Stellt Euch vor, Ihr wandelt seit 1000 Jahren auf der Erde umher - und über Generationen geschieht nichts aufregendes. Doch dann beginnt sich euer Leben zu wandeln, und plötzlich ist alles ganz anders... Der Beginn von "Lost Odyssey" lässt sich vortrefflich in diese wenigen Sätze fassen. Das neue RPG der "Blue Dragon"-Macher um den ehemaligen FF-Veteranen Hironobu Sakaguchi beweist, dass man auch auf bekannten Pfaden noch eine gute Geschichte erzählen kann.

Die ist zwar im vorliegenden Fall nicht gerade innovativ, spannend inszeniert und technisch weitgehend hervorragend in Szene gesetzt ist sie aber allemal. Wer allerdings hofft, der Titel könne der legendären FF-Reihe den Rang ablaufen, sieht sich getäuscht. "Lost Odyssey" hat viele Stärken – aber auch ein paar Schwächen, wie unser Test zeigt.

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Vergangenheitsbewältigung

Irgendwann in irgendeiner Welt. Die Menschen leben in Einklang mit Magie und Technik. Man schwelgt zufrieden im Wohlstand und arrangiert sich mit den Verhältnissen und denen, die das Sagen haben. Die allerdings sind weniger zufrieden. Denn zwischen den drei Reichen Uhra, Numara und Gohtza herrscht ein erbitterter Krieg um die Vorherrschaft.

Lost Odyssey - Richtig gut, auch ohne Final Fantasy im Namen: Das feine Japano-RPG überzeugt im Test.

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Um den nächsten Streik der GDL zu brechen, setzt die Bahn auch auf ausgemustertes Gerät und private Fahrer aus der Türsteherszene.
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Mittendrin im Schlachtgetümmel: Kaim Argonar, seines Zeichens unsterblicher Berufsheld, der seit mehr als 1000 Jahren ziellos auf der Welt umherirrt. Von schlimmen Alpträumen gepeinigt, stellt er sich schon lange nicht mehr die Sinnfrage, sondern lebt in den Tag hinein und verdingt sich als Söldner. Dummerweise erinnert er sich weder daran, wie lange dieser Zustand schon währt, noch an irgendwelche näheren Details seines Lebens – ein Umstand, an dem eine geheimnisvolle dunkle Macht nicht ganz unschuldig ist.

Bildergeschichte

Die Geschichte erinnert nicht von ungefähr an die Erzählweise der FF-Reihe, gerät zu Beginn jedoch etwas zähflüssig. Die Sequenzen laufen dabei nicht als Filme ab, sondern werden typischerweise in – wunderbar illustrierten – Textpassagen dargestellt. Das Lesen der teilweise arg umfänglichen Bildschirme nimmt einige Zeit in Anspruch. Nörgler seien jedoch bereits an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass man die Geschichte nicht weiterklicken, sondern tatsächlich lesen sollte.

Lost Odyssey - Richtig gut, auch ohne Final Fantasy im Namen: Das feine Japano-RPG überzeugt im Test.

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Während des BVG-Streiks in Berlin musste die Polizei den Ansturm der Fahrgäste auf die S-Bahn regeln.
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Erstens verliert man sonst schnell den Anschluss, und zweitens nehmen sowohl Story als auch Spannung im weiteren Verlauf der Handlung an Tempo zu. Durchhalten lohnt sich also! Nach und nach erfährt man auf diese Weise viele Details der Geschichte und lernt sowohl Kaim als auch seine sterblichen und unsterblichen Gefährten, die er im Laufe der Handlung trifft, besser kennen. Schnell wird klar, dass die Helden alles andere als gefönte Teenie-Schönlinge sind, wie man sie leider allzu oft in japanischen Spielen und Comics antrifft.

Kämpfe, gebrochene Helden und schöne Frauen – Lost Odyssee bietet die üblichen Zutaten eines erfolgreichen Japan-RPGs. Und das Beste: es funktioniert!Fazit lesen

Stattdessen hat jeder der Protagonisten schon viel erlebt, was sich in deren sehr differenzierter Weltsicht zeigt. Auch wenn beispielsweise Kaim nicht wie ein Tausendjähriger aussieht, so trägt er doch vielerlei Verletzungen in sich, die aus ihm einen müden, wortkargen Krieger gemacht haben.

