LEGO trifft auf Rock Band. Hmm, doch eher umgekehrt, denn am Ablauf des Musikspielknallers hat sich nur wenig getan. Dennoch steckt hinter der Verschmelzung mit den dänischen Spielzeugklötzchen mehr als nur eine optisch abgewandelte Variante für Kids.

LEGO Rock Band - Launch TrailerEin weiteres Video

Go Caveman!

Hochmotiviert und in bester Headbanger-Stimmung sitze ich an meinem teuren E-Drumset und dresche zu Blur's voll aufgedrehtem „Song 2“ die Seele aus den Schlagflächen. Urmensch-Modus aktiviert, Ähnlichkeiten mit dem „Tier“ aus der Muppet-Show sind nicht zu übersehen. Ach, ist das geil, und die Nachbarschaft freut sich sogar so sehr über den musikalischen Beitrag, dass sie den Freunden von der Polizei von meinem kostenlosen Konzert berichten.

LEGO Rock Band - Rock around the Klotz

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Dank Notencharts von Harmonix bleibt das Spielgefühl gewohnt gut.
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Komisch nur, dass die Herren nicht bleiben wollten. Konnte sie wegen des Piepens in meinen Ohren nicht so recht verstehen, aber sie brabbelten ständig etwas von Lautstärke und verschwanden dann einfach so. Wahrscheinlich hatten sie bloß ihr Ohropax vergessen. Wenn ich einfach weiterspiele, kommen sie bestimmt wieder. Toll, meine ersten Fans!

Dass ich so elanvoll bei der Sache bin, liegt eindeutig an der partylastigen Songliste. Eine überraschend hochwertige Zusammenstellung rocklastiger Partytracks, wohlgemerkt, die jeden Karaokeabend bereichert. Walking on Sunshine, Crocodile Rock, The Passenger, Let's Dance, Two Princes, We are the Champions, Summer of '69, The Final Countdown....

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Schwierigkeitsgrad bei Gitarre und Gesang wurden für den Familienspaß leicht abgemildert.
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Ich würde nie im Leben behaupten, dass ich alle Songs von LEGO Rock Band wirklich mag, aber ein tadelloses Profil mit ikonischen und anspruchsvollen Eckpfeilern muss man der Disc zugestehen. Ich brauche ja nicht einmal die Interpreten zu erwähnen - schon bei den Titeln horchen Freunde der Popmusik auf. Und ich wünschte, ich würde Kung-Fu Fighting endlich aus dem Ohr bekommen. Those kicks were fast as lightning!

Dass das Wort LEGO in diesem Test zu LEGO Rock Band bisher nur einmal gefallen ist, liegt aber daran, dass ich die meiste Zeit – also beim Spielen der Songs – keinen nennenswerten Unterschied zum den „normalen“ Ablegern der Serie feststellen konnte. Das Notensystem und die meisten Regeln entsprechen exakt dem Mutterschiff Rock Band 2. Man darf nach wie vor mit bis zu vier Spielern vor dem Bildschirm abhotten und dabei vereinfache Instrument-Imitate bedienen. Sprich Gitarristen, Bassisten und Drummer mimen oder im Karaoke-Stil singen. Partyspaß pur.

Gelbsucht

Mist! Jetzt sprech’ ich ja schon wieder nicht über LEGO. Ja mein Gott, wie denn auch? Ich bekam beim Lesen der rhythmischen Vorgaben nicht genug von der Hintergrundgrafik mit, denn ich alter Angeber spiele auf Experte, dem höchsten von fünf Schwierigkeitsgraden. Ätsch. Der unterste ist übrigens neu und bedarf lediglich der Bedienung der Pseudo-Saite auf der Gitarre oder beliebigen Anschlägen auf dem Schlagzeug. Sogar die Bassdrum darf auf Automatik gestellt werden, um gröbste Hürden zu nehmen.

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Niedlichkeits-Overkill! LEGO-Hasser sollten die Songs schleunigst exportieren, um keine Schäden davonzutragen.
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Der Sinn dahinter ist klar: LEGO Rock Band soll familienfreundlich sein. Das äußert sich auch in absolut jugendfreien Texten, die nicht einmal die pedantischsten amerikanischen Spaßbremsen-Muttis auf die Barrikaden bringen könnten. Textpassagen wie„Nature is a whore“ aus Nirvanas „In Bloom“ brachten Rock Band 2 in den USA eine Freigabe ab zwölf ein. Die Lego-Variante ist hingegen ab sechs. Wobei diese Sorgsamkeit für Deutschland nicht nötig gewesen wäre. Durch die Sprachbarriere sind alle hiesig erhältlichen Musikspiele ohne Altersbeschränkungen freigegeben.

Hmm, immer noch kein LEGO im Text. Ha, ich hab's! Man kann beim Abklappern der Musik in der Karriere nicht mehr verlieren. Als ich eine Passage vergeigte, wurde ich lediglich meines verdienten Klötzchengeldes beraubt und durfte nach weinigen Sekunden weitermachen, um die Kohle wieder einzusammeln. Kennt man ja aus den LEGO Action-Adventures mit Star Wars-, Indy- oder Batman-Thematik. Erst wenn man ganz ohne Kohle die Katzen aus der Nachbarschaft herbeibeschwört, sei es durch schiefen Gesang oder das nervige „Plöng“ verpasster Noten, wird die Darbietung ganz abgebrochen.

