Ah, das Sommerloch. Jene Phase, meist kurz nach dem Rummel der sommerlichen E3, in der der Job des Spieleredakteurs sein letztes Bisschen Existenzberechtigung verliert, weil es schlichtweg kein Thema gibt, das irgendein Schwein interessiert. Wir sollten diese Zeit nutzen. Anstatt uns auf jedes alberne Winzspiel zu stürzen, um verzweifelt Platz auf der Seite zu füllen, sollten wir uns wichtigeren Themen zuwenden. Der Introspektion und würdevollen Ruhe einerseits, zum anderen sollten wir das Sommerloch als Platz für harte Analysen verstehen, für erstklassige Reportagen und interessante Kolumnen, die zum Nachdenken anregen und das Publikum dabei unterhalten. Eine Krise, die man als Gelegenheit nimmt. Anyway, hier ist unser Test zu Mein Teddy und Ich.

Mein Teddy und ich, auch bekannt als "Teddy Together", ist ein auf Kinder ausgerichtetes Spiel, in dem man einen Plüschbär als Haustier hält, der so süß ist, dass man vor dem 3DS schlagartig Diabetes kriegt, mit einer synthetischen Stimme kommuniziert, die an eine Knuffelversion von HAL 9000 erinnert und ganz nebenbei will, dass man ihm nach und nach jedes Detail des eigenen Lebens mitteilt. Ist ja mal überhaupt nicht unheimlich. Ein Zaubergeschöpf, das einerseits so herzig und andererseits so verstörend ist, braucht natürlich einen magischen Namen. Einen Titel, der seine ganze Knuffigkeit und die dahinter brodelnde Suppe aus finsterer Datenspionage einerseits und Psycho-KI andererseits geschickt vereint. Mein Teddy also hieß "Kalle".

Kalle kam in einer Schachtel bei mir an und war sofort darauf versessen, seine kleine 3x3-Meter-Welt zu entdecken. Noch viel versessener aber war das geschlechtslose Steifftier darauf, Dinge über mich zu erfahren. Professor Eich hatte sich ja wenigstens nur für unser Geschlecht interessiert. Kalle aber will alles wissen. Das ist Teil des Konzepts. Der kleine Bär lernt mehr über seinen Besitzer, lernt auch ein paar neue Vokabeln und kommuniziert, zumindest theoretisch, immer flotter mit seinem Meister. Ob er irgendwann ein Niveau erreicht, bei dem er auf Geheiß meine Feinde zerfleischt oder dunkle Rituale vollführt, konnte ich in der Spielzeit nicht ermitteln.

Für einen erwachsenen Zyniker gibt es natürlich viel Anlass, mit dem Teddy Schindluder zu treiben. Wenn er zum Beispiel wissbegierig fragt, wie denn die Leckerei heißt, die er sich gerade in den Mund steckt, kann man natürlich wahrheitsgemäß mit "Lolly" antworten... oder eben nicht. Muss man halt nur die Aussprache anpassen. Ich persönlich hatte den Fehler gemacht, "Lolly" in der Einzahl zu antworten, während seine Syntax komplett darauf ausgelegt ist, das Wort im Plural zu verwenden. Mein Fehler, dafür kann Kalle nichts. Der Fairness halber: Ich bezweifle, dass der Satz "Ich liebe es zu baden. Ich hab Lolly aufm Bauch." weniger seltsam wäre, wenn er grammatikalisch korrekt daherkäme.

Das sei als Zwischenruf erlaubt: Alle Zitate von Kalle in diesem Text sind unverändert wiedergegeben und nicht bewusst verfälscht. Das musst betont werden, denn, das ist einer der Kritikpunkte: Der Kuschelweich-Verschnitt wird manchmal schon eine Spur absurder, als man gerne hätte, vor allem, wenn man vorhat, sein Kind vor den 3DS zu setzen. Gerade eben noch fragt mich Kalle, was es denn nun genau mit Geburtstagen auf sich habe, im nächsten Moment haut er Sätze raus wie "Du musst also nur alle Kerzen auspusten und dann erfüllt dir der Tortenkönig deinen größten Wunsch." Entschuldigung, aber: Hä? Der Tortenkönig? Ist mein Bär Jim Morrison? Waren in den Snacks, die ich ihm gerade verfüttert habe, großzügige Mengen LSD?

Mein Teddy und ich - Zeig mir, wo der Bär dich berührt hat

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WASCH MICH.
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Auf der anderen Seite kann das auch sehr unterhaltsam sein, vor allem, wenn plötzlich die Rollen vertauscht werden. Für jeden spinnerten Satz im Stil von "Und im Traum kommt dann das Popidol vorbei und will mit dir rumhüpfen!" kommt ein Moment, in dem man selbst sehr unerwartet dem Bärli irgendwas um die Ohren knallen kann. Eines Tages fragt mich Kalle, ob es okay sei, dass er sich einen Stift von mir ausgeborgt habe. Als mögliche Reaktion ist mir u.a. erlaubt "Du hast WAS?" zu brüllen, komplett mit Großschreibung und allem. Kalle fragt mich, wie eine Ansammlung von Schafen heißt. Ich kann ihm eine von drei Antworten geben, und eine ist sinnloser als die andere, nur das Wort "Herde" ist nirgends zu entdecken. Witzig, ja. Aber funktioniert solcher Humor mit Kindern? Und funktioniert das Spiel ohne diese Lichtblicke?

