Wargaming. Von allen Vereinen nun ausgerechnet Wargaming. Dass die russische Panzerfabrik (und ja, Warships und Warplanes gibt es auch noch, ich weiß) sich irgendwann auch mal mit einem anderen Franchise in die große weite Welt hinauswagen würde und sollte, war wohl weitestgehend klar. Dass sie sich aber nun ausgerechnet die Rechte an dem Urvater der Sci-Fi-4X-Games sichern würden, konnte wohl niemand vorhersehen. Der Begriff 4X wurde dermaleinst für den ersten Teil von Master of Orion geprägt. Wird es die Neuauflage jedoch schaffen, diesen Begriff maßgeblich umzukrempeln?

"Muss sie ja gar nicht" wird jetzt manch einer sagen. Es ist wahr, normalerweise kommt es nicht auf die bahnbrechende Wirkung an, nicht darauf, die Grenzen zu sprengen – und erst recht ist es heutzutage viel schwerer geworden als damals, zu einer Zeit, als viele der heute etablierten Genres erst noch im Entstehen begriffen waren. Aber will man dem Namen von Master of Orion gerecht werden, dann muss man die Grenzen, nun, wenigstens verschieben. So ein Stückchen. Und ausgerechnet das ist der Punkt, mit dem es bislang beim neuen MoO so ein Stückchen düster aussieht.

Nun, nicht der einzige Punkt. Die KI ist momentan auch noch rotzblöd. Das ist aber angesichts der Early-Access-Phase, in der sich das Spiel momentan noch befindet, auch halbwegs verständlich. Was bislang ebenfalls komplett fehlt, ist die Spionage, und damit verbunden auch die Spezies der Darlok, deren Steckenpferd es war und wieder sein soll, ihre Feinde so was von komplett zu durchleuchten, dass niemand im All besser informiert ist als sie. Kommt beides noch, wohl auch recht bald, fehlt nur eben noch.

Master of Orion - Ein Griff nach den Sternen

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Die Präsentation ist bei weitem nicht die einzige Stärke.
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Woran es aber gar nicht fehlt, ist Qualität. Master of Orion erschlägt sofort durch Sympathie und spielerische Optionen gleichermaßen. Wer das alte Schlachtross schon von früher her kennt, wird ab der nächsten Early-Access-Phase den Bildschirm wiedererkennen, auf dem man sich seine eigene Rasse für das kommende Weltraum-Civ zusammenklöppeln darf. Doch auch bei den vorgefertigten Startspezies finden wir eigentlich ausschließlich alte Bekannte, mit Ausnahme der Terraner, die die Menschen nicht etwa ersetzen, sondern vielmehr eine Alternative darstellen – ein dunkles Menschenimperium, weit ab von der demokratischen Friedfertigkeit der bereits bekannten Erdenbewohner.

Überhaupt werden sich nicht nur Freunde der gepflegten Rauferei um das Orion-System, sondern ganz allgemein Fans des 4X-Genres äußerst schnell kuschelig-heimisch fühlen. Selbst ohne jemals MoO auch nur mit der Kneifzange berührt zu haben, erkennt man sofort die klassischen Archetypen – die Extrem-Forscher, die Kollektiv-Hyper-Produzenten, die Karikatur-Militaristen undsoweiter – und ist man erst mal im Spiel gelandet, kann man mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit Bevölkerung hin- und herschubsen, um Forschung, Nahrungsproduktion oder Bau zu unterstützen, jeweils spezialisierte Gebäude für diese Richtungen bauen, Schiffe mit Komponenten ausstatten, die sie zu Scouts, schweren Zerstörern oder eher Bombern machen und all diese guten Sachen.

Packshot zu Master of OrionMaster of OrionRelease: PC: 25.8.2016 kaufen: Jetzt kaufen:

Klingt gut, aber vertraut, oder? Glückwunsch, ihr habt gerade das perfekte Fazit dessen erdacht, nach dem Wargamings Orion bislang aussieht. Eine wirklich schöne Bau-, Forsch- und Schlachtnummer, bei der es, bei aller Zuneigung, ein bisschen schwierig ist, ein genaues Merkmal zu finden, das es vom Rest der Kollegen abhebt. Völlig routiniert erforscht, besiedelt und erobert man Planeten, alles geht gut von der Hand – durchaus ein Qualitätsmerkmal.

Master of Orion - Ein Griff nach den Sternen

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Oh ja, lasst uns Menschen spielen. Aliens sind einfach zu langweilig.
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Vielleicht gehen manche Dinge schon eine Spur zu glatt. Ich beziehe mich vor allem auf die Kämpfe. Ich hab ja schon erwähnt, dass die KI dumm wie Toast ist, zum jetzigen Zeitpunkt einfach noch unfertig – das weiß man auch auf Entwicklerseite und arbeitet dran. Wenn aber überdies die Kämpfe nahezu vollständig automatisiert ablaufen, ist das schon eher ein Grund, die Nase zu rümpfen. Zumindest hab ich keine Möglichkeit entdeckt, zum Beispiel einzelne meiner Waffen- und Spezialmodule zu benutzen. Man kann seine Schiffe in Formationen bringen und manuell auf einzelne Ziele hetzen, aber darüber hinaus waren weitere taktische Optionen nicht zu entdecken.

Ein alter, neuer Klassiker?

Vielleicht habe ich es nicht entdeckt, vielleicht wird noch etwas nachgepatcht. Falls aber das von mir Gesichtete das volle Ausmaß dessen sein soll, was geht, ist es schwach. Es wäre ja niemand böse, wenn wir nicht das extrem Micromanagement-lastige Klickfest von früher vorgesetzt bekämen. Aber von einem Extrem ins andere zu schlittern war noch nie eine gute Idee. Kämpfe zu automatisieren ist eine feine Sache für Casual-Spieler oder Leute, die einfach entspannt spielen wollen – man kann, wie bei anderen Vertretern des Genres, überhaupt viel automatisieren, Bauprozesse und dergleichen, immer nett für Anfänger. Man kann auch die Kämpfe komplett überspringen bzw. automatisch ausrechnen lassen.

Charismatisch und launig, doch wird der große (und alte) Name allein nicht reichen, wenn sonst Profil fehlt.Ausblick lesen

Aber seht ihr, das sind machbare Kompromisse. Die zahlreichen Optionen rauszunehmen und die Kämpfe zu hübschen, aber relativ belanglosen Star-Wars-Schlachten zu degradieren, ist keiner. Wenn wir dann dermaleinst vor dem übermächtigen Wächter des Orion-Systems stehen, darf diese an sich epische Schlacht auf keinen Fall zum reinen Vergleich zweier Zahlen verkommen, die die Stärke der jeweiligen Armada bedeuten. Klar, überwältigen geht immer. Aber wenn man mit relativ guten, normalen Chancen reingeht, dann sollte es Skill sein, der den Sieger bestimmt. Und Skill könnte man, wenn diese Befürchtung eintritt, nicht ausspielen.

Master of Orion - Developer's Diary

Dabei gibt es sonst so viele alte Stärken zu bewundern. Zum Beispiel die Wahl zwischen Bombardements und aufwändigeren, aber dafür lohnenderen Bodeninvasionen, nach denen man die versklavte Bevölkerung zum Arbeitseinsatz schicken kann – sehr cool, wenn zum Beispiel die eigene Spezies nicht gut forschen kann, die armen Eroberten aber Psilons sind, deren großes Hirn jetzt gewinnbringend fürs eigene Imperium eingesetzt wird.

Es gibt vereinzelte Kleinigkeiten, die tatsächlich neu oder zumindest unverbraucht genug sind, die aber eine Spur zu unbedeutend daherkommen, als dass ich sie als echte Innovation bezeichnen möchte. Zum Beispiel kann man mittels einer mobilen Weltraumfabrik sowohl eigentlich unnütze Asteroiden zu künstlichen Planeten umformen oder Ressourcen aus ihnen extrahieren. Ist ja schnuckelig, aber im Grunde auch nur eine übliche Arbeiter-Einheit... IM WELTRAUM! (denkt euch an der Stelle epischen Hall im Hintergrund) Man kann mit ihr auch bewaffnete Raumstationen an Wurmlöchern und wichtigen Knotenpunkten errichten, um sich strategisch besser aufzustellen.

Erforscht man bestimmte Kern-Technologien, kriegt man zwei mächtige Boni vor die Rübe geknallt, muss sich aber entscheiden, welchen man will, was das eigene Reich maßgeblich beeinflussen kann – ob man feindliche Bevölkerungen zu Glas bombt oder mit besseren Antrieben durch die Galaxis rauscht, ist ein verdammt großes "oder". Ebenfalls schön sind die berühmten Zufallsereignisse. Hier poppen sie als eigentlich unscheinbare Lichtpunkte außerhalb der sonst bereisten Sonnensysteme auf, man muss ein Schiff zu ihnen entsenden, sodass eine kleine Zeitinvestition vorhanden ist, aber die Belohnung ist es in aller Regel mehr als wert. Von kleinen Boni für die Bevölkerung bis zu neuen Technologien ist alles dabei. Man kann sogar den zweiten von den eben erwähnten exklusiven Boni derselben Technologien abstauben.

Master of Orion - Ein Griff nach den Sternen

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Die Fraktionen sind von früher her bekannt und klasse gestaltet.
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Die Gestaltung der spielbaren Fraktionen verdient gesonderte Erwähnung. Wargaming haben ihrem "neuen" Spiel eine durchaus moderne und zeitgemäße Präsentation verpasst, tatsächlich besser, als man es bei vielen 4X-Games sonst so sieht. Die Anführer der irren Rassen treten, wie es Civ bereits vormachte, animiert auf und wirken wahnsinnig lebendig – eine Begegnung mit ihnen ist immer ein Highlight. Liegt natürlich aber auch daran, dass ebenso berühmte wie knallgeile Sprecher rangekarrt wurden. Teile des Casts lesen sich wie eine Star-Trek-Reunion, auch ansonsten gibt es geballte Sci-Fi-Prominenz. Der Erzähler ist Michael Dorn (Worf). Der menschliche Imperator? John de Lancie (Q). Mark. Fucking. Hamill. Kein Sci-Fi-Fan? Wie wäre es mit Robert Englund aka Freddy Krueger? Master of Orion: Conquer the Stars hat auch das Grundkriterium jedes größeren Videospiels erreicht, entweder Nolan North oder Troy Baker im Cast zu haben. Und da Wargaming nichts halbherzig machen, haben sie einfach beide. Ba-dum TSCH.

Ist das alles Blendwerk? Wurden einfach viele Ressourcen in ein ansonsten mittelmäßiges Spiel gepumpt, um uns auszutricksen? Nein, das kann man bereits ausschließen. Und doch bleibt ein Rest Angst, dass man es sich auf den Produktionswerten und der Lizenz vielleicht eine Spur zu gemütlich macht. Ich bleibe zuversichtlich, dass sich Wargaming der großen Verantwortung bewusst sind und uns mit dem Release eine große Freude bereiten. Es fehlt nicht mehr viel – doch "nicht mehr viel" sind im Weltall nun mal Millionen von Meilen.