Action-Rollenspiele sind allesamt ähnlich aufgebaut. Monster tothauen, zaubern und schießen, Erfahrung sammeln, Charakterwerte verbessern, neue Fähigkeiten erlernen und Ausrüstung anhäufen. Was aber, wenn ein Action-Rollenspiel seine Prioritäten anders legt? Alle aufgezählten Elemente außen vor lässt und dafür das Zaubern um ein Vielfaches komplexer gestaltet als im Genre üblich? Dann haben wir den Kern von „Magicka“ schon recht genau beschrieben.

Magicka - Trailer 2Ein weiteres Video

Auf den ersten flüchtigen Blick, beim Betrachten von Screenshots, scheint „Magicka“ zu sein wie der typische 08/15-Action-Rollenspiel-Vertreter. In Zeiten grafischer Opulenz fällt es fast schon aus dem Betrachtungsraster. Es sieht technisch veraltet aus, spielen wird es sich wohl auch wie alle anderen Titel - das kann nichts sein! Dabei täuscht der erste Eindruck gewaltig. „Magicka“ macht so vieles anders als „Diablo“ und Konsorten, dass ich mich schwertue, beide im gleichen Atemzug zu nennen.

Magicka - Diablo im Minirock: keine Schönheit, trotzdem sexy

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Der Imperator hätte es nicht besser hinbekommen. SO und nicht anders hat ein wirkungsvoller Blitzschlag auszusehen.
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Wie bereits angedeutet opfert das Spiel so ziemlich jeden Action-Rollenspiel-Standard, um auf der anderen Seite eine Funktion umso intensiver herauszustellen: das Magiesystem. Verdauen muss man das natürlich erst einmal. Ein Action-RPG ohne nennenswerte Charakterentwicklung, ohne Inventar, ohne Erfahrungspunkte, mit vernachlässigbarem Nahkampfsystem. Alles gestrichen, um die Zauberei so vielfältig zu gestalten wie in keinem Genrevertreter zuvor.

Humorvoller Fantasy-Nonsens

Es gibt Spiele, die unterhalten ihrer Geschichte wegen. Andere ziehen die Motivation eher aus der Spielmechanik. Im besten Fall gibt’s beides. „Magicka“ nährt sich eindeutig von seiner Spielmechanik. Die Story ist hochgradig belanglos. Ein Fantasy-Reich ist dem Untergang geweiht, nur mächtige Magier können den Untergang abwenden. Dramaturgische Substanz fehlt dem Spiel fast gänzlich.

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So idyllisch und hübsch ist „Magicka“ in den wenigsten Bereichen. Zumindest die Zaubereffekte sind aber größtenteils wirklich schön anzuschauen.
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Und doch demotiviert die Geschichte zumindest nicht, dem Humor sei Dank. Das Spiel nimmt sich an keiner Stelle ernst, will gar nicht den Anschein erwecken, eine bis ins letzte Detail ausgetüftelte Beststeller-Geschichte zu erzählen. Es gefällt sich selbst viel besser darin, am laufenden Band die Popkultur auf die Schippe zu nehmen. Star Wars, Monty Python, Diablo - sie alle werden humoristisch durch den Kakao gezogen.

Und auch vor sich selbst macht „Magicka“ nicht halt. Dass die Magier im Spiel aussehen, wie man sich Merlin und seine Genossen so vorstellt, mit langen Gewändern und über den Kopf gezogener Kapuze, darauf reagiert ein NPC schon früh im Spiel mit der Feststellung: „Zauberer müsste man sein. Sie laufen den ganzen Tag nur mit Morgenmänteln durch die Gegend“. Der Humor wird in „Magicka“ vornehmlich durch die Dialoge transportiert. Will man ihn aufnehmen, wird man leider zum Mitlesen gezwungen. Das Spiel enthält zwar Sprachausgabe, die ist aber Fantasiegebrabbel, das an „Die Sims“ mit irgendeinem skandinavisch angehauchten Dialekt erinnert.

Der Star ist die Magie

Kommen wir zum Alleinstellungsmerkmal von „Magicka“: dem Magiesystem. Grundlegend stehen acht Elementarzauber zur Verfügung, darunter Wasser, Elektrizität, Heilung, Feuer, Arkan und Erde. Der Held kann jedes Element für sich betrachtet als Zauber auslösen. Dabei hat er die Möglichkeit, ihn auf sich selbst zu wirken, rundum zu schleudern oder nach vorne zu schießen. Beispiel Heilung: Auf sich selbst angewendet wird der Magier geheilt, in der Schussvariante wird ein Heilungsstrahl erzeugt, der Umgebungsspruch generiert ein rundes Heilungsfeld.

Jedes Element muss über eine Taste aktiviert werden. Und zwar jedes Mal aufs Neue, wenn es gewirkt werden soll. Wollt ihr einen Blitz schleudern, müsst ihr also erst das Element Elektrizität mit der Taste A auswählen. Daraufhin dürft ihr mit der Maus den Stromstoß auslösen. Für einen erneuten Blitzzauber muss das Prozedere wiederholt werden.

