Einen Test zu einem Spiel zu tippen, das weit weniger Spiel als eine emotionale Reise sein will, stellt mich vor ein Problem. Das Problem geht weit darüber hinaus, am Ende des Artikels eine Note zücken zu müssen – das passt schon, ist sie doch letztlich nicht mehr als ein kleiner Indikator dafür, ob man für das besprochene Spiel Geld ausgeben sollte oder lieber nicht. Im Falle von Life is Strange gebe ich euch die Antwort nicht nur als Ziffer, sondern auch als Einstieg: sollte man.

Was ist daran jetzt so schwer, fragt ihr? Nun, auf der einen Seite ist es schwer, ein Spiel einem klassischen Spieletest zu unterziehen, das weniger auf Mechanik oder den sagenumwobenen Spielspaß setzt, sondern vielmehr berühren und bewegen möchte. Klaro, New Games Journalism all over the place: Ein Spiel besteht nicht mehr nur aus zwei beweglichen Linien und einem Ball. Sie bringen uns mit persönlichen Geschichten zum Grübeln, stellen uns vor moralische Entscheidungen, die zur Selbstreflektion drängen – oder es ist Call of Duty. Diese Tatsache hat mich als leidenschaftlicher Videospieler natürlich auch erreicht. Trotzdem fällt es mir bei Life is Strange schwer, meinem üblichen Tagewerk nachzugehen.

Life Is Strange, Episode 5: Polarized - Gefühlssache

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Life is Strange mag seine Fehler haben, ist in vielen Momenten aber auch einfach nur wunderbar.
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Life is strange und nicht zwingend beautiful

Life is Strange ist vor allen Dingen eine Einstellungssache. Ich glaube, das ist es, was ich sagen will. Life is Strange ist nicht perfekt. Es hat eklatante Makel, die aus verschiedenen Gesichtspunkten heraus stören könnten. Nach dem großartigen, leider extrem unterschätzten und völlig untergegangenen Remember Me ist Life is Strange das zweite Projekt des französischen Studios Dontnod. Nach dem Misserfolg und dem Wechsel zu Square Enix wurde dem Entwickler aber anscheinend nicht das gleiche Vertrauen entgegengebracht, wie noch bei dessen Erstlingswerk. Deshalb wurde das Serien-Adventure mit einem kleinen Budget realisiert. Auch wenn die Entwickler durch einen reduzierten, aber sehr geschmackvollen Grafikstil die technische Mittelmäßigkeit gut kaschieren, sind es gerade die steinernen Charakteranimationen und asynchronen Lippenbewegungen, die bei einem erzählintensiven Spiel doch deutlich stören.

Mir persönlich ist dieser technische Schnickschnack aber Schnurz. Nach ein wenig Eingewöhnung blende ich das letztlich aus. Die Sprecher der Hauptakteure machen einen tollen Job, mir Max, Chloe und Warren lebendig erscheinen zu lassen – auch wenn die dicke Uncanney-Valley-Maske von einem Gesicht da auf dem Bildschirm gerade etwas anderes sagt. Doch auch am Skript und den Dialogen können sich einige Spieler stören. In Life is Strange spielen Teenager die Hauptrolle. Teenager sprechen seltsam, entwickeln ihr eigenes urbanes Wörterbuch und vermischen Sprachfetzen zu eigenen Ausdrücken. Der französische Entwickler hat sich Mühe gegeben, sich in amerikanische Teenager hineinzuversetzen … aaaber sagen wie es mal so: „Wowser! Are you cerial?“ Oft überspitzen sie den Tennieslang ein wenig. Doch auch das ist für mich ein kleiner Makel, der einen Großteil der vielen schönen Ideen und Momente nicht kaputt machen kann.

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Den Schulalltag fängt Dontnod schön ein, nur mit Jugendsprache tun sie sich etwas schwer.
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Momentaufnahme

Auch über die Geschichte zu schreiben, ist bei Life is Strange schwer. Details ausplaudern ist nicht, ansonsten ist die Spielerfahrung im Eimer. Um die Ausgangslage aber zumindest kurz anzureißen: Max Caulfield kehrt nach fünf Jahren Abwesenheit zurück in ihre Heimat Arcadia Bay. Sie beginnt ihr Fotografie-Studium an der örtlichen Blackwell Academy. Zu ihren einstigen Freunden hat sie keinen Kontakt mehr. Sie ist ein Nerd und tut sich schwer bei der Integration in ihr Schulumfeld. Eines Tages beobachtet sie in der Uni-Toilette den Übergriff eines bewaffneten Jungen auf ein Mädchen. Das Mädchen wird erschossen. Aus einer intuitiven Reaktion reißt Max die Hände in die Luft und plötzlich findet sie sich wieder zurück im Klassenzimmer, in der gleichen Vorlesung, die vor fünf Minuten eigentlich endete.

