„Spiele verkaufen Hardware“, lautet eine alte Weisheit aus der Spielebranche. In den letzten Monaten kam mir genau dieser Satz immer wieder in den Sinn, wenn ich wehmütig auf mein Spielregal geschaut und einen eigentlich bestens ausgestatteten mobilen Begleiter erblickt habe, sein Namenszug von einer zentimeterdicken Staubschicht unkenntlich gemacht.

Little Big Planet Vita - Marvel Arcade Pack4 weitere Videos

Ein Sackgesicht, wie man es sich wünscht

Dann war es plötzlich da: das Spiel, das die Kehrtwende bringen soll. Und warum auch nicht? Hat ja schon einmal funktioniert. Sackboy hat der PlayStation 3 mit seiner liebevollen Verspieltheit etwas gegeben, was sie damals so dringend benötigt hat: Persönlichkeit. Heute steht Sony mit der PlayStation Vita vor einem ähnlichen Problem.

Test

Trotzdem hatte ich im Vorfeld so meine Zweifel, ob sich die Erfolgsgeschichte wiederholen würde. Immerhin ist es noch gar nicht lange her, als das unmotivierte „Resistance: Burning Skies“ gezeigt hat, dass ein tolles Konsolenspiel noch lange nicht zwangsweise auf einem Handheld funktionieren muss. Sprücheklopfer und Jung-Indy Nathan Drake hat es zwar deutlich besser getroffen, konnte dem übermächtigen Schatten des großen Bruders aber ebenfalls nicht entkommen.

Little Big Planet Vita - Ein Sackgesicht, wie man es sich wünscht

alle Bilderstrecken
Er ist wieder da und mindestens genauso verrückt wie früher: Sackboy.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 23/271/27

Um es gleich vorwegzunehmen: Das grobmaschige Knopfaugenmaskottchen hat einen weitaus überzeugenderen Auftritt hingelegt. Während sich andere Portierungen darauf beschränkt haben, das technisch überlegene Vorbild möglichst ohne Abstriche auch auf dem kleinen Bildschirm zu einem vollwertigen Abenteuer heranwachsen zu lassen, hat Media Molecule einen mutigeren, weil deutlich anspruchsvolleren Weg gewählt.

Packshot zu Little Big Planet VitaLittle Big Planet VitaErschienen für PlayStation Vita kaufen: Jetzt kaufen:

„Little Big Planet“ war und ist eine Wundertüte. Bis obenhin voll. Mit allem, was sich Abertausende kreative Spieler aus den hinterletzten Hirnwindungen gekratzt und zu einem gruseligen, witzigen, traurigen, anspruchsvollen oder sonst einem Erlebnis zusammengetragen haben. Jedes Level ein neues Abenteuer. Oft läuft dieses in Form eines klassischen Jump-and-Runs von links nach rechts ab, genauso gut kann es aber auch hinter dem Kontrollpult eines Raumschiffs stattfinden oder euch zum sportlichen Rennfahrer ernennen.

Wie füreinander gemacht: Little Big Planet passt in seiner Verspieltheit perfekt zur Vita und erweitert das Spielprinzip der Serie auf gewitzte Weise durch deren Funktionen.Fazit lesen

„Es ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man bekommt“, hätte Forrest Gump gesagt. Und recht gehabt. Dass man zwischendurch mal auf eine saure Füllung stößt, lässt sich nicht vermeiden, spielt aber auch keine Rolle – der nächste Leckerbissen ist nur einen Tastendruck entfernt.

Little Big Planet Vita - Ein Sackgesicht, wie man es sich wünscht

alle Bilderstrecken
Die plastischen Oberflächentexturen der Materialien verleihen jeder Welt ihren ganz eigenen Charme und sehen so aus, als könnte man ihre Struktur regelrecht fühlen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 23/271/27

Mit voller Wucht hat mich diese schier unendliche Vielfalt damals getroffen, immer und immer wieder, wochenlang. Unmittelbar bin ich in die ungefilterte Fantasie andere abgetaucht, habe mich fallen lassen und traumgleich in faszinierenden Welten bewegt. Beinahe zumindest, denn das latente Gefühl einer zwar kleinen, aber dennoch unüberwindbaren Barriere zwischen mir und Sackboy konnte ich zu keinem Zeitpunkt ablegen. Bis ich die Vita in die Hand nahm und begriff, worin dieses kleine Quäntchen Reserviertheit begründet lag.

In direkter Interaktion.
Bei aller Liebe zum PS3-Pad: Die von LBP seit jeher suggerierte grenzenlose Interaktion war damit nur bis zu einem gewissen Grad möglich – Sixaxis-Spielereien und marginale Move-Unterstützung hin oder her. Genau in diese Lücke prescht das vitale Sackgesicht mutig vor und füllt diese mit einem Touchscreen, Rückseiten-Touchpad, Gyrosensor und Kamera auf eine ganz eigene, typisch verspiele Art, die es in dieser Form kein zweites Mal gibt.

