"Da, eine Tür!", bellt mir mein Kamerad zum wiederholten Male entgegen, als wäre ich blind. Oder als würde mich die streng lineare Levelgestaltung von Medal of Honor: Warfighter nicht ohnehin an genau den Punkt führen, an dem mich die Spieldesigner haben wollen. Ob dieses tumbe Gehabe mit "Authentizität" gemeint ist, die Electronic Arts so stolz wie stoisch vor sich hinschiebt?

Das würde dem Anspruch, möglichst "reale Kriegseinsätze" nachzuspielen, sicher zuwiderlaufen. Wer will Elitekrieger schon als platte martialische Abziehbilder in Szene setzen?

Doch obwohl gerade das wohl nicht die Absicht des Entwicklers Danger Close ist, geschieht im Verlauf der etwa sechsstündigen Einzelspielerkampagne genau das:

Soldaten mit Rufnamen wie "Preacher", "Voodoo", "Mother" oder "Stump" führen nicht nur pflichtschuldigst ihre Befehle aus - sie scheinen Spaß zu haben an dem Gemetzel, das sie im Jemen, in Somalia, auf den Philippinen oder im Pakistan veranstalten.

Es ist mal wieder der "War on Terror", der als Hintergrund für den Feldzug dient - eingerahmt von einer schmalzigen Familiengeschichte rund um Zusammenhalt und das typisch amerikanische "Wir halten zu unseren Soldaten im Feld"-Tralala. Auf der anderen Seite werden die Gefechte zynischer geführt als in jedem aktuellen Ego-Shooter.

Medal of Honor: Warfighter - Da, eine Tür!

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Wie in diesen Shootern üblich wird ein Erdrutsch nach dem anderen inszeniert.
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Hereinspaziert!

Wir kennen diese Szenen auch aus Ballerspielen wie Call of Duty: Vor einer verschlossenen Tür versammelt sich die Einheit, um sie aufzusprengen und in Zeitlupe anschließend den Raum zu stürmen. In "Warfighter" erhalten wir aber Boni, wenn wir die Feinde per Kopfschuss ausschalten: noch mehr unterschiedliche Arten, Türen überfallartig einzutreten, aufzuhacken oder eben auf verschiedenen Wegen auseinanderzunehmen.

Packshot zu Medal of Honor: WarfighterMedal of Honor: WarfighterErschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Zwischen all der pathetisch klebrigen Haftcreme für Patrioten erhaltet ihr genau das, was man von einem aktuellen Shooter erwartet - nur in belangloser Farbe angestrichen. Trotz des Einsatzes der Frostbite-2-Engine erreicht "Warfighter" nur selten die zerstörerische Dimension eines Battlefield 2. Andererseits sucht Danger Close trotz des Anspruches, sich an realen Missionen zu orientieren, niemals die Dringlichkeit, die TV-Serien wie Band of Brothers erreichen.

Im Gegenteil - die Entwickler versuchen ihr Ansinnen mit der Anbiederung an Modern Warfare zu schaffen und driften damit in die Hollywood-Blockbuster-Schiene ab, die eben niemand besser zu inszenieren vermag als das Original.

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Was machst du hier? Das wüsste ich auch gerne.
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Das ist auch deshalb ärgerlich, weil es hier sogar mehr Abwechslung gibt als in den vergleichbaren Ballerspielen. Eine ausgedehnte Verfolgungsjagd im Wagen mit anschließender Schleichflucht (dafür unbedingt einen Controller zur Hand halten - per Tastatur ist das eine Zumutung!), die obligatorischen Rail-Shooter-Sequenzen, Kanonenboot- oder Minigun-Fahrten und auch Sniper-Einsätze dürfen nicht fehlen. Das passt so weit.

Passabler Shooter, der sich an vielen Ecken einfach nicht gut anfühlt.Fazit lesen

Danger Close hat aber auch die technische Seite nicht im Griff. Das Spiel verabschiedete sich immer wieder ins Nirwana, vor allem nach Abschluss von einer der 13 Missionen sprang es häufig auf den Desktop zurück. Teilweise musste ich sogar ganze Level wiederholen, weil ich plötzlich im schwarzen Nichts landete - statt einen Maschinenraum zu betreten, fiel ich in die Unendlichkeit und auch der Checkpoint brachte keine Besserung.

