Lost Planet 3 hat einige Probleme, manche davon sogar ernsthafte. Mangelndes Zuhören gehörte nicht dazu. Genau genommen ist der dritte Teil so etwas wie das Auskehren des Kummerkastens vor drei Jahren. Viele wollten keine Multiplayer-Schablone mit Bot-Flair über ihrer Kampagne, also gibt es keine Multiplayer-Schablone mit Bot-Flair mehr.

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Dazu eine zusammenhängende Geschichte, statt sie zu rupfen wie ein Hühnchen, nie mehr Abzeichen, Abschüsse oder goldene Anstecknadeln als Einblendungen während einer Kampagne. Klingt nach einer Kehrtwende und dem besten Weg, alles Schlechte vergessen zu machen? Nach der Nummer hier vielleicht in Zukunft irgendwann einmal, aber nicht an diesem Tag.

Nun, Lost Planet 3 geht zumindest zurück dorthin, wo Capcom einst startete, in eine fremde, außerweltliche Eishölle, in der Riesenkrabben aus dem Boden brechen und Schneestürme die Sicht rauben. Dem hier eingesprungenen US-Entwicklerstudio Spark Unlimited gelingen in Zusammenarbeit mit Capcom hohe, spitz zulaufende Berge und schroffe Felsformationen auf einem Planeten der erbarmungslosen Witterung. Schön kantige Landschaften, drückende Stimmung in kalten Farben, mysteriöses Licht. Irgendwann kommen die Innenanlagen, aber das ist eine Sache fürs Kapitel „Was so alles schiefging“ weiter hinten.

Es stellt einen Mann in den Mittelpunkt des Geschehens: Jim Peyton, etwas langgezogenes Gesicht, Vollbart, ein westlicher Normalo wie Tausende da unten, würde er nicht in einem turmhohen Roboter sitzen, gepanzerte Krabben verdreschen und ihnen die Beine einzeln ausreißen. Wie viel vom „Da unten“ in der bekannten Form übrig ist, lässt sich ohnehin nur schwer sagen in dieser fernen Zukunft, als die Energiekrise die Erde im Griff hat.

Lost Planet 3 - Leider doch nicht so gut wie erhofft

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Jim Peyton, der Mann mit dem Mech und der Frau zu Hause.
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Jedenfalls stellt Capcom diesem Mann und seinem Antrieb (Frau und Kind in der alten Heimat, Bezahlung hier draußen fantastisch, schönes Leben incoming, noch ein paar Jahre, hoffen wir das Beste!) das Thema von Besiedlung, Erkundung und Ausbeutung fremder Welten an die Seite. E.D.N. III ist der entscheidende Name dieses Planeten, ein alter Vertrauter für Leute, die die Vorgänger kennen, und da Lost Planet 3 nichts zu sagen hat über das Nachher, leitet es darauf hin.

Ihr spielt ein Prequel und erfahrt mehr über die Nutzbarmachung der Ressourcen E.D.N.s, die Thermalenergie, die in den Mäulern oder Schwanzspitzen von käfer-, skorpion- und sogar katzenartigen Monstern pulsiert - sogenannte Akriden. Auch über Nevec, Jims Arbeitgeber, die ethischen Säulen, auf denen das Unternehmen errichtet wurde, und den Dreck, der darunter klebt (mitsamt der Frage, warum die Minenarbeiter ihre Mechs nicht mit Waffen ausstatten dürfen). Das dürfte niemanden überraschen, die Idee dahinter ist es, Nevec jene dunklen Konturen zu geben, die den Konzern in den Vorgängern umgaben. Hilfe hierbei leisten mehrere Dutzend Text- und Audiologs.

