Eine Geschichte über eine zusammengewürfelte Heldentruppe zu erzählen, die das Ende der Welt verhindern soll, klingt vielleicht nicht nach dem besten Ansatz, um sich vom JRPG-Einheitsbrei abzuheben. Umso überraschender, wenn solch ein Szenario allen Vorurteilen zum Trotz mal nicht dem gängigen Schema folgt und sogar mit originellen Spielmechaniken verbunden wird. Wann habt ihr schließlich schon mal die Welt retten müssen, indem ihr die Mitglieder eures Teams eliminiert?

Lost Dimension - Full Trailer (EU)Ein weiteres Video

Schon an den Trailer und einigen Vorschaumaterialien hat sich früh abgezeichnet, dass hinter Lost Dimension schon ein wenig mehr steckt als die übliche Fantasy-Standardkost. Dabei setzt euch das Spiel erst keine zähe Einleitung vor, sondern macht euch bereits in den ersten Spielminuten mit dem Kampfsystem vertraut gemacht. Dieses stellt eine Mischung aus Echtzeit und Rundenstrategie dar und erinnert an Valkyria Chronicles oder XCOM: Enemy Unknown.

Kann gut sein, dass der Funke nicht gleich überspringt. Zumindest ging es mir so, als ich mich erst in die mit Termini vollgepackten Menüs und die genauen Missionsabläufe reinfuchsen musste. Trotzdem präsentiert sich das Spiel schon wesentlich interessanter als ein Großteil seiner Genrekollegen; allein schon deshalb, weil euch von Anfang an sämtliche Mitglieder des Teams als Spielfiguren zur Verfügung stehen. Mit diesen gilt es, sich durch einen überdimensionalen, futuristischen Turm durchzukämpfen, der einem Terroristen mit Weltvernichtungsambitionen als Superwaffe dient. Der Haken dabei ist, wie bereits erwähnt, dass ihr nur vorankommt, wenn ihr das Leben eines Kameraden opfert.

Lost Dimension - Verräter sein ist nicht schwer, Freund zu bleiben umso mehr

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Hauptcharakter Sho kann dank seiner Visionen die Gedankenfetzen seiner Kameraden wahrnehmen und so Hinweise über den Verräter sammeln.
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Verrat und Konsequenz

Der wohl interessanteste Aspekt bei der Sache ist der variable Handlungsverlauf, der durch eure Spielentscheidungen beeinflusst werden kann. Spätestens wenn zur Debatte steht, wen es zu opfern gilt, werden sich manche sicherlich an Visual Novels wie Danganronpa und 999: Nine Hours, Nine Persons, Nine Doors erinnert fühlen. Der Knackpunkt an diesem Gruppenkonflikt ist, dass es hierbei weniger um eine moralische, sondern letztlich eine analytische Problematik geht.

Ab einen bestimmten Punkt in der Handlung ist euer Hauptcharakter dank übersinnlicher Kräfte in der Lage, durch vage Visionen die Gedankenfetzen seiner Mitstreiter in den Missionen wahrzunehmen, die darauf hinweisen, dass eure Gruppe infiltriert wurde. Und das nicht nur von einem Maulwurf, sondern gleich von mehreren, die der Oberbösewicht hineingeschmuggelt hat, um eure Weltrettungsoperation zu sabotieren. Diese Spione gilt es mithilfe des Ausschlusssystems auszusondern - eine Art Ultimatum, das vom Strippenzieher gestellt wird und euch die Möglichkeit bietet, seinen Menschheitssäuberungsplan zu vereiteln.

Packshot zu Lost DimensionLost DimensionErschienen für PlayStation Vita und PS3 kaufen: Jetzt kaufen:

Im ersten Moment kann die Visionsfähigkeit des Protagonisten schon ein wenig irreführend sein und lässt euch bezüglich eurer Tätersuche ein wenig im Trüben fischen, da zunächst weder eine Erklärung geliefert wird, noch die Gedankenfetzen eurer Mitglieder bei dem ersten Personenausschluss überhaupt eine Rolle spielen. Wirkliche Entscheidungsmöglichkeiten habt ihr erst, nachdem ihr euren ersten, vom Spiel festgelegten Mann verloren habt. Und genau das war der Moment, an dem mich das Spiel abgeholt hatte.

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Jeder Charakter hat einzigartige Fähigkeiten, die sich je nach Situation als unterschiedlich nützlich erweisen. Das macht die Kameraden eigentlich auch unentbehrlich.
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Taktisches Last-Man-Standing nach Mastermind-Prinzip

Nachdem der erste Charakter über den Jordan gejagt wurde, listet euch das Spiel für jede vergangene Mission die sechs Teilnehmer in einer Chronik auf, die ihr für die einzelnen Operationen entsendet habt. Ebenso wird die Anzahl an verdächtigen Stimmen, die euer Held in seiner Vision dabei wahrgenommen hat, angegeben. Da die Fähigkeit nur in den Missionen funktioniert und die Gedanken nicht eindeutig zuzuordnen sind, müsst ihr hauptsächlich mithilfe eurer Aufzeichnungen per Ausschlussverfahren vorgehen, um den Kreis der Verdächtigen einengen zu können.

