Eine der schönsten Eigenheiten, die der Redakteursberuf so mit sich bringt, ist der gelegentliche Zwang des Über-den-eigenen-Tellerrand-Guckens. Ein notgedrungenes Abklopfen der gehegten Vorurteile; es gibt nicht nur Lieblingsspiele da draußen, dafür jede Menge, die normalerweise unter dem Radar fliegen. Keine Chance mehr für „Hab ich schon mal gespielt“ oder abschätziges Kopfschütteln: Wenn Videospiele zum Broterwerb werden, muss man schon mal nehmen, was kommt. Gott sei Dank.

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Liebe und Wertschätzung. Nur weil ich ein Spiel für seine Qualitäten anerkenne, durchaus einiges an Respekt dafür übrig habe, belegt es nicht zwangsläufig einen Platz in meiner Bestenliste. Einige meiner engsten Freunde etwa sind brennende Souls-Fanatiker und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit führt ein gemütlicher Abend mit ihnen früher oder später zu genau diesem Thema. Sie erklären mir – durchaus schlüssig, daran liegt es sicher nicht – die Vorzüge der From-Software-Formel und gern auch im Detail, warum es „nichts Besseres“ gibt.

Das verstehe ich. Himmel, ich kann es sogar nachvollziehen, da ich selbst jedem Souls-Spiel eine Chance gegeben habe. Tolle Dinger, jedes einzelne davon, völlig zurecht abgefeiert wie kaum eine andere Reihe in den letzten Jahren. Und trotzdem: Ein Liebespaar werden wir in diesem Leben nicht mehr.

Nun hat aber nicht jedes Spiel den Luxus dieses viralen „Musst du gespielt haben!“-Trommelfeuers. Die meisten von euch dürften diesem Reiz, wenn auch nicht zwingend bei der Souls-Serie, schon einmal nachgegeben haben – und das ist eine prima Sache. Nur wer sein Urteil zuweilen mit der Wirklichkeit abgleicht, die Scheuklappen für einen Augenblick abnimmt, kann sich eine wirklich valide Meinung bilden.

LEGO Star Wars: Das Erwachen der Macht - Von wegen „Kennste eins, kennste alle“

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Keine Ahnung, wie das möglich ist, aber aus einem mir nicht ganz ersichtlichen Grund sehen die virtuellen Lego-Steine besser, „echter“ aus als ihre Plastikgegenstücke.
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Sagt der Richtige. Seit mehr als sechs Jahren habe ich die Klötzchen-Spiele mit einem müden Schulterzucken abgefrühstückt; was kann sich nach Lego Indiana Jones 2 schon groß verändert haben? Trotz durchweg positiver Berichte, obwohl kein Ableger bei uns je weniger als sieben Punkte abgestaubt hat (meistens eher noch ein gutes Stück drüber), war die Angelegenheit für mich durch. Jetzt wollte mich Warner vom Gegenteil überzeugen und ich muss zugeben: Womöglich habe ich da in der Vergangenheit einiges verpasst.

R2-Lego

Um dieses kleine Geständnis in den richtigen Kontext zu rücken: „Lego Star Wars: Das Erwachen der Macht“ wird keine Offenbarung, erst recht nicht für diejenigen unter euch, die der Reihe nicht wie ich jahrelang etwas überheblich den Rücken zugewandt haben. Es macht nicht plötzlich auf der Stelle kehrt und schlägt eine völlig neue Richtung ein, setzt vielmehr das fort, was schon die Avengers-Truppe so spielenswert machte – und fügt diesem bombenfesten Fundament ein paar zusätzliche Stützpfeiler hinzu.

Von „nice to have“ bis „richtig vielversprechend“ alles dabei. Wenn Entwickler etwa das längst bekannte Auf-Knopfdruck-Bauen um die Option ergänzen, aus verschiedenen zusammensetzbaren Objekten wählen zu können, ist das eine nette Sache, aber nun nicht unbedingt das, was während einer Präsentation groß im Mittelpunkt stehen sollte. Hier tat es das, was durchaus Ausdruck überschaubarer Neuerungen ist. Dennoch wäre es dumm, allein auf Grundlage dessen Rückschlüsse auf das gesamte Spiel zu ziehen, gar von Stagnation zu sprechen.