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Baue eine Band auf! Das war noch nie bildlicher gemeint als in LEGO Rock Band.
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Außerdem kämpfte sich meine Freundin hin und wieder durch die Schallwände und schrie mir entgegen, wie niedlich die ganzen Lego Rocker doch seien. All die witzigen Frisuren, Sänger, die nach dem Song einen Moonwalk einlegen und sowas. Dummerweise wurde just in diesem Moment das Piepen in meinem Ohr immer lauter. Ein Kitsch-Schutzreflex. Ja, ich habe zwischendurch gesehen, wie niedliche gelbe Plastikrocker hintergründig auf der Polygonbühne herumhüpfen, auf einem fahrenden Pick-Up von einem T-Rex verfolgt werden oder beim Ghostbusters-Song auf Geisterjagd gehen.

Dem familienfreundlichen Rock Band fehlt es an Umfang und Feinschliff. Dafür bringt die partylastige Songliste selbst LEGO-Hasser in Feierlaune.Fazit lesen

Ich musste bei der ein oder anderen hochgradig übertriebenen Zwischensequenz sogar lachen. Ein Oktopus, der Drummer werden will, zerstörungswütige Gebäudesprengung mit „Tick Tick Boom“ von den Hives im Ohr und viele andere witzige Ideen wären sicherlich ganz amüsant, wenn ich mich für so einen Schmus interessieren würde.

Auf den Spielablauf haben die Slapstick-Einlagen aber nicht einmal in den sogenannten Herausforderungen einen Einfluss, und so geht das Meiste an aktiven Plastikrockern vorbei. Zumal der Verdrängungsfaktor exponentiell ansteigt, wenn man einen Rock-Gott, ein Sexsymbol mit Überbiss und engelsgleichem Ambitus in Form eines grob animierten, mit aufgeklebtem Oberlippenbart geschmückten Spielzeugs präsentiert bekommt. Freddy, sag, hättest Du das wirklich zugelassen?

Schluss mit Lustig

Ich will es eigentlich gar nicht wissen. Ich habe dem ganzen Unfug schnell ein Ende gemacht und die Songs auf meine Festplatte überspielt, um sie mit Rock Band 2 zu nutzen – Ohne Plastik-Freddy, Gelbsucht-Bowie und äh.... naja, Iggy Pop sah eigentlich schon immer schlimm aus. Ich glaube Lego macht das Antlitz des Punk-Rock-Spargeltarzans sogar etwas humaner.

Der Export funktioniert nur auf Xbox 360 und PlayStation 3. Man gibt einfach den Code der beigelegten Karte auf der Seite www.rockband.com/lego-export ein und erhält dafür einen weiteren Buchstabensalat, den man auf dem jeweiligen Konsolen-Marktplatz für den Download des 1,2 Gigabyte großen Songpakets einlöst. Der umständliche externe Abgleich soll verhindern, dass Schlaumeier die Disc nur kurz aus der Videothek ausleihen, um die Songs abzugreifen.

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Iggy Pop sieht in LEGO-Form tatsächlich aus wie ein Mensch – Wahnsinn, was die Technik von heute alles kann.
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Obendrein kostet der Spaß ganze zehn Euro bzw. 800 Microsoft Points. Das ist wirklich die Obergrenze der Toleranzschwelle für lediglich 45 Titel, so gut gewählt und spaßig sie auch sein mögen. Gemessen an heutigen Standards ist der Titel mit ganzen 60 Euro Vollpreis auch so schon zu teuer.

Zumal trotz „Rock Band 2“-Grundgerüst ein wichtiges Feature fehlt, denn die LEGO-Disc verweigert Online-Sessions. Man hat zwar Zugriff auf den Online-Store, dessen Filter nur familienfreundliches Material freigibt. Der Multiplayer-Anteil beschränkt sich jedoch aus Jugendschutzgründen auf lokale Auftritte. Für Online-Begegnungen mit für Sechsjährige ungeeigneten Vokabularerweiterungen durch über den Sprachchat fluchende Idioten gibt es nunmal keine Filter.

Meet the Klotzies

Ärgerlich: Nicht jeder kann zuhause mit ein paar Freunden den Putz von den Wänden rocken. Auch wenn Online-Begegnungen nur ein Placebo sind – man steht ja letztendlich doch alleine im Raum und hört weder Gesang noch Drumfills der Anderen – die erzwungene Netzwerk-Solitüde kostet ein paar Wertungspunkte.

Für treue Rock Band-Fans hat der Zug einen kleinen Vorteil: Die aus Downloads gespeiste und als Plattform verstandene „Rock Band 2“-Gemeinschaft wird nicht in zwei Lager aufgeteilt. So kann Papa die Partysongs per Export weiter online spielen, während Junior den Gesetzen der unbarmherzigen Jugendfilter gehorchen muss. Erstkäufern nutzt das hingegen herzlich wenig.

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It might get loud! Keine Drohung, sondern Spaßgarantie.
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Am grundsätzlichen Spaßpotential nagt das aber nicht. Die exorbitanten Wertungsschnitte der Vorgänger bauen schließlich nicht auf müden Online-Sessions, sondern auf den Spaß, gemeinsam in einem Raum abzurocken und mit voll aufgedrehten Boxen das Haus einzureißen. Einzelspieler-Varianten und die aus Rock Band 2