Früher ging es in Rollenspielen noch gediegener zu. Da war man schon gefesselt, wenn Zauberer X Prinzessin Y aus Königreich Hastenichgesehn entführt hat. Oder wieder einmal irgendwer mit irgendetwas die Weltherrschaft an sich reißen wollte und wir mit einem Helden loszogen, der wahlweise der Auserwählte, der verlorene Sohn irgendeines Königs, ein Waisenkind mit Superkräften oder auch einfach alles auf einmal gewesen ist.

Heute ist das ein wenig anders, denn die Computerspiel-Branche hat die große Menschlichkeit für sich entdeckt. Politik, Sex, Korruption, Verrat, Fremdenhass – was nach dem üblichen Tagesgeschäft auf Seite eins der Bild-Zeitung klingt, ist stattdessen nur eine grobe Übersicht der Themenvielfalt, die sich im neuen Bioware-Meisterwek Mass Effect durch die mitreißend erzählte Geschichte spinnt.

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Mission: Menschlichkeit

Dabei klingt der eigentliche Handlungsrahmen noch relativ unspektakulär: Mithilfe eines mächtigen Artefaktes will Fiesling Saren eine mysteriöse Rasse von Maschinenwesen reaktivieren, um alles Leben im Universum auszulöschen. Immer mehr Anzeichen für die Rückkehr der todbringenden Weltenvernichter verdichten sich. Also schickt der Rat der intergalaktischen Völker den Specter Commander Shepard, um Saren zu stoppen.

Mass Effect - Odyssee im Weltall: Biowares Science Fiction-Kracher begeistert auch auf dem PC.

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Es menschelt sehr: Sogar Sex wird im Laufe der Story thematisiert.
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Soweit, so Groschenroman. Doch obwohl das Storygrundgerüst nicht frei von Klischees ist, liegt die narrative Stärke von Mass Effect nicht darin, was während des rund 40-stündigen Abenteuers erzählt wird, sondern wie. Großen Anteil daran haben die erstklassigen Dialoge und die tiefe Charakterzeichnung – schließlich hat hier wie im Vorgänger Knights of the Old Republic jeder noch so unwichtige NPC eine individuelle Persönlichkeit.

Starke Charaktere und jede Menge Interaktion

Die Interaktion mit wichtigen Charakteren funktioniert ebenfalls wie im genialen Star Wars-Rollenspiel: Über Multiple Choice-Fragen bestimmt ihr den Verlauf des Gesprächs und dürft dabei sogar wählen, ob ihr eher diplomatisch oder rotzig frech reagiert. So kann ein eigentlich harmloser Dialog auch schon mal zur zünftigen Schießerei ausarten. Dank ausgefeilter Gesichtsanimationen könnt ihr während der Gespräche jede Emotion eures Gegenübers schon an dessen Mimik erahnen.

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Alleine ist doof: In Mass Effect seid ihr stets im 3-Mann starken Team unterwegs.
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Auch innerhalb eurer Party menschelt es: Eifersucht, Liebe und Angst können in der Gruppe zu heftigen Spannungen führen. Bioware erschafft auf diese Weise ein extrem glaubwürdiges Charaktergeflecht, in dem die Figuren nicht einfach zur hohlen Staffage verkommen. Und zwar derart glaubwürdig, dass selbsternannte Sittenwächter sogar pornografische Inhalte im Spiel entdeckt haben wollen. (nachzulesen in unserem Report „Die Akte Sex“).

Im Laufe eures Heldendaseins gilt es zudem, Entscheidungen zu treffen, die den gesamten Spielverlauf im Nu ändern können. Diese beschränken sich allerdings nicht auf simple „Weg A oder B“-Optionen, sondern umfassen immer wieder zutiefst moralische Fragen. Entscheidungen der Marke „Ist das Leben eines Freundes wichtiger, als das Schicksal der Menschheit?“ dürften selbst abgebrühten Spielern einiges Kopfzerbrechen bescheren.

Bloß nicht vom Weg abweichen

Allein durch Konversation rettet man eine Galaxie allerdings nicht: Eure Hauptmission, die Suche nach dem Verräter Saren, führt euch durch allerlei exotische Sternensysteme, die ihr bequem aus dem Kommandoraum der „Normandy“ ansteuert. Der schnittige Raumkreuzer ist Fortbewegungsmittel und Operationsbasis in einem, auf dessen Decks ihr mit Crewmitgliedern sprecht oder Gegenstände und Charaktere verwaltet. Erst wenn ihr auf einem Planeten landet, um Informationen zu sammeln, geht es zu Fuß weiter.

