Was ist eigentlich das Faszinierende daran, sich Mafia-Filme anzusehen? Ist es die Ambivalenz in uns allen, die Gewalt eigentlich ablehnt, aber gleichzeitig von ihr angezogen wird wie Motten vom Licht? Die uns vor der Glotze vor den schrecklichen Momenten zittern lässt, und wir ihr doch - wenn es sein muss durch Finger halb verdeckt - beiwohnen wollen? Ist es derselbe Grund, weshalb wir als Spieler gerne in die Rolle eines Mafioso schlüpfen wollen, der mit Mord und Totschlag sein Geld verdient, obwohl wir wissen, dass praktisch alle Handlungen abgrundtief falsch und oft zutiefst unmenschlich sind?

Wie auch immer die Antworten auf diese Fragen lauten, Entwickler 2K Czech gelingt es in Mafia II zumindest sehr gut, dieses Faszinosum in der Fortsetzung seines Software-Dramas einzufangen und weiterzugeben.

Und ich werde doch Mafia-Mann!

Wahrscheinlich gelingt es dem tschechischen Studio so gut, diese faszinierend abstoßende Unterwelt für uns derart glaubhaft darzustellen, weil all die Zutaten und Klischees verwendet werden, die wir bereits aus unzähligen Mafia-Verfilmungen kennen. Ob das jetzt Der Pate, Goodfellas oder ähnliche celluloide Beleuchtungen der italo-amerikanischen Camorra sind.

Mafia 2 - Die Überraschung des Jahres: Das grandios erzählte Gangster-Epos ist nicht so genial wie erwartet

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Atmosphärisch sehr dichtes Szenario.
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Alles, was wir aus den Filmen kennen, finden wir auch in Mafia II wieder und die Entwickler kokettieren offen damit, sich solcher Vorbilder als Inspirationsquellen zu bedienen. Wie soll es auch anders funktionieren, schließlich dürfte (hoffen wir) keiner über kriminelle Erfahrungen aus erster Hand verfügen.

Ganz anders sieht das bei Vito Scaletta aus, der Hauptfigur dieses brachialen Action-Abenteuers. Aufgewachsen als Sohn eines sizilianischen Einwanderers lebt er in ärmlichen Verhältnissen, der saufende Vater kann die Familie gerade Mal so über Wasser halten.

Mafia 2 - GC 2010 Interview: Im Gespräch mit den Mafiosi18 weitere Videos


Dabei bietet die fiktive amerikanische Großstadt Empire Bay City, für die eindeutig New York Pate stand, in den 40er-Jahren so viel mehr zu entdecken und zu erleben: schnelle Autos, Wein, Weib und Gesang. Doch dafür fehlt dem Jüngling das Geld, und da es ihm auch an der nötigen Bildung für einen guten Job mangelt, "organisiert" er sich den nötigen Zaster zusammen mit seinem besten Kumpel Joe eben durch krumme Geschäfte. Und legt damit unterbewusst den Grundstein für eine schwankende Karriere in dem Verbrechersyndikat.

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Auch Mafiosi sind vor Geschmacksverirrung nicht gefeit...
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Vito erlebt keine ungestörte Geschichte vom unaufhaltsamen und steilen Aufstieg eines Kleinkriminellen zum Mafia-Boss, soviel sei verraten ohne zu spoilern. Es herrscht ein stetes Auf und Ab. Mal befindet er sich mit seinen Kumpanen auf der Sonnenseite, dann wieder holt ihn das Gesetz ein oder er wird von vermeintlichen Freunden verraten. Die Story ist durchsetzt mit mehrerer solcher, teils abrupten Wendungen. Im einen Moment steht Vito die Welt offen, er feiert ausschweifende Partys und scheint es geschafft zu haben, bis ihn die Wirklichkeit einholt.

Es ist verständlich, dass 2K Czech dieses klischeebeladene erzählerische Mittel einsetzt, um Spannung zu erzeugen, einen (Anti-)Helden erschaffen will, der auch die Schattenseiten des Lebens zur Genüge kennen lernt - nur um möglicherweise gestärkt daraus hervorzugehen.

Starke Story, (fast) nichts dahinter

Für den Spieler sind solche Momente jedoch häufig frustrierend, wenn er sich erst bis zu einem gewissen Level gekämpft hat, nur um im Handumdrehen alles wieder zu verlieren. So grandios die Geschichte um Vito und seine Kameraden stellenweise erzählt wird, voller toller Dialoge und One-Linern. So blass bleibt in der streng linear ablaufenden Handlung ohne Nebenschauplätze, ohne Zusatzmissionen, ohne jedwedes halbwegs sinnvolle Minispiel oder Nebenbeschäftigung letztendlich die charakterliche Entwicklung.

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Gestatten: Scaletta. Vito Scaletta.
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Was wäre alles möglich gewesen in dieser verruchten Unterwelt mit verbotenem Glückspiel, Bordellen, Drogendealern und ähnlichen Zusatzgeschäften? Wir treten nicht nur spielerisch häufig auf der Stelle, auch Vito bleibt uns trotz all der Erlebnisse seltsam fremd, denn eine persistente Welt existiert nicht wirklich. Wir können als Freizeitbeschäftigung Läden überfallen, Tankstellen und Lokale ausrauben, wir können jede Pixelfigur mit Blei vollpumpen, bis uns die Munition ausgeht, wir liefern uns Verfolgungsjagden mit den Cops. Doch das alles wirkt hohl, weil wir uns am Ende nicht mit der Figur identifizieren können.