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Wie man es von einem Studio erwarten kann, dessen Projekte seit nunmehr elf Jahren fast ausschließlich von einem Lego-Schriftzug geziert werden, kennen sie ihre Stärken verdammt gut – und diese (zugegebenermaßen doch sehr unspektakuläre) Möglichkeit schält sie nur weiter heraus. Diese Entweder-oder-Entscheidungen passen perfekt in eine Welt, die euch seit jeher zu wiederholten Besuchen motivieren will. Ihr müsst die elf Film- und sieben eigenständigen Level schon mehrmals angehen, um hier auch nichts liegen zu lassen, alles gesehen und entdeckt zu haben. Dieser Ansatz wird kaum bei jedem von euch funktionieren, ist aber ohnehin eher als gutgemeinter Bonus gedacht.

Ohnehin ist Lego Star Wars ein ungemein lockeres, geradezu entspanntes Spiel, das niemandem mehr etwas beweisen muss. TT Games haben, wie gesagt, ein ganz gutes Bild davon, wofür sie in dieser Branche stehen. Wer hiermit bislang wenig anzufangen wusste, muss nicht auf Teufel komm raus missioniert werden, ist aber gern dazu angehalten, doch mal einen Blick reinzuwerfen; schön, dass du hier bist, mach's dir gemütlich, bring ruhig einen Kumpel mit.

Genau das kompetent-charmante Spiel, das man von einem Lego Star Wars erwarten würde – und noch ein bisschen mehr.Ausblick lesen

In Ermangelung eines „richtigen“ Episode-VII-Spiels ist die Hemmschwelle diesmal vielleicht sogar eine weniger hohe, das alles nicht von vornherein als Kinderkram abzutun, der mit dem Siegel des dänischen Plastikherstellers um die Ecke kommt. Und die Entwickler wissen um diese Gelegenheit, tun zudem selbst einiges dafür, euch diesen Schritt so leicht wie möglich zu machen. Ich jedenfalls könnte mir keinen besseren Zeitpunkt als diesen vorstellen, erstmals auch Fluglevel ins Lego-Universum zu integrieren. Den Millenium Falcon durch enge Schluchten peitschen? Count me in, völlig egal, ob es sich um die Lego-, Playmobil- oder Malen-nach-Zahlen-Version handelt.

LEGO Star Wars: Das Erwachen der Macht - Von wegen „Kennste eins, kennste alle“

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Das Trio Infernale folgt auch im Spiel den Geschehnissen des Films, klebt aber nicht an diesen und weicht immer mal davon ab, wenn es sein muss.
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Mit Star Fox Zero am Horizont macht hier niemand einen Hehl aus dem allzu offensichtlichen Vorbild, dem eine Spur zu sehr gehuldigt wird, ohne jedoch dessen Qualität zu erreichen. Schlauch- und 3D-Abschnitte, außerdem eine sehr ähnliches Fluggefühl, nur stets eine Spur hektischer, nicht ganz so präzise. Kein Gerüst, das ein ganzes Spiel tragen würde, eine Handvoll Level aber allemal.

Schwer zu sagen, inwieweit das auch auf die Blaster-Schießereien zutreffen wird, auf die TT zwar „sehr stolz“ ist, bislang aber nur kurz im aktuellen Trailer zeigte. Simples Minispiel im schlimmsten, cooles Deckungs-Shooter-Element im besten Fall und wahrscheinlich irgendwas dazwischen, zumindest aber die konsequente Weiterführung des sympathischen „Spieler müssen spielen“-Konzepts.

Lego Star Wars hat ein unheimlich feines Gespür dafür, seinen Spielern nie das Heft aus der Hand zu nehmen, sie nie zu bloßen Rezipienten zu degradieren. Möglichst jede, und die Bedeutung dieses Adjektivs ist kaum zu unterschätzen, sinnvolle Aktion wird von einer kleinen Mechanik begleitet, die gleichermaßen auflockernd und als logische Verknüpfung zwischen aktivem Geschehen und passiver Darstellung vermitteln soll. Wenn BB8 einen Schaltkreis hackt, balanciert ihr eine Anzeige im grünen Bereich, wenn sich Rey nach einem Sprung gerade so an einem Vorsprung festkrallt, müsst ihr fix eine angezeigte Taste drücken (auf Neudeutsch: ein Quick-Time-Event absolvieren). Das alles ist für sich genommen absolut vernachlässigbarer Kleinkram, in seiner Gesamtheit aber grundlegend dafür, warum sich Lego Star Wars: Das Erwachen der Macht satt, direkt, einfach richtig anfühlt. Ein Spiel, das sofort Spaß macht.