Ob Pokémon Tournament DX, Pokémon Pinball, Pokémon Puzzle League oder Pokémon Mystery Dungeon: Pikachu – das wohl bekannteste Taschenmonster der Welt – hat längst bewiesen, dass es sich in verschiedenen Genres wohlfühlt. Eine Rolle als sprechender, Kaffee schlürfender Sherlock-Holmes-Verschnitt ist dann allerdings schon eine Überraschung!

Und mit einem "Pika-pikachuu!" löste er den nächsten Fall:

Meisterdetektiv Pikachu - Bereite dich auf den Fall deines Lebens vor!Ein weiteres Video

Gelber Körper, rote Bäckchen, schnell wie der Blitz und dank zahlreicher Elektroangriffe brandgefährlich: Wer an Pikachu und seine bisherigen Videospiel-Eskapaden denkt, hat in der Regel eben dieses Bild im Kopf. Ganz anders in diesem Point’n’Click-Abenteuer vom japanischen Entwickler Creatures: Hier präsentiert sich das weltbekannte Elektro-Pokémon als schwerfälliges, leicht übergewichtiges Wesen mit einer Vorliebe für kalorienhaltige Süßspeisen und koffeinhaltige Heißgetränke. Und damit nicht genug: Pikachu quasselt am laufenden Band, hat eine raue Stimme wie ein Gangsterboss – und arbeitet als Meisterdetektiv.

Meisterdetektiv Pikachu im Test: Das kleine Monster bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Kaffeetrinken.

All das mag auf dem Papier seltsam und skurril klingen, funktioniert in der Praxis jedoch erstaunlich gut. So gut sogar, dass selbst Universal Pictures bereits ankündigte, die Thematik im Mai 2019 auf die große Leinwand zu bringen. Synchronsprecher von Pikachu im kommenden Kinofilm: Kein Geringer als Deadpool-Schauspieler Ryan Reynolds!

Wie Sherlock und Watson

Aber zurück zum Videospiel-Vorbild. Ausgangspunkt des unterhaltsamen, in neun Kapitel aufgeteilten Adventures ist das Schicksal des 18-jährigen Studenten Tim Goodman. Auf der Suche nach seinem seit zwei Monaten verschollenen Vater Harry verschlägt es den Jungspund in die Stadt Ryme City, wo er schon bald auf Pikachu trifft. Zu seinem Erstaunen muss Tim feststellen, dass Pikachu nicht nur sprechen kann (zumindest mit ihm), sondern obendrein erste Hinweise zum Verschwinden seines Vaters Harry besitzt. Kein Wunder, denn Pikachu war so etwas wie die rechte Hand von Harry und unterstützte ihn in einer Vielzahl von Fällen – bis beide in einen Autounfall verwickelt wurden und Harry spurlos verschwand.

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber wie zu erwarten dauert es keine fünf Minuten, bis Tim und Pikachu in ihr erstes gemeinsames Abenteuer verwickelt werden und kurz darauf beschließen, als Team nach Harry zu suchen.

Protagonist Tim setzt alle Hebel Bewegung, um seinen verschollenen Vater Harry zu finden. Pikachu gefällt diese Einstellung, Harrys Kollegen vom Detektiv-Büro dagegen weniger.

Typische Detektivarbeit

Spielerisch folgt Meisterdetektiv Pikachu einer im Genre bewährten Gameplay-Formel: Das Duo betritt ein Szenario, wird mit verschiedenen Problemen konfrontiert und muss nun versuchen, diese zu lösen, indem es Hinweise sammelt, Zeugen befragt, Indizien auswertet und Gegenstände sinnvoll miteinander kombiniert. In Kapitel zwei zum Beispiel untersuchen die Protagonisten eine Höhle und stoßen dabei auf zwei Fernsehreporterinnen, die von einem Eis-Pokémon namens Firnontor bedroht werden. Ein dramatischer Kampf entbrennt, den Tim nach kurzem Quicktime-Reaktionstest für sich entscheidet.

Das Problem: Die Eisstrahl-Attacke des Firnontor bringt den Höhleneingang zum Einsturz. Weil sich eine der Reporterinnen den Fuß verknackst hat und es zudem immer kälter wird, müssen Tim und Pikachu schnell handeln. Der Ausweg aus dieser Misere? Setzt unter anderem voraus, dass ich Fledermaus-Pokémon mit Süßigkeiten besteche, Sammelobjekte kombiniere, um eine Spitzhacke zu basteln und zwei Lichtel-Pokémon davon überzeuge, einen Eisbrocken zu schmelzen.

Die Häufigkeit an unterschiedlichen Pokémon-Begegnungen wird Fans begeistern. Direkt mit ihnen kommunizieren kann jedoch nur Pikachu.

