Es sah in letzter Zeit nicht so gut aus für Lost Planet, dessen zweiter Teil eine ungewollte Multiplayer-Narrenkappe trug, und auch nicht für den Ruf von Teil 3. Capcom musste immer wieder die im ersten Moment etwas unglücklich wirkende Wahl des Entwicklerstudios Spark Unlimited, früher unter'm Presslufthammer mit dem schlechten Turning Point und dem halb-okayen Legendary, verteidigen.

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Als ich von Capcom-Producer Andrew Szymanski wissen möchte, wie oft er das bis jetzt tat, lacht er nur: "In fast jedem Interview". Was letztlich der Ausschlag war, abgesehen von der Liste mit potenziellen Kandidaten, die damals existierte, frage ich. Entscheidend sei ein Besuch bei Spark Unlimited gewesen. Im ersten Moment und beim Betrachten der Referenzen dachte Szymanski: "Was habe ich mir da nur aufgehalst?".

Doch der alte Kumpel Unverhofft kommt oft, und wenn er sich als vielversprechender Prototyp verkleidet, bleibt man gern ein paar Minuten länger. Szymanski gefiel, was er bei Spark sah: "Sie hatten ein Projekt in Arbeit, dessen Prototyp sie mir zeigten. Ich dachte: Wow, das sieht echt klasse aus".

Warum Capcom kein namhaftes Studio verpflichtete? "Große Entwickler arbeiten ungern mit bestehenden IPs oder den Welten anderer", versucht sich Szymanski an einer Erklärung, "sie wollen machen, worauf sie Lust haben. Schau dir Bungie an. Mein Eindruck ist, sie haben Halo den Rücken gekehrt, weil sie eine Vision hatten, die sie umsetzen wollten. Etwas anderes eben".

Hatte Spark Unlimited für Lost Planet 3 eine solche Vision?

Lost Planet 3 - Besser als das letzte Ding?

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Gleich zu Beginn werdet ihr Zeuge einer wilden Stampede - wovor fliehen die Akriden hier?
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Zumindest trafen die Vorstellungen des neuen Entwickler- und die des ursprünglichen Lost-Planet-Teams – das trotz Auslagerung beteiligt ist – irgendwo zusammen, erzählt Szymanski. Eine Basis, auf der eine erzählerisch weitaus stärker engagierte Fortsetzung Platz fände.

Packshot zu Lost Planet 3Lost Planet 3Erschienen für PS3, Xbox 360 und PC kaufen: ab 9,99€

Im Falle von Lost Planet 3 war Spark aus verständlichen Gründen wohl auch genügsamer als der Rest, und das kann man bei dem vorliegenden Portfolio durchaus verstehen. Vielleicht brauchen sie nur einen Anstupser und kriegen hier die Chance ihres Lebens. Oder waren am billigsten. Oder beides.

Der erzählerische Fokus steht Lost Planet 3 richtig gut. Nun muss die Action halten, was die Serientradition verspricht.Ausblick lesen

Warum man nicht Gearbox engagiert hat, dann bekämen wir bestimmt ein tolles Boderlands 3, oder? Szymanski lacht wieder: "Wir haben ein großartiges Lost Planet 3, und man erkennt, dass Spark Unlimited die Richtigen dafür sind".

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Ansehnlich gestaltet ist der Eisplanet schon mal.
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Sind sie das? Immerhin kann man nach den ersten Abschnitten sagen, es sieht sauberer aus als alles, was das Studio aus Kalifornien zuvor ablieferte. Bei der Ankunft auf dem Eisplaneten rauben euch Schneestürme die Sicht, schräge, spitz zulaufende Felsformationen ragen in die Luft. Der Hauptcharakter Jim Peyton muss sich die Hand schützend vors Gesicht halten, sonst bekäme er keinen Fuß vor den anderen.