Technische Mängel

Auch das Waffengefühl ist von Mängeln geprägt - die berühmte Hitbox scheint viel zu unsauber eingestellt zu sein: Mal treffe ich die Gegner sauber, dann scheinen die Kugeln von einer unsichtbaren Wand geschluckt zu werden und auch zwei volle Magazine bringen den Feind nicht zur Strecke. Auch die Aussagen meiner virtuellen Kameraden sind irreführend. Obwohl ich "Volltreffer" höre, ballert mein Gegenüber seelenruhig weiter in meine Richtung.

Ach ja, und von wegen Realismus: An Munitionsnachschub mangelt es nicht, meine recht clever agierenden Mitstreiter versorgen mich jederzeit mit weiteren Kugeln und Granaten. Sense ich aber in einer Mission unbewaffnet Halsabschneider um, darf ich ihre Waffen nicht einsammeln. Und wenn ich gegen einen Helikopter kämpfe, steht natürlich wie durch Zufall ein entsprechender Raketenwerfer parat.

Die KI-Widersacher wiederum sind nicht mehr als das berühmt-berüchtigte Moorhuhn - nur in schlimmer. Wer sich langsam an Ecken heranpirscht, sieht die Bösewichte bereits herumstehen, teilweise rennen sie auch einfach an mir vorbei. Dafür könnten sie aber alle bei Olympia antreten, denn ihre Granaten finden auch über 50 Meter Luft- und Höhenlinie locker ihr Ziel. Wenn ich dagegen die Wummen gefallener "Terroristen" aufsammle und zwischenzeitlich auf meine Standardpistole umschalte, wirft mein Charakter das "Fremd-Schießeisen" wieder weg. Eine angeborene Allergie gegen alles Unbekannte?

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Wer besonders viele Kopfschüsse beim Stürmen von Räumen schafft, bekommt noch mehr Auswahl über die Methoden.
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Als Highlights erweisen sich höchstens die schönen Render-Sequenzen - wenn man von ihrem verstörend-bullshittigen Inhalt einmal absieht. Danger Close schafft es nicht, mit ihnen die hanebüchene Geschichte zusammenzuhalten, die mich von einer Location zur nächsten schleift, ohne dass ich auch nur ansatzweise verstünde, weshalb ich hier ein halbes Dorf pulverisiere und dann plötzlich in Sarajewo aktiv werde, wo die Einheimischen scheinbar noch nicht mal die eigene Sprache richtig beherrschen.

Auch im Mehrspielermodus: Kaum eigene Ideen

Bieder zeigt sich Medal of Honor: Warfighter auch im Mehrspielermodus, wo man ebenfalls nur die Konkurrenz nachäfft, zu selbstständigen Ideen aber nur gelegentlich imstande ist. Das trifft beispielsweise auf den Modus "Home Run" zu, in dem es für die rivalisierenden Gruppierungen keine Respawn-Möglichkeiten innerhalb einer Runde gibt.

Alle anderen Modi wie "Capture the Flag" oder "King of the Hill" haben wir so oder so ähnlich schon zigmal gezockt und gehören zum Standard-Repertoire, das jeder anbieten muss. Das Mapdesign kann zwar durchaus überzeugen und auch das Spieltempo ist aufgrund der acht meist recht kleinen Karten ziemlich hoch. Aber es gibt weder Schutz gegen Spawn-Kills, noch wird gegen campende Sniper irgendetwas getan.

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Fahrzeugsequenzen sind einfach nicht totzukriegen. Auch hier nicht.
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"Warfighter" bietet neben den ganzen nur halbwegs überzeugenden Auflevel-Systemen mit "Fireteam" lediglich eine motivierende Komponente - denn hier bin ich tatsächlich darauf angewiesen, vernünftig mit meinem Teampartner zusammenzuarbeiten: Er dient nicht allein als Spawn-Punkt, wir heilen uns auch gegenseitig und funktionieren als mobile Nachschubkommandos für Munition.

Und via Battlelog stehen euch wieder Dutzende Statistiken und Analysen zur Verfügung. Das Coolste ist aber vielleicht die Idee der "Kriegsführenden Nationen", bei der die Elite-Truppen weltweit um Ranglistenplatzierungen kämpfen.