Bescheiden ist er ja nicht gerade, der Herr David Brevik. Als ehemaliger Präsident von Blizzard North und Schöpfer der Diablo-Serie hat er gelernt, wie man mit Schlagworten Eindruck schindet. „Diablo meets Marvel on steroids“ ließ er in der gamescom-Präsentation zu Marvel Heroes locker flockig vom Stapel, als sei der Entwurf eines Hitsellers einer seiner leichtesten Übungen.

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Es wirkte alles einstudiert, so wie ein guter-Cop-böser-Cop-Verhör. David Brevik verkündete in überirdischer Gelassenheit das qualitativ hochwertigste Free-To-Play-Spiel, das je geschaffen wurde, ohne auch nur einen Strohhalm an nachverfolgbarer Legitimation zu hinterlassen. Währenddessen tänzelten seine Sidekicks von Gazillion Entertainment aufgeregt um ihn herum wie zwei Star-Wars-Fanboys, denen Harrison Ford aus Versehen auf die Schuhe spuckte.

Marvel Heroes

- Diablo trifft Marvel auf Steroiden
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Marvel Heros spielte sich in der Präsentation wie Diablo mit zusätzlichem Kniff: Auf Wunsch darf man den Superhelden augenblicklich austauschen.
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Sie taten es auf sympathische Weise, meinten es gut und vielleicht sogar ehrlich. Alle lachten, scherzten und waren gut drauf – inklusive den anderen anwesenden Journalisten und mir. Tatsächlich gehörte diese Vorführung samt kurzem Probespiel gerade deswegen zu den unterhaltsamsten und einprägsamsten der Messe.

Als ich dann abends in mein Notizbuch schaute, hatte ich weniger Grund zum Lachen. Diablo meets Marvel – das kann ich ohne Gewissensbisse stehen lassen. Wo die Steroide versteckt sind, konnte ich nicht erkennen. Ein paar Ansätze gab es ja, doch die standen im Schatten genau so vieler Durchhänger.

Abenteuer mit dem Wolfsspinnenhulk

Ein paar davon waren offensichtlicher als andere. Gazillion versprach einen kompletten Rundumschlag durch das Marvel-Universum. Helden und Bösewichte jeglicher Coleur, von Spiderman und Wolverine über Madame Hydra bis Magneto und The Blob. Dazu Schauplätze, die von der berühmten X-Mansion bis zur alienbesetzten Insel Savage Land reichen und vieles mehr.

Spielerisch schon jetzt sehr vielversprechend, aber das strategische Umschalten zwischen den Superhelden hat seine Schattenseiten.Ausblick lesen

Mein erster Gedanke: Dadurch wird Marvel Heroes nur zu einem Diablo für Marvel-Fans und nicht zu einer echten Alternative zu Diablo 3. In gewissen Momenten der Präsentation beschlich mich das Gefühl, das wäre den Entwicklern nicht ganz bewusst.

Kein Wunder: Das erprobte Design packte auch mich bereits nach wenigen Sekunden. Perspektive, Steuerung, Handhabe – man fühlt sich sofort wie zuhause und ist bereit, den Hochglanz-Comic-Hintergrund als verspielte Alternative zum Säubern stickiger Kerker zu sehen. Eine Weile lang.

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Das Spektakel läuft auf der Unreal Engine 3 und soll haufenweise authentische Inhalte mitbringen.
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Ein kurzer Schnack mit Professor Xavier, schon ging die Reise los. Dr. Doom drängt sich in diesem Dungeonklopper als Oberfiesling auf, da er den Kosmischen Würfel in die Hände bekommen hat. Außerdem besetzt eine Gruppe faschistoider Rebellen namens „The Purifiers“ die Metropole Mutant Town. Um dem entgegenzuwirken, zog ich mit drei Compagnons in die erste Schlacht. Vier mutige Superhelden gegen die finstere Brut.

Allerdings ohne festen Rollenzwang. In Marvel Heroes darf jeder Spieler zu jeder Zeit den Helden austauschen. Von Hulk auf Spiderman schalten kostete nicht mehr als einen Mausklick im entsprechenden Menü. Und da war er wieder: dieser Moment, in dem ich selbst als erfahrener Zocker nicht wusste, was ich davon halten sollte.

Diablo mit Marvel-Mod?

Wenn mich jemand hinsichtlich der Anspielgelegenheit fragen würde, ob ich Spaß hatte, ob das Umschalten zwischen den Superhelden strategisch nützlich war und ob ein „humorvolles Chaos“ entstand, so müsste ich ihm dreimal begeistert mit „Jawohl, und ob!“ entgegnen. Dank diverser zeitabhängiger Buffs (Hulk up!) unterscheiden sich alle Super-Haudegen spürbar voneinander, sodass man sie nicht auf's Geratewohl austauscht. Speziell bei Bossen wird das wohl eine große Rolle spielen.

