Was soll das? Wer hat ihn unterschlagen? Fragt nicht so blöd, ist doch offensichtlich! Mario fehlt im Titel des Spiels. Ja, wenn ich's doch sage. Lest mal genau: Da steht Mario & Luigi: Paper Bros Jam. Und was ist mit dem zweiten Mario? Korrekt müsste der Titel lauten „Mario, Luigi & Mario, Starring Peach & Peach mit Gaststars Toad, Toad, Toad, sowie Toad und Toad und seine 2673 Klone“. Rollt nicht so gut von der Zunge, sagt ihr? Okay, da ist was dran.

Mario & Luigi: Paper Jam Bros. - TrailerEin weiteres Video

Auf Nintendo ist Verlass! Selbst in Zeiten täglicher Terrormeldungen und angespannter internationaler Politik lässt sich diese Firma nicht die Butter vom Brot nehmen. Ein hermetisch abgeschirmtes Stück Unbekümmertheit steckt in diesem kleinen 3DS-Modul, und es wirkt wie Balsam für aufgeriebene Seelen. Als ob man das Gefühl der Kindheit in ein paar Zeilen Software konservieren könnte.

Mario & Luigi: Paper Jam Bros. - Pilz-Origami mit Rollenspiel-Geschmack

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Das Spiel ist bunt und knuffig wie immer. Jetzt nur in zwei Stilvarianten.
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In sturer, unbezwingbarer Fröhlichkeit dudelt eine Klimper-Melodey aus dem Lautsprecher, während satte, ja, beinahe schrille Farben den Bildschirm füllen. Schelmischer Blödsinn steckt in jeder Zeile Text, als ob Nintendo einen Wettbewerb um die absurdeste Hintergrundgeschichte des Jahres gewinnen wollte. Wer mit dem Wort Rollenspiel epische Schlachten und bierernste Geschichten verbindet, dürfte in Verwunderung den Kopf schütteln!

Worum es geht? Puh, schwer zu erklären, weil kein Handlungsstrang länger als fünf Minuten irgendwo hin führt. Jeder noch so bescheuerte Zufall kann zu einer Untermission führen oder den kompletten Handlungsbogen verdrehen. Nun, eigentlich geht es um die gleiche Geschichte wie immer. Während das Klempner-Heldengespann überall im Schwammerl-Reich verschreckt Toads sucht, entführt Bowser (wie gewohnt) die Pilz-Prinzessin, nur dass es diesmal gleich zwei davon gibt. Zwei Bowser und zwei Prinzessinnen. Und zwei Marios, die zur Hilfe eilen, denn die zweidimensionale Welt von Paper Mario verschmilzt plötzlich mit der echten... Welt... Mein Gott, liest sich das albern. Sei es drum: Alles existiert doppelt, ein Mal in dreidimensionaler Form und ein Mal als Papier-Variante. Nur während eine Partei die Gelegenheit zur Teambildung nutzt, zanken sich die Doubles bei den Bösen um die Macht. Ein herrlich bescheuertes, höchst amüsantes Schauspiel.

Hüpfen nach Zahlen

Die Rettung der rosafarbenen Aristokraten findet allerdings nicht im Rahmen eines Hüpf-Abenteuers statt. Jedenfalls nicht direkt. Vielmehr geht es um ein Rollenspiel, das viele Eigenschaften eines Jump-and-Runs in Zahlenwerte verpackt. Der Sprung auf den Kopf eines Goombas wird somit zu einer ebenso berechneten Angelegenheit wie das Verspeisen eines Super-Pilzes. Rundenweise bekämpfen unsere drei Retter viele von Bowsers Schergen, schlagen hier mit dem Hammer zu, da mit einer Runde Schildkröten-Ping-Pong und dort mit einer vernichtenden Squash-Einlage, auf das harte Strategen in möglichst wenigen Zügen viele Trefferpunkte heruntersäbeln. Schnell noch einen Pilz-Buff aktiviert, damit man den Boss überlebt, in der Hoffnung bei Level-Up einen Latzhosen-Grit abzustauben. Auch toll: Ninja-Sterne jonglieren. Erwähnte ich schon, wie albern das alles klingt?

Mario & Luigi: Paper Jam Bros. - Pilz-Origami mit Rollenspiel-Geschmack

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Süße Minispiele unterhalten euch zwischen den Kämpfen.
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Taufrisch ist dieses System mitnichten. Im Gegenteil, nächstes Jahr feiert die große Vorlage „Super Mario RPG“ (Super Nintendo) ihren zwanzigsten Geburtstag. Trotzdem ist es schön festzustellen, dass den Jungs von Nintendo immer neue Varianten und Abweichungen einfallen, die ein komplettes Spiel zu füllen vermögen. Und sei es eben durch die Verschmelzung der Grundpfeiler aus „Mario & Luigi“ mit den Tugenden von „Paper Mario“ - die übrigens allesamt Derivate von Super Mario RPG darstellen.

Ein typischer Nintendo-Hit: kreativ, abwechslungsreich, knuddelig und bis zum Rand gefüllt mit alberndem Rollenspiel-Spaß.Fazit lesen

So unterschiedlich beide verschmolzenen Genres auch sein mögen, sie teilen ihre Talente doch sehr brüderlich. Der Beste aller Strategen bleibt ohne eine gehörige Portion Timing chancenlos. Etwa, weil man mit den drei Helden, die im Gänsemarsch über die Oberwelt marschieren, hintereinander weg über klaffende Schluchten hüpfen soll. Oder weil besondere Angriffsvarianten flinke Reflexe abverlangen. Oder weil man Feindattacken in einer Schlacht am besten durch beherztes Hüpfen aus dem Weg geht. Nicht zuletzt beim Übergang in eine Kampfszene sind Jump-And-Run-Talente höchst dienlich, denn wer den ersten Angriff wagt, liegt gleich zu Anfang im Vorteil. Also schwupps auf der Oberwelt auf einen Koopa Troopa gesprungen, bevor selbiger dem Kettengespann auf den Leib rückt, schon purzeln die ersten Trefferpunkte bevor der Kampf überhaupt begonnen hat.

Toad-Origami

Zugegeben: Hüpfspiele im Rollenspiel-Korsett klingen nach trockener Theorie. Es benötigt obendrein nur ein paar erfolgreich absolvierte Schlachten, um festzustellen, dass der allgemeine Schwierigkeitsgrad nicht besonders hoch ausfällt. So ein Schlagabtausch mit Feldgegnern dauert selten länger als zwei Minuten und Bosse geben relativ schnell klein bei, wenn man erst weiß, wie man sie richtig bekämpft.

Mario & Luigi: Paper Jam Bros. - Pilz-Origami mit Rollenspiel-Geschmack

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Ein zweiter Bowser bedeutet vor allem Konkurrenz und führt zu abstrusen Dialogen.
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Was Mario & Luigi: Paper Jam Bros. vor langweiligen Durststrecken bewahrt, sind stetig neue Angriffsvarianten und Mini-Spiele, die in regelmäßigem Turnus aufgetischt werden. Allem voran die stetige Suche nach Papier-Toads, die sich in begrenzten Arealen vor Bowser verstecken und manchmal nur mit Adleraugen aufzuspüren sind. Aber auch Verfolgungsjagden, Sammelspiele, Herdentreiben, Geheimgänge suchen, Quizfragen beantworten und ausgefallene Einwürfe der Marke „Pappkoloss-Ringkampf“ füllen jeden neuen Abschnitt mit Unterhaltungswert. In der Party ist ständig etwas los, muss quasi alle Nase lang etwas verändert und umgestellt werden. Allerdings bleibt der Fokus auf den beiden Haupthelden, nämlich den dreidimensionalen Varianten von Mario und Luigi. Insbesondere was die Ausrüstung angeht eine übersichtliche Angelegenheit, die gar nicht erst versucht, mit Schwergewichten wie Diablo oder The Witcher mitzuhalten, dafür aber Witz und Sammeltrieb Vorrang gibt. Etwa in Form von Sammelkarten, die besonders starke Angriffe ausspielen. Rollenspiel ist halt nicht gleich Rollenspiel.

Kenner der Mario & Luigi-Serie sollten sich zudem vor dem Erwerb des Moduls im Klaren sein, dass die Basis des Spielsystems nicht von Grundauf neu gestaltet wurde. Viele Spielelemente des Vorgängers wurden beibehalten oder nur minimal abgewandelt.

Mario & Luigi: Paper Jam Bros definiert Komplexität auf andere Weise. Etwa durch die Auswirkung von Angriffsvarianten bei Freund und Feind. So kommen einige Papier-Bösewichte in Form mehrerer Kopien daher, die hintereinander gestapelt wie ein vereinter Gegner agieren, aber scheibchenweise besiegt werden müssen. Auf ähnliche Weise darf Paper Mario Kopien seiner selbst anfertigen und mehrmals in einem Streich angreifen. Einerseits ein gelungener Witz, weil die zweidimensionalen Papier-Figuren doch eine gewisse „Tiefe“ erarbeiten – sie imitieren quasi ihre 3D-Gegenstücke. Andererseits ein strategisches Element für beide Seiten, das im Laufe des Spiels stetig komplexere Formen annimmt.