Seichte Knobelkost

Allzu schwierig gestalten sich diese und andere Rätsel übrigens nie, denn zum einen können die Helden nicht sterben, und zum anderen sind auch in den zahlreichen Ermittlungsabschnitten unbegrenzt viele Wiederholungen möglich. Hier geht es unter anderem darum, Behauptungen zu überprüfen, indem man Zeugenaussagen auf dem unteren Bildschirm korrekt anordnet und ähnliches. Hinzu kommt: In Dialogen werden wichtige Hinweise stets rot hervorgehoben, und mit Hilfe eines klar strukturierten Notizbuches lassen sich alle bisher gesammelten Beweise, Zeugenaussagen etc. jederzeit einsehen. Nicht zu vergessen die Dialog-Historie. Sie erlaubt es euch, alle Gespräche des aktuellen Abschnitts noch einmal in chronologischer Abfolge zu lesen. Unerfahrenen Adventure-Grünschnäbeln steht außerdem der Schwierigkeitsgrad „Einfach“ zur Verfügung, in welchem Pikachu mit sehr eindeutigen Tipps auf Problemlösungen hinweist. Der unmissverständliche Wink mit dem Zaunpfahl sozusagen!

Überaus einsteigerfreundlicher, charmant inszenierter Adventure-Spaß für Pokémon-Fans aller Altersgruppen. Genre-Kenner werden vom Schwierigkeitsgrad jedoch chronisch unterfordert.Fazit lesen

Resultat all dieser Unterstützungsmechanismen ist ein sehr angenehmer Spielfluss. Sei es nun die Suche nach einem Halsband im idyllischen Stadtpark, das Knacken eines Sicherheitsschlosses in einem modernen Pokémon-Forschungszentrum oder der Abstecher auf eine tropische Insel – wer aufmerksam spielt, brav mit sämtlichen Charakteren plaudert und kontinuierlich alle Hotspots absucht, kommt zügig voran und löst die Geschichte nach knapp zwölf Stunden. Die Kehrseite der Medaille: Fordernde Kopfnüsse mit anschließendem Aha-Moment wie man sie beispielsweise aus The Secret of Monkey Island, Simon the Sorcerer oder anderen Adventure-Klassikern kennt, sollte hier niemand erwarten.

Quicktime-Reaktionstests finden in der Regel im Rahmen turbulenter Zwischensequenzen statt. Besonders schwierig oder abwechslungsreich sind solche Passagen leider nicht.

Story mit Herz

Zugegeben, die Rätsel kochen auf Sparflamme und richten sich mit wenigen Ausmaßen an Genre-Neulinge. Bei der Inszenierung der Geschichte jedoch kann das Spiel viel verlorenen Boden gutmachen. Das beginnt schon mit der Tatsache, dass ich in praktisch jedem Kapitel anderen Pokémon begegne und teils bizarre Details über sie und ihr Zusammenleben mit den Menschen erfahre. Das Gift-Pokémon Deponitox zum Beispiel stellt sich liebend gern in den Dienst der Forschung und lässt allerlei Experimente über sich ergehen, wenn es dafür im Gegenzug fleißig hochwertigen Müll futtern darf. Oder siehe Schlüssel-Pokémon Clavion: Von Natur aus misstrauisch, wird es plötzlich ganz zutraulich, wenn man ihm Beerensaft gibt, den das Schildkröten-Pokémon Pottrott produziert hat

Viele Schmunzler garantiert darüber hinaus die Kommunikation zwischen Tim (im Kern ein ziemlich entspannter Typ) und seinem aufbrausenden Gefährten, der keine Gelegenheit auslässt, sein Detektiv-Talent zur Schau zu stellen. Kleiner Hinweis für Fans: Tippt einfach mal mehrfach auf Pikachus Konterfei im unteren Bildschirm und genießt immer neue Slapstick-Gags – zum Beispiel, wenn der pummelige Ermittler mit Müh und Not einen Purzelbaum schlägt oder sich versteckt, nur um dann Sekunden später eine Grimasse schneidend ins Bild zu springen und Tim beinahe zu Tode zu erschrecken. Das ist ebenso herrlich komisch wie die zahlreichen Anspielungen aufs Detektiv-Milieu. Eine riesengroße Lupe darf hier daher genauso wenig fehlen wie die aufreizende Sekretärin (Amanda!), die Deerstalker-Mütze und eine von Amnesie geplagte Person (in diesem Fall Pikachu selbst).

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Immer schön mitlesen!

Technisch macht das Entwicklerteam vieles richtig, leistet sich aber auch diverse Schnitzer. Die Grafik punktet mit liebevoll ausstaffierten Örtlichkeiten, netten Hintergrunddetails sowie rasant geschnittenen Zwischensequenzen, die durchaus aus einer TV-Anime-Serie stammen könnten. Dass ich den 3D-Regler nicht nutzen kann, sprich auf eine stereoskopische Darstellung verzichten muss, sorgt hingegen für Kopfschütteln. Gleiches gilt für die ständigen (wenn auch nur kurzen) Ladeunterbrechungen bei Ortswechseln sowie die fehlende deutsche Tonspur. Immerhin: Gute deutsche Untertitel sind vorhanden, und an der Qualität der englischen, vorrangig in Zwischensequenzen zum Einsatz kommenden Synchronsprecher gibt’s nichts zu meckern. Amiibo-Unterstützung? Ist an Bord, haut aber niemandem vom Hocker, da lediglich alle Zwischensequenzen bereits abgeschlossener Kapitel freigeschaltet werden.