Unterwegs sammelt jeder seinen eigenen clientgebundenen Loot – keiner kann einem anderen Schätze vor der Nase wegschnappen – und greift nach dem Kampf fleißig nach Komponenten und Rezepten fürs Crafting, die sich unter Anderem in der individuellen Bekleidung widerspiegeln sollen. Damit die Runs bei Wiederholtem Angehen nicht langweilig werden, sollen gewisse Zonen zudem zufallsgeneriert werden. So weit, so spaßig.

Nun die Schattenseite: Für den Handlungsanteil und die in Rollenspielen enorm wichtige Charakterbindung ist dieser Schachzug tödlich. Es geht um Superhelden. Sie sind reine Allmachtsphantasien, geboren aus einem Gefühl der Hilflosigkeit. Das beste Beispiel ist DCs Superman, dessen übernatürliche Stärke eine Zeit lang als Propaganda-Kult im Krieg gegen die Nazis herhalten musste. Sie verkörpern Unbesiegbarkeit.

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Gazillion verspricht zufallsgenerierte Kampfzonen, die erneute Runs abwechslungsreicher gestalten.
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Charakterlich interessant werden solche Superkraft-Ansammlungen trotzdem erst durch ihre wahre Identität und ihr Umfeld. Spidermans Drang zur Allmacht keimt doch schon im Alltag auf, wenn Chefredakteur Jay Jonah Jamison ihm die Hammelbeine langzieht. Genau solche Dinge verbinden den Comic-Fan mit ihrem liebsten Helden. Ihre nachvollziehbaren Schwächen, ihre Beziehungen, ihre Laster. Wer Peter Parker kennt, gönnt ihm seine Spinnenkräfte und versteht sein Handeln. Und beim Hulk genau andersherum, weil die Wutausbrüche des Herrn Banner eher Fluch als Segen darstellen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ohne ihre wahren Identitäten sind Superhelden nur halb so viel Wert. Wenn man dann auch noch zu strategischen Zwecken zwischen ihnen hin und her schaltet, geht der persönliche Bezug komplett flöten. Es ist als ob Gazillion vom Spieler erwarte, ein allgemeiner Marvel-Fan zu sein, statt „nur“ ein Spiderman-Enthusiast.

Wäre es nicht interessanter gewesen, zwischen Logan und Wolverine umschalten zu können, oder zwischen Bruce Banner und dem Hulk? Das hätte sowohl strategische als auch handlungsorientierte Twists offenbar. Der große Marvel-Autor Brian Micheal Bendis ist für die Handlung verantwortlich und wird sich wahrscheinlich die Finger wund geschrieben haben, um einen epischen Gut-vs.-Böse-Rahmen zu spinnen. Hoffentlich kommt die persönliche Note im Gewusel all der bunt gemischten Megaklopper und Superbräute nicht zu kurz. Bisher war davon nichts zu sehen.

Da Marvel Heroes schon bald in die geschlossene Betaphase geht, dürfte am Konzept nicht mehr viel zu rütteln sein. Es bleibt somit abzuwarten, wie Marvel-Fans das Produkt aufnehmen. Wie gesagt: spielerisch hat das alles Sinn, sodass selbst hartgesottene Diablo-Profis ohne Comicfimmel einen Blick wagen können. Ist ja schließlich free to play, nicht?

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Ein Datum für die Veröffentlichung steht noch nicht fest. Marvel Heroes geht aber schon bald in die geschlossene Beta.
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Ein paar Kinderkrankheiten wären noch auszumerzen, etwa das grafische Chaos im Kampfgewusel. Wenn vier Helden um einen Boss tänzeln, erkennt man kaum noch, wer gerade wen steuert. Schon gar nicht, wenn ein Superheld mehrfach vorkommt. Da helfen auch individuelle Bekleidungen nur wenig.

Trotzdem hält David Brevik sein Versprechen. Marvel Heroes wird bei entsprechendem Feintuning ein unheimlich hochwertiges Free-To-Play-Erlebnis. Und sei es nur als ungezwungene Arcade-Klopperei. Wir glauben ihm einfach mal, wenn er sagt, dass niemand durch Einkäufe im eingebundenen Shop bevorzugt wird. Alle erwerbbaren Waren sollen dem Spielkomfort dienen. Beispiele wollte er leider nicht nennen.