„Bloß nicht noch ein GTA“ dürfte einer der relevantesten Punkte beim ersten Brainstorming gewesen sein, „Vorsichtiges Modernisieren alter Tugenden“ nur unwesentlich dahinter. Mafia 3 ist nun nicht unbedingt das, was man oft etwas kurzsichtig als Selbstläufer bezeichnet und jetzt versucht es 2K trotzdem. Die Frage, die hier so offensichtlich im Raum steht, ist dieselbe, die wir uns an solchen Stellen immer zwangsläufig fragen: Geht der Plan auf? Nun, das wüsste ich auch gern.

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Kein sonderlich dankbarer Spagat, den Hangar 13 da mal spontan aufs Parkett legen muss. Allein das Ausfüllen der riesengroßen Fußstapfen des inzwischen dicht gemachten Mafia-Entwicklers 2K Czech wäre aus dem Stegreif heraus bereits eine (vorsichtig formuliert) mehr als beachtliche Leistung. Mit der Modernisierung eines Klassikers wie diesem hier haben sie sich zudem noch die Quadratur des Kreises auf die Agenda gesetzt. Nie die eigenen Wurzeln vergessen, sich ja immer fein daran erinnern, woher man kommt und trotzdem nicht nur „Mehr vom Selben“ machen, muss ja schon was Neues dabei sein. Viel Spaß dabei, Hangar 13.

Lincoln Clay ist die personifizierte goldene Mitte dieser beiden Extreme, zumindest hofft man das aktuell in Kalifornien. Übellauniger Vom-Tellerwäscher-zum-Gangsterpimp-Protagonist mit dunkler Vergangenheit und afroamerikanischen Wurzeln statt übellauniger Vom-Tellerwäscher-zum-Gangsterpimp-Protagonist mit dunkler Vergangenheit und italienischen Wurzeln - so groß ist der Unterschied auf den ersten und zweiten Blick gar nicht. Eine Spur Proletentum trennt Lincoln von seinem Vorgänger Vito Scaletta, das und die 20 bis 30 Jahre, die seit Mafia 2 vergangen sind.

Nun schreiben wir 1968 und haben mit New Orleans sogar einen völlig neuen Schauplatz, wissen bislang aber (auch auf Nachfrage hin) nicht, ob es bei den beiden bleiben wird oder sich Jahr und Ort im Laufe des Spiels noch einmal verändern, wie es beim Vorgänger teilweise der Fall war. Ist Nicht ganz unwahrscheinlich, zumal Mafia 3 ohnehin ein Spiel ist, das ziemlich genau weiß, woher es kommt - und hoffentlich auch, wohin es will.

Mafia 3 - Nur weil es ein gutes Spiel ist, muss es noch kein gutes Mafia sein

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Richtig hübsch und ordentlich stilsicher, was Hangar 13 da aus dem Ärmel schüttelt.
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Waisenhaus-Army-Vietnam-Mafia war dieser Weg bislang im Fall von Lincoln, roter Faden: Suche nach einer Familie. Ist jetzt nicht so der originellste Ansatz für eine Mafiageschichte, zugegeben, mir aber im Jahr 32 nach Scarface immer noch lieber als ein weiterer Tony Montana. Lincoln „Batman-Stimme“ Clay ist bislang ein ähnlich unbeschriebenes Blatt wie die Zeit, aus der er stammt und die es so ähnlich tatsächlich gegeben hat: eine Zeit der Rassenkonflikte und des Hasses. Eine traurige Vergangenheit, die uns nach 50 Jahren gerade wieder einholt, wie jüngere Ereignisse in den USA immer öfter zeigen.

Die Entwickler von Hangar 13 haben entweder jedes Maß verloren oder wissen ziemlich genau, was sie zum Thema Vietnamkrieg, Rassenkonflikte und Gewalt zu sagen haben - für alles andere dazwischen ist nicht viel Platz. Ihr Protagonist bietet mit seiner etwas zweidimensionalen „Ich will doch nur geliebt werden“-Hintergrundgeschichte und (so traurig es ist) vor allem seiner Hautfarbe mehr als genug Projektionsfläche für sinnvolle Zeit- und Gesellschaftskritik, ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Vielleicht lade ich Mafia 3 hier emotional mit kritischen Intentionen auf, von denen es gar nicht unbedingt so viel wissen will, andererseits hat es sich diese Themen und den geschichtlichen Kontext selbst ausgesucht.

