Die Larry-Reihe ist ein ganz spezieller Fall im Reich der Retro-Klassiker. Kein einziger Ableger heimste jemals Spitzenwertungen ein. Alle sieben klassischen Point-and-Click-Adventures litten unter ihren einfach gestrickten Rätseln und plumpen Handlungen. Typisch für Sierra-Adventures sorgten sogar regelmäßige, unvorhersehbare Bildschirmtode für Frust. Und doch verdient zumindest das Original einen Platz in der Hall of Fame des Business, obwohl es mit seinen Textparser-Eingaben sogar am schlechtesten zu bedienen war.

Woher der Kultfaktor kommt, fragt ihr? Ganz einfach: Er liegt in der Unverfrorenheit des Schöpfers Al Lowe. 1987, als Nintendos Familienfreundlichkeit noch den Markt ordnete, als Computer in der Allgemeinheit den Stellenwert aufgeblasener Rechenmaschinen pflegten und das Internet in weiter Ferne lag, da beging Al Lowe gewollt Stilbruch. Er führte Sex als Motiv für ein Computerspiel ein, ohne der peinlich plumpen Masche der damals noch beliebten Strip-Poker-Programme nachzueifern.

Im Gegenteil, sein Protagonist Larry Laffer – ein vierzigjähriger Junggeselle mit vielen körperlichen Defiziten – bekam kaum eine halbnackte Brust zu Gesicht und stand in der Regel immer nur kurz davor, eine schöne Frau ins Bett zu bekommen. Der Reiz der Erotik lag in der der Andeutung, dem Unerfüllten, dem Darauf-Warten. Und in Al Lowes sexistischem Humor, der Frauen nicht selten als berechnende, vorrangig materiell interessierte Biester porträtierte.

Leisure Suit Larry Reloaded - Let's party like it's 1991

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Trotz schöner, farbenfroher Kulissen: Es ist nicht mehr so wie damals.
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Ein Hauch Verruchtheit ging bereits von der witzigen “Altersabfrage“ aus, die anhand trivialer Fragen herausfilterte, ob man wirklich volljährig war oder nicht.

Das jüngst erschienene Remake Leisure Suit Larry Reloaded beginnt mit einem ähnlichen Fragenkatalog und offenbart schon an dieser Stelle, dass Larry nicht in die Neuzeit passt. Wer zu jung ist, um die Hauptfiguren aus der Fernsehserie „Buffy“ zuordnen zu können (oder die Serie nie gesehen hat), der wirft den Browser an und googelt. Klar, diese „Altersverifikation“ war noch nie ernst gemeint und ist im Grunde bereits der Auftakt des Spiels. Dennoch: Das Gefühl, etwas Unanständiges zu tun, diese Stimmung von damals, als man als Teenager mit roten Ohren vor dem Monitor saß, wird heute wohl nicht einmal ein Elfjähriger verspüren.

Eine Schwäche, die sich leider durch das gesamte Spielerlebnis zielt. Wie einst in den Achtzigern sucht Larry Laffer eine attraktive Kopulationspartnerin. Bescheidenes Äußeres, wenig Geld und eine verkorkste Stadt erschweren ihm den nächtlichen Beutezug, wodurch er die eine oder andere Bekanntschaft macht, auf die er lieber verzichtet hätte. Verbrauchte Prostituierte, vollbusige Halsabschneiderinnen, Gassenrowdys, ein Wal und selbst eine aufblasbare Gummipuppe gewähren ihm diverse Formen von Hautkontakt, nur ein heißes Techtelmechtel, das bleibt vorerst aus.

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Immerhin gibt es wieder wunderbar skurrile Dialoge.
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Um es kurz zu fassen: Heutzutage zeigt jede Shampoo-Werbung mehr nackte Tatsachen und da Larry trotz der ausbleibenden Matratzenaction mitnichten subtil daherkommt, kann man auch nicht von einem „gehaltenen Niveau“ sprechen. In Zeiten von Youporn zeichnet Larry einen heftigen Kontrast im Wandel der allgemeinen Mediensexualisierung. Was 1987, ja selbst im ersten Remake von 1991, noch anstößig und verrucht war, generiert heute nur noch ein müdes Gähnen.

Das Remake eines Remakes

Selbst der Titel dürfte höchstens bei Retrofans noch Sinn ergeben. Wer von euch weiß denn, was ein Leisure Suit ist und dass er schon in den Achtzigern völlig außer Mode war? Leisure Suit Larry Reloaded kann in vielerlei Hinsicht nur ebenjenes Publikum bedienen, das schon beim Original dabei war. Wahrscheinlich steuerten genau solche Leute bei der Kickstarter-Kampagne für dieses Remake am meisten Kohle bei.

Grafisch nett aufbereitet, inhaltlich aber leider nicht mehr zeitgemäß. Al Lowe hat die Chance verpasst, Larry voll und ganz ins 21. Jahrhundert zu bringen.Fazit lesen

Zielgruppe gesucht, Zielgruppe gefunden? Hmm, darüber kann man sich streiten. Al Lowe schaufelte für Reloaded eine halbe Million Dollar zusammen. In Anbetracht des Endergebnisses bleibt die Frage, wo die ganze Kohle geblieben ist.

Zugegeben, die 2013er-Fassung sieht auf Standbildern toll aus. Moderne skalierbare Vektorgrafik hievt das Abenteuer in jede erdenkliche Bildschirmauflösung. Volle Farbpalette, Sprachausgabe mit guten Sprechen (z.B. Hank Azaria, bekannt als Apu aus den Simpsons), Steam-Anbindung, alles da.

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In Sachen Animationen wäre aber deutlich mehr gegangen. Interaktion zwischen den Spielfiguren? Fehlanzeige! Nicht einmal die Übergabe von Gegenständen wurde sauber gelöst. Genau genommen übernahm Lowes Team viele Animationsphasen des 1991er-Remakes ohne große Anpassungen. Inklusive seltsamer Stilbrüche. Man beachte etwa den Zeichenstil des „Doktor Frankenstein“, der Larry nach einem Fehltritt wiederbelebt. Außerdem fehlen Details: Ein Sprung ins Wasser platscht nicht, obwohl drei Wasserspritzer keinen Aufwand gemacht hätten. Larry Reloaded ist mehr oder minder eine Diashow auf dem Adventure-Standard von 2003.

Selbst das altbackene Menü für Inventar und Aktionen blieb unangetastet. Ganz zu schweigen vom Inhalt. Bis auf drei oder vier winzige Details bleibt alles beim alten Ablauf.

Nimmt man allen zeitlichen Kontext aus der Rechnung, macht Leisure Suit Larry noch immer eine Menge Spaß. Zwar resultieren einfache Zusammenhänge und geringe Rätseldichte in einer Nettospielzeit von weniger als drei Stunden, doch wer die Geschichte des bemitleidenswerten Junggesellen noch nicht kennt und Komplettlösungen meidet, wird einige Zeit amüsiert durch die Stadt fahren, im Casino Glücksspielen erliegen und den Multiple-Choice-Gesprächen mit mehreren schönen Frauen folgen.

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Voll eintauchen kann man nur mit halbwegs brauchbarem Englisch. Der süffisant ausschweifende und nie um blödsinniges Hintergrundwissen verlegene Off-Erzähler pflegt durchweg angelsächsisch zu sprechen, ebenso wie alle anderen Darsteller. In der deutschen Lokalisation beschränkte man sich auf ganz passable Untertitel, die den schlitzohrigen Charme der Zweideutigkeit nicht immer verlustfrei transportieren.

Andererseits, so groß ist der Verlust auch nicht. Wie gesagt, Larry bleibt Larry, und zwar auf dem Stand von 1991. Das Prickeln hat nachgelassen. Al Lowe traute sich wohl nicht, sein Werk von Grund auf zu modernisieren. Schade, denn trotz der quasi zeitlosen Grundlage „Underdog sucht Rasseweib“ wäre heute viel mehr aus dem Thema herauszuholen. Nichts gegen das Bewahren eines Originals, so etwas muss seine Daseinsberechtigung haben. Ob es auf dem überschwemmten Markt der Minigames und Download-Spiele noch konkurrenzfähig ist, steht auf einem anderen Blatt.