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Warum sieht Max Visionen eines fürchterlichen Wirbelsturms, nachdem sie ihre Kräfte erhält?
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Wie sich zeigt, kann Max die Zeit manipulieren und kurze (wirklich nur kurze?) Zeitsprünge vollführen. Aber warum plagen sie Visionen eines tosenden Wirbelsturms, der auf Arcadia Bay zusteuert? Warum kommt ihr das erschossene und dann doch wieder nicht erschossene Mädchen so bekannt vor? Fragen über Fragen, die letztlich auf der Suche nach einem verschwundenen Schulmädchen Stück für Stück aufgelöst werden.

An der Geschichte kann sicher auch gemäkelt werden. Ja, Max lässt sich erstaunlich schnell auf ihre übernatürlichen Kräfte ein und hinterfragt sie eigentlich nie wirklich. Ja, auch in Life is Strange öffnet die Möglichkeit der Zeitreise ein ganzes Wurmloch an kleinen Fehlerchen. Ja, die Auflösung ist nicht zu einhundert Prozent zufriedenstellend. Aber auch das ist mir ziemlich schnuppe. Der Weg ist das Ziel – und der Weg ist wunderbar!

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Life is Strange widmet sich trotz Zeitreise-Luftblase hauptsächlich dem recht normalen Leben eines Teenagers. Es ist keine Hochglanz-Shooter-Achterbahn, kein reißerisch Inszenierter Action-Blockbuster und erst recht nicht das x-te Assassin’s Creed. In ruhigen Tönen zeigt es den (sehr ereignisreichen) Alltag von Max, führt mich zurück in die Schule, mit seinen Cliquen und Stereotypen, und lässt mich an alte Freunde denken, zu denen über die Zeit der Kontakt abgebrochen ist. Aber es zeigt auch Extreme, wie Mobbing oder Suizid. Und egal welches Thema es eigentlich anspricht, irgendwie rattert die ganze Zeit die Denkmurmel. Das macht Life is Strange so eindringlich. Das Thema Freundschaft und wie wichtig es ist, Personen zu haben, an denen man sich festhalten kann, ist vorherrschend. Noch einmal: Life is Strange mag weit von Perfektion entfernt sein – aber es ist in Teilen einfach so wunderbar, dass mir das völlig egal ist.

Phew!

Der Text mag etwas konfus sein. Die Credits der letzten Episode sind quasi eben erst durchgelaufen. Auch wenn ich nicht jeden Moment mit Feuerwerk und Konfetti feiern wollen würde, hat mich Life is Strange aber trotzdem erwischt. Vielleicht bin ich einfach die Zielgruppe. Das Thema ist in Videospielen noch nicht allzu oft aufgegriffen worden. Die kleine Krimigeschichte abseits des Schullebens spielte für mich eine untergeordnete Rolle. Sie ist spannend genug, um mich neugierig zu machen, aber das Schicksal der Figuren war letztlich weit entscheidender, um zwingend weiterspielen zu wollen.

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Zum üblichen Schulalltag gehört auch Mobbing dazu, das Life is Strange ebenfalls eindringlich aufgreift.
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Aber auch der Zeitmanipulation muss Tribut gezollt werden. Es ist schon ein smarter Kniff, den sich Dontnod da hat einfallen lassen. Ja, er wird nicht sonderlich gut eingeführt, aber mit dieser Möglichkeit Entscheidungen anhand ihrer Resultate und nicht der gegebenen Optionen zu fällen, ist extrem reizvoll. Nicht nur hebt sich Life is Strange damit von den zahlreichen Telltale-Spielen deutlich ab, es hebelt auch die übliche „Entscheidung – Ergebnis“-Kette aus. Gerade in der letzten Episode spielt Life is Strange im Sekundentakt mit den Erwartungen des Spielers, tischt Auflösungen des Plots auf, nur um sie wenig später wieder in sich zerfallen zu lassen.

Hier sollte jetzt eigentlich ein gewitzt heruntergebrochenes Fazit stehen. Aber ich habe keine Lust. Ich setzte mich lieber auf meinen Stuhl im Wohnzimmer, schmeiße Indiemusik-Platte XY in den Player und sinniere etwas über die Absurditäten des Lebens.Fazit lesen

Und auch die Inszenierung kann nicht genug gelobt werden. Trotz der mittelmäßigen Technik, fängt Dontnod die Geschehnisse in tollen Perspektiven ein, und erzählt die Geschichte damit weit interessanter als 80% der restlichen Episoden-Adventure-Hipster – we’re looking at you, Telltale! Außerdem zeigt Life is Strange, wie ein toller lizensierter Soundtrack die richtige Stimmung erzeugen kann. Aus Interpreten wie alt-J, Foals und Bright Eyes setzt sich ein Score zusammen, der mir ein ums andere Mal die Kehle zuschnürte. Es gibt viele Spiele mit tollem Soundtrack, aber Life is Strange zeigt das, was in Filmen auch gängig ist: Es müssen nicht immer eigene Kompositionen sein. Geschmackvoll zusammengestellte Playlists aus Songs bekannter Künstler können die richtigen Emotionen erwecken. Und genau das macht Life is Strange. Und das macht es gut. Nicht nur mit seiner Musik.

Reviews zu den ersten drei Episoden: