Als Halo-Fan wurde ich von Mass Effect-Fans immer belächelt. “Halo hat doch gar keine Story” hieß es, “die Charaktere seien austauschbar”. Ständig lag ich mit Mass Effect-Fans im Klinsch. Nun durfte ich mit Mass Effect: Andromeda zum ersten Mal selbst die Reise in das Bioware-Franchise antreten. Und, mit Verlaub, ich habe bislang kaum ein durchschnittlicheres Science Fiction-Abenteuer erlebt.

Mass Effect Andromeda - Liebesszene mit Jaal19 weitere Videos

Zunächst ein Wort zur Geschichte: Belanglosigkeit. Das ist der erste Begriff, der mir bei Andromeda in den Sinn kommt. Ich bin Teil einer Gruppe von Kolonisten die versucht, fremde Planeten zu besiedeln, mein Vater ist dabei zufällig der legendäre “Pathfinder”. Leider segnet gleich in der ersten Mission das Zeitliche - natürlich um mein Leben zu retten. Damit überträgt er auch die Rechte und Pflichten des Pathfinders auf mich und - schwupps - werde ich zum Helden, dem inoffiziellen Anführer der Kolonie. Deus ex Machina lässt grüßen. Natürlich verläuft die Kolonisation der neuen Planeten auch nicht reibungslos, im Gegenteil, eine gegnerische Alienrasse namens “Kett” findet diese Pläne überhaupt nicht gut und will mir und meiner Kolonie ans Leder. Nichts, was man nicht schon einmal in anderer Form gesehen oder gespielt hat. Hätte ich während des Spielens einen Klischee-Zähler installiert, er wäre wohl aufgrund Überlastung zusammengebrochen.

Wer jetzt denkt, ich würde mit dieser leicht zynisch klingenden Zusammenfassung übertreiben, der hat leider Unrecht: Andromeda bedient sich pausenlos allerlei Sci-Fi-Klischees. Selbst wenn es um die Darstellung der Konflikte unter den verschiedenen Alienrassen geht, die euch nicht 24/7 einen Kopf kürzer machen wollen. Da hätten wir die typische Alienrasse der Salarianer, die sich mit einem klugen Köpfchen zu wehren wissen, allerdings mit den Kroganern verfeindet sind, die sich wiederum ihrer physischen Fähigkeiten bewusst sind Die Kroganer sind simpel und stumpf, die Salarianer intelligent aber auch manipulativ. Ich stehe zwischen den Parteien und kann entweder den Konflikt lösen oder mich auf eine Seite stellen. Alles schon tausendmal gespielt, tausendmal ist nichts passiert. Die Story und Charaktere von Mass Effect: Andromeda, die früher immer als Aushängeschild der Serie galten, kann man bestimmt auch in so einigen Star Trek-Streifen wiederfinden. Originalität wird in Andromeda leider kleingeschrieben.

Mass Effect Andromeda - Bis zur Belanglosigkeit und noch viel weiter

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Unangenehme Zeitgenossen: Die Kett
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Für Entdecker und die, die es werden wollen

Der größte Pluspunkt von Mass Effect: Andromeda liegt, Franchise-untypisch, im Erkunden der verschiedenen Planeten. Diese bewohnbaren Ovale unterscheiden sich relativ stark. Ob tropischer Dschungel, ein Wüstenplanet, dessen unterirdische Welt atemberaubend ist, oder ein Eisplanet, visuell sind zumindest die Planeten beeindruckend und das Erkunden macht Spaß. Egal ob Nebenmissionen, in denen die Umgebung gescannt werden muss oder der Abbau von Mineralien oder Erzen, die gebotene Unterhaltung ist kurzweilig sowie abwechslungsreich.

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Auch für Bergarbeiter interessant: Der Ressourcen-Abbau in Mass Effect: Andromeda
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Das Gameplay selbst ist zwar nicht sonderlich bahnbrechend, erfüllt aber seinen Zweck. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die Ausrüstung nach eurem eigenen Gusto zu präparieren. Fähigkeiten können exakt so gelevelt werden, wie ihr es für richtig haltet. Was das Kern-Gameplay angeht, gibt sich dieser Titel also keine Blöße. Immerhin etwas!

Zwar bedient sich Andromeda auch hier bei bekannten Klischees - und eine unterirdische, technisch weit entwickelte Welt sollte mindestens seit Halo: Combat Evolved aus dem Jahr 2001 keinen mehr überraschen. Aber an dieser Stelle schafft es das Spiel, letztere Klischees auch gut umzusetzen. Im Gegensatz zu den all den anderen Kritikpunkten.

Das Auge isst mit

Praktisch indiskutabel sind allerdings die Animationen von Mass Effect: Andromeda. Als wäre es eine bewusste Entscheidung von Bioware gewesen, wirken die Gesichter von Charakteren während der Dialoge entweder urkomisch oder besorgniserregend, in jedem Fall aber unpassend. Ein paar besonders absurde Beispiele: Ich muss über den Tod meines Vaters berichten? Mein Commander grinst treudoof wie ein Honigkuchenpferd. Meine Truppe befindet sich in einer lebensgefährlichen Situation? Die Gesichtsausdrücke wirken so, als würden sie, halb verschlafen, an einem Sonntag-Nachmittag auf der Couch rumfläzen. Eine verheiratete Frau bittet mich unter Wehklage ihren unschuldigen und dennoch verurteilten Mann zu retten? Schade, dass dabei keine Tränen fließen und auch sonst die Gestik und Mimik absolut starr bleibt.

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In emotionslose Gesichter werdet ihr des öfteren starren
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Ich hatte ständig das Gefühl, als würde ich mit Puppen reden. So etwas war im Jahr 2010 oder 2012 vielleicht gerade noch vertretbar, heutzutage ist es aber absolut nicht mehr zeitgemäß. Vor allen Dingen bleiben dabei emotionale und gut geschriebene Dialoge auf der Strecke: Stimmung will selbst bei der großartigsten Rede diesseits des Sternensystems nicht aufkommen.

Technisch unfertig

Abgesehen von den extrem schlechten Animationen bietet Andromeda leider noch weitere technische Ungereimtheiten. Aufpoppende Gegner, Fahrzeuge, die durch Gebäude und Felsen glitchen und getötete Gegner, die wie Ölgötzen herumstehen, statt auf den Boden zu sinken. Wenn ein Generator aktiviert wird, kann es vorkommen, dass gegnerische Truppen kaum zehn Meter entfernt und somit viel zu nah neben eurer Spielfigur spawnen. Auch die Umgebung muss ständig neu geladen werden - für ambitionierte Sniper ist es in solchen Fällen besonders nervig, wenn Gegner in unmittelbarer Sichtweite erst dann angezeigt werden. Die Liste der Gameplay-basierten Probleme ist lang.

In Zwischensequenzen wirken viele Texturen erst schwammig, erscheinen dann aber auf einmal total scharf. In der deutschen Synchronisation, die eigentlich sehr ordentlich ist, wurden Tonspuren teils einfach übereinander gelegt. Was gerade beim Eruieren von wichtigen Informationen sehr nervig sein kann. Schwerwiegende Bugs, aufgrund denen ich das Spiel hätte neu starten müssen, gab es zum Glück keine. Dennoch: Liebe Entwickler, hier herrscht Nachholbedarf.