Geh aus, mein Herz, und suche Freud‘. – Seht euch einen beliebigen Screenshot auf diesen Seiten an und sagt mir, dass ihr dieses Spiel nicht augenblicklich knuddeln wollt. Lilly Looking Through sieht aus wie ein wunderschön aufbereitetes Kinderbuch zum Mitspielen, verheißt die kniffligen Knobeleien eines Machinarium, klingt nach allem, weswegen wir Indiespiele lieben: Stil, Seele, Einfallsreichtum. – Schau an der schönen Gärten Zier, und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben.

Lilly Looking Through - Official Trailer

Zurück in die Zukunft

Die kleine Lilly ist in einer postapokalyptischen Welt auf der Suche nach ihrem Bruder, der auf einer roten Fahne vom Wind davongeweht wurde. Ähm… hä?! Wie die beiden Geschwister zwischen den Ruinen dieser untergegangenen Kultur überleben können, wieso der Bruder durch die Lüfte treibt und wo diese magische Brille herkommt… - in „Lilly Looking Through“ nach dem „Warum?“ der Geschichte zu fragen, ist in etwa so sinnvoll wie die Frage, weshalb Pippi Langstrumpf allein mit einem Affen, einem Pferd und Superkräften in ihrem Haus wohnt. Kinderbücher genießen den Luxus, sich ihre eigene Logik zimmern zu dürfen.

Lilly Looking Through - Zeitreiserätsel!!! Ja, genau wie in Day of the Tentacle!!!

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Seht her! Ist es nicht wunderschön?
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Dabei ist Logik der grundlegende Dreh- und Angelpunkt der Knobeleien: Ähnlich wie im hübschen Indie-Adventure Machinarium bleiben die Figuren, bis auf gelegentliche Zurufe, stumm. Dialoge gibt es nicht, ein Inventar genauso wenig wie einsackbare Gegenstände-To-Go, kein „Benutze Klebeband mit Rohrreiniger“. Stattdessen manipulieren wir, wie in den Kopfnuss-Klassikern der Gobliiins-Reihe, die Umgebung, um uns von einem meist etwa bildschirmgroßen Level zum nächsten zu knobeln.

Die Funktionsweise von großen Maschinen mit ihren Schaltern, Kurbeln und Schaufelrädern müssen wir etwa durchschauen oder die Luftblasen auf einem Teich so anordnen, dass Lilly auf ihnen ans andere Ufer hüpfen kann. Dass die Entwickler auch an dem einen oder anderen Teil der Myst-Reihe beteiligt waren, lässt das Spiel mehr als einmal durchschimmern.

Vor allem aber dreht sich das Rätseldesign um die paradoxe Macht von Zeitreisen. So wie in Day of the Tentacle. Und noch einen Tick mehr wie in der Episode mit der Zeitreisenden in Ron Gilberts The Cave. Wenn Lilly ihre Fliegerbrille überstülpt, kann sie von der Gegenwart in die Vergangenheit springen, in eine Zeit, in der die verfallenen Ruinen noch prunkvolle Gebäude waren und Vegetation nicht alles überwuchert hat.

Packshot zu Lilly Looking ThroughLilly Looking ThroughErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Auf diese Weise überquert Lilly eingestürzte Brücken, indem sie an einen Augenblick durch die Zeit zurückreist, in dem jene noch intakt war. „Lilly Looking Through“ ist immer dann am stärksten, wenn es kreative Verwendungsmöglichkeiten für diese Art von Zeitreise-Logik auskundschaftet: Einmal schütteln wir eine Eichel vom Baum, um dann an dieser Stelle in der Zukunft einen zu stattlicher Größe gewachsenen Baum vorzufinden, auf dessen Wurzelwerk wir über eine Schlucht gelangen. Ein andermal verrücken wir einen Felsen, der dadurch im Mühlstein der Jahrhunderte von einem Rinnsal abgetragen wird und den Weg in eine Höhle freilegt.

Lilly Looking Through - Zeitreiserätsel!!! Ja, genau wie in Day of the Tentacle!!!

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Zeitreiselogik: Während der Baum in der Vergangenheit noch in voller Blüte steht, ist er in der Zukunft nur noch ein knorriger Stumpf.
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Sind die meisten Rätselnüsse über lange Strecken selbst mit eingelegten dritten Zähnen locker durchzukauen, bekommt man erst gegen Ende die Befürchtung, sich gleich eine Plombe auszubeißen. Einen Großteil der ziemlich kurzen drei bis vier Stunden Spielzeit werdet ihr mit den letzten beiden Rätseln verbringen, in denen komplizierte Farbadditionen vorgenommen werden müssen. Ich würde sie gerne „knackig“ nennen, neige aber eher zu „nervtötend“.

Dieser Eindruck hängt auch etwas an dem zähen Spielgefühl zusammen: So wunderhübsch die flüssigen Zeichentrickanimationen auch sind, sie hemmen den Spielfluss spürbar, weil nach jedem Klick erstmal ein paar Sekunden vergehen, bevor man wieder aktiv werden darf. Ähnliches gilt für die Bilderbuchhintergründe: So wunderschön diese auch gemalt sind, so grobpixelig – und trotz Highend-Rechner leicht ruckelnd – fallen sie mitunter aus, weil das Geschehen in vielen Momenten näher herangezoomt ist, als es der Auflösung gut tut.

Wunderschön, voller hübscher Einfälle, aber auch sehr schnell vorbei.Fazit lesen

Nichts zu meckern gibt es hingegen bei der Musik: Die wundervoll sphärischen Klänge lassen die Fantasie auf Wanderschaft gehen wie bei einem gemütlichen Besuch im Planetarium.