Ein wenig verwirrt torkelt er durch fluffig-weichen Schnee, stets bedacht darauf, nicht in eine Felsspalte zu rutschen. Zumindest bilde ich mir ein, dass er das tut. Wirklich offen ist der Einstieg nicht. Muss er ja auch nicht. Später soll der Planet strukturell aus dem Leim gehen und euch mit Nebenbeschäftigungen außerhalb der Geschichte an die lange Leine legen. Es soll Hubs geben, in die man immer wieder zurückkehrt, mit mehreren Routen und lohnenden Erkundungen abseits des Offensichtlichen und Nötigen.

Wenn es sich bewegt - erschieß es!

Zwar ist Jim angeblich im Bilde darüber, was auf dem Planeten E.D.N. III lauert (Intro war leider noch nicht zu sehen), aber der erste Kontakt mit den Akriden – den hier beheimateten Insektenwesen – wirkt mir trotzdem ein wenig zu gehetzt und plump. Wie Fledermäuse hängen sie an der Höhlendecke, Seite an Seite mit Stalaktiten, in Schatten gehüllt. Man hört nur ihre Laute. Dann ein kurzer Lichtschein, der das ganze Ausmaß zeigt.

Ein durchaus schön inszenierter Moment für den Einstieg. Als Spieler wird man nun aufgefordert, die Schusswaffe zu zücken und alles wegzuballern, was dort hängt. Hier ist der unheimliche Zauber des Planeten plötzlich weg und man schießt sich durch geflügeltes Kleinzeugs, das fiepend verendet. Nichts Bahnbrechendes, ist OK, funktioniert wunderbar, auch wenn die Waffen kein so sattes Feedback produzieren wie im Vorgänger.

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Die anfänglichen Gefechte fühlen sich nett an, aber es fehlt noch das gewisse Etwas.
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Hier beginnt die Geschichte Jims, der auf den Planeten kam, um erst das Geld einzusacken, dann die Frauen und am Ende das schöne Leben. Na gut, der mittlere Teil ist gelogen. Verheiratet ist er bereits, Kind auch da, und immer wieder bekommt er Videonachrichten von zu Hause. Von seiner Grace, die sich nach ihm erkundigt. Sie weiß nicht, dass ihr Ehemann in den folgenden Stunden um das nackte Überleben ringen muss und ihm manchmal nicht mehr bleibt als ein Jagdmesser für ein weit aufgerissenes Maul, das über ihm klafft. Er selbst ebenfalls nicht.

Eigentlich will er seinen Beitrag leisten zum Kampf gegen die Energiekrise auf der Erde. Lost Planet 3 nimmt den Weg, den Spiele in der Regel nehmen, wenn sie nicht mehr viel über das Nachher zu sagen haben: die Prequel-Ausfahrt. Es setzt noch vor Extreme Conditions an und zeigt, wie Jims Arbeitgeber NEVEC hier landet, um Minenoperationen durchzuführen und letztlich die Thermalenergie zu gewinnen, die für den Hauptcharakter im ersten Spiel so wichtig war.

In unterirdischen Anlagen sieht man, wie stählerne Mechs – die sogenannten Rigs – mit ihren Bohrern glitzerndes Eis durchstoßen, daneben Minenfahrzeuge mit stachelbewehrten Walzen vorne. Es knackt und kracht überall. NEVEC erschließt langsam, was es hier zu finden gibt, und schleppt natürlich ein dunkles Geheimnis mit sich herum.

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Jim steigt auch in haushohe Mechs und bahnt sich seinen Weg durch krabbelnde Insekten, die er teils einfach zerstampft.
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Zunächst ist die Welt zwar klapperkalt, aber noch in Ordnung, als Jim durch das Hauptquartier NEVECs streift, von dem aus die Expedition ins Innere des Planeten stattfindet. Spark Unlimited räumt dem Mann ruhige Minuten ein, lässt ihn mit Charakteren reden, die ein heißes Dampfbad nehmen oder das Inventar verwalten. Schön, dass das Alltägliche eine Rolle spielt, zumindest soweit man das im Kontext eines Eisplaneten voller sabbernder Rieseninsekten stehen lassen kann.

Dazu Audio- und Textlogs als Bindeglied zwischen euch und denen, die ihr vielleicht nie persönlich kennenlernen werdet. Schon beim anfänglichen Durchstreifen des NEVEC-HQs findet man ein halbes Dutzend dieser Hinterlassenschaften, und ich kann nicht behaupten, dass ich das Durchlesen oder Anhören bereut hätte. Zwar lässt sich noch nicht abschätzen, wie stark sich die Erzählform bis zum Ende entwickelt, aber die ersten paar Funde schrieben nette, schrullige, liebenswerte Geschichten. Die Welt der kleinen, insektenfreien Probleme, wenn ihr so wollt. Niemand dieser Männer und Frauen hat je gegen Akriden gekämpft.

Erster Auftrag: Deep Down

Dafür ist Jim da, der seinen ersten Auftrag – es gehe „deep down“, wird ihm gesagt – mit einem Murmeln von wegen „... earn some credits around here“ quittiert. Offenbar weiß der Kerl mit dem wollenen Vollbart, was er will. Wenn das heißt, einen in einer Höhle verschollenen Franzosen zu retten, dann tut er das aus Jobbewusstsein und ohne viel Mitgefühl. Zumindest kann man das frühe Bild von gewinnen. Vermutlich zu vorschnell. Ich weiß noch lange nicht, wie ich ihn einschätzen soll und ob er das überhaupt verdient.

Auch die Action, das Herzstück, lässt sich nach wenigen Abschnitten nicht einordnen, nur anreißen. Seid darauf gefasst, dass Lost Planet heute nicht mehr die Wucht hat, die die Premiere vor sieben Jahren auf die Waage brachte. Die Xbox 360 war neu, die Möglichkeiten faszinierend, und als der erste Akride durch die Schneedecke brach, war das ein magischer Moment weit unter dem Gefrierpunkt.

Lost Planet: Extreme Condition war am richtigen Ort zur richtigen Zeit, zeigte, wozu die Xbox 360 fähig war, und kann sich selbst heute noch auf diversen Galas sehen lassen. Sofern die nicht gerade von den Yerlis gesponsert werden. Teil 3 stellt sich diesem Vergleich in einer ausklingenden Generation und... sieht bestimmt hier und da feiner aus. Genau genommen sieht es richtig gut aus, nur haben wir viel erlebt in den vergangenen Jahren, und das ist wohl die Undankbarkeit für alle, die auf den letzten Drücker starten.

Lost Planet 3 sieht also gut aus, hat nette Ansätze, wenn es euch Einblicke in die Welt des kleinen Arbeiters gewährt, wird zwei Klassen besser erzählt als das Flickwerk namens Teil 2 und... na ja, Action gibt es auch noch.

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Bis ihr solche Kreaturen zu Gesicht bekommt, dürfte es eine Weile dauern.
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Erst nur gegen Kleines, Krabbelndes mit dünnen Stelzen, das sich kaum wehren kann. Später sind es fast katzenartige Wesen, die euch mit aufgerissenem Maul entgegenspringen. Bis hin zu hohen Krabben mit stampfenden Gliedmaßen. Für den Anfang ganz nett, obwohl nichts davon bisher an solche Kaliber wie den gehörnten Salamander aus Teil 2, den Sandwurm oder die untersten Ränge des Akriden-Who-is-Who der Vorgänger herankam.

Die Anspielversion endete an einem Punkt, an dem man all das verstanden hatte und zumindest ich mir dachte, nun könnte es gern eine Hausnummer größer werden. Man hat nach längerer Lost-Planet-Auszeit wieder im Gedächtnis, dass die rot leuchtende Stelle die empfindliche ist, weiß Granaten zu schätzen, die Ausweichrolle im Fall der Fälle zu nutzen.

Alles gute Grundlagen, nur muss Spark jetzt zeigen, wie sie sie aus den beiden Schatten hervortreten wollen. Der eine ist der von Teil 1 geworfene, der andere der ihrer eigenen Vergangenheit. Es gibt sicher angenehmere Prüfungen, aber das Studio war noch nie so nah dran an erfolgreicher Vergangenheitsbewältigung wie im Falle von Lost Planet 3. Und das ist mehr, als viele erwartet hätten.