Die Sonne brennt, nur ein leichter Windzug zieht über die zerklüfteten Berge des Shahi-Kot-Tals im fernen Afghanistan. Aus dem spärlichen Schatten schälen sich Chinook-Helikopter, an Bord herrscht angespannte Stimmung: Einige schauen zu Boden, als suchten sie Deckung vor dem Unvermeidlichen. Andere sitzen lässig da, die Arme verschränkt und beißen auf ihrem Kaugummi herum. Captain Hernandez hingegen läuft schnell auf und ab, wie ein wildes Tier fokussiert er jeden einzelnen Soldaten.

„Leute, das wird kein Kinderspiel. Centcom meldet harten Widerstand. Aber was sind wir?“ - „Sir, Ranger, Sir“, schallt es wie aus einer Kehle. Dann setzt der Chinook auf, die Landeklappen öffnen sich und dutzende Soldaten des 75. Rangerbattalions strömen heraus. Direkt in den Schlund der Hölle, der sich Afghanistan nennt. Raketen rasen heran, fressen sich durch einen landenden Chinook, der stürzt ab, begräbt eine Einheit unter sich und explodiert mit lautem Getöse. Wir werden durch die Luft geschleudert, das Bild wabert, was zur Hölle…

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Wir haben einen Job zu erledigen

Der Angriff war kurz, aber heftig. In der ersten Mission „Belly of the Beast“ des EA-Events in München verlieren wir mal eben ein paar dutzend Männer, doch schon geht’s weiter. Captain Hernandez hat überlebt, erklärt, wer welche Aufgabe von gefallenen Kameraden übernehmen muss und wie die Route lautet: Durch einen Canyon, dann durch ein befestigtes Dorf und letztlich zu einer Geschützstellung.

Medal of Honor - Noch einmal mit Gefühl: realistischer, schmutziger, emotionaler als Call of Duty

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Guerilla-Kampf 2.0: Die cleveren Taliban wissen, wie man mit einer amerikanischen M4A1 umgeht.
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Im „Call of Duty“-Jargon wäre das easy, einfach reinlaufen und ballern bis der Lauf brennt. Aber „Medal of Honor“ spielt sich ganz anders, legt einen großen Fokus auf Realismus und lässt uns gerade mal zwei, drei Kugeln einstecken, bevor die US-Army unsere Familien benachrichtigen muss. Die Steuerung ist genretypisch, exakt und schnell gelernt. Lediglich die Sache mit den Granaten muss man erst mal üben, die fliegen einen steilen Bogen, also eher wie ein Rugby als handelsübliche Sprengkörper. Also was unterscheidet das hier von „Call of Duty“?

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Trüppchen wechsel dich: Mal räumen die Rangers auf, mal muss Tier-1-Elitesoldat Dusty auf Talibanjagd.
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In Activisions-Geldmaschine muss man sich quasi nie zurückfallen lassen, sondern sucht kurz Deckung, verpasst zwei, drei Feinden einen Kopfschuss und spurtet weiter. In aller Regel fühlt man sich überlegen, ist zwar kein Superheld, aber auch nicht gerade der einfache GI von Nebenan. In „Medal of Honor“ wird man viel mehr gejagt und die Feinde tauchen aus dem Nichts auf. Gerade noch marschieren wir auf einem verlassenen Pfad entlang, da prasseln Kugeln auf uns nieder wie Schnee wie im Winter. Verdammt, woher kommen die?

Zwar verlaufen die Missionen streng linear in Levelschläuchen, die sind allerdings deutlich weitläufiger als in „Call of Duty: Modern Warfare 2.“ Zwar sind die Taliban wenig treffsicher, doch die KI sucht sich clever Verstecke. Oft verstecken sich dutzende Aufständische hinter Felsvorsprüngen und springen urplötzlich aus ihrem Versteck.

Zerlegbare Deckung, aber kein Panzer im Wohnzimmer

Was „Medal of Honor“ richtig gut kann, ist, den Spieler in die Enge zu treiben, kaum Luft zum Atmen zu lassen. In der nächsten Szene werden wir beispielsweise von gut 100 Taliban aus 20, 30 Metern Entfernung von einem langgestreckten Hügel beschossen. Die einzige Deckung bietet ein Haus, doch der poröse Lehm hält nicht lange – ein, zwei Raketeneinschläge später fehlt die Vorderfront, kommt eine Granate angeflogen zerfetzt es das Dach. Puh, der Raketenwerfer ist leer geschossen, Luft holen, das extrem präzise MG M 249 Saw schultern und nach und nach den Feind ausradieren.

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Medal of Honor lässt kaum Luft zum Atmen.
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Denkste, ein Scriptevent setzt ein und einer der Kameltreiber springt in einen Van, startet den Motor und rast im Himmelfahrtskommando auf unsere Hütte zu. Granatwerfer auspacken, auf die Motorhaube halten und alles wird gut. In solchen Situationen wünschen wir uns sehnlichst die Frostbite-Engine. Taktisch und spielerisch gesehen wäre es doch sehr clever mit Plastiksprengstoff ein Loch in ein Haus zu sprengen und so die Insassen zu überraschen – anstatt die bestens gesicherte Tür zu nehmen.

Und dennoch: „Medal of Honor“ ist sicher einer der authentischsten Shooter, die wir je gespielt haben. Das liegt vor allem an den permanenten Funksprüchen und dem heftig gestikulierenden Captain: „Patterson, Tango auf 12 Uhr“ - „Anderson, sichern Sie das Paket und fordern Luftunterstützung an!“ Für alle, die nicht beim Bund waren: Mit Paket ist eine Person gemeint, die entweder gefangen genommen oder beschützt werden soll.

Medal of Honor will kein Call of Duty sein, sondern ein eigenes, realistischeres Universum schaffen, in dem auch Gefühle unter dem blutigen Gesicht des Krieges hervorblitzen.Ausblick lesen

Apache 64 Down

Aber hey, lieber EA-Entwickler. Schnapp dir ein Weißbier und lass uns mal über Liebe zum Realismus reden. Man kann es nämlich echt übertreiben: In der Mission „Gunfighter“ nehmen wir am MG eines AH 64 Apache Longbow ...und müssen mindestens 20 Minuten dieses ständige Funkgebrabbel ertragen. Der Autor dieser Zeilen steht wirklich auf Authentizität, aber das wirkt einfach nur lachhaft. Höret und staunet:

Gunfighter 1: Commander, ich habe hier ein nicht identifiziertes Subjekt. Es baut gerade einen Mörser auf.
Command: Gunfigter 1, beschreiben Sie das Objekt.
Gunfigter 1: Ich schätze es handelt sich um einen M252, mittlerer Mörser.
Command: Zeigt das Subjekt feindliche Absichten?
Gunfighter 1: Es zielt auf uns, erbitte Feuererlaubnis.
Command: Werden Sie angegriffen, Gunfighter 1?
Gunfighter 1: Ja, verdammt! Gunfigter 2 ist schwer getroffen und dreht ab. Ich erwidere Feuer:
Command: Gunfighter 1, Sie haben Feuererlaubnis. Erbitte Status von Gunfighter 2…

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Geschossen wird erst nach beglaubigter Erlaubnis in dreifacher Ausfertigung.
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Ohne Worte. Würde die US-Army so arbeiten, hätte sie den Krieg verloren, bevor irgendein Sesselfurzer mit Abzeichen in seinem komfortablen Ledersessel den Angriffsbefehl gegeben hat. Auch sonst können wir der Operation „Gunfighter“ kein gutes Feedback geben: zu langatmig, zu langweilig, zu wenig cineastisch. Bitte nicht falsch verstehen: Nicht jeder Shooter muss sich inszenieren wie ein „Modern Warfare“, aber ein bisschen mehr als ein paar aufblitzende Funken und Miniexplosionen sollten drin sein – wenn wir schon mit zwei Apaches ein komplettes Dorf in Schutt und Asche legen, Zivilisten inklusive.

Als dann jedoch ein Jeep aus dem zerbombten Kaff türmen will, müssen wir absurderweise wieder das Ist-es-wirklich-ein-feindliches-Objekt-Prozedere von Centcom über uns ergehen lassen. Prinzipiell ist es außerdem schade dass wir nicht selbst fliegen dürfen – „Call of Duty: Black Ops“ beweist, dass sich das hervorragend umsetzen lässt.

Theatralik statt Boom-Boom

Auch wenn die Taliban-Problematik im Multiplayer-Modus Entsetzen bei den US-Streitkräften ausgelöst hat, beteuert Producer Greg Goodrich gebetsmühlenartig, dass man dieses Spiel den Soldaten der Vereinigten Staaten von Amerika widme. Man wolle den rauen Alltag skizzieren und nicht einfach nur ein cineastisches Feuerwerk abfackeln.

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Wie Sie sehen, sehen Sie Matsch. Die Mini-Wini-Explosionen sind hoffentlich noch Platzhalter.
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Diese Richtlinie zeigt sich immer wieder: Wo „Call of Duty“ einen Bombenangriff mit heftigen Explosionen und schnellen Kamerafahrten inszeniert, wirkt das hier richtig beklemmend. Staub, Dreck und Ruß nehmen uns die Sicht, lassen den Blick auf verkohlte Menschen sinken und tauschen das ganze Bild minutenlang in ein dunkles Meer des Todes. „Medal of Honor“ ist deutlich weniger patriotisch und insgesamt viel ruhiger und ernster als die Konkurrenz.

In solchen Situationen mussten wir auf dem Event immer wieder an die harte Realität in Afghanistan denken. Was machen diese Jungs und Mädels da eigentlich durch? Welche schrecklichen Ereignisse müssen sie verarbeiten, wovon wir im sicheren Deutschland nie erfahren werden. Wie schwer wiegt die Last, wenn man durch ein zerstörtes Dorf läuft und überall tote Zivilisten umherliegen? Tod und Zerstörung, verursacht durch die Hightech-Armee der USA.

Rein, raus, aus die Maus – nicht mit Dusty

Wie sehr wir eigentlich auf schnelle Action gepolt sind, zeigt die erste Scharfschützenmission in der Tarnuniform des Elitesoldaten Dusty. Denn das Spiel wechselt immer wieder zwischen den verhältnismäßig actionreichen Missionen des 75. Rangerbattailons und den eher vorsichtigen Operationen der geheimen Spezialeinheit Tier-1 AFO Wolfpack. Als der bärtige Tier-1-Soldat Dusty machen wir Jagd auf die Taliban – aber nicht etwa mit einer M4A1, MP5 oder M 249-MG, sondern einem Scharfschützengewehr Remington 700 PPS.

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Aus der Nähe sieht die Grafik nicht immer so toll aus.
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Und das heißt warten, warten und kleinliches Absuchen eines großen Gebirgshangs, um irgendwann einmal ein paar Taliban zu sichten. Die armen Burschen werden dann per Kopfschuss hingerichtet – so ganz ohne Chance sich zu wehren. Was im Zoom außerdem auffällt sind die erstaunlich schwachen Texturen: Büsche und Blattwerk wirken wie ausgestanzt und Bäume wie per Copy&Paste eingefügt. EA, da habt ihr noch viel Arbeit vor euch!