Allmählich nimmt Dontnods Serienerzählung um die beiden Teenage-Heldinnen richtig Fahrt auf: Max wagt endlich einen umfassenden Zeitsprung, Freundin Chloe hadert immer stärker mit ihrem Schicksal und ihr kontrollbesessener Stiefvater David tritt ordentlich ins Fettnäpfchen. Inzwischen will Max unbedingt herausfinden, was mit Kate und Rachel passiert ist – und verbucht dabei erste Erfolge. Dieses Leben ist tatsächlich ganz schön… strange. Und vor allem genial erzählt.

Worum geht es in unserem Leben? Worauf fußt es? Was sind die Stützfeiler unserer Existenz? Ist unser Leben wie ein Fluss, der mal langsamer, mal schneller ins Meer fließt – ständig in Bewegung und unberechenbar? Oder ist es doch eher wie die Seen, an denen der Fluss Halt macht und an denen er sich aufteilt? Ein Gebilde aus einzelnen Momentaufnahmen – aus Knotenpunkten, an denen sich das Leben verschachtelt und verzweigt.

Für letztere Annahme spricht vor allem unsere eigene Wahrnehmung: Wer bereits die 40 oder gar die 50 überschritten hat, der blickt vermutlich auf sein Leben zurück, als wäre es eine Ansammlung von Augenblicken, in denen er entweder richtige oder falsche Entscheidungen getroffen hat. Und nicht wenige dieser Entscheidungen wird er bereuen: War es richtig, damals das attraktive Jobangebot auszuschlagen, um bei Freunden und Familie zu bleiben? Hat man sich damals, als die große Liebe Schluss gemacht, vielleicht falsch verhalten? Hätte man das Ruder noch mal rumreißen und zusammen mit ihr ein ganz anderes Leben führen können?

In unserem Kopf sind diese Momente auf ewig konserviert. In Nicht-Zeit erstarrt und untrennbar mit Sinneseindrücken verknüpft: mit dem Geruch und Geschmack des Regens, als man der Freundin vom Balkon aus dabei zugesehen hat, wie sie zu ihrem parkenden Auto läuft und für immer aus der eigenen Geschichte entschwindet. Oder mit dem Geräusch von quietschenden Reifen und dem grauenvollen Anblick der eigenen Katze, wie sie von einem Wagen überfahren wird und sich ihr zerschundener, zuckender Körper in Agonie windet.

Life is Strange, Episode 3: Chaos Theory - Momentaufnahmen des Lebens

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Chloe wird immr mehr zum heimlichen Star des Spiels.
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All diese Bilder, Gerüche, Geräusche und Gefühle sind unauslöschlich in unserem Bewusstsein gespeichert – und zusammen mit ihnen die Frage, ob wir sie hätten verhindern können. Und haben wir es endlich geschafft, sie zeitweise zu verdrängen, dann werden sie früher oder später durch verwandte Sinneseindrücke, Emotionen oder Momente wieder geweckt. Heraufbeschworen aus den tiefsten Untiefen unseres Unterbewusstseins und wieder nach oben geholt, wo sie wie eine aufgedunsene Wasserleiche auf der Oberfläche treiben und uns mit ihrer hässlichen Fratze peinigen.

Angeblich speichert unser Verstand nämlich keine Filme bzw. "Bewegteindrücke" sondern nur Einzebilder – statische Momente. Aus denen konstruiert er dann auf Basis von Erfahrungen und räumlichem Denkvermögen Bewegungen sowie verschiedenen Perspektiven. Einem Computer mit 3D-Software nicht unähnlich: Das gespeicherte Modell ist erstmal nur ein Konstrukt aus festgestellten Eckdaten – gerendert wird später.

Packshot zu Life Is StrangeLife Is StrangeRelease: PC, PS3, PS4, Xbox 360, Xbox One: 30.1.2015
iOS (iPad / iPhone / iPod): 14.12.2017
kaufen: Jetzt kaufen:

Auf dem Denkmodell der "Momentaufnahmen" und "miteinander verknüpften Knotenpunkte" fußen serienartig strukturierte Spiele wie Telltales "Walking Dead"-Abenteuer – doch kein Spiel illustriert die Tragweite der Entscheidungen bisher so gekonnt und vor allem dramatisch wie "Life ist Strange" aus dem französischen Studio Dontnod. Die Abenteuer von Teenage-Studentin Max in dem Vorstadt-Nest Arcadia Bay sind eine mit fast schon paranoider Genauigkeit gezeichnete "Mind-Map" aus Scheitern, Tod und tragischen Einzelschicksalen.