Das Konzept der gebrochenen Charaktere wird erfreulicherweise auch durchgehalten, so dass einem großmäulige Verbalinjurien, wie von Rotzlöffel Naruto hinlänglich bekannt, oder die weichgespülte Strahlemann-Mentalität eines Tidus (FF-Fans mögen uns verzeihen) erspart bleiben. Das mag Freunde einfach gestrickter Haudrauf-Logik abschrecken, sollte aber keinen Grund zur Beunruhigung geben. Denn natürlich steckt hinter all dem Tun der Figuren auch hier der genreübliche Kampf zwischen Gut und Böse.

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Die Warnstreiks im Öffentlichen Dienst nahmen bedrohliche Ausmaße an.
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Wirklich neues sucht man also vergeblich im Hause "Lost Odyssey", das letztlich ebenfalls nur den spielerischen Konventionen klassischer RPGs folgt. Das ist schade, denn die an sich gute Story hätte man sicherlich komplexer stricken können. Spannend ist jedoch, dass im Laufe der Handlung die Allianzen mehrfach wechseln, denn Charaktere, die man eigentlich für Freunde hielt, werden zu Feinden und umgekehrt.

Natürlich lebt "Lost Odyssey" nicht allein von einer opulenten Hintergrundgeschichte. Die ewige Auseinandersetzung zwischen Hell und Dunkel wird entsprechend in Szene gesetzt. Auch dabei werden sich FF-Freunde sofort heimisch fühlen, denn das rundenbasierte Kampfsystem erschließt sich Veteranen schnell. Treffen die Helden auf zufallsgenerierte Gegner, wechselt das Spiel in einen übersichtlichen Kampfbildschirm.

Prügelrunde

Wie aus zahlreichen anderen Genrevertretern bekannt, handeln die Charaktere der Reihe nach, so dass mehrere Figuren ihre Angriffe kombinieren und gegen ein Ziel einsetzen können. Je nach gewählter Waffe und Fähigkeit ergeben sich die unterschiedlichsten Möglichkeiten. Je erfolgreicher man sich dabei anstellt, desto schneller steigen die Helden auf. Spezialisierungen sind allerdings nur im Rahmen der vorgegebenen Charaktereigenschaften der Figuren möglich.

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Sensationell: neues Fernseh-Unterhaltungsformat "Melodien der Berge" präsentiert sich für ein junges Zielpublikum diesseits der 85.
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Kaim ist und bleibt ein Krieger und baut daher seine Nahangriffsfähigkeiten aus, ein guter Fernkämpfer kann aus ihm nicht werden. Ein interessantes Detail stellt bei den Kämpfen das Ringsystem dar. Dabei wird, sobald ein Angriff beginnt, ein Kreis in Richtung des Gegners abgefeuert. Je präziser dieser über dem bösen Buben mit der rechten Feuertaste ausgelöst wird, desto effizienter wird die nachfolgende Attacke sein. Je nach Art des Rings erhält man dann einen höheren Schadensbonus, verursacht Elementarschäden oder bekommt Energie vom Gegner zurück.

Die Ringe kann man sich übrigens nach und nach selbst anfertigen. Dazu sind jeweils verschiedene Items notwendig, deren Beschaffung sich, je nach Art und Qualität, vom simplen Einkauf bis hin zum nur sehr schwer zu erbeutenden Einzelstück erstreckt. Auch hierbei ist Durchhaltevermögen angesagt, denn für so manchen Gegenstand muss man mehr als nur einen simplen Gegner meucheln.

Die Kämpfe selbst sind durchaus abwechslungsreich, stellen aber für Routiniers ebenfalls keine besondere Herausforderung dar. Die Formation der eigenen Gruppe erfolgt weitgehend automatisch. Nahkämpfer stehen vorn, Fernkämpfer hinten. Der Verteidigungswert richtet sich nach der Verfassung der vorderen Truppe. Kriegen die Frontkämpfer aufs Maul, hat das also Konsequenzen für die Defensive aller Mitglieder, da deren Schutzwert sinkt. Leider lässt sich dieser auch nicht durch eine Heilung der verletzten Kämpen wieder in die Höhe treiben.