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Wenn sich mehrere Spieler durch die Feinde brutzeln, potenziert sich die Wirkung.
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Schön, dass auch die Umgebung in die Zauberei eingebunden wird. Mal müssen Seen zugefroren werden, um ans andere Ufer zu kommen, ein andermal gilt es, Feuer zu löschen oder Apparaturen mittels Elektrizität anzukurbeln. Und dass ich nicht im Wasser stehend mit Blitzen herumschleudern sollte, versteht sich eigentlich auch von selbst.

Keine Liebe auf den ersten Klick, aber dank des wahnsinnig vielfältigen Magiesystems ein echtes Kleinod, vor allem im kooperativen Mehrspielermodus.Fazit lesen

Richtig komplex und einzigartig wird das Ganze, wenn ihr die Elemente untereinander bis zu fünfmal kombiniert. Manche schließen sich gegenseitig aus, etwa Wasser und Feuer. Aber insgesamt sind die Möglichkeiten schier grenzenlos, dem Herumexperimentieren werden keine Grenzen gesetzt. Dabei reicht die Palette der Kombinationen von einfachen Kreuzungen nur zweier Elemente bis hin zu wilden Mehr-Element-Sprüchen. Feuer und Arkan ergeben beispielsweise einen rot-lilafarbenen Todesstrahl. Feuer und Erde erzeugen wiederum einen klassischen Feuerball. Und wer jeweils zweimal Feuer und Erde sowie einmal Heilung zusammenmischt, der lässt einen ausgewachsenen Meteor herabregnen.

Klar auch, dass Feinde auf so manches Element immun reagieren, bei anderen aber umso mehr Schaden erleiden. Ich kann nicht sagen, wie viele mögliche Magieformeln durch die Kombinationen tatsächlich möglich sind. Aber selbst nach zig Spielstunden habe ich immer wieder interessante neue Zusammensetzungen entdeckt.

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Das schaut gar nicht gut aus. Alle Zauberer verstreut, von überall brechen Feinde herein. Da ist der Tod nur noch Formsache.
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Der Nachteil des tiefgründigen Magiesystems: Mitunter wird es regelrecht kompliziert. Wenn Dutzende Feinde mit unterschiedlichen Resistenzen auf mich zukommen und ich in Sekundenbruchteilen wirksame Sprüche aus den Händen schütteln soll, bedarf es sehr schneller Reflexe. Bis die unterschiedlichen Tastenkombinationen aber wirklich in Fleisch und Blut übergehen und ich quasi automatisch mächtige Formeln erschaffe, dauert es viele Spielstunden. Gerade anfangs ist Frust fast vorprogrammiert.

Vor allem dann, wenn ihr den Fehler macht, „Magicka“ alleine zu spielen. Ja, technisch ist das ohne weiteres möglich. Doch das Spiel ist eindeutig darauf ausgelegt, von bis zu vier virtuellen Zauberern im Kooperativmodus angegangen zu werden. Nur dann entfaltet es seine ganze Faszination. Während ich dicke Monsterbrocken bearbeite, heilt mich einer meiner Freunde aus dem Hintergrund, während ein anderer Kumpel sich um das heraneilende Kleinvieh kümmert. Alleine muss ich alle Rollen irgendwie selbst übernehmen. Das Resultat: Stress am laufenden Band und viele, viele Tode.

Beziehungsstress vorprogrammiert

Überhaupt ist „Magicka“ nicht Liebe auf den ersten Klick. Die Einstiegshürden sind hoch. Schon nach rund fünf Minuten verfügt ihr über alle Elemente und werdet fortan allein gelassen mit der neu gewonnenen Macht. Bis ihr die zahlreichen Tastenkombinationen für wirkungsvolle Magieanwendungen aus dem Effeff beherrscht, vergehen Stunden. Der Weg dorthin ist gepflastert mit zahlreichen Toden. Und die kommen schneller, als euch lieb ist. So mancher normale Feind, ich rede nicht von Bossgegnern, ist dermaßen mächtig, dass er euch mit nur einem Hieb ins Wasser oder über Brüstungen und damit in den Tod schleudert.

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Zu Hülf! Alles brennt und raucht, ich sehe nichts mehr. Lebe ich eigentlich noch?
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Hinzu kommt ein, das darf man ruhig sagen, selten dämliches Speichersystem. Freies Sichern des Spielstands ist nicht erlaubt, was dank relativ häufiger automatischer Speicherpunkte noch zu verschmerzen wäre. Doch sobald ihr irgendwo im Level das Spiel gen Desktop verlasst, beginnt das Elend. Die automatischen Speicherpunkte werden nicht übernommen. Ihr müsst bei jedem Spielstart die komplette Map von vorne beginnen und seid somit gezwungen, Level in einem Rutsch zu durchqueren. Das! ist! Gängelung!

Das ist insofern sogar doppelt ärgerlich, als dass „Magicka“ nicht das technisch rundeste Spiel ist. Während des Tests hatten wir rund fünf Abstürze zu beklagen. In Online-Partien kam es immer mal wieder zu Lags, die Performance neigt zu unerklärlichen Slow-downs. Die Entwickler sind sich der Probleme zumindest bewusst. In kurzen Abständen erscheinen Patches, die sowohl die Balance verbessern als auch die Stabilität erhöhen.