November 2007: Ich bin begeistert von einem Kahlkopf namens Commander Shepard, von seiner Art der Gesprächsführung, seinem fiesen weiblichen Gegenstück, seinen Begleitern und den vielen Memorable Mass Effect Moments, wie David sie gerne nennt. November 2009: Ich bin ernüchtert von Mass Effect 2. Nicht weil es schlecht aussieht oder sich so anfühlt, sondern weil von alledem da oben noch nichts zu sehen ist.

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Shooter hui, Rollenspiel pfui

Sollte ein Nachfolger nicht größer, schöner und besser sein? Oder anders gefragt: Sollte man ihn nicht wenigstens so präsentieren, dass der Unterkiefer desjenigen auf den Boden ditscht, der gerade das Gamepad umklammert? So, dass man sich schon in die ersten Schritte verliebt? Dass die seichte Vorfreude in ein Brodeln umschwingt, das unüberhörbar tönt: „Teil 1 war ja schon geil, aber der zweite wird ein Sci-Fi-Must-have vom Feinsten. Hört ihr? Vom Feinsten!“ Ja, sollte man.

Mass Effect 2 - Science-Fiction-Epos zweiter Teil: Shepard ist wieder da!

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Die Dialoge waren ja richtig lesenswert. Aber warum gab es nur so wenige?
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Schade nur, dass BioWare kürzlich in London eine Demo vorlegte, die zwar grafische Verbesserungen im Detail zeigte, die aber in Sachen Dialogführung, Interaktion und Party-Management noch erschreckend kahl und seelenlos wirkte – kennt man so nicht aus Kanada. Könnte vielleicht an der Version gelegen haben. Oder daran, dass der spielbare Abschnitt auf Planet Omega zu ungeschickt für eine Hands-on-Demo gewählt wurde. Aber so wenig, wie hier los war – das roch noch nicht nach Rollenspiel, sondern nach Shooter mit Erkundungseinschlag.

Immerhin freut man sich über die kleinen Details dampfender Rohre in der Enge rötlich flackernder Gänge. Und immerhin erwartet man nichts anderes als eine feindselig starrende Fassade in diesem Teil der Galaxie, dem Auffangbecken für Halsabschneider, Hurensöhne und Henker. Ungefähr gegen Mitte des Spiels kehrt man hier ein, sagt BioWare. Aber nicht nur Shepard und seine Gefährten Jakob und Wrex, die ihm im spielbaren Abschnitt den Rücken stärken, auch ein paar alte Bekannte haben es sich hier gemütlich gemacht.

Hey, den kennen wir doch

Zum Beispiel Turianer Garrus, dem Leben und Bürokratie auf der Citadel Station zum Hals heraushängen. Mittlerweile verdingt er sich in diesem Drecksloch als Kopfgeldjäger. Und schließt sich seinen alten Freunden kurzerhand an – sein Geschenk zum Einstand: eine Sniper-Rifle, die er Shepard in die Patschehändchen drückt. Schön, wie dieser sich à la Gears of War mit dem Rücken gegen eine Deckung presst, gezielt den Oberkörper rausstreckt und einen Kopfschuss nach dem anderen verteilt. Schön auch, wie die Körper der Roboter von Cerberus auf den strammen Beschuss reagieren: Ihre Schultern werden von der Wucht nach hinten getrieben, Beine knicken weg, alles fühlt sich eine Spur direkter, kerniger und kräftiger als im ersten Teil an.

Mass Effect 2 - Science-Fiction-Epos zweiter Teil: Shepard ist wieder da!

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Auf Planet Omega trefft ihr Garrus wieder, der sich von der Citadel Station verabschiedet hat.
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Außerdem setzt Shepard diese unglaublich fiese Badass-Miene auf, wenn er an einer Brüstung hockend ein neues Magazin in der Waffe versenkt. Neu ist auch, dass er per Tastendruck kleine Mauern so überspringt, wie es Marcus Fenix und Co. vorgemacht haben. Aber so schön flüssig und wuchtig sich das überarbeitete Kampfsystem anfühlen mag, so schade ist es auch, dass es abseits der Schießereien so gut wie nichts Interessantes zu sehen gab.

Schön, wie leichtgängig sich die Shooter-Mechanik anfühlt. Dumm nur, dass abseits davon nicht viel zu sehen war.Ausblick lesen

Der Afterlife genannte Nachtclub, der ohne Probleme als Abbild von Coras Nest aus dem ersten Teil durchginge, war zwar randvoll mit Asari und Kroganern, aber leider nicht mit sonderlich gesprächigen. Wie gerne hätte ich etwas mehr gestöbert, nachgebohrt und hinterfragt. Die gleichköpfige Alien-Masse war jedenfalls genauso wortkarg wie die beiden Begleiter. Wer ist dieser Jakob zum Beispiel, der sich in Shepards Truppe geschummelt hat? Da ich keinen der beiden ansprechen konnte, sie ja nicht mal mit einem kleinen Spruch reagiert haben, kamen sie nur als stumme Statisten in den herrlich geschnittenen Zwischensequenzen zur Geltung. In Bewegung zwar, aber eben noch nicht mit erkennbaren charakterlichen Konturen, die man erwartet hätte.

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Nicht nur Shepards Texturen, sondern auch das Kampf- und Deckungssystem wurde überarbeitet.
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Konturen anderer Art trägt auch Shepard davon: die einer Schweißnaht und herber Verletzungen am Unterkiefer, die entfernt an Arnold Schwarzeneggers Konterfei am Ende von Terminator 2 erinnern. Die Erklärung dafür ist anscheinend nicht weit – in einem der wenigen Dialoge fällt der Satz: „Your death was downplayed“. Aha! Also streckt er im früheren Spielverlauf bereits alle viere von sich und wird notdürftig wieder zusammengeflickt? Möglich – sagt BioWare. Sicher dagegen: Im Hauptmenü tummelt sich zwischen „New Game: Male“ und „New Game: Female“ auch eine Importfunktion für Charaktere aus dem ersten Teil. Genau das, worüber wir mit Greg Zeschuk damals im Interview plauderten.