Autor: Sebastian Weidner

Keine Heizung, erst recht keine Verhütung, und Pestgefahr, wohin das Auge reicht. So richtig kuschelig war das Mittelalter nicht. In »Medieval II - Total War« interessiert uns das herzlich wenig. Mit all den negativen Punkten müssen wir uns hier schließlich nicht herum schlagen. Statt Pest am Bildschirm erwarten uns monumentale Massenschlachten und globale Reichsverwaltung. Für echte Strategen der Himmel auf Erden!

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»Medieval II« schlägt in die gleiche Kerbe wie die erfolgreichen Vorgänger. Auf einer detaillierten Weltkarte verwaltet ihr rundenweise eure Städte, baut diese aus und rekrutiert gigantische Heere, um euch die europäische Vorherrschaft zu sichern. Das erreicht ihr sowohl über den diplomatischen als auch den kriegerischen Weg.

Medieval 2 - Total War - Das Mittelalter ruft. Wir kommen, zwingen alle in die Knie und mogeln uns zum Papst empor.

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Eine wahrlich monumentale Schlacht steht bevor. Wir sind bereit, aufgestellt in Reih und Glied.
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Letzterer ist erwartungsgemäß viel spektakulärer. Denn anders als in rudimentär vergleichbaren Historien-Strategicals wie der »Civilization«-Reihe fechtet ihr die Schlachten nicht im drögen Rundenmodus mit zwei symbolischen Winz-Einheiten aus. Stattdessen schaltet das Spiel auf eine schicke 3D-Landschaft mit abertausenden, wohl animierten Kriegern um, die ihr regimenterweise gen Feind schickt. Das sieht nicht nur toll aus, sondern macht auch unglaublich viel Spaß. Hier fühlt ihr euch wie ein echter Feldherr, der ohne zu überlegen auch gerne einmal 50 Soldaten opfert, wenn er seine Siegchancen so erhöhen kann.

Stadt, Land, Burg
Es gibt nur sehr wenige Spiele, die an die Komplexität von »Medieval II« heran reichen. Umso erfreulicher daher, dass es die Entwickler geschafft haben, wirklich hilfreiche Tutorials zu implementieren. Im Rahmen der storybasierten Minikampagne "Normannische Belagerung" werdet ihr Schritt für Schritt in die Spielmechanik eingeführt. Nach Abschluss des Feldzugs sind selbst Einsteiger fit, die große Kampagne anzugehen, um sich zum Herrn des Mittelalters aufzuschwingen. Ihr habt die Wahl, euren Siegeszug unter der Flagge von England, Spanien, Frankreich, Venedig oder dem Heiligen Römischen Reich (Deutschland) anzugehen. Nach dem ersten Abschluss der Kampagne dürft ihr sogar noch zwölf weitere Nationen wie die Ägypter und Russen in die Schlachten führen.

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Die Strategiekarte ist schön übersichtlich, stinkt gegen die tollen Schlachtfeldszenen aber erwartungsgemäß ab.
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Den Großteil eures Feldzugs verbringt ihr auf der globalen strategischen Karte. Rundenweise verwaltet ihr hier euer Reich mit allen Mitteln, die dazu gehören. So baut ihr - das ist im Vergleich mit den Vorgängern komplett neu - eure Siedlungen zu Städten oder Burgen aus. Städte generieren hohe Steuereinkommen. Irgendwie müsst ihr euer Reich ja schließlich finanzieren. Auch der Handel mit anderen Nationen und die Ausbildung tückischer Spezialeinheiten - dazu gleich mehr - findet vor allem in den mittelalterlichen Metropolen statt. Burgen wiederum bringen zwar kaum Geld in die Kasse. Dafür sind die Bollwerke mit ihren Ringwällen deutlich besser geschützt und können folglich viel schwerer vom Gegner eingenommen werden.

Außerdem könnt ihr die meisten eurer Truppen, darunter Kavallerie, Fernkämpfer oder Infanterie sowieso nur in Burgen ausbilden. Diese grundlegende Unterteilung der Siedlungen dient vor allem dazu, die strategischen Möglichkeiten des Spiels zu erhöhen. Errichtet ihr zu viele Städte, verfügt ihr zwar über erhebliche finanzielle Mittel, dafür seid ihr Angriffen gegenüber relativ schutzlos und könnt nicht so schnell Truppen ausheben. Verfügt ihr hingegen über zu viele Burgen, ist eure Staatskasse oft leer und der Handel stagniert. Ein stetiges Gleichgewicht ist daher von größter Bedeutung.

Supermänner in Mönchskutten
Mit Muskeln alleine hat noch niemand Weltreiche erschaffen. Wer sich nur auf teure Kriege einlässt, wird es deshalb deutlich schwerer haben als weitsichtige Strategen. Denn wie im echten Leben kann in »Medieval II« ein einzelner Mann beziehungsweise eine einzelne Frau oft mehr bewegen als ein ganzes Heer.

