Welch ein Glück, dass wir nicht mehr in den 80ern und 90ern leben. In diesen Jahrzehnten wäre eine Filmadaption mit größter Wahrscheinlichkeit wegen unterirdischer Qualitätsstandards in der Donnerkuppel zerfleddert worden. Von wegen „Einer geht rein, Kleinholz kommt raus“. Die 2015er Mad-Max-Versoftung macht dagegen gar keine schlechte Figur. Was nicht unbedingt verwundert, wenn hinter einem Open-World-Spiel der Name Avalanche steht, doch wir wollen ja nicht undankbar sein.

Der neue Mad-Max-Film ist ein Ausnahmeprodukt. Er ist nicht nur einer unter gefühlten sieben Millionen unnötigen Film-Reboots der letzten Jahre, dessen Umsetzung tatsächlich glückte, er ist obendrein das einzige geglückte Reboot, das davonkam, ohne Schindluder mit der eigenen Lore zu veranstalten.

Kunststück, wenn es keine allzu detaillierte Lore gibt, deren Regeln man missachten könnte. Große Wüste, alte Autos, Mangel an Sprit, Mangel an Wasser, Mangel an Moral und Gesetz. In diese Beschreibung würden wahrscheinlich dreiviertel aller Filme mit post-apokalyptischem Setting passen. Ein ziemlich guter Ausgangspunkt für Avalanches Open-World-Versoftung des Stoffes, die sich allein aufgrund des Settings nicht grämen braucht, wenn sie der Filmvorlage den Rücken kehrt. Tatsächlich bewegt sich die Versoftung irgendwo in der Twillight Zone zwischen Ursprungsmaterial und Neuverfilmung und berührt Schnittpunkte beider Interpretationen. Hier ist so viel los, so viel Platz, da erzählen sich spannende Geschichten beinahe von selbst.

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Ein ekliger Obermacker namens Scabrous Scrotum... verzeiht, Scrotus, regiert das karge Ödland mit eiserner Faust, wie selbst unser Held Max kleinlaut zugeben muss. Gerade noch mit dem Leben davongekommen, aber ohne Ausrüstung, landet er im südlichsten Zipfel der Landkarte, wo ein entstelltes, buckliges Mechaniker-Genie namens Chumbucket haust. Chum ist viel zu schwach, um Max irgend etwas streitig zu machen. Er hält Max trotz dessen offensichtlich geschundener Seele für einen besonders guten Menschen, gar einen Anführer, also schließt er sich ihm an, ebenso wie ein invalider Hund mit drei Beinen.

Das neue Dreiergespann schafft einen neuen Wagen heran, der sie durch die verlassenen Landstriche und vorbei an vereinzelten Banden bringen soll. Den sogenannten Magnum Opus, der das Potenzial hat, ein gewaltig schnelles wie auch abwehrstarkes Geschoss zu werden. Fürs erste sind die drei geplagten Wüstenbewohner allerdings froh, dass die Kiste überhaupt über einen Motor, eine Panzerung und eine Harpune verfügt.

Mad Max - The Game - Elend verdursten die Wüstenhunde

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Das Spiel macht erstaunlich viel aus seinem Stoff. Das reicht nicht für die Spitzenklasse, aber für Unterhaltung allemal.
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Damit kann man schon einiges anfangen. Schneller reisen, andere Fahrzeuge rammen, oder sogar Holztürme per Harpune und Seil niederreißen. Solche Türme stehen an jeder Ecke. Sie markieren das Einflussgebiet vereinzelter Gruppierungen, die mal mehr und mal minder human um das eigene Überleben kämpfen, aber letztendlich Lord Scrotums Gesetz folgen. Jetzt hab ich das ja schon wieder so geschrieben. Scrotus heißt er. Was soll's, gibt zumindest preis, wie sympathisch mir der Kerl ist.