Packshot zu Mafia 3Mafia 3Erschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Wird jedenfalls nicht gerade einfach, all das in einem Open-World-Rahmen zu vermitteln, der sich bislang vor allem aus Bleifußpassagen und Schießereien zusammensetzt. Wer einem Kumpel mal beim Spielen der Vorgänger über die Schulter geschaut hat, wird sich hier schon wieder relativ schnell zurechtfinden, auch wenn Mafia 3 ein paar der üblichen Shooter-Zugeständnisse macht, ohne die moderne Spiele dieser Art einfach nicht mehr auszukommen scheinen.

Lincoln stapft durch ein frei interpretiertes, deshalb aber nicht weniger wuchtiges, dichtes New Orleans, während sein bulliger Körper sich in dreckigen Pfützen spiegelt. Es ist eine lebendige Welt mit all den kleinen Details, die es eben braucht, um einen glaubhaften Eindruck zu vermitteln. Die Frage ist nicht, ob es diese Stadt vor 50 Jahren genau so gegeben hat, sondern ob es sie hätte geben können - und an letzterem habe ich bereits während der Weltpremiere auf der gamescom kaum einen Augenblick gezweifelt. Wie groß und detailliert dieser Schmelztiegel nächstes Jahr konkret wird, lässt sich wie so viel anderes hier kaum sagen. Wohl aber, dass der eingeschlagene Weg bislang ein sehr vielversprechender ist.

Ein bisschen viel Action vielleicht, ansonsten sieht das hier schon jetzt richtig gut aus.Ausblick lesen

Deshalb muss man sich noch lange nicht mit der Rambo-Attitüde des Anti-Helden anfreunden, zumindest lässt es sich aber leichter als Teil dieser Welt begreifen, die gar nicht erst den Fehler zu machen schein, Authentizität mit Realismus zu verwechseln. Ich kann nicht sagen, dass ich ein großer Freund von diesem extrem offensiven Gebratze bin, den Mafia 3 zelebriert und gelegentlich mit fadenscheinigen „Hey, aber ihr könnt auch an den ersten zwei Typen vorbeischleichen und erst dann die Schrotflinte auspacken“-Argumenten zu kaschieren versucht.

Mafia 3 - Nur weil es ein gutes Spiel ist, muss es noch kein gutes Mafia sein

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Sind wir doch mal ehrlich: Wenn wir nicht wüssten, dass es sich bei dem Spiel auf diesem Bild um Mafia 3 handelt, wären wir im Leben nicht darauf gekommen.
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Nun ist es aber auch nicht so, als würde Hangar 13 gar nicht erst versuchen, der GTA-Formel (nennen wir das Kind doch beim Namen) eine neue oder zumindest frische Seite abzugewinnen. Lincolns drei Mafia-Freunde sollen diesen Part allem Anschein nach vorrangig übernehmen. Eine illustre Runde, zusammengesetzt aus unterschiedlichen Charakteren und mit Vito Scaletta sogar einem alten Bekannten. Nicht viel zu den Kerls bekannt (auch nicht, warum es Vito nach New Orleans verschlagen hat), deshalb in aller Kürze: Jeder der Truppe hat besondere Fähigkeit, die an Telefonzellen eingesetzt werden können. Etwa, um die Polizei im Schlepptau durch Bestechung loszuwerden. Außerdem können die nach einer großen Schießerei über- und eingenommenen Hauptquartiere mit einem Kumpel als Boss ausgestattet werden, um unterschiedliche Boni abzuwerfen. Welche, wie oft, wie viele Basen eingenommen werden können? Ob die drei Kollegen ebenfalls gespielt werden können? Ihr kennt die Antwort.

Mafia 3 ist ein Open-World-Action-Shooter, mit Minikarte, dutzenden Fahrzeugen und Waffen, Missionen, rudimentärem Deckungssystem und allem, was halt so dazugehört. Und ja, im Jahr 2015 beinhaltet das auch verschiedene Lösungswege oder zumindest unterschiedliche Pfade, die ihr hier und da einschlagen könnt. Ihr könnt in einigen Arealen schon „schleichen“ und versuchen, nicht 100 Patronen in 10 Sekunden zu verheizen, nur scheint Mafia 3 nicht sonderlich interessiert daran zu sein, euch dazu zu motivieren oder gar dafür zu belohnen. Munition scheint es genug zu geben, Spaß am Chaos sowieso, wenn ein Schuss aus dem Granatwerfer (!) erst physikalisch korrekt die Architektur eines Raumes, dann die dort stehenden Feinde zu Klump haut. Ob das hingegen noch das Mafia ist, das wir kennen, steht auf einem anderen Blatt.