Mit Innovationen in Strategiespielen ist das so eine Sache. Mal schmeißen sie sämtliche Konventionen über den Haufen und vergrätzen damit die komplette Zielgruppe, zuletzt geschehen bei Stormrise, ein anderes Mal werden eigentlich clevere Ideen wie die enge Verzahnung von Strategie und Rollenspiel in Demigod von Spielern bei den Verkaufszahlen wider Erwarten abgestraft. Nur alle Jubeljahre schaffen es intelligent designte, inhaltlich neuartige Strategieperlen – in jüngerer Vergangenheit etwa Warhammer 40K: Dawn of War II – Gamer auf breiter Linie zu verzaubern.

Majesty 2, unser heutiges Testobjekt der Begierde, geht trotzdem voll auf Innovations-Angriffskurs. Mit einer indirekten Einheitensteuerung versucht der Titel, das abgedroschene Fantasy-Szenario zu kaschieren, alte „Dungeon Keeper“-Zeiten wieder aufleben zu lassen und so zu verzaubern.

Majesty 2 - The Fantasy Kingdom Sim - Majestic Gameplay Trailer2 weitere Videos

Das hässliche Entlein

Wir Menschen gelten gemeinhin als stark visuell geprägt. Übertragen auf „Majesty 2“ daher gleich zu Beginn unseres Artikels eine Warnung: Die schmucklosen Screenshots und mittelprächtig geschnittenen Trailer werden dem Spiel nicht gerecht. Mag der Titel auf diesen noch wie ein 0815-RTS aus der Konserve wirken, so entfaltet er doch binnen kürzester Zeit ein gehöriges Maß an Faszination.

Majesty 2 - Fantasy-tastisch: der Strategiegeheimtipp des Jahres

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 19/241/24
Majesty 2 nimmt sich selbst nicht allzu ernst. Oder wartet Herr der Ringe ebenfalls mit Fernsehantennen an Magiertürmen auf?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Das liegt weniger am augenzwinkernden Fantasy-Setting (Geschmackssache!), sondern vielmehr an der frischen, lange nicht mehr gesehenen Spielmechanik. Direkte Einheitenkontrolle verbannt „Majesty 2“ ins Nirwana und setzt stattdessen auf eine indirekte Steuerung. Heißt: Die Helden, rekrutiert über einen traditionellen Basisbau, führen ein Eigenleben und machen, was sie wollen.

Des Spielers Aufgabe besteht in der Motivationsförderung der Burschen mittels Belohnungen. Ob Gebietserforschung, Eskorten oder Angriffe: Für alle gewünschten Aktionen müssen per einfachem Rechtsklick Flaggen gesetzt und diese mit Geldbeträgen versüßt werden. Je gefährlicher der Auftrag, desto höher sollte der Sold ausfallen. Ansonsten bleiben die meisten Heroen lieber im Dorf und prahlen in der Taverne mit ihren Geschichten.

Arbeit und Geld durch Wachstum

Das Gold für die Belohnungen erhalten Spieler über einen simplen Wirtschaftskreislauf. Steuereintreiber sammeln automatisch Geld bei der Bevölkerung ein, die sich ebenso automatisch im Umfeld des sicheren Dorfes ansiedelt. Und auch die Helden bringen die Wirtschaft in Schwung, investieren sie die verdienten Münzen doch regelmäßig in frische Heiltränke und verbesserte Ausrüstung. Die bekommen sie wiederum, wie könnte es auch anders sein, vom königlichen Regenten, dem Spieler, der zu diesem Zweck Marktplätze und Schmieden in die Landschaft stellen sollte.

Majesty 2 - Fantasy-tastisch: der Strategiegeheimtipp des Jahres

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 19/241/24
Einen übel gelaunten Oger verspeisen erfahrene Helden zum Frühstück. Oder auch zum Mittagessen. Und wenn es sein muss, sogar zum Dinner…
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Bei den Einheiten haben virtuelle Gebieter die Qual der Wahl. Vom Ausbildungslager für Heiler und der Kämpfergilde über elfische Bogenschützen bis hin zu Schurkenlagern reicht die mannigfaltige Auswahl an Rekrutierungsstätten.

