Wenn die Handlung eines Videospiels zu einer Zeit spielt, in der Ford noch Flugzeuge hergestellt hat und die Straßen von Oldtimern beherrscht wurden, dann stehen die Bösewichte der Geschichte eigentlich schon fest: die Mafia oder Nazis. Im Fall von Lost Horizon sind das gewissermaßen gleich beide, denn der Pilot Fenton Paddock muss sich den chinesischen Triaden stellen und trifft auf einer Expedition ins geheime Königreich Shambala auf Nazis. Welch Überraschung.

Wir haben das neue Adventure der Geheimakte-Macher angespielt und verraten euch, ob uns ein hochklassiges Rätselabenteuer mit Indy-Flair ins Haus steht oder ob Animations Arts nicht so tief in die Klischee-Kiste hätte greifen sollen.

Lost Horizon - Trailer

Das haben wir irgendwo schon mal gehört...

Tibet, schneebedeckte Berggipfel, ein Tempel auf einem einsamen Hügel. Zwei Soldaten zerren einen verletzten alten Mann in das betagte Gemäuer, die Gewehrschüsse ihrer hartnäckigen Verfolger erschweren ihr Vorhaben. Einer der beiden fällt, der andere schafft es mit dem Greis hinein, das Steintor schließt sich – Sicherheit. Im Sterben überreicht der Mönch dem Soldaten ein Artefakt, welches dieser am mysteriösen Sockel vor der nächsten Pforte nutzt, gleißendes Licht erhellt plötzlich den Bildschirm, der Soldat verschwindet und dann – Nichts.

Lost Horizon - Indiana Jones, Uncharted... und jetzt Lost Horizon

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Gleich zu Beginn machen wir einen kurzen Abstecher in einen alten Tempel.
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So stimmig beginnt Indiana Jo... ähm... Unchar...nein, Moment. Ah! Lost Horizon. OK, beim Story-Gerüst und beim Namen haben sich die Entwickler von Animations Arts nicht gerade einen Innovationspreis verdient, aber dank der atmosphärischen und spannenden Inszenierung mögen wir diese Ideenlosigkeit gerade noch verzeihen. Wie auch schon das Abenteuer von Nina Kalenkow im Fall Tunguska ist Lost Horizon ein klassisches Adventure, das von seinen Rätseln, der Geschichte und einer Prise Wortwitz lebt.

Action-Adventure?

Nach der gelungenen Einleitungssequenz beginnt das eigentliche Spiel: Wir stecken in der Haut von Fenton Paddock, einem ehemaligen Militär-Piloten, der im Hong Kong der 30er Jahre lebt und seinen Lebensunterhalt als Lieferant und Schmuggler verdient. Erfolgloser Schmuggler wohlgemerkt, denn gleich nach Spielbeginn befindet sich Fenton im Konflikt mit einer Triade, die ihn sogleich ein frühzeitiges Wasserbegräbnis bescheren will. In einem abgedichteten Sarg gefangen landen wir also am Grund des Meeres und müssen einen Ausweg finden – eines der ersten zahlreichen, stets logischen und teils äußerst einfallsreich präsentierten Rätsel: Den Sarg betrachten wir etwa aus der Ich-Perspektive.

Packshot zu Lost HorizonLost HorizonErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Solche Ereignisse lassen das Adventure lebendig wirken und lockern den sonst klassischen und gemächlichen Spielfluss auf. Lost Horizon scheut sich nicht davor, Actionszenen einzusetzen und baut sie dabei gleich so geschickt ein, dass sie stimmig und rasant wirken, ohne Zeitdruck aufzubauen. So liefern wir uns etwa zusammen mit unserer Begleiterin, die wir bereits im frühen Spielverlauf kennenlernen, eine intensive Verfolgungsjagd mit der chinesischen Mafia. Diese Sequenzen verzichten glücklicherweise auf den Einsatz simpler Minispielchen und bleiben dem etablierten Knobel-Prinzip treu – wir hoffen, dass das auch auf die Vollversion zutreffen wird.

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Unangenehm: In dieser Kiste befindet sich Luft für nur noch 15 Minuten. Und sie steht auf dem Meeresboden.
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Die sonstigen Rätsel folgen der Genretradition: Wir sammeln Gegenstände ein, führen Gespräche, kombinieren Objekte usw. - unser Inventar quillt dabei nie über und obwohl eine Vielzahl Orte darauf wartet, von uns erkundet zu werden, fühlen wir uns nie überwältigt. Natürlich gibt es zu Spielbeginn noch keine wirklich harten Nüsse zu knacken, aber die Entwickler versprechen einen stetig steigenden Schwierigkeitsgrad.

Wie von Geheimakte gewohnt wird auch beim verlorenen Horizont viel Wert auf hohen Bedienkomfort gelegt. Per Tastendruck oder Mausklick blenden wir die Hotspot-Anzeige ein, sämtliche Gespräche lassen sich überspringen und per Karte reisen wir bequem von einem Ort zum nächsten. Auf eine direkte Hilfefunktion verzichtet das Abenteuer, stattdessen können wir uns zu jederzeit den Stand der Story und unseren momentanen Auftrag ansagen lassen, eine Stimme erzählt uns dann von unserer bisherigen Reise.

Story fesselt, Inszenierung packt, Rätsel fordern - Lost Horizon kann was Großes werden!Ausblick lesen

Also alles toll im Adventure-Land? Nicht ganz, denn vor allem die Atmosphäre von Lost Horizon leidet stark an der mehr als betagten Technik. Das macht sich vor allem (und auch hier genau wie bei den Geheimakte-Titeln) bei den 3D-Modellen bemerkbar, die mit matschigen Texturen, wenigen Details und Puppen-artigen Animationen daherkommen. Gerade bei der Mimik hätten wir uns mehr gewünscht, die Lippenbewegungen passen oft nicht zum gesprochenen Text und generell strahlen die kleinen gezeichneten Charakter-Portraits neben den Dialogfenstern mehr Persönlichkeit aus als die Figuren selbst.

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Die Hintergründe sind stimmig, die 3D-Figuren detailarm.
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Dennoch ist es erstaunlich, wie cinematisch Lost Horizon inszeniert ist. Trotz der zweidimensionalen Hintergründe gibt es Perspektivwechsel bei Zwischensequenzen, Kamerafahrten und Zooms bringen zudem Bewegung in das sonst so statische Genre. Die vorgerenderten Hintergründe überzeugen mit Detailreichtum und gelungenen Effekten, sei es prasselnder Regen oder die stimmige Beleuchtung. Auf musikalischer Ebene werden wir mit orchestralen Klängen verwöhnt und die Sprachausgabe geizt nicht mit professionellen und passenden Sprechern, die den Charakteren Leben einhauchen.