Der quantenphysische Nucleus des paranormalen Tornados, der auf das Hafen-Städtchen zurast, ist allerdings nicht etwa die zeitreisende Max – stattdessen scheinen die Ereignisse primär um ihre Freundin Chloe zu toben. Die hat vor knapp zehn Jahren ihren Vater bei einem tragischen Autounfall verloren – und im Zentrum des Wirbelsturms steht das Haus der gebeutelten kleinen Familie. Das ist mit Symbolen und Artefakten aus Max' Reise durch Arcadia Bay nur so gespickt – fast so, als wäre der Ort in einem Strudel gefangen, der einzig und allein dem Zweck dient, die Geschichte von Max, Chloe und der vermissten Rachel zu einem ganz bestimmten Ende zu bringen. Oder als wäre Max in Wahrheit eine Koma-Patientin, die tief in ihre eigenen Erinnerungen stürzt, von Moment zu Moment springt und auf diese Weise ihr verpfuschtes Leben wieder sortieren möchte.

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Leider setzt die dritte Episode von Dontnods hauchzart Point-and-Click-inspirierter Mystery-Reihe nicht mehr so offensichtlich auf solche Momente, in denen wir Entscheidungen treffen, die sich auch auf kommende Episoden auswirken könnten. Dafür taucht diese Folge umso tiefer in die Vorgeschichte und das Verhältnis der beiden Teenage-Girls ab: So brechen Chloe und Max nachts in die Fakultät ein, um zuerst das Büro des Direktors zu filzen – und anschließend lassen sie sich im Schwimmbad buchstäblich treiben. Sinnieren über ihre Vergangenheit und mögliche Zukunft, während sie auf der Wasseroberfläche treiben – genauso wie die Erinnerungen, die bei ihrem Dialog nach oben dringen. Ebenfalls emotional: Max schenkt – wenn man sie denn lässt – ihrer Freundin einen (noch?) spielerischen Kuss. Und erfährt erste prekäre Informationen über Chloes verschwundene Freundin Rachel, während beide den Bus eines Drogen-Dealers durchstöbern.

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Obwohl fast alle Szenen in mittlerweile bekannten Settings wie Max' Studentenbude, Chloes Zuhause oder dem Diner spielen, fühlt sich auch der dritte Teil nie nach Stillstand an. Im Gegenteil: Danke präziser Charakterzeichnung und launigem Humor hat Dontnod hier seine bisher emotionalste Arbeit abgeliefert – inklusive eines hochspannenden Cliffhangers, der nicht nur Max' Welt, sondern vor allem unsere eigene Sicht von Spiel, Story und Spielmechanismen komplett auf dem Kopf stellt.

Life is Strange, Episode 3: Chaos Theory - Momentaufnahmen des Lebens

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Die für Life is Strange ungewöhnlich dunkle Farbgebung ist kein Zufall. In der dritten Episode nimmt die Geschichte mit ihren Geheimnissen ordentlich Fahrt auf.
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Auch bei der virtuellen Kameraarbeit haben die französischen Entwickler ordentlich zugelegt: Blickwinkel, Stilmittel, Unschärfen – nicht selten wähnt man sich hier in einem Kunst- oder Independent-Film. Passend dazu wurde diesmal auch Max' Foto-Leidenschaft stärker herausgearbeitet: Mehr interessante Motive verleiten die Heldin zum Knipsen – schließlich nimmt die Fotografie gegen Ende dieser Episode sogar eine Schlüsselposition ein. An dieser Stelle wird uns mit einem Mal klar, warum Max' Knipswut eine so prominente Rolle spielt und die Designer sogar ihre Menüs wie ein Fotoalbum gestaltet haben.

Kurzum: Mit seiner dritten "Episode" unterstreicht Life is Strange noch mal gekonnt, warum es aktuell der stärkste Vertreter der Serienzunft nach Telltale-Art ist. Vorwerfen kann man dem Abenteuer höchstens die zuweilen etwas undurchsichtige Implementierung des einen oder anderen Zeitdrehers: Wann immer sich das Vor- und Zurückspul-Feature von der etablierten und erlernten Einsatzart löst, sorgt es für zumindest kurze Sackgassen- und Frustmomente. Vor allem dann, wenn seit der letzten, kurzen Episode wieder mehrere Wochen vergangen sind. Dann fällt es dem Spieler entsprechend schwerer, sich wieder in die Logik der Dontnod-Designer hineinzuversetzen.

Doch wer sich mit diesem verschmerzbaren Manko und der einmal mehr durchwachsenen Präsentation der Außenareale (samt unanständig pixeligem Bewuchs) arrangieren kann, der lässt sich Max' und Chloes Zeitreise auf keinen Fall entgehen: Life is Strange gehört zu den ungewöhnlichsten und engagiertesten Adventure-Projekte der letzten Jahre.