Gregor Thomanek„Gib das meiner Ex-Frau, falls ich es nicht schaffen sollte“, sagt mein Kamerad unmittelbar vor dem Absprung aus dem Flugzeug mit schroffer Stimme. Sofort schießen mir etliche kitschige Szenarien in den Kopf. Bitte nicht. Sein verschmitztes, bübisches Grinsen nimmt die hämische Pointe jedoch vorweg. Kein Schmuck, kein Foto, sondern ein ausgestreckter Mittelfinger wird mir entgegengehalten. Und lässt hoffen.
Spielt sich butterweich und ist technisch über jeden Zweifel erhaben, fühlt sich zugleich aber etwas blutleer an. AusblickLässt hoffen, dass es in „Medal of Honor: Warfighter“ keine übertrieben pathetischen Sterbeszenen, keinen schmierigen, mit der Nationalflagge wedelnden Patriotismus geben wird. Alles, was ich will, ist ein dreckiger, authentischer Eindruck von dem, was im Mittleren Osten seit Jahren praktiziert, vom Gros der Bevölkerung aber weitestgehend ignoriert wird. Ohne den plakativen Wir-brauchen-mindestens-einen-Tabubruch-Marketing-Aufhänger, dafür aber mit einem kleinen Augenzwinkern, das mich wissen lässt, worum es sich hier handelt: ein Spiel, keine Dokumentation.
Kein einfacher Spagat, aber einer, den sich Danger Close selbst auferlegt hat. Der gesamte Entwicklungsprozess wurde von Soldaten und deren Familien überwacht, um ein möglichst authentisches Abbild der Wirklichkeit auf den Bildschirm zu bringen. Gleichzeitig betonte der Creative Director des Projekts Kristoffer Bergqvist aber, dass man großen Wert auf die richtige Balance zwischen Spielspaß und Realismus lege.
Klingt ein bisschen wie typisches PR-Gebrabbel. Scheine nicht nur ich mir gedacht zu haben, denn nur wenige Wochen vor offiziellem Verkaufsstart hat EA noch einmal zum kollektiven Anspielen geladen und mit offenen Karten gespielt. Ja, „Call of Duty“ ist einer der zwei größten Konkurrenten und den anderen hat man mit „Battlefield“ quasi im eigenen Haus. Dass da einige Parallelen auftauchen, liegt auf der Hand. Warfighter soll sich deshalb gezielt in einer Nische zwischen beiden platzieren, gleichzeitig aber genauso massentauglich sein.
Die Frostbite-Engine 2 lässt nichts anbrennen und zaubert beeindruckende Bilder auf den Schirm.Zumindest an der Zugänglichkeit hatte ich im Vorfeld keine Zweifel und selbst wenn, wären diese nach den ersten Minuten im Schlachtfeld zerstreut worden. Der anfängliche Fallschirmabsprung führt meinen Trupp an die Küste von Mogadischu. Unsere Ankunft kommt für die Tangos nicht unerwartet: In den Überresten einer Wohnsiedlung haben sie sich verschanzt, schießen aus allen Richtungen auf uns, während wir panisch durch das Wasser waten. Streifschuss. Ich stürze für einen Moment benommen ins Wasser, der Kugelhagel ist plötzlich dumpf, weit weg. Dann fange ich mich wieder. Und der Krieg beginnt.
Das alles klingt fantastisch und sieht noch besser aus. Kein Wunder, wird das Geschehen auch von einer deutlich aufgebohrten Version der Frostbite-Engine 2 befeuert: Überall zerschmettern Kugeleinschläge Steinwände, Holzsplitter fliegen durch die Luft, Rauch steigt aus den Läufen der glühenden Waffen auf. Klasse, genau wie das Mienenspiel der Soldaten und etliche andere kleine Details, die im Chaos aber häufig nur in den kurzen geskripteten Momenten wahrgenommen werden können, die butterweich ins Spielgeschehen übergehen.
Trotzdem bin ich nicht mehr als ein Zuschauer, distanziert, kaum bis gar nicht emotional involviert. Dafür gibt es zu viele Kenn-ich-schon-Augenblicke, wie der Streifschuss zu Beginn der Mission. Wurde quasi eins zu eins aus „Battlefield 3“ übernommen. Dazu kommen die obligatorischen Hinterhalte, Scharfschützen-Abschnitte und andere, bereits unzählige Male erlebte Situationen.
Bislang fehlt der gewisse Kick, der Warfighter zu etwas Besonderem macht.Danger Close der schamlosen Kopie zu bezichtigen, wäre dennoch ein grober Fehler, geradezu vorschnell und unfair. Es handelt nicht um eine Auftragsarbeit, die als Zwischenmahlzeit bis zum Hauptgericht „Battlefield 4“ dienen soll. Dafür gibt es zu viele gewitzte Details wie der Bulletdrop der Waffen oder Szenen, in denen mein Squad auf unterschiedliche Weise einen Raum voller Tangos stürmt, über deren Überzahl ich mithilfe einer automatisch zugeschalteten Zeitlupe Herr werde. Kleine Momente des Glücks, die zum Teil sogar in eigenständigen Missionen gipfeln.
Die bereits mit einem eigenen Trailer bedachte Auto-Verfolgungsjagd ist eine davon und war ebenfalls anspielbar. Mehr als kurzweilig ist das zwar nicht, aber warum sollte es auch? Als Abwechslung kommt es gerade recht; an der Inszenierung gibt es ohnehin nichts zu rütteln.
Wenn im fertigen Spiel die Mischung aus unterschiedlichen Passagen stimmt und die Handlung den vollmundigen Versprechungen der Entwickler entspricht, setzt sich „Medal of Honor“ zumindest in dieser Hinsicht gegen die direkte Konkurrenz an die Spitze, ohne allerdings etwas anders gelagerten Schwergewichten wie „Killzone“ oder „Halo“ das Wasser reichen zu können. Dafür fehlt es vor allem an Persönlichkeit.
von Electronic Arts, Danger Close
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