Das hätte ich nicht erwartet! Dass es zum ordentlichen, aber wenig aufsehenerregenden Memento Mori tatsächlich einen Nachfolger gibt. Dass dieser nach den Insolvenzwehen von Publisher DTP schließlich doch noch das Licht der Welt erblickt. Und dass er so dermaßen mit dem ersten Teil bricht wie es der Hulk mit dem Rückgrat seiner Widersacher tut. Doch der Reihe nach…

Die Spur des Todesengels

Memento Mori ist mir vor allem für zweierlei Dinge im Gedächtnis geblieben: „Nie zuvor sah ein Adventure schöner aus! Die Rätsel dagegen schwanken zwischen einfach gut gemacht und zu einfach gemacht“, fasste ich es im Testfazit seinerzeit zusammen. Die Echtzeit-3D-Hintergründe waren hübscher als es Konkurrenten wie „Geheimakte“ und „Black Mirror“ in vorgerenderter Form auf den Bildschirm zu zeichnen vermochten. Nur die Rätsel hatten den Geschmack von billigem Fastfood: kurzfristig sättigend, aber nichts für den hungrigen Magen.

Ersteren Punkt hat Memento Mori 2 auf bewundernswerte Weise von der Stärke zur Überlegenheit ausgebaut: Was die tschechischen Entwickler von Centauri hier grafisch leisten, rückt das Spiel in ehrfurchtsvolle Regionen, in denen der Vergleich zu High-End-Bombasten wie Heavy Rain in greifbare Nähe gerückt scheint.

Memento Mori 2 - Wächter der Unsterblichkeit - Schön wie kein Adventure je zuvor

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Hübsch: Die Grafik von Memento Mori 2 sucht ihresgleichen im Genre.
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Mit detaillierten Charaktermodellen, wie man sie bislang nur in Big-Budget-Produktionen wie Mass Effect bestaunen konnte, lichtgetauchten Arealen voller Detailreichtum und feinen Zwischensequenzen segelt Memento Mori 2 den Genre-Nichtschwimmern um Meilen davon und taucht stolz in Gewässer ein, in denen sonst nur Max Payne und der Master Chief baden dürfen. Respekt!

Vor allem die unter voller Ausnutzung der dreidimensionalen Freiheit inszenierten Dialoge mit wechselnden Kamerapositionen und Unschärfeeffekten führen im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen, was derartig konzipierte Spiele den üblichen Point-n-Click-Vettern voraus haben: Da stehen eben nicht nur zwei Typen einander gegenüber und lesen ihren Text vom Blatt ab. Da stehen zwei Typen in einer natürlichen Umgebung und unterhalten sich, während der Spieler Zeuge sein darf. Ein kleiner, aber umso feinerer Unterschied.

Memento Mori 2 - Wächter der Unsterblichkeit - Schön wie kein Adventure je zuvor

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Langer Lulatsch: Das Rätsel mit dem Gartenschlauch ist hart an der Grenze des Zumutbaren.
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Doch nun zum zweiten, zum wesentlichen Punkt: den Rätseln. Denn hier vollführt Memento Mori 2 eine 180-Grad-Wendung, wie sie der Tasmanische Teufel aus den Bugs-Bunny-Cartoons nicht flotter wirbeln könnte. War Teil 1 noch eine Rätselsuppe, die auch ohne Zähne und Gebiss vor dem Frühstück auszulöffeln war, fletscht Teil 2 die Zähne wie ein hungriger Wolf.

Zum Weinen schön, zum Heulen schwer - ein Spiel, das keinen kalt lässt.Fazit lesen

Wo die Rätsel in Memento Mori 1 bestenfalls kleine Schlaglöcher waren, in denen man kurz ins Stottern geriet, sind sie in Memento Mori 2 wie ein Schlag mit dem Knüppel auf die Kniescheiben, von dem man erst wieder auf die Beine kommen muss, bevor es weitergeht. Dabei verlässt das Spiel immer wieder bewusst eingetretene Genre-Trampelpfade und scheint fast diebische Freude daran zu entwickeln, abseits der Straße zu wandern. In gewissem Sinne ist Memento Mori 2 so etwas wie das Dark Souls des Adventure-Genres. Doch der Reihe nach…

Wächter der Unsterblichkeit

Das Spiel beginnt, wie man sich ein „And they lived happily ever after…“ im Märchen vorstellt: Nachdem sie den Fängen des Todesengels in Teil 1 entkommen sind, genießen Max und Lara ihre Flitterwochen im sonnigen Südafrika – doch schon bald senkt sich ein unheildrohender Schatten auf das junge Glück.