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Die Animationsvielfalt der Kämpfer weiß zu begeistern.
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Die Rede ist von den Spezialeinheiten, die ihr hauptsächlich in Städten anheuern könnt. Die Burschen kosten ordentlich Kohle, hauen aber auch ordentlich rein. Kaufleute etwa generieren automatisch Erträge, wenn ihr sie auf einer Handelsressource auf der Weltkarte platziert. Spione beschaffen euch wichtige Informationen vom Gegner wie beispielsweise dessen Truppenstärke. Langweilig? Okay, wie wäre es mit Attentätern, die unliebsame Charaktere, etwa feindliche Generäle, um die Ecke bringen? Auch Priester sind nicht ohne. Die Heiligen bringen nicht etwa gegnerische Heere durch langweilige Predigten zum Einschlafen. Vielmehr verbreiten sie euren Glauben in anderen Siedlungen. So wird die Bevölkerung peu à peu konvertiert und läuft mitunter ohne jeden Schwerthieb zu euch über.

Überhaupt spielt die Religion in »Medieval II« eine weit größere Rolle als in den anderen »Total War«-Vertretern. Der Papst war im Mittelalter weit mehr als eine Galionsfigur der "Kein Sex vor der Ehe"-Ansicht. Er hatte enorme politische und militärische Macht. Wer es sich mit ihm verdarb, der konnte sich auch gleich selbst erhängen. Genau deshalb ist es im Spiel so wichtig, sich gut mit dem Kirchenoberhaupt zu stellen und ihm immer wieder gewisse Dienste zu erweisen. Das sind meist Kreuzzüge gegen unliebsame Heiden. Weigert ihr euch, verschlechtert das erst einmal nur seine Meinung über euch. Seid ihr allerdings zu oft ungehorsam, exkommuniziert er euch stilgerecht. Dann seid ihr quasi vogelfrei und Kreuzzüge werden gegen euch gestartet.

Glücklicherweise lebte auch im Mittelalter kein Papst ewig. Stirbt der weltliche Vertreter Gottes eines natürlichen oder unnatürlichen Todes - ihr dürft selbst ihm einen Attentäter auf den Hals hetzen - wird flugs ein neuer Pontifex gewählt. Und falls einer eurer Priester beim Kirchenfürsten hoch im Kurs stand und von ihm zum Kardinal ernannt wurde, kann auch er neuer Papst werden. Passiert das, dürft ihr ihm fortan Namen von Wunschländern für heilige Kriege zuflüstern. Ein sehr wirkungsvoller Weg, sich nerviger Konkurrenten zu entledigen!

Ich hau dich weg!
Mit den genannten Spezialeinheiten und diplomatischen Mitteln, darunter Allianzen und Tributszahlungen, kommt ihr oft auch wunderbar ohne Kämpfe zu Siegen. Doch ganz ohne Krieg wird selbst der friedliebendste Herrscher nicht auf Dauer durchhalten. Falls ihr partout keine Lust auf die Gefechte habt, könnt ihr euch die Ergebnisse in Sekundenschnelle vom Programm ausrechnen lassen. Das klappt wunderbar. Unliebsame Überraschungen wie Niederlagen gegen fünffach unterlegene Truppenkontingente haben wir während des gesamten Tests nicht festgestellt.

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Auch in der Nahansicht machen die Kämpfer einen tollen Eindruck.
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Kleinere, unbedeutende Kämpfe könnt ihr daher ruhig berechnen lassen. Die sind nämlich meist nicht wirklich spannend, sondern laufen stets gleich ab: Truppen aufstellen, mit Bogenschützen und Katapulten die Gegnerreihen ausdünnen und mit Infanterie und Kavallerie die Reste niedermachen! Riesige Schlachten zwischen abertausenden Einheiten und Städte- oder Burgbelagerungen solltet ihr aber selbst ausfechten, sonst verpasst ihr eines der Highlights von »Medieval II«. Zum einen sehen die Kämpfe einfach wunderbar aus. Selbst identische Einheiten verfügen über zahlreiche unterschiedliche Angriffsanimationen und ganze Regimenter werden bei Kanonenbeschuss durch die Lüfte gewirbelt. Zum anderen haben die Auseinandersetzungen einen enormen taktischen Anspruch.

Die Entwickler haben das Stein-Schere-Papier-Prinzip fantastisch auf die große Einheitenvielfalt übertragen. Speerträger pfählen Kavallerieeinheiten gekonnt, werden aber von Bogenschützen leicht geknackt. Die wiederum haben gegen die schnelle Kavallerie keine Chance. Von der Flanke oder im Rücken des Gegners anzugreifen, verschafft große Vorteile. Aus diesen Perspektiven angegriffen zu werden, ist im Unkehrschluss meist euer Todesurteil. Jedes größere Heer wird von einem General angeführt, der die Moral der Einheiten steigert. Wird ein Anführer ausgeschaltet, leidet auch die Disziplin der Kämpfer. Im schlimmsten Fall flüchten sie gar komplett vom Schlachtfeld.

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Die Schlacht neigt sich dem Ende, zahlreiche Tote zieren das Feld.
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Seeschlachten gibt es übrigens auch. Leider werden diese nur berechnet. Ihr habt nicht die Möglichkeit selbst einzugreifen. Da die Balance aber auch hier stimmt, ist das nur ein kleiner Makel. Daran, dass die Schlachten mit steigender Truppenanzahl immer unübersichtlicher werden, dürften sich die meisten »Total War«-Fans längst gewöhnt haben. Trotzdem hätten wir uns gewünscht noch weiter heraus zoomen zu können - ganz einfach um einen besseren Überblick über das Geschehen zu haben. Daran, dass »Medieval II« insgesamt ein großartiges Spiel ist, ändern diese kleinen Kritikpunkte aber nichts. Wer auf globale Strategie steht und epische Echtzeitschlachten mag, den führt kein Weg an dem Titel vorbei!