Da wir das Thema "Füttern und LSD" hatten, der nächste große Punkt ist die Menge an Aktivitäten, bei der sieht es mit unserem plüschigen Freund (Catchphrase: "Bärisch gut!" bzw. "Bear-riffic!") nämlich auch ein bisschen mau aus. Man kann natürlich mit ihm quatschen und darauf liegt auch deutlich der Fokus. Man kann (und sollte, sonst hört er auf, den Spieler auszuspionieren) den Bären füttern und waschen, beides anspruchslose Minispiele. Man kann ihn außerdem kraulen, was ihm schon eine Spur zu gut zu gefallen scheint, wenn er sich dann räkelt und verzückt den Bärenbürzel Richtung Kamera reckt. Aber, wie gesagt: Ist für Kinder.

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BEKLEIDE MICH.
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Außerdem kann man Kalle in verschiedene Outfits kleiden (noch nicht anfänglich, diese Option muss man freispielen), ab und zu für ein paar Sekunden in die Außenwelt begleiten und sehr viel mehr ist es dann auch schon nicht mehr. Wie gesagt, der Fokus liegt deutlich auf der Kommunikation. Leider ist die Bärenstimme aber etwas anders, als ich sie erwartet hätte und durch die notwendig synthetische Stimme kommt die Illusion, ein echtes Wesen vor sich zu haben, nur bedingt gut rüber. Ich hätte gedacht, ein Teddy, und sei er noch so flauschig und klein, spreche tief und gemütlich. Kalle spricht aber wie ein fünfjähriges Mädchen, das durch eine künstliche Voicebox für Kehlkopfkrebs-Patienten dröhnt. Dazu noch in einem, wie auch sonst, relativ monotonen Singsang, denn anders lässt sich modulare synthetische Sprache mit unserem Technikstand einfach noch nicht realisieren. Wenn Kalle dann ohne jede Hebung der Stimme quittiert "Juhu. Köstliches Essen.", dann ist das in etwa so liebenswert wie Samara, die aus dem Fernseher klettert und natürlich nur mit uns spielen will. Übrigens, das kann man auch nicht allzu oft sagen, ist die englische Stimme des Teddys noch schlimmer.

Das Ziel von Macher Arika war es, eine sichere Umgebung zu schaffen, daher hat Mein Teddy und ich keinerlei Wi-Fi-Funktionen oder Datenübertragung irgendeiner Art. Und angesichts dessen ist es wohl auch nicht so schlimm, dass das Spiel nach so vielen Dingen fragt, um nach und nach die Illusion zu erzeugen, dein Dreikäsehoch habe da einen tatsächlich lebenden Freund an der Hand und nicht einige zu einem Bären zusammengemanschte Pixel mit einer Cleverbot-Routine dahinter. Ich habe auch wirklich kein Problem damit, Kalle zu verraten, was mein Lieblingsessen ist (Ich hab ihn trotzdem angelogen, denn man weiß ja nie). Aber warum muss er zwingend von meinem Kind wissen, wie sein Nachname ist? Und wenn er schon Löcher in den Bauch fragt, sollte dann nicht wenigstens die Illusion anschließend makellos sein? Stattdessen finden sich nur allzu schnell Fauxpas, wie etwa die wörtlich und aus heiterem Himmel gestellte Frage "Findest du nicht auch, dass ein guter Freund in 'ein Comic' auftreten sollte?" Da fehlt wohl die Freund-Info, und ich weiß zwar, was ein Comic ist, nicht aber, was "ein Comic" ist. Ist das ein Euphemismus für eine Tijuana-Bibel oder ein Schmuddelheft oder was?

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ZUPF AN MEINEM FELL.
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Es lässt sich sagen, dass Kinder mit dem Bärchen in Mein Teddy und ich definitiv Spaß haben können. Aber von einer Verwurstung aus Nintendogs, Tomodachi Life und einem Furby würde ich doch erwarten, dass Mein Teddy und ich eines dieser Spiele, die teils schon eine Dekade auf dem Buckel haben, in irgendeiner Hinsicht übertrifft. Und wenn man nicht gerade eine Antenne für die latente Morbidität des Szenarios und den Stepford-Frauen-Charme der zu heilen Welt im Bärchenland hat, dann kann man aus diesem Knuffelprodukt nur wenig Mehrwert ziehen – und durch seine eher magere Funktionalität und seinen teils für Kinder unpassenden Humor macht es sich auch für die jüngere Zielgruppe schwer. Bärisch seltsam, das Ganze.