Grandios erzähltes Mafia-Epos, dem jedoch die spielerische und inhaltliche Tiefe fehlt.Fazit lesen

Wir verüben nämlich all die virtuellen Verbrechen nicht zu "unseren" Gunsten, denn nachdem die Credits vorübergerauscht sind, ist auch das Spiel beendet. Unsere Aktionen haben, anders als etwa bei Red Dead Redemption, keinen tieferen Sinn und werden daher auch schnell langweilig. In Mafia II dürfen wir nach dem letzten Kapitel nicht weiterspielen. Natürlich kann jedes Level noch so oft gespielt werden, wie man will, doch die Verbrechen verlieren ohne ihr Story-Gerüst jeglichen Sinn. Ob wir am Schluss einen Dollar besitzen oder 100.000 ist vollkommen egal.

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Das wirkt bestimmt gegen deine Kopfschmerzen!
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Verglichen mit riesigen Städten wie in GTA IV oder einer enorm beeindruckenden Landschaft wie in RDR, wirkt Empire Bay oft geradezu kleinstädtisch. Doch die Beschränkung ist logisch nachvollziehbar: Wer keine Inhalte hat, um eine riesige Fläche zu füllen, beschränkt sich auf tatsächlich benötigte Stadtgebiete für die Handlung.

Filmische Erzählkunst

Ausbrüche aus dem Story-Konzept sind durch die kaum vorhandenen alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten nicht nur kaum interessant, sie werden teilweise auch verhindert: Versuchen wir mit Vito Wege einzuschlagen, die so nicht vorgesehen sind, werden wir unvermittelt und brüsk zurückgeschickt: "Dafür haben wir jetzt keine Zeit!", heißt es lapidar.

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Im Kino klappt das immer!
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Andererseits nimmt man sich jedoch mehr als genügend Zeit, um die Geschichte dramatisch und voller Witz zu erzählen. Laufen wir im Treppenhaus an einer bei den Nachbarn lauschenden Putzfrau entlang, sagt Vito: "Was ist, läuft nichts im Radio?“ Köstlich! So sind wir zwar oberflächlich ständig damit beschäftigt irgendwelche Verbrechen zu verüben, Konkurrenten mit Sprengstoff unschädlich zu machen und verschiedenste Aufträge zu erledigen. Und das funktioniert spielerisch sogar ausgesprochen gut. Doch im Mittelpunkt stehen tatsächlich die (leider nicht lippensynchronen) Dialoge und teils famosen Zwischensequenzen.

Hier erleben wir, was es wirklich heißt, wenn uns gemeingefährliche Verbrecher mit unglaublich fiesen und schmierigen Visagen gegenübersitzen, wie man in die "Familie" aufgenommen wird und welche Konsequenzen es haben kann, zu versagen. Hier verströmt Mafia II in der Tat so etwas wie Hollywoodflair, auch wenn die Texte zwar absolut professionell gesprochen sind, den Italo-Einschlag jedoch größtenteils vermissen lassen.

Technisch überzeugend

Auch die Ausstattung ist über jeden Zweifel erhaben. Auf dem PC macht die Optik einen sehr schicken Eindruck, viele Texturen bei Gesichtern, Gebäuden, Objekten und Autos sind detailliert, die Stadt wirkt lebendig und hat diesen gewissen 40er-50er-Jahre-Charme.

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Jeder fängt mal klein an, auch ein Mafioso.
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Zahlreiche zeitgenössische Musikstücke (begrüßt werden wir im winterlichen Empire Bay z.B. vom launigen "Let it Snow"), Wagenmodelle und Kleidungsstile sowie viele glaubhafte Werbeplakate komplettieren ein atmosphärisch absolut gelungenes Gesamtbild, dem der Radiosender das i-Tüpfelchen aufsetzt: Gerade erst verübte Verbrechen werden von den Nachrichtensprechern kommentiert und die Bevölkerung etwa vor einer wilden Schießerei gewarnt.

Ohnehin lässt man technisch nur wenig anbrennen. Tadellos ist beispielsweise die native Pad-Unterstützung gelungen, mühelos lässt sich zwischen Maus/Tastatur und Controller wechseln - je nachdem, was man in welcher Situation lieber verwendet. Es ist sogar möglich, beides gleichzeitig zu verwenden. Das Gunplay funktioniert präzise, wer ein Pad verwendet, profitiert sogar stärker vom eingebauten Autoaiming.

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Dank Kooperation mit dem Playboy gibt es auch solche Bilder in Mafia 2 zu sehen.
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Auch das Deckungsfeature lässt keinen Grund für Nörgelei und das ist gut so, denn Vito verträgt nur sehr wenige Treffer und so ist es bei allen Shootouts dringend notwendig, sich dem feindlichen Beschuss zu entziehen. Erwischt es den Mafiosi doch einmal, ist es in der Regel nicht weiter tragisch, denn faire Checkpoints verhelfen zu einer raschen Fortsetzung der Mission. Nur gelegentlich sind die Spieleinstiege ziemlich missglückt und man ärgert sich über unnötige Wiederholungen. Ebenso unverständlich ist, dass die Möglichkeit fehlt, aus einem fahrenden Wagen zu ballern. Mehrspielermodi fehlen übrigens ebenso vollständig.