Packshot zu Mad Max - The GameMad Max - The GameErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Und das will doch was heißen. Ich kann mich ad hoc nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal ein derart dringendes Bedürfnis hatte, einem Videospiel-Bösewicht so richtig die Meinung zu geigen. Guter Stoff, der in 15 großzügig angelegten Hauptmissionen ausgewalzt wird, aber nicht an einem Stück herunterzunudeln ist. Denn dem Magnum Opus fehlt es noch an Durchschlagskraft, die man nur durch das Auflesen und Verarbeiten von Schrott erzielt.

Wasser und Sprit sind zudem hart umkämpfte Rohstoffe, die niemand freiwillig hergibt. Da bedarf es aggressiverer Diplomatie, also ein paar Schrotkugeln oder blanke Fäuste. Spätestens, wenn man Scrotus' Basen einnehmen soll, um ihn von seiner Ölversorgung abzuschneiden, geht es richtig hart zur Sache.

Mit Sicherheit nicht das übelste Open-World-Spiel da draußen, aber dennoch zu dünn aufgetragen, um seine riesige Welt zu rechtfertigen.Fazit lesen

Wobei das mit den Fäusten so eine Sache ist, Das Kampfsystem erinnert stark an Cryteks Grafikblender Ryse, weist aber noch weniger Kampfbewegungen auf. Wie üblich greift immer nur ein Gegner den Helden an, selbst wenn fünf Leute um ihn herum stehen. Max darf sie schön geordnet einen nach dem anderen zu Boden bringen. In der Regel verträgt so ein Ödland-Punk nur ein paar Schläge. Trotzdem wirken Faustkämpfe manchmal unnötig, weil sie offensichtlich nur Zeit schinden sollen.

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Auch das Plattmachen von Top Dogs, starken handlangern, macht Spaß - hat auf das große Ganze aber null Auswirkung.
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Die begehbare Landkarte in Mad Max ist riesig, theoretisch gibt es abseits der zentralen Handlungsmissionen genug zu tun, und man kann Avalanche keinen Vorwurf beim Thema Abwechslung machen. Das Team holt einiges aus der Thematik heraus, selbst grafisch. Nichtsdestotrotz bietet das Grundthema nicht all zu viel Greifbares und kann gar nicht so vielfältig daherkommen wie ein Grand Theft Auto.

Mächtige Handlanger (TopDogs) zu plätten, Türme niederzureißen, Gebäude mittels angezündeter Benzinkanister zu sprengen oder Transportladungen abzufangen, mag oft Spielzeit füllen und mäßig unterhalten, birgt jedoch keine ausgefuchste Herausforderung. Obwohl selbst querfeldein durchgeführte Wettrennen zuerst verlockend klingen, weil weder Reglement noch Topographie künstliche Hindernisse mitbringen, fehlt ihnen das letzte Quäntchen Legitimation. Man klappert sie ab, weil man neue Karossen gewinnen und aufrüsten will, nicht, weil man sich mit jemandem anlegt oder weil es irgendetwas in der Handlung verändert. Ein wenig mehr Verzahnung, mehr Vorlauf und vielleicht doch die ein oder andere erzwungene Vorgabe hätten mehr Pepp in das Konzept bringen können.

Andere Open-World-Spiele machen mehr aus ihrer Umwelt, sehen ein wenig mehr über den Tellerrand, auch wenn sie dabei manchmal den Pfad der Glaubwürdigkeit verlassen. Womöglich ein Handicap der Lizenz. Darum sei der Kritikpunkt angemerkt, aber nicht zwingend Avalanche in Rechnung gestellt. Auch ist keine der Missionen übermäßig langweilig oder technisch unzureichend. Nur eben etwas generisch.

Immerhin: Es scheppert überall. Es mangelt weder an wuchtigen Explosionen noch an schicken Kamera-Einstellungen. Selbst das Kippen des eigenen Fahrzeugs hat eine ziemlich cineastische Kameraführung zufolge, die weniger der Übersicht als der Darstellung eines spektakulären Chaos dient. Und je stärker man das eigene Fahrzeug aufrüstet, desto heftiger wird der Effekt. Gute Rüstung resultiert nämlich in hoher Trägheit, was dank Kamera und gut gelöster Fahrphysik hervorragend rüberkommt. Die gute alte Havok-Physik-Engine leistet gute Dienste.