Max wird von düsteren Visionen geplagt, und Interpol-Agentin Lara wird, trotz Urlaub, bei der Ermittlung eines Einbruchs ins örtliche Museum um Hilfe gebeten. Was zunächst nach einem Routinejob aussieht, entwickelt sich schon bald zu einem Fall von Weltverschwörungsausmaßen, in den nicht nur korrupte Lokalpolizisten und mysteriöse Wahrsagerinnen verwickelt sind. Auch eine bestialische Mordserie im weit entfernten San Francisco und ein satanischer Kult, dessen Ursprünge bis hinauf ins kalte Finnland reichen, lassen bald Verbindungen zu den rätselhaften Ereignissen erkennen – in denen womöglich sogar einer der beiden Protagonisten sein Leben lassen muss. Oder doch nicht? Doch der Reihe nach…

Die Geschichte von Memento Mori zitiert visuell wie inhaltlich blutige Serienkiller-Thriller wie David Finchers „Sieben“ und die „Saw“-Reihe, sowie übernatürliche Mystery-Grusler à la „Millennium“ und „Stigmata“. Dass das Spiel trotz teilweise schockierender Brutalität die Spannung seiner Vorbilder nicht über die gesamte Dauer aufrechterhalten kann, ist seinen umfangreichen Rätselpassagen geschuldet, die, im Gegensatz zum unlängst erschienenen „John Yesterday“, nicht in Concorde-Geschwindigkeit vorbeirauschen, sondern richtig, richtig Zeit kosten.

Memento Mori 2 - Wächter der Unsterblichkeit - Schön wie kein Adventure je zuvor

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Übersinnlich oder real? Memento Mori 2 überlässt euch und euren Entscheidungen die Interpretation.
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Was, wiederum im Gegensatz zu „John Yesterday“, in einer fürs Genre beispiellosen Spieldauer mündet, die angesichts des hohen Rätselniveaus nur schwer zu schätzen ist, aber zwischen 20 bis gar 30 Stunden liegen dürfte – für Leute, die der Versuchung einer Komplettlösung eisern widerstehen.

Am haarsträubendsten wirken dabei noch die klassischen Point-n-Click-Kombinationen: Wenn wir auf hanebüchene Weise aus Pinselborsten einen Schnurrbart für eine Verkleidung basteln oder epische Anstrengungen unternehmen müssen, um mit einem Gartenschlauch einen Blumentopf vom Balkon zu sprühen, nur um… - ja, warum eigentlich nochmal? -, dann unterläuft das Spiel seinen im Ansinnen realistischen Thrillerkern leider selbst. Höhepunkt und schon fast Genre-Persiflage: Wir müssen einen Papierstau im Drucker beseitigen…

Zur Hochform läuft Memento Mori 2 immer dann auf, wenn es nicht klassisches Adventure, sondern Detektivspiel sein möchte. Da müssen wir Bruchstücke von Fingerabdrücken vergleichen, um den Täter zu identifizieren, Akten und Beweisstücke studieren, um sich anschließend im Verhör nur ja keine Blöße vor dem Vorgesetzten zu geben, müssen - eines der schwersten Rätsel im Spiel - eine Reihe scheinbar unzusammenhängender Zahlen den Monaten eines Kalenders und dem Bestuhlungsplan eines Restaurants (!) zuordnen, um ein Codewort zu erhalten, oder zum Experten für Fresken (!!) werden, um einen Nebenjob als Restaurator (!!!) zu bekommen.

Memento Mori 2 - Wächter der Unsterblichkeit - Schön wie kein Adventure je zuvor

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Selbst simple Puzzlerätsel werden euch zur Weißglut treiben.
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Die vielen Ausrufezeichen in Klammern deuten es bereits an: Mit seinem Wagemut zur Originalität schießt Memento Mori nicht nur den Vogel ab, sondern bisweilen über’s Ziel hinaus. Selbst Mini-Games wie das allseits (un)beliebte Puzzle-Spiel, das andere Entwickler als auflockernde Zuckerwatte einsetzen, serviert Memento Mori 2 al dente mit eingebackener Schrotkugel. Sogar für ein ansonsten simples Schieberätsel müssen zunächst ein Gedicht und ein kryptisches Mosaik interpretiert werden, um das zu erschiebende Bildnis zu wissen.

Höhepunkt ist eine Szene, in der wir alle gesammelten Hinweise, Indizien und Fundorte eines Tatorts an einem Clipchart in einen logischen Zusammenhang bringen müssen, um so den Tathergang zu rekonstruieren. Ob ich jubeln soll, dass Memento Mori derart die Grenzen des Genres auslotet? Oder weinen, weil es schon hart an der Grenze des Zumutbaren wandelt? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Das herauszufinden, seid ihr an der Reihe…