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Über diese Karte navigiert ihr zwischen den Missionen umher.
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Die teils exzellenten Hauptmissionen sind dabei durchweg abwechslungsreich gestaltet und verzichten auf bloße Kampfübungen: Mal müsst ihr innerhalb eines Zeitlimits Bomben entschärfen, betäubt dem Wahnsinn verfallene Kolonisten mit speziellen Granaten oder löst knifflige Schalterrätsel. Dank der zahlreichen Filmsequenzen, die stetig die Geschichte weiterspinnen, bleibt selbst während schwacher Aufträge die Motivation auf hohem Niveau.

Erzählerisch extrem dichtes SciFi-Märchen, das viele Rollenspiel- Tugenden ob seiner brillanten Geschichte glatt vergisst.Fazit lesen

Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es leider auch. Ohne Haken geht es schließlich nicht, in Mass Effect heißt dieser „Nebenmissionen“. Schon nach wenigen Spielstunden platzt euer Questlog aus allen Nähten, voll gepackt mit kleineren Aufträgen, die allesamt in Sachen Qualität, Anspruch und Spielspaß stärker schwanken als der Autor dieser Zeilen nach einer ausgedehnten Kneipen-Tour.

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In Außenregionen herrscht schonmal karge Ödnis.
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Zum einen langweilen die Einsatzorte: Deren lieblos texturierte Landschaften wirken, als hätte jemand einen Eimer graue Farbe in die Leveldesign-Grabbelkiste geworfen und das Umrühren vergessen. Zum anderen nerven immergleiche Sammel- und Tötequests. Das ist auf Dauer nicht nur öde, sondern auch ärgerlich: Lässt man die Nebenmissionen nämlich links liegen, zieht auch der Schwierigkeitsgrad der Hauptstory aufgrund fehlender Erfahrungspunkte, Geld und Waffen stark an.

Fight the Future

Richten Worte und Diplomatie nichts mehr aus, greift ihr zur Plasmakanone - und zwar grundlegend anders als z.B. noch in KotOR. Überraschenderweise spielt sich Mass Effect nämlich wie ein reinrassiger First-Person-Shooter. Rundenbasierte Kämpfe, deren Verlauf durch komplexe Regelsysteme und Schadenswürfe bestimmt werden, gibt es hier nicht. Stattdessen zielt ihr in Echtzeit auf den Gegner, sucht Deckung oder werft Granaten.

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Die Shooter-Variante erinnert stark an einen indizierten Epic-Shooter.
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Rollenspiel-Fans, denen dieses System zu hektisch ist, wählen stattdessen die taktischere Variante: Pausiert ihr während eines Feuergefechtes den Kampf, öffnet sich ein Optionsmenü, über das ihr Teammitgliedern Anweisungen erteilt oder erlernte Fähigkeiten und Talente aus der Aktionsleiste wählt. So könnt ihr etwa per Adrenalinschub mehreren Gegnern schaden oder für kurze Zeit eure Schilde verstärken.

Auch wenn die - im Allgemeinen sehr gut auf den PC portierte – Steuerung deutlich präziser funktioniert, enttäuscht der Taktikmodus. Punktgenaue Anweisungen sind aufgrund der fummeligen Bedienung kaum möglich, die Squadkommandos sind sogar völlig unbrauchbar. Schließlich darf man seine beiden Teamkameraden nur gemeinsam losschicken – Einzelanweisungen sind nicht drin.

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Der Taktikmodus lässt sich selbst am PC nicht präzise genug steuern.
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Auch der Shooterpart gibt Anlass zur Kritik: Spielerisch erinnern die actionreichen Schlachten zwar an eine indizierte Epic-Ballerei, da eure Zielfertigkeit jedoch von bestimmten Skills wie Präzision oder der Stufe eurer Waffenfähigkeiten abhängen, habt ihr trotzdem nie das Gefühl, voll und ganz Herr der Lage zu sein. Zudem wird die lahme Gegner-KI den Maßstäben aktueller Ego-Shooter nicht gerecht.