Die Vor- und Nachteile der Recken geben sich klassisch. Priester etwa brutzeln Untote in Sekunden zurück ins Grab, kippen aber beim kleinsten Windhauch aus den Latschen. Krieger wiederum stecken mehr ein als unsere Praktikanten, sind jedoch anfällig gegen Fernkampf und Magie. Eine gesunde Mischung verschiedenster Kämpfernaturen ist also entscheidend.

Majesty 2 - Fantasy-tastisch: der Strategiegeheimtipp des Jahres

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 19/241/24
Die Kampagnenkarte: schmucklos, aber praktisch. Nur an der Storybindung hapert es.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Allen Figuren gemein ist, dass sie mit jedem getöteten Feind Erfahrung sammeln, Stufen aufsteigen und stärker werden. Eine Levelgrenze existiert nicht. Hochgradig motivationsfördernd: In jeder der insgesamt 16 Missionen dürfen Spieler einen ihrer lieb gewonnenen Streiter zum Lord befördern und in den nächsten Einsatz übernehmen. Werden die Jungs fortan gefordert und gefördert, entwickeln sie sich im Laufe der 16 Missionen umfassenden Kampagne zu wahren Superhelden. Die Kosten für deren Rekrutierung steigen so zwar ungemein, die Kampfkraft und Skills aber ebenso.

Lach doch mal!

Die Story von „Majesty 2“ nimmt sich erfrischend unernst. Von „realistischer“ Fantasy ist der Titel so weit entfernt wie Kollege Hain vom Auszug aus dem behüteten Elternhaus. Das macht sich fest an brüllend komischen Missions- Einleitungstexten und kuriosen Details wie etwa Magiertürmen, an denen große Fernsehantennen empor ragen. Fans, denen selbst „Herr der Ringe“ noch zu verspielt erscheint, dürften sich daran stören. Alle anderen erfreuen sich am augenzwinkernden Umgang mit dem Thema, den Spiele generell viel zu selten bieten.

Majesty 2 - Fantasy-tastisch: der Strategiegeheimtipp des Jahres

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 19/241/24
Das gamona-Dorf im Überblick: Die gigantische Statue von Chefredakteur Grimm trägt jeden Tag aufs Neue zur schier grenzenlosen Motivation des einfachen Volkes bei…
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Auch der Abwechslungsreichtum innerhalb der Einsätze stimmt. Mal muss der Spieler seine Siedlung gegen einen verärgerten Rattenkönig beschützen, der die Käsevorräte des Reiches plündern will. Ein andermal sollen Artefakte erobert, Drachen ausgeschaltet oder wichtige Dokumente eskortiert werden. Die auf einer Weltkarte wählbaren Missionen werden stets anspruchsvoller. Einige der späteren Aufträge sind gar so schwierig, dass sie sich nur nach mehrmaligem Neustart und Zurechtlegen hilfreicher Taktiken lösen lassen.

Gerade die ersten Minuten sind oft entscheidend, da die eigenen Helden noch schwach, die feindlichen Angriffe aber zahlreich sind. Wer hier nicht schnell reagiert und zugleich die Basis aufbaut und seine wenigen Krieger an mehreren Fronten kämpfen lässt, der wird binnen Minuten überrannt. Unterschiedliche Schwierigkeitsgrade hätten hier Wunder gewirkt.

Majesty 2 - Fantasy-tastisch: der Strategiegeheimtipp des Jahres

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 19/241/24
David gegen Goliath: Dank reichlich gesammelter Erfahrung und zahlreicher erforschter Upgrades ein leichtes Spiel für Zwerg David.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Schade auch, dass die Story um einen Nachwuchskönig, der sich gegen die finsteren Mächte des Landes behaupten muss, nur sehr oberflächlich erzählt wird. Überhaupt ist die Geschichte kaum mehr als ein Deckmantel für die spannenden Missionen. Eine etwas bessere Inszenierung samt cineastischer Zwischensequenzen und dramatischer Scriptsequenzen hätte „Majesty 2“ in die Königsklasse der Echtzeitstrategie katapultiert. So aber bleiben nur der Prinzentitel und die Hoffnung auf gute Verkaufszahlen, die einen noch besseren dritten Teil ermöglichen.