Wie real darf ein Shooter sein? Wie aktuell der Konflikt, den dieses Actionspiel zum Thema hat? Vor allem an der letzten Problematik entzünden sich die Gemüter, wenn es um Medal of Honor geht, das Electronic Arts in diesem Jahr als „Call of Duty“-Konkurrenten in Stellung bringt.

Ist es moralisch tragbar, virtuell in einen Krieg zu ziehen, der am Hindukusch täglich reale Menschenleben kostet? Diese Frage muss wohl schlussendlich jeder für sich selbst beantworten. Es ist jedoch unstrittig, dass der Publisher mit dieser womöglich gezielten Provokation eine Menge Wirbel verursacht.

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Hindukusch statt Russland

Dieser führte zuletzt dazu, dass man die Taliban als feindliche Fraktion im Mehrspielermodus von Medal of Honor in „Opposing Force“ umbenannte. Dennoch verweigern die US-Streitkräfte dem Produkt ihre Unterstützung, obwohl es laut offizieller Pressemeldung von den „Leitern der Tier 1 Operator inspiriert und mitentwickelt“ wurde. Ein offensichtlicher Widerspruch oder einfach nur clevere PR-Strategie?

Medal of Honor - Jetzt der vollständige Test: Nur fünf Stunden Spielzeit - und was dann?

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Beinahe immer agieren wir im Team von höchstens vier Elitesoldaten.
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Wie auch immer, spätestens jetzt dürfte jedem „Medal of Honor“-Fan klar sein, dass sich die Action-Reihe erstmals vom Setting des epochalen Kriegsdramas des 20. Jahrhunderts verabschiedet und in der Gegenwart ankommt. Direkt in einem der aktuell brutalsten Konfliktherde: Afghanistan.

Unsere Rolle ist die eines „Tier 1 Operator“, dem Mitglied einer unbekannten, handverlesenen Einheit von Kämpfern, die immer dann zur Stelle sind, wenn eine Mission keinesfalls scheitern darf. Als fleischgewordene Präzisionsinstrumente des Krieges unterstehen die Experten der Gewaltanwendung direkt der Befehlsgewalt des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Und die müssen selbstverständlich die heißen Kartoffeln aus der Kohle fischen.

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Nein, ich habe nichts zu verzollen!
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Auf diesem Grunde erleben wir den Einsatz dieser insgesamt nur aus wenigen hundert Mann bestehenden Elitetruppen hautnah an der Front. Oder vielmehr im Hinterland, denn meist agieren die Einheiten im Verborgenen. Versuchen, nicht aufzufallen oder Aufsehen zu erregen. Sie tragen Rufnamen wie „Voodoo“, „Mother“ oder „Rabbit“ und halten sich für gewöhnlich von den herkömmlichen Kampfhandlungen fern. Doch ein Spiel wie Medal of Honor könnte wohl kaum funktionieren, wenn die Action nicht möglichst rasant von einem Checkpoint zum nächsten führen würde.

Minimaler Einsatz, große Wirkung

Die Missionen der Tier-1-Teams werden stets mit minimalistischer Sollstärke durchgeführt. Vier Mann starke Trupps durchkämmen Siedlungen oder abgelegene Orte fernab jeder Zivilisation, schalten in Scharmützeln oder schleichend einzelne Widerstandsnester oder Flak-Geschütze aus und bilden so häufig die Grundlage für größere Militäroperationen.

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Die Heli-Aufträge sind sehr simpel geraten und nehmen uns fast alle Arbeit ab.
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Dabei greift MoH auf Spielmechaniken zurück, die bereits von anderen aktuellen Kriegsshootern à la Modern Warfare bekannt sind: Wir hetzen unter Dauerbeschuss des Gegners von einer Deckung zur nächsten. Kopf immer schön unten halten und die anrückenden Feinde erledigen. Verschanzen uns hinter Mauerresten, Metallwracks und knipsen dabei lässig die Widersacher aus. Laufen durch ein realistisch anmutendes, karges Hochland mit zerklüfteten Canyons, die jede Menge Raum für Hinterhalte bieten.

Die Kleinteam-Inszenierung des Kriegsgeschehens gelingt den Entwicklern gut, doch es fehlt oft die Intensität. Merkwürdig emotionslos spulen wir die Aufträge ab, die Verzweiflung der Gefechte wird nur ab und zu fassbar. Wir sind trotz eindeutiger Unterzahl den Taliban viel zu überlegen, ihnen in der Regel mindestens einen Schritt voraus.