Wirklich ausgefeilt ist keine der beiden Varianten, weder Shooter-Profis noch Rollenspiel-Puristen dürften wirklich glücklich mit den jeweiligen Kampfsystemen werden. Dafür hat uns das „Quasi-Magiesystem“ in Mass Effect überzeugt. Entscheidet ihr euch während der Klassenwahl zu Beginn des Spiels z.B. für einen Adepten, erhaltet ihr Zugriff auf die so genannten Biotik-Fähigkeiten, mit denen ihr etwa Gegner durch die Lüfte wirbeln könnt.

Odyssee im Weltraum

Wo das Kampfsystem schwächelt, macht die Präsentation wieder Boden gut – und das nicht zu knapp. Auch wenn nicht alle Texturen durchweg gelungen sind, stimmt doch das Gesamtdesign: Ob man nun in der gigantischen Citadel-Raumstation unterwegs ist, in den lichtdurchfluteten Gängen der Normandy oder in den zerstörten Ruinen einer vergessenen Alienstadt – in den besten Fällen erinnert die extrem atmosphärische Gestaltung an alte SciFi-Filmklassiker wie „Alien“ oder „2001“.

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Sehr stimmungsvoll: Das Design könnte einem SciFi- Film entliehen sein.
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Auch das Sounddesign gefällt: Es „bliept“ und „ploppt“, als hätten R2-D2 und Co. ihre letzte Roboterpokerrunde kurzerhand ins Bioware-Tonstudio verlegt, die dezente aber thematisch exzellent auf das düstere Science Fiction-Setting abgestimmte Musik könnte glatt Ridley Scotts „Blade Runner“ entliehen sein. Zur Stimmungsmache legt Mass Effect übrigens einen grobkörnigen Filter über das Bild, der ist allerdings optional und lässt sich jederzeit abschalten.

Den größten Anteil am Atmosphärekuchen tragen jedoch die großartigen Zwischensequenzen. Deren Regie ist zwar nicht übermäßig spektakulär, aber dank der brillanten Geschichte, immer noch packend genug, um bis zum tollen Ende vor den Bildschirm zu bannen. Besonders gefallen hat uns jedoch die Vertonung, die zu jeder Zeit den richtigen Ton trifft – leider keine Selbstverständlichkeit im Rollenspiel-Genre.

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Gähnende Leere: Mass Effect wirkt häufig seltsam steril.
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Schade, dass Bioware auch alte KotOR-Mängel übernimmt: Immer noch bewegt man sich durch lineare Levelschläuche, die Umgebungen sind seltsam leblos, trifft man dennoch einmal auf ein paar NPCs stehen diese meist teilnahmslos herum. Die Simulation einer atmenden, pulsierenden Welt, wie sie etwa „Gothic“ oder „The Witcher“ durch Tagesabläufe der Bewohner bzw. Tag/Nacht-Wechsel demonstrieren, fehlt hier völlig.

Portierung mit Mängeln

Ubisoft hat’s mit Assassin’s Creed im vergangenen Monat vorgemacht, Bioware zieht nun nach. Gemeint ist die PC-Portierung, die man im Großen und Ganzen als gelungen bezeichnen kann. Die Steuerung geht gut von der Hand, die Menüs und Inventars wurden extra optimiert, und im Kampf ermöglicht nun eine neue Quickslotbar am oberen Bildschirmrand den schnellen Zugriff auf wichtige Fähigkeiten.

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Mass Effect sieht zwar schön aus, hat aber mit technischen Mängeln zu kämpfen.
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Doch auch wenn Mass Effect auf dem PC einen nicht ganz so unfertigen Eindruck wie noch auf der Xbox 360 macht, haben sich kleinere technische Mängel in die Heimcomputer-Version eingeschlichen: Manche Grafikkarten stellen die SciFi-Mär nicht richtig dar, die Framerate bricht auf schwächeren Systemen gerne ein und in einigen wenigen Fällen stürzte unsere Version sogar ab – nichts, was ein kleiner Patch nicht beheben könnte.

Darüber hinaus hat man auf Gameplay-Verbesserungen jedweder Art komplett verzichtet. So schummeln sich denn auch viele Kritikpunkte der 360-Fassung auf den PC. Das Auto Save-System setzt die Speicherpunkte immer noch sehr unzuverlässig, nach dem Bildschirmtod müsst ihr häufig ganze Abschnitte von vorn beginnen. Die berüchtigten Fahrstuhlsequenzen, in denen Shepard und Co. oft eine halbe Minute zum Nichtstun verdammt sind, feiern ebenfalls ihr diskussionswürdiges Revival.