Grabschen, wischen, drücken, schütteln, kippen – erleben

Ausgebuht wurde er schließlich, ausgerechnet er. Der Puppenspieler, dem seine einst johlenden und krakeelenden Zuschauern stets zu Füßen lagen. Immer dasselbe, nichts Neues. Alles schon einmal dagewesen. Hat ihm schwer zugesetzt, erzählt mir Oberst Flunder. Ein kauziger alter Mann, mit schiefem Zylinder, zotteligem Bart, blauer Latzhose und verquollenen, etwas irren Augen. Nur der erste schrullige Vogel aus einem bunten Potpourri schräger Charaktere, die ich im Laufe der Geschichte kennen- und lieben lerne.

Ins Gedächtnis gebrannt hat sich auch der Unglaubliche Otis, ein schrottsammelnder Hillbilly mit Texas-Attitüde und bestem Hinterwäldler-Akzent, der mir etliche seiner buchstäblich abgefahrenen Erfindungen mit stolz geschwellter Brust präsentiert hat. Darunter ein dreiseitiges flinkes Gefährt, das an jeder Oberfläche haften bleibt und zum wilden Experimentieren einlädt. Noch schneller geht’s mit einer High-Tech-Kugel, die durch Kippen und Neigen des Handhelds über den hochaufgelösten Bildschirm gescheucht wird.

„Little Big Planet Vita“ sprudelt nur so vor kreativen, cleveren Einfällen und bindet die Vita-Funktionen spielerisch in das Geschehen ein, ohne dass es aufgesetzt wirkt – ein Drahtseilakt, an dem Dutzende Nintendo-DS-Spiele bereits gescheitert sind.

Little Big Planet Vita - Ein Sackgesicht, wie man es sich wünscht

alle Bilderstrecken
Oberst Flunder wirkt im Vergleich zu seinen Zeitgenossen, die im weiteren Spielverlauf auftauchen, noch beinahe normal.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 23/271/27

Schon nach wenigen Minuten führt mich der Weg des Puppenspielers an eine schier unüberwindbare Schlucht. Nichts zu machen mit meinen kleinen Filzbeinchen. Was also tun? Ausprobieren! In Sackboys Welt ist vieles selbsterklärend, aber beileibe nicht alles auf den ersten Blick ersichtlich. Denke ich und sehe einen merkwürdigen Block im Hintergrund. Müsste man irgendwie bewegen können. Denke ich und versuche es.

Vielleicht mithilfe des Touchscreens schieben? Nee, bringt nichts, aber wie soll es auch? Ich will den Block schließlich nach vorne, also näher zu mir schieben. Ein sachter Druck auf die Position des Rückseiten-Touchpads an der entsprechenden Stelle bringt dann den Erfolg und einen magischen „Aha!“-Moment. Nur einen. Aber diesem sollen unzählige weitere folgen.

Da ist sie: die Interaktion. Keine Barriere mehr, nur pure Spielfreude, ein seliges Lächeln auf dem Gesicht und der kindliche Mut zum Entdecken. In diesem Augenblick realisiere ich, dass hier gerade etwas Besonderes passiert ist. Ich spiele nicht, um zu gewinnen, die Highscore zu knacken oder meiner Trophäen-Sammlung einen Platinpokal hinzuzufügen. Ich spiele, weil es Spaß macht.

Little Big Planet Vita - Ein Sackgesicht, wie man es sich wünscht

alle Bilderstrecken
Und jetzt alle im Chor: "Ich bin individuell".
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 23/271/27

Dabei machen die Sackmännchen nichts wirklich neu, nichts wirklich besser als die Konkurrenz. Vielmehr ist LPB eine spielgewordene Hommage an das Medium selbst und besinnt sich auf die Grundwerte eines jeden Videospiels. Der Spaß steht im Vordergrund, das Entdecken um des Neuen willen, die Erfahrung als Ganzes. Ich kann mich fallenlassen, in eine Welt nach der anderen. Wie ein virtueller Traum, nur schöner, kontrollierbar.

Apropos kontrollierbar: Der mächtige Editor hat den Sprung von der Konsole auf den Handheld unbeschadet überstanden und erstrahlt zum Teil sogar in völlig neuer Blüte. Die Bedienung geht durch den großen Touchscreen der Vita wesentlich intuitiver von der Hand, ändert aber nichts an der immensen Komplexität, die ungeduldige Naturen schnell abschrecken wird.

Wenn wie durch Zauberhand mit einem einzigen Fingerstrich aber erste Formen ihren Weg aus der eigenen Fantasie auf den Bildschirm finden, ist bereits die erste Hürde genommen. Doch trotz der erfolgreichen Portierungen des Sackboy-Baukastens: In „Little Big Planet 2“ erstellte Level können aufgrund ihrer aufwändigeren technischen Darstellung nicht in der Hosentasche mitgenommen werden.