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Das wird Kopfschmerzen geben...
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Nur in seltenen Momenten, wenn es etwa zu Überraschungsattacken oder einer Alamo-Situation kommt, in der unser Trupp von hunderten Angreifern in die Enge getrieben wird, bangen wir tatsächlich mit den Soldaten. Der Rest lässt uns auch deshalb kalt, weil sich die Präsentation zwar optisch oft auf einem guten Niveau bewegt, aber auch irgendwie aalglatt wirkt. Das Vorhaben, uns in das Geschehen zu ziehen, mutet meist zu bemüht an. Pseudo-Dramatik ohne Spannungsmomente, wenn die Musik beginnt anzuschwellen, ebbt das Interesse bereits ab.

Elitesoldaten haben‘s einfacher

Zudem werden wir auch häufig zu sehr an der Hand genommen, was nicht in erster Linie an den linearen (aber weiträumigen) Schlauchlevels und geskripteten Abläufen liegt. Gehen wir beispielsweise in der Nähe einer MG-Stellung in Deckung, greift unser Alter Ego automatisch zum Laserpeilgerät, das Fliegerbomben ins Ziel lenkt.

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Nächtliche Ausfahrten bereiten wenig Spannung.
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Ähnlich verhält es sich beim Einsatz in einem Kampfheli, der Ziele von einem befreundeten Flieger für uns markiert. Mit nur einem Knopfdruck löschen wir das Ziel ohne Probleme aus. Fahren wir in belanglosen ATV-Sequenzen durch ein Flussbett, schaltet das Spiel sogar für uns die Scheinwerfer aus, sobald wir eine entsprechende Anweisung erhalten. Bei Sniperaufträgen hören wir zwar die Durchsagen unseres Kameraden, Wind- oder Entfernungsangaben wirken sich jedoch überhaupt nicht auf die Präzision der Schüsse aus.

Für einen Titel dieser Größenordnung bietet Medal of Honor an allen Fronten zu wenig.Fazit lesen

Kein Wunder, dass auf dieser Weise die Nähe zum Geschehen flöten geht. Selbst auf dem härtesten Schwierigkeitsgrad gerät Medal of Honor überwiegend zum lockeren Scheibenschießen, das man in spätestens fünf Stunden hinter sich gebracht hat.

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Immer wieder dirigieren wir per Laserpeilung Raketen und Bomben ins Ziel.
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Das funktioniert aber immerhin tadellos. In der von uns getesteten PC-Version gibt es am Gunplay nichts auszusetzen: ob Steuerung, Aiming, Präzision, Trefferfeedback oder Waffenwahl - alles erste Sahne. Unterstützt wird dieser Eindruck von einer dichten Kameradschafts-Atmosphäre, die von der (Funk-)Kommunikation der Soldaten untereinander getragen wird: Das Zusammengehörigkeitsgefühl der kleinen Einheiten wird deutlich hervorgehoben und für uns als Spieler ist der Unterschied zum großen Chaos des Schlachtfelds gut nachvollziehbar.

Optische und akustische Schmankerl wie herausragende Partikeleffekte bei Wind, Staub, Rauch und Schnee sowie authentisch wirkende Waffensounds runden diese Ebene ab. Doch perfekt ist MoH auch in technischer Hinsicht nicht.

Obwohl die Animationen überwiegend flüssig und real wirken, kommt es zu einer ganzen Reihe von Clippingfehlern, bleiben Feueranimationen erhalten, auch wenn man sich von Geschützen entfernt, kriechen wir durch solide Objekte. Merkwürdig krude wirken zudem Nahkampfattacken mit dem Messer.

Enttäuschend zeigt sich auch die Gegner-KI, die zwar oft äußerst treffsicher ist, aber andererseits häufig blind vor unsere Knarre läuft, uns trotz Beschuss weiter den Rücken zudreht und sich einfach nicht um unsere Anwesenheit schert. Selbst unsere eigenen Kameraden ignorieren dagegen direkt neben ihnen hockende Talibankämpfer, räumen aber gerne auch mal einen guten Teil der Feinde selbsttätig aus dem Weg. Schade, dass kein menschlicher Mitspieler in die Haut dieser stets gegenwärtigen Begleiter schlüpfen darf, ein Koop-Modus fehlt leider.

Dice macht’s besser

Interessanterweise hat sich Electronic Arts entschieden, Medal of Honor von zwei Studios zusammenbasteln zu lassen. Während Danger Close die Kampagne produzierte, zeigt sich Dice für den Mehrspielermodus verantwortlich. Die Multiplayerexperten machten sich im Shooterbereich in der Vergangenheit vor allem mit der Battlefield-Serie einen Namen und setzen für MoH ihre in Bad Company 2 (BC2) bewährte Frostbite Engine ein. Auf diese Weise kommen wir im Mehrspielermodus in den Genuss von zumindest teilweise zerstörbarer Umgebung. Leider geht das nicht ganz so weit wie in BC2, ganze Häuser fallen hier nicht in sich zusammen.

