hütten wirklich Frauen und Kinder? Oder hat die Gruppe das einzig richtige getan und einen Unterschlupf der Vietcong vernichtet? Spätestens als in der nächsten Mission ein Kamerad von einer Falle zerlegt wird, denkt man ganz anders über Schuld und Unschuld.Medal of Vietnam
Men of Valor ist der neueste Titel von Entwickler 2015, dem Team hinter Medal of Honor: Allied Assault. Wer jetzt die Augenbrauen hochzieht, der wundert sich nicht zu Unrecht: Während Medal of Honor: Pacific Assault von einem EA-internen Studio entwickelt wurde, rühmen sich auch die Entwickler von Activisions Call of Duty, an dem Shooter-Hit mitgewirkt zu haben.

Packshot zu Men of Valor: VietnamMen of Valor: VietnamErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Doch Fakt ist: Auch wenn sich einige Mitarbeiter verselbstständigt haben, ist 2015 zumindest die Firma hinter dem Original Medal of Honor - die Messlatte ist also entsprechend hoch angelegt.

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Abgesehen von dem veränderten Szenario wurde auch die Grafikengine für Men of Valor gewechselt - statt der Q3-Technologie von ID Software wird nun mit einer aufgebohrten Version der Unreal-Engine gearbeitet, die für dichte Dschungel optimiert wurde. Ansonsten ähneln sich beide Titel in ihrer Machart - wer ganz genau hinschaut, erkennt auch, dass Men of Valor als Spielserie mit verschiedenen Kriegsschauplätzen angelegt ist.

Knallhart linear
Abgesehen von seinem emotionalen Drumherum ist Men of Valor ein actionreicher, geradliniger Shooter

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mit vier authentischen Vietnam-Operationen, darunter die Da Nang und Tet Offensiven oder die Schlacht von Khe San. Die Kampagnen beinhalten insgesamt 13 Missionen, die mit abwechselungsreichen Aufgaben und so mancher Überraschung aufwarten: Mal rasen wir mit einem Boot unter Feindbeschuss über einen nächtlichen Fluss, mal kämpfen wir uns durch einen Bewässerungsgraben zu einem Dorf vor. Dann steht ein Rettungseinsatz an oder wir sollen ein Vietcong-Camp in den Bergen ausschalten. Hinterhalte sind in den stark gescripteten Einsätzen an der Tagesordnung: In einem Augenblick
blockiert eine Herde die Straße, im nächsten werden unsere Fahrzeuge von Raketen zerbröselt. Mal verschanzen wir uns in einem Dorf gegen zahlreiche Feindwellen, mal ballern wir vom Geschütz eines Hubschraubers um unsere Kameraden zu decken. Von spielerischer Freiheit ist dabei nicht viel übrig: Es gilt linear einem Weg zu folgen, zumal die Missionen jeweils in kurze Teilabschnitte gegliedert sind - speichern im Spielverlauf ist nicht möglich. Das Auto-Save ist besonders deshalb umstritten, weil Kämpfe in Men of Valor knallhart sind: Auch geübte Spieler stecken bei der Flutan Gegnern so manchen Treffer ein, wobei der Blut- und damit Lebensenergie-Verlust nur durch drücken der Bandagieren-Taste zu bremsen ist. Das mag zwar realistisch sein, lenkt im Kampf aber schon ziemlich ab, zumal es genaues Zielen erschwert.

Um halbwegs am Leben zu bleiben, müssen die Massen an Feindkörpern einzeln nach Verbandskästen und Feldflaschen durchsucht werden, was entsprechend monoton wirkt. Im Regelfall sinkt der Gesundheitslevel bei jedem Kampf drastisch ab und wird danach wieder komplett gefüllt, bei einem Treffer zu viel heißt es jedoch zurück zum letzten Save-Punkt. Dasselbe gilt für die Munition: Mal ertrinken wir in Schrot, mal muss jeder Treffer sitzen - insgesamt wäre ein besseres Balancing und ein wenig mehr Abwechselung wünschenswert gewesen.

Streifschuss
Bei diesen Kritikpunkten lässt sich bereits erkennen, warum Men of

Valor trotz seiner dichten Atmosphäre und spannend gescripteten Missionen nicht ins Schwarze trifft. Hinzu kommt das Fehlen von Features, die bei der Konkurrenz mittlerweile selbstverständlich sind: Auf eine Physikengine wurde ebenso verzichtet wie auf die Möglichkeit, Fahrzeuge zu benutzen.

Zwar dürfen wir ab und an das Geschütz eines Hubschraubers bedienen, vor allem die stationären Vietcong-Waffen sind aber in der Regel eher lästig als nützlich, da sie ungenau zielen und unvorteilhaft positioniert sind. Obwohl wir im Geschwader unterwegs sind, vermissen wir Team-Befehle oder zumindest rudimentäre Interaktion - selbst die kurzen Intermezzos vor und nach einer Mission beschränken sich auf Cutszenes, in denen wir den Kopf drehen können. Auch die KI der Gegner lässt deutlich zu wünschen übrig und degradiert Feinde meist zu Kanonenfutter - statt weniger, harter Gegner greifen uns Horden an kopflosen Vietnamesen

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an, die vor allem auf offenen Feldern einfach der Reihe nach abzuknallen sind. Die CPU-Kollegen sind leider kaum besser, treffen selten, aber laufen uns dafür regelmäßig vor die Mündung.

Dschungelshow
Optisch hinterlässt Men of Valor

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ebenfalls einen zwiespältigen Eindruck: Die Grafik-Engine scheint irgendwo auf dem Niveau der Unreal 2-Version zu stehen, kommt aber in Punkto Charakterdesign und Effekte nicht an diese heran - zu grob sind die Gesichter, zu unspektakulär die Lichteffekte. Einzig richtig hübsch sind die Wassereffekte - vor allem
bei Nacht - sowie die dichte Vegetation des Dschungels. Men of Valor kommt zwar nicht an Far Cry heran, muss sich aber mit seiner realistisch anmutenden Pflanzenwelt nicht verstecken, zumal die Kriegshölle beeindruckend vermittelt wird: Der Boden wackelt bei Raketeneinschlag, es raucht und brennt um uns herum und Soldaten rennen panisch in Deckung - Men of Valor zeigt, dass Krieg mehr ist als die Nachrichten glauben machen. Ein ähnliches Bild beim Sound: Die Musikuntermalung ist durchaus Kinoreif und verwöhnt mit abwechselungsreichen Orchesterstücken, die je nach Situation mal sanft exotisch, mal aufbrausend und schwer sind. Zudem werden Zwischensequenzen mit Originalstücken aus jener Zeit angereichert, welche hervorragend zur Atmosphäre beitragen. Gelungen sind auch die Soundeffekte, doch bei der deutschen Sprachausgabe fällt die Qualität bereits ab. Apropos: Warum Briefe und Briefings nur halb vorgelesen werden, versteht wohl nur Publisher Vivendi.Pro & Contra

Wertung im Schnellüberblick:

Pros:

+ packende Kriegsatmosphäre und emotionales Drumherum + spannend gescriptete, abwechselungsreiche Einsätze + dichter, realistischer Dschungel + klasse Soundtrack

Cons:

- sehr lineare Missionen - mangelhafte KI von Gegnern und Mistreitern - keine Physikengine, kaum Interaktion mit Umgebung - Briefings und Briefe werden nur halb vorgelesenPro & Contra

Wertung im Schnellüberblick:

Pros:

+ packende Kriegsatmosphäre und emotionales Drumherum + spannend gescriptete, abwechselungsreiche Einsätze + dichter, realistischer Dschungel + klasse Soundtrack

Cons:

- sehr lineare Missionen - mangelhafte KI von Gegnern und Mistreitern - keine Physikengine, kaum Interaktion mit Umgebung - Briefings und Briefe werden nur halb vorgelesen