Ansätze bekommt ihr also am besten, wenn die Zusammensetzung der Mitglieder für die jeweiligen Missionen variiert, sodass sich früher oder später die Stimmen auf bestimmte Personen zurückführen lassen. Etwas dynamischer gestaltet sich das Ganze noch durch die optionalen Gespräche, die euer Hauptcharakter mit anderen Mitstreitern führen kann. Dadurch gewinnt ihr mehr und mehr Vertrauen bei einzelnen Kameraden, was dazu führt, dass sie sich öfter einen Rat von euch einholen werden. So könnt ihr auch die Stimmenwahl der anderen zu euren Gunsten lenken und damit die Infiltranten nach und nach enttarnen.

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Kameraden, die sich in der Nähe befinden, können euch Waffenunterstützung geben. Jeder Charakter im Radius bringt euch also einen zusätzlichen Angriffszug.
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So einfach, wie sich dieses Ausschlussprinzip anhört, ist es dann aber doch wieder nicht. Wer verdächtige Gedanken hegt, ist nämlich noch lange kein Verräter. Wiederum können Charaktertode dazu führen, dass sich die Gesinnungen eurer Kameraden im Laufe des Spiels verändern. Dadurch seid ihr nicht nur gezwungen, eure Kameraden regelmäßig zu überprüfen, sondern werdet obendrein noch im Falle einer Fehlentscheidung mit den Konsequenzen wie Misstrauen und weiteren potenziellen Überläufern konfrontiert.

Ein erfrischender Genre-Mix, der die Versatzstücke unterschiedlicher Spieltypen gekonnt zu kombinieren weiß und mit eigenen originellen Ideen besticht.Fazit lesen

Ein einziger Speicherstand sowie eine Autosave-Funktion sorgt dafür, dass eine Rückkehr zu einem früheren Zeitpunkt im Spiel unmöglich ist. Habt ihr also mal eine unschuldige Person aus den eigenen Reihen ungewollt eliminiert, geht das Spiel weiter; ihr müsst damit leben und kriegt je nach Missions- und Dialogentscheidungen einen alternativen Handlungsstrang präsentiert.

Mehr Schein als Sein

Wenn es an diesem eigentlich recht raffinierten Spielelement etwas anzukreiden gibt, dann wäre es die ernüchternde Tatsache, dass sie im Großen und Ganzen lediglich den Anschein von narrativer Vielseitigkeit durch verschiedene Enden und Gruppensituationen erweckt. Zumindest würden sich mehrere Durchgänge augenscheinlich anbieten. Spätestens bei einem Neustart der Handlung werdet ihr aber merken, dass das Spiel recht zufällig einige eurer elf Teamkameraden zu Verrätern auserwählt und deren Verlust durch etwas austauschbar wirkende Gespräche der Verbliebenen "verarbeitet" wird, wodurch die Tode wiederum recht anonymisiert daherkommen.

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Gespräche und Unterstützungskämpfe fördern das Vertrauen zwischen euren Charakteren, wodurch ihr die Wahlen für das tödliche Ausschlussverfahren beeinflussen könnt.
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Auch wenn die Suche nach den Maulwürfen dadurch nicht weniger spannend wird, verliert das Spiel dadurch deutlich an Wiederspielwert und verschenkt auch jede Menge Handlungspotenzial. Von den restlichen Spielelementen her betrachtet ist Lost Dimension dennoch ein spaßiges wie auch taktisch anspruchsvolles Spiel, das viele kleine Feinheiten und gute Ideen besonders in puncto Kampfsystem liefert und euch immer wieder vor schwere Herausforderungen stellt. Selten werdet ihr mit einem einzelnen Spielcharakter, so stark er sein mag, die Missionen allein bestreiten können, da die Konfrontationen mit der Übermacht an Gegnern die gegenseitige Unterstützung der Kameraden im Grunde voraussetzen. Darauf ist das Spiel prinzipiell auch ausgelegt, da ihr mit den Interaktionen auch die handlungsrelevanten Charakterbeziehungen beeinflusst.

Ansonsten gibt es spieltechnisch nur kleinere Macken zu kritisieren, die man auch aus anderen JRPGs zu Genüge kennt. Darunter zählen die überwiegend belanglosen Support-Dialoge, teilweise sehr dumm agierende KI-Gegner und kleinere Einstiegs- und Verständnishürden bei den Kampfabläufen, die sich aber mit stetigem Spielfortschritt und nach einigen Trial-and-error-Momenten erübrigen. Im Großen und Ganzen hat Lost Dimension sich aber als ein erfrischender Überraschungstitel herausgestellt, der mit originellen Ideen überzeugen kann und gezeigt hat, dass es nicht viel bedarf, um aus festgefahrenen Genre-Konventionen auszubrechen.