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Das liegt auch daran, dass wir in Medal of Honor fast ausschließlich Infanterieschlachten ausfechten. Nur gelegentlich greifen wir zusätzlich auf die Unterstützung eines Schützenpanzers zurück, um die Einnahme feindlicher Stellungen zu erleichtern. Für ausgiebigeren Vehikel-Einsatz wäre auf den eher kleinen, acht mitgelieferten Maps ohnehin nur wenig Raum verfügbar. Alles dreht sich dementsprechend um schnelle, hektische Scharmützel, die eher an Modern Warfare erinnern als an Bad Company 2.

Death from the Sky

Tode hagelt es meist buchstäblich im Sekundentakt. Die Spielfiguren halten nur wenige Treffer aus, Kopfschüsse befördern uns sofort in den Respawn-Bildschirm. Klinken wir uns beinahe umgehend wieder ins Spielgeschehen ein, wartet dort möglicherweise bereits ein Feind auf uns oder der ohne Warnung erfolgende Einschlag eines Luftangriffs (Mörserattacke, Cruise Missile-Bombardement) bereitet unserer virtuellen Existenz rasch ein erneutes Ende.

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Das wird Kopfschmerzen geben...
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Bläst uns dagegen ein und derselbe Sniper zum wiederholten Male die Melone weg, haben wir ohne Killcam praktisch keine Chance dessen Position ausfindig zu machen und laufen munter weiter in den Tod. Dafür sorgen auch die bereits erwähnten Luftangriffe, die ihr als offensive Unterstützungsaktionen für Killstreaks einsetzt. Noch in keinem Mehrspieler-Shooter bin ich so häufig beim oder direkt nach dem Respawn umgenietet worden wie in MoH.

Frustresistenz benötigt ihr zudem als Neueinsteiger, denn das Rangsystem beschert jedem Spieler mit der Zeit einige bessere Waffen. In Sniperduellen habt ihr mit dem Anfängergewehr gegen erfahrene Feinde keine Chance, im Nahkampf pustet euch der Konkurrent mit der deutlich durchschlagskräftigeren Wumme problemlos über den Haufen, während ihr bereits Blei in ihn hineingepumpt habt. Das schwierige Balancing gleicht sich jedoch glücklicherweise nach einigen Stunden halbwegs aus, da die Spieltiefe bei MoH im Vergleich zu den Genre-Platzhirschen vergleichsweise gering ist.

Geringe Spieltiefe

Zum einen betrifft das die geringe Waffen- und Ausrüstungsvielfalt. Für jede der drei Klassen (Sniper, Schütze, Spec Ops) beider Seiten stehen lediglich drei Schießprügel und einige Zusatzgadgets zur Verfügung, von denen jeweils zwei freigeschaltet werden müssen. Ähnlich karg präsentiert sich Medal of Honor bezüglich der angebotenen vier Spielmodi, von denen sich drei recht stark gleichen.

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Was macht es? Es leuchtet blau.
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Auf der einen Seite haben wir "Sturmlauf", das nichts anderes ist als das altbekannte Teamdeathmatch. Andererseits stehen mit "Kampfeinsatz", "Ziel-Raid" und "Sektorenkontrolle" drei eher taktisch angehauchte Modi bereit, die sich in ihrer Spielanlage ähneln, weil jeweils Stellungen eingenommen, erobert oder gehalten werden sollen. Insbesondere der Kampfeinsatz (ähnelt "Rush" aus BC2) scheint sich derzeit zurecht zum Liebling der Massen zu entwickeln, denn hier überzeugt das dynamische Geschehen im Kampf um fünf Sturm- bzw. Verteidigungspunkte auch über längere Sessions hinweg.

Technisch ist der Mehrspielermodus der Kampagne in vielen Belangen zwar überlegen, doch Probleme gibt es auch hier: So bleibt die Spielfigur etwa häufig an unsauberen Kartenobjekten hängen. Schlimmer ist jedoch das scheinbar von Modern Combat 2 importierte Ärgernis der fehlerhaften Hitbox: Selbst wenn man sich rechtzeitig vor dem Beschuss des Feindes hinter einen Felsen rettet, erwischt uns der folgende Geschosshagel in der vermeintlich sicheren Deckung und sorgt für unnötige Bildschirmtode.

Ärgerlich ist zudem, dass zwar mit der Möglichkeit von dedizierten Servern geworben wird, diese jedoch nicht selbst gehostet werden können. LAN- und Systemlink-Partien sind entsprechend ebenfalls unmöglich.