Mit „Indiana Jones and the Fate of Atlantis“ schufen Hal Barwood und Noah Falstein Anfang der 90er einen unverwüstlichen Klassiker im Adventure-Genre. Kurz nach dem überwältigenden Monkey Island 2 und vor dem legendären Day of the Tentacle befand sich die Spieleschmiede Lucas Arts seinerzeit auf dem Höhepunkt ihres Schaffens.

Doch bald darauf sah sich das Genre im unaufhaltsamen Niedergang begriffen, bis ihm kürzlich so etwas wie eine kleine Renaissance widerfuhr. Und wieder melden sich die beiden Adventure-Meister mit einem neuen Spiel zurück: Mata Hari, das auf dem Leben der berühmten Doppelspionin, verruchten Tänzerin und Feindin in allen Betten beruht. Ist die Zeit für einen neuen Klassiker gekommen?

Mata Hari - Trailer

Sex sells – auch anno 1905

Um die Person Mata Haris ranken sich zahlreiche moderne Legenden. Anfang des 20. Jahrhunderts galt die gebürtige Holländerin in der Pariser Gesellschaft als kleine Sensation. Ihre freizügigen, vom arabischen Bauchtanz inspirierten Darbietungen bedienten gekonnt die Lust des gehobenen französischen Publikums auf exotisch Verruchtes.

Mata Hari - Zwischen den Fronten... und in allen Betten

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Durch ihren verruchten Tanzstil gelangte Mata Hari zu Weltruhm.
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Ihre Berühmtheit und ein gewisser Ruf öffneten ihr bald die Türen in höchste gesellschaftliche Kreise, vornehmlich deren Schlafzimmer. Politiker, mächtige Industrielle und Bühnenstars der damaligen Zeit gehörten zu ihren ständigen Bewunderern – ein Umstand, der sie insbesondere für das Militär interessant werden ließ.

Europa befand sich zu dieser Ära in steter Unruhe. Die Vorboten des Ersten Weltkriegs warfen bereits ihre unheilvollen Schatten an das Firmament der Zeitgeschichte. In einer solchen Phase war eine Frau wie Mata Hari für die Geheimdienste sämtlicher Nationen bares Geld wert. Eine Frau, der die Männer bereitwillig, weil prahlerisch, all ihre Geheimnisse offen legten, die Zugang zu brisanten Informationen hatte und an Orte gelangte, die selbst den Top-Spionen verschlossen blieben. „Mata Hari“ von Cranberry Production möchte sich dem rätselhaften Leben der Doppelspionin als Rätselspiel nähern...

Zwischen allen Stühlen, Fronten und Betten

„Mata Hari“ deckt in vier Kapiteln das Leben der berühmten Tänzerin als Star des Pariser Nachtlebens und Mehrfachspionin ab. Wir beginnen kurz nach Matas Durchbruch als Bühnensternchen, als diese auf einem Ball erste zarte Bande zur französischen Upperclass knüpft und auf der Suche nach einem Gönner nicht nur in die engeren Kreise des Geldadels eingeführt, sondern auf unverhoffte Weise auch von einem mysteriösen Schweizer Geschäftsmann „entdeckt“ wird.

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Samsonet macht Mata ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann.
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Oscar Samsonet sieht Europa am Vorabend eines großen Krieges, den er zu verhindern sucht – mit Mata Haris Hilfe. Denn als begehrte Schönheit und beliebte Konversationspartnerin hat die aufreizende Tänzerin Zugang zu Informationen, an die sonst niemand gelangt. Doch weil ihr Talent auch bei anderen illustren Gestalten nicht unentdeckt bleibt, findet sich die Amateur-Spionin alsbald auch auf den Gehaltslisten des französischen, britischen und deutschen Geheimdienstes wieder.

Auch wenn viele der so erhaltenen „Quests“ abgeschlossenen Charakter besitzen, spannt sich doch ein roter Story-Faden durch die ein ganzes Jahrzehnt umfassende Geschichte über das militärische Wettrüsten europäischer Großmächte. Dabei begegnet der Spieler immer wieder bedeutenden Persönlichkeiten der damaligen Zeit, wie etwa der Chemikerin und späteren Nobelpreis-Trägerin Marie Curie oder Mercedes Jellinek, nach der die erfolgreiche Automarke ihren Namen erhielt.

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Mata in der ersten Mercedes-Fabrik. Mit historischen Fakten nimmt es das Spiel nicht so genau.
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Die auffallende Präsenz starker Frauen untermauert auch den subtilen Grundton von „Mata Hari“, das seine Titelheldin als neues weibliches Role Model verstanden wissen will, als eine Frau, die wegweisend für ein neues feminines Selbstbewusstsein ihren Weg in einer von Männern beherrschten und schließlich von ihnen zugrunde gerichteten Welt nicht nur geht, sondern nachfolgenden Generation eröffnet.

So spannend und hintersinnig sich dies womöglich in einer Zusammenfassung noch lesen mag, so trivial ist es leider in seiner Umsetzung. Die leidlich interessante Geschichte um eine deutsche Superwaffe, deren Bau es zu verhindern gilt, konterkariert durch seine Schablonenhaftigkeit das hehre Vorhaben des Spiels, sich dem Mythos um die reale Person Mata Haris anzunähern. Zudem lässt die lückenhafte Erzählweise (zwischen den einzelnen Kapiteln liegen jeweils mehrere Jahre) die Komplexität der Figur und ihres historischen Hintergrundes allenfalls erahnen. Geschichte wird hier zum Spießrutenlauf zwischen Seifenoper-Episoden.

Blamage statt Spionage

Größtes Problem des Spiels sind allerdings die Rätsel – bzw. das, was das Spiel dafür hält. „Botengänge“ wäre vermutlich die passendere Bezeichnung für die Betätigung des Spielers. In den meisten Fällen werden wir von Person A zu Person B geschickt, um anschließend wieder zurück oder weiter zu Person C zu dackeln.

Mata Hari hinterlässt zwei Adventure-Legenden wie seine Titelheldin ihre Feinde nach erfolgreicher Mission: mit runtergelassenen Hosen.Fazit lesen

Bezeichnend in dieser Hinsicht bereits die Anfangsszene: Mata Hari sucht auf einem Ball einen Förderer ihrer Tanzkarriere. Der Spieler spricht also mit sämtlichen Personen auf der Veranstaltung, um ihnen Informationen zu entlocken, die er fortan den übrigen unterzujubeln versucht, bis diese wiederum neue Infos von sich geben und sich das Kapitel irgendwann zu Ende gelabert hat.

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Ballaballa: Die Eröffnungsszene ist symptomatisch für den Rest des Spiels.
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Was hier schon auf einer begrenzten Location mit gerade einmal zwei Screens und einer Handvoll Gesprächspartnern nicht wirklich spaßig geraten will, wird im weiteren Spielverlauf auf internationaler Ebene zur mühseligen Angelegenheit mit dem Spaßfaktor eines Lebens als Staubsaugervertreter. So reisen wir andauernd zwischen Paris, Monaco, Berlin und Madrid hin und her, um nach zwei gewechselten Sätzen erneut die Koffer zu packen. „Fedex“-Quests spotten MMO-Spieler über derlei Spieldesign.

Dabei ist die Gameplay-Mechanik hinter „Mata Hari“ durchaus clever: Der Spieler sammelt nämlich nicht nur Gegenstände in seinem Inventar, wie er es von gängigen Genre-Kollegen gewohnt ist, sondern auch Ideen, Informationen, Aufträge und Konversationstricks, wie z.B. Verführungsmethoden. Letztere müssen gelegentlich im Dialog gewitzt eingesetzt werden, um den Gesprächspartner subtil um den Finger zu wickeln.

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Minispiele wie dieses "Puzzle" lockern das Geschehen auf, können aber auch übersprungen werden.
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Was in der Theorie Anlass und Inspiration für elegantes Rätseldesign geben müsste, fällt in der Praxis durch: Meist klickt man sich direkt zur Lösung, zumal diese in 99% der Fälle nicht nur leicht zu erraten ist, sondern sich förmlich aufdrängt – durch überbordende Hinweise oder weil die richtige Aktion als einzig mögliche Handlung vom Spiel bereits angeboten wird. Dadurch ergibt sich ein geradezu lächerlich niedriger Schwierigkeitsgrad, der Mata Hari zu einem interaktiven Film verkommen lässt, in dem der Spieler nur noch Auslöser, nicht mehr Zentrum der Handlung ist.

Abwechslung möchte Mata Hari daher in Form diverser Minispiele bieten, Motivation durch Achievements erreichen. In einem „Guitar Hero“-ähnlichen Musikspiel muss sich Mata leicht bekleidet im Rhythmus der Musik auf der Bühne bewegen. Dadurch verdient sie Geld, das zwar keinerlei spielerische Relevanz hat, aber am Ende gut im Highscore aussieht.

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Mata Hari verfügt offensichtlich über sehr überzeugende "Skills".
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Ähnlich funktioniert es mit den „Skills“ Spionage und Geschick. Wer bei seinen Beutezügen auf feindlichem Territorium die Augen nach geheimen Dokumenten offen hält, darf sich mit zusätzlichen Punkten schmücken. Immerhin im höheren Schwierigkeitsgrad als unterhaltsam erweist sich ein Mini-Stragiespiel, das immer dann ansteht, wenn Mata in eine andere Stadt reist. Hier gilt es, sicher ans Ziel zu gelangen, ohne von feindlichen Agenten erwischt zu werden. Zum erneuten Spielen motivieren die dadurch errungenen Achievements aber kaum.

Mit Atlantis untergegangen…

Allen Minispielen gemein ist, dass man sie wahlweise auch einfach überspringen kann. „Mata Hari“ verfestigt damit seine Ausrichtung als eine neue Form des Adventures, das weniger gespielt denn vielmehr nur durchgeklickt werden will. Eine Art interaktiver Film, der nur unwesentlich länger dauert als seine Pendants in den Lichtspielhäusern.

Dieser Umstand wäre vielleicht noch zu verschmerzen, böte Mata Hari eine Alternative zur fehlenden Herausforderung an, z.B. eine Geschichte, die eine solch „konfliktscheue“ Erzählweise rechtfertigen würde. Doch von der raffinierten Mixtur aus Fiktion und Menschheitsmythos, mit der Barwood und Falstein noch das Schicksal von Atlantis ergründeten, dem Gespür für die historische Epoche und ihrer Protagonisten und der Lust am Hantieren mit filmischen Ausrucksformen, die Indys PC-Auftritt unvergleichlich machten, ist bei Mata Haris Abenteuer nicht viel übrig geblieben.

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Die Grafik ist nicht spektakulär, aber charmant: Im Hintergrund ist der Berliner Dom deutlich zu erkennen.
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Nichtsdestotrotz ist ein gewisser Charme nicht von der Hand zu weisen. Leser seichter Kriminalromane vor historischer Kulisse oder Genre-Anfänger werden die vier bis sechs Stunden, die es fürs Spielen benötigt, gepflegten Spaß haben.

Die Grafik ist alles andere als spektakulär, schafft es aber, durch ihren Reichtum an Details und stilistische Akzente eine Atmosphäre zu transportieren, die manch technisch überlegener Mitbewerber in hochgerechneter Sterilität ertränkt. Leider wird man der ständig gleichen Locations mit der Zeit überdrüssig.

Dass bei Publisher dtp talentierte Synchronsprecher offenbar auf den Bäumen wachsen, ist sowieso längst kein Geheimnis mehr. Beim Sound jedenfalls gibt sich Mata Hari, im Gegensatz zu ihrer Tanzperformance, keine Blöße. Die Musik ist ebenfalls stimmig, wenn auch wenig abwechslungsreich.