Zeitvertreib

Die kurierten Partymitglieder können dann zwar wieder frisch erholt reinhauen, aber die Gesamtverteidigung geht nach und nach den Bach runter. Ist der Schutz auf Null, geht’s bei Treffern auch den Hintermännern und –frauen an den virtuellen Kragen, selbst wenn sie nicht direkt angegriffen wurden. Um Frust vorzubeugen, bekommt man im Laufe der Handlung allerdings die Möglichkeit, den Schutz durch die Benutzung bestimmter Gegenstände wieder herzustellen.

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Aktuelles von der Cebit: neue MP3-Spieler mit einem TB Speicher vorgestellt. Die Modelle sind allerdings ein wenig größer als die bisherigen.
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Wer "Lost Odyssey" durchspielen will, sollte sich ein paar Tage frei nehmen und etwaige Familienmitglieder aussperren. Denn um wirklich alles durchzuspielen, werden sicherlich mehr als 80 Stunden fällig. Leider weist das Design ein paar kleine Fehler auf, die ein ungetrübtes Spielvergnügen verhindern. So sind die meisten Kämpfe nicht nur zufallsbasiert, sondern ereignen sich auch immer wieder an Stellen, die man bereits erkundet hatte.

Ist man beispielsweise auf der Suche nach einem Item gezwungen, mehrfach zwischen Orten hin und her zu wechseln, wird man immer wieder aufs neue in Kämpfe verwickelt. Das bremst den Spielfluss gewaltig, denn die durch Gefechte zu erzielenden Fortschritte in der Charakterentwicklung stehen irgendwann in keinem Verhältnis mehr zu den Kloppereien. Hier wäre es wünschenswert gewesen, dass man Gegner bereits im Voraus erkennen kann, um selbst zu entscheiden, ob man ihnen ausweicht oder auf den Kopf haut.

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Wegen des BVG-Streiks in Berlin greifen immer mehr Pendler zu verzweifelten Maßnahmen, um ihre Arbeitsplätze rechtzeitig zu erreichen.
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An einigen Stellen im Spiel funktioniert dies ja auch. Warum es allerdings nicht konsequent eingesetzt wurde, bleibt offen. Nett ist dagegen die Möglichkeit, sich in Minispielchen die Zeit zu vertreiben. Zur Auswahl stehen verschiedene Privatschlägereien, aber auch Kämpfe mit Bossen oder friedliche Betätigungen wie Botengänge auf Zeit. Und wer genug Kohle hat, der kauft sich begehrte oder seltene Items kurzerhand in einem Auktionshaus. Das ist zwar weniger spannend, als die Teile im Kampf zu erbeuten, stachelt aber den Willen zum Geldverdienen an.

Technisch weiß "Lost Odyssey" zu überzeugen. Nicht nur die schon angesprochenen Textpassagen sind wunderschön illustriert, sondern das Spielgeschehen präsentiert sich in schönsten Farben und großer Detailverliebtheit auf Microsofts Krachkonsole. Die orchestrale Untermalung unterstreicht mit ihren vielfältigen Kompositionen die gelungene Atmosphäre und lässt Genrefans begeistert mit der Zunge schnalzen.

Musikantenstadl

Auch die Sounds sind gelungen und entfalten besonders bei Surround-Systemen viel Lebendigkeit. Einzig einige der Sprecher scheinen ihre Hausaufgaben nicht gemacht zu haben und klingen ähnlich charmant wie die Stationsdurchsagen in der Berliner U-Bahn. Das dürfte jedoch wahre Cracks kaum stören, denn die greifen auf die japanischen Originalstimmen zurück und nutzen die deutschen Untertitel.

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"Brille? Von Fielmann..."
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Puristen, die an jede Genre-Neuerscheinung sofort die FF-Messlatte legen, werden vermutlich aufgrund der kleinen aufgeführten Fehler die Stirn runzeln. Alle anderen Fans asiatischer Rollenspielkost hingegen kommen mit diesem Programm garantiert auf ihre Kosten. Doch am Thron der beliebtesten aller RPG-Reihen vermag "Lost Odyssey" in der Tat nicht zu rütteln.