„Gib das meiner Ex-Frau, falls ich es nicht schaffen sollte“, sagt mein Kamerad unmittelbar vor dem Absprung aus dem Flugzeug mit schroffer Stimme. Sofort schießen mir etliche kitschige Szenarien in den Kopf. Bitte nicht. Sein verschmitztes, bübisches Grinsen nimmt die hämische Pointe jedoch vorweg. Kein Schmuck, kein Foto, sondern ein ausgestreckter Mittelfinger wird mir entgegengehalten. Und lässt hoffen.

Ey, Buddy: Kommt dir das nicht auch alles bekannt vor?

Lässt hoffen, dass es in „Medal of Honor: Warfighter“ keine übertrieben pathetischen Sterbeszenen, keinen schmierigen, mit der Nationalflagge wedelnden Patriotismus geben wird. Alles, was ich will, ist ein dreckiger, authentischer Eindruck von dem, was im Mittleren Osten seit Jahren praktiziert, vom Gros der Bevölkerung aber weitestgehend ignoriert wird. Ohne den plakativen Wir-brauchen-mindestens-einen-Tabubruch-Marketing-Aufhänger, dafür aber mit einem kleinen Augenzwinkern, das mich wissen lässt, worum es sich hier handelt: ein Spiel, keine Dokumentation.

Kein einfacher Spagat, aber einer, den sich Danger Close selbst auferlegt hat. Der gesamte Entwicklungsprozess wurde von Soldaten und deren Familien überwacht, um ein möglichst authentisches Abbild der Wirklichkeit auf den Bildschirm zu bringen. Gleichzeitig betonte der Creative Director des Projekts Kristoffer Bergqvist aber, dass man großen Wert auf die richtige Balance zwischen Spielspaß und Realismus lege.

Klingt ein bisschen wie typisches PR-Gebrabbel. Scheine nicht nur ich mir gedacht zu haben, denn nur wenige Wochen vor offiziellem Verkaufsstart hat EA noch einmal zum kollektiven Anspielen geladen und mit offenen Karten gespielt. Ja, „Call of Duty“ ist einer der zwei größten Konkurrenten und den anderen hat man mit „Battlefield“ quasi im eigenen Haus. Dass da einige Parallelen auftauchen, liegt auf der Hand. Warfighter soll sich deshalb gezielt in einer Nische zwischen beiden platzieren, gleichzeitig aber genauso massentauglich sein.

Medal of Honor: Warfighter - Ey, Buddy: Kommt dir das nicht auch alles bekannt vor?

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Die Frostbite-Engine 2 lässt nichts anbrennen und zaubert beeindruckende Bilder auf den Schirm.
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Zumindest an der Zugänglichkeit hatte ich im Vorfeld keine Zweifel und selbst wenn, wären diese nach den ersten Minuten im Schlachtfeld zerstreut worden. Der anfängliche Fallschirmabsprung führt meinen Trupp an die Küste von Mogadischu. Unsere Ankunft kommt für die Tangos nicht unerwartet: In den Überresten einer Wohnsiedlung haben sie sich verschanzt, schießen aus allen Richtungen auf uns, während wir panisch durch das Wasser waten. Streifschuss. Ich stürze für einen Moment benommen ins Wasser, der Kugelhagel ist plötzlich dumpf, weit weg. Dann fange ich mich wieder. Und der Krieg beginnt.

Das alles klingt fantastisch und sieht noch besser aus. Kein Wunder, wird das Geschehen auch von einer deutlich aufgebohrten Version der Frostbite-Engine 2 befeuert: Überall zerschmettern Kugeleinschläge Steinwände, Holzsplitter fliegen durch die Luft, Rauch steigt aus den Läufen der glühenden Waffen auf. Klasse, genau wie das Mienenspiel der Soldaten und etliche andere kleine Details, die im Chaos aber häufig nur in den kurzen geskripteten Momenten wahrgenommen werden können, die butterweich ins Spielgeschehen übergehen.

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Trotzdem bin ich nicht mehr als ein Zuschauer, distanziert, kaum bis gar nicht emotional involviert. Dafür gibt es zu viele Kenn-ich-schon-Augenblicke, wie der Streifschuss zu Beginn der Mission. Wurde quasi eins zu eins aus „Battlefield 3“ übernommen. Dazu kommen die obligatorischen Hinterhalte, Scharfschützen-Abschnitte und andere, bereits unzählige Male erlebte Situationen.

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Bislang fehlt der gewisse Kick, der Warfighter zu etwas Besonderem macht.
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Danger Close der schamlosen Kopie zu bezichtigen, wäre dennoch ein grober Fehler, geradezu vorschnell und unfair. Es handelt nicht um eine Auftragsarbeit, die als Zwischenmahlzeit bis zum Hauptgericht „Battlefield 4“ dienen soll. Dafür gibt es zu viele gewitzte Details wie der Bulletdrop der Waffen oder Szenen, in denen mein Squad auf unterschiedliche Weise einen Raum voller Tangos stürmt, über deren Überzahl ich mithilfe einer automatisch zugeschalteten Zeitlupe Herr werde. Kleine Momente des Glücks, die zum Teil sogar in eigenständigen Missionen gipfeln.

Spielt sich butterweich und ist technisch über jeden Zweifel erhaben, fühlt sich zugleich aber etwas blutleer an.Ausblick lesen

Die bereits mit einem eigenen Trailer bedachte Auto-Verfolgungsjagd ist eine davon und war ebenfalls anspielbar. Mehr als kurzweilig ist das zwar nicht, aber warum sollte es auch? Als Abwechslung kommt es gerade recht; an der Inszenierung gibt es ohnehin nichts zu rütteln.

Wenn im fertigen Spiel die Mischung aus unterschiedlichen Passagen stimmt und die Handlung den vollmundigen Versprechungen der Entwickler entspricht, setzt sich „Medal of Honor“ zumindest in dieser Hinsicht gegen die direkte Konkurrenz an die Spitze, ohne allerdings etwas anders gelagerten Schwergewichten wie „Killzone“ oder „Halo“ das Wasser reichen zu können. Dafür fehlt es vor allem an Persönlichkeit.

Wie du dir, so ich mir

Aber lasst uns mal Tacheles reden: Mehr als eine nette Dreingabe ist die Geschichte rund um den blassgesichtigen Protagonist Tom „Preacher“ und dessen Krieg an persönlichen wie internationalen Fronten wohl kaum. Das ist nicht nur aufgrund der hohen Qualität schade, sondern vor allem deshalb, weil es auch künftigen Projekten keinen Anlass gibt, aus den ausgetretenen, zum Teil schrecklich plumpen Kriegspfaden auszubrechen.

Immerhin bestimmt die Nachfrage das Angebot. Da hilft keine jährliche Shitstorm-Welle, wenn das x-te „Call of Duty“ einen neuen Verkaufsrekord aufstellt, oder der gutgemeinte, aber naive Boykott einiger Spieler. Warfighter macht da keine Ausnahme und hält an alten Traditionen fest, ist aber zumindest ein zaghafter Schritt in die richtige Richtung.

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An Inhalten mangelt es dem Mehrspieler-Modus wahrlich nicht. Nur die Karten könnten etwas offener gestaltet sein.
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Eine goldene Nase verdienen sich Publisher wie Activision Blizzard oder EA stattdessen durch die ausgefeilten Mehrspieler-Komponenten ihrer Titel – ein gewinnträchtiger Kuchen, von dem auch MoH: WF ein Stück abhaben will und für das es sich mächtig ins Zeug legt.

Besonders stolz sind die Entwickler eigenen Aussagen zufolge auf das Buddy-Prinzip, das ähnlich wie die vierköpfigen Squads aus „Battlefield“ aufgebaut ist. Der Kollege fungiert etwa als mobiler Einstiegspunkt oder kann den gefallenen Mitstreiter zurück ins Leben rufen, wenn es ihm schnell genug gelingt, dessen Todesschützen auszuschalten. Klingt zuerst einmal wenig spannend, offenbart aber schon nach wenigen Runden eine ganze Reihe verschiedener taktischer Möglichkeiten und sorgt auch wegen vieler kleinerer Details für frischen Wind auf dem Schlachtfeld.

Auch sonst hat Danger Close einiges getan, um die Spieler möglichst lange bei der Stange zu halten: etliche Waffen, die nach eigenem Gusto angepasst werden können, spannende und abwechslungsreiche Spielmodi abseits von Deathmatch- und Capture-the-Flag-Orgien, ausufernde Statistiken sowie sinnvolle, aber nicht übermächtige Spezialangriffe lassen prinzipiell keine Wünsche offen. Einziger Schwachpunkt in der Anspielversion waren die etwas zu schlauchartig aufgebauten Karten – hier haben CoD und Co. die Nase bislang vorn.

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Feuer und Flamme für Medal of Honor? Das muss letzten Endes die finale Version zeigen.
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Was auf dem Papier unterm Strich noch gut klingt, wirft an der Ladenkasse aber eine entscheidende Frage auf: Warum sollte ich mir „Medal of Honor“ kaufen? „Battlefield“ ist in puncto Massengefechte, Taktik und Teamplay nach wie vor der unangefochtene Genre-Primus, während „Call of Duty“ dynamischere, schnellere und mitreißendere Schlachten inszeniert. Solisten sind mit anderen Titeln ohnehin besser bedient.

Bislang sehe ich kein Alleinstellungsmerkmal, mit dem es gelingen könnte, alteingesessene Shooter-Fans, die Jahr für Jahr die neueste Version ihres Lieblingsspiels kaufen, zum langfristigen Wechsel zu motivieren. Dafür wird, trotz Buddy-Feature und Spezialfähigkeiten, zu wenig Neues geliefert, das es so bislang noch nicht zu sehen gab.