Packshot zu Lost Planet 3Lost Planet 3Erschienen für PS3, Xbox 360 und PC kaufen: Jetzt kaufen:

Alles wenig feingeistig, schon einige Male aufgegriffen in Film und Spiel, nichts, was dem Genre oder seinem Umfeld etwas Entscheidendes mitzuteilen hätte. Das hier ist weitgehend unterhaltsame Standardkost mit netten Dialogen, die man sich anhören kann, mit nicht weiter wichtigen Charakteren, die ihren Zweck erfüllen als Leveldesignfiguren, weil es jemand für eine gute Idee hielt, sie dorthin zu setzen. Und die mit (meist ohne) euch durch eine Akriden-Freakshow hetzen, die zwischen unterhaltsam und trist nicht so recht ihren Platz findet.

Lost Planet 3 - Leider doch nicht so gut wie erhofft

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Die Mech-Passagen sind mal so, mal so: Fühlt sich schön behäbig und schwer an, die Kämpfe sind aber viel zu belanglos.
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Die Mech-Abschnitte zum Beispiel: Jim schwingt sich hinein, stampft durch den Schnee, die Bewegungen vermitteln ein ansprechendes Gefühl von körperlicher Schwere. Auch die Videobotschaften seiner Frau, die immer wieder ins Cockpit übertragen werden, sind ein akzeptabler emotionaler Anker in eine Welt weit, weit draußen. Man sieht den bärtigen, zugeknöpften Mechaniker, der sonst schleimiges Gezücht mit dem Messer ersticht, zumindest kurzzeitig in anderem Licht.

Müssen die Mech-Kämpfe gegen riesige Schalentiere und ähnliches Gewürm deswegen so öde sein? Man haut feste drauf, schnappt sich eines der Vordergliedmaßen und legt den Bohrer an, bis die rote Suppe nach allen Seiten überschwappt. Eine spätere Szene ist mehr Quick-Time-Event als alles andere: zur richtigen Zeit die richtige Taste, Stick drehen, knacks. So laut die Riesen brüllen und ihre Umgebung ins Wanken bringen, das Blut gerät nicht in Wallung. Zumal sich kaum einer von ihnen überraschend verhält.

Die Luft ist raus

Und überhaupt, die Action... Mittlerweile fällt es schwer, zu ihr durchzudringen. Die Luft ist einfach raus. Oder sagen wir „rauser“ als damals, als eine neue Konsole und Third-Person-Action im ewigen Eis rüstige Schultern waren, auf denen die Wörtchen „Next-Gen“ Platz fanden – was für starke Bilder von rollenden, sich durch den Schnee grabenden Reptilien. Sind wir inzwischen zu verwöhnt, verknöchert, wenn es um ein Genre geht, das in den letzten Jahren mehr bedient wurde als alle anderen? Vielleicht.

Trotz der Rückkehr ins Eis hat dieses Spiel einfach zu wenig Kraft. Kann man spielen, tut nicht weh, aber glücklich wird man damit nicht.Fazit lesen

Auf jeden Fall aber vermonstert und überrollt von der Welle, die allerspätestens Modern Warfare lostrat. Lost Planet 3 ist ein Kind dieses Umstandes. Ein wenig unschuldig an all dem, bemüht, vieles besser zu machen, was im Vorgänger schiefging, ohne dessen Stärken zu wahren, und letztlich auch ratlos, weil man das meiste schon gesehen hat. Und das in deutlich packenderer Form.

Der reine Kern, der liegen bleibt, wenn man die Schale aus Mech-Passagen, Erkundung und Waffenaufrüstungen zertrümmert, ist kein besonders auffälliger oder erwähnenswerter. Lost Planet 3 zeigt sich nicht anders als jeder x-beliebige Shooter mit Endlosschleifen von Riesenkäfern bis Aliens. Ragten die Wurzeln damals noch ein Stück weit ins Survival-Gehege, da man nicht nur mit wütenden, faszinierenden Wesen, sondern auch dem stetig sinkenden Thermalenergiehaushalt kämpfte, ist Letzteres passé, sind Erstere wenig überraschend und zahlenmäßig dünn.

Lost Planet 3 - Leider doch nicht so gut wie erhofft

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Lost Planet 3 hat einige ganz gut inszenierte Bosse, aber all das ist nichts im Vergleich mit den Vorgängern und ihren Bestien.
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Die riesigen Krabben zum Beispiel sind cool, sind kompetent inszeniert, aber innerhalb von acht Stunden nur zwei dieser Kämpfe, und dann zweimal der gleiche? Wer an Lost Planet denkt, der denkt an Sandwürmer, Salamander und „Ach du Scheiße...“, der zweifelt an sich und seiner Größe im Angesicht grollender Naturgewalten.

Hier schmilzt Lost Planet 3 zusammen, setzt euch mal einen vor, Stunden später einen anderen, ganz nett gemacht, nimmt man mit, wenn es da ist, schlecht sind sie nicht, aber es funkt nicht mehr. Das liegt auch an der Müdigkeit, mit der man sich nicht nur durchs Eis, sondern auch durch Hangars und die Flure verschollener Einrichtungen schleppt. Man hat alles schon erlebt, was Shooter mit Deckungen auf Bauchhöhe nun mal zu bieten haben, kennt den Ablauf innerhalb einer geschlossenen Basis – böse gesagt –, bevor man sie betreten hat.

Manche Kämpfe gegen Akriden, die sich hinter Deckungen verschanzen, kurz Kopf hoch und euch bespucken, sind nur zwei Schritte davon entfernt, Nazis und Terroristen zu weichen, und es würde nicht mal einen Unterschied machen. Es gibt ganze Hallen, in denen man einfach alles wegrotzt, was vor die Flinte rollt, dann weiter in den nächsten Raum, dasselbe noch einmal, ein (anspruchsvoll inszenierter) Reaktionstest hinterher und vorwärts Marsch. Der Kampf gegen Akriden kann so alltäglich sein. Darunter einige Glanzlichter.

Lost Planet 3 - Leider doch nicht so gut wie erhofft

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Diese kleinen Mistkerle werden euch lange begleiten. Springen sie euch ins Gesicht, müsst ihr ein gut gemachtes Quick-Time-Event überstehen.
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Der Rest des Spiels hätte gern einen Metroidvania-Touch, ist aber weit davon entfernt, auch wenn Jim dank neuer Werkzeuge nach und nach weitere Ecken des Eisplaneten erschließen darf. Das Problem: Es fühlt sich meist an, als würde man all das trotzdem in der Reihenfolge tun, in der es die Entwickler vorgesehen haben. Nichts gegen Greifhaken und seine Kollegen, aber ein Gefühl des Erkundens stellt sich viel zu selten ein - zumal Jims Haken nur an vorgesehenen Hotspots haften bleibt. Wer nicht vorher die Augen offenhält und immer nur der Zielmarkierung hinterherrennt, merkt davon vielleicht gar nichts.

Ansonsten sammelt man Thermalklumpen, wandelt diese sofort in eine abstrakte Währung um, kauft damit Waffen-Upgrades und tut all den Kram, den Shooter in den letzten Jahren haben müssen, weil irgendjemand mal damit anfing. Ist da, stört nicht, aber hängen bleibt davon so gut wie nichts. Eine straffere Regie hätte dafür sorgen können und müssen, dass man sich nicht zu oft gegenwärtig macht, wie lang dieser und jener Abschnitt nun schon dauert – wenn ein Spiel dieses Gefühl hervorruft, ist das kein gutes Zeichen.

Lost Planet 3 suhlt sich, oberflächlich gesehen, in einem Früher, das es selbst nie erreichen kann, und ich bin mir nicht sicher, ob und wie sehr Spark Unlimited überfordert war mit dieser Art Koloss, den man hier stemmen wollte. Wer unbedingt einen Shooter fürs Wochenende braucht, kann deutlich schlechter unterhalten werden, aber blickt man zurück auf die Anfänge der Serie, ist das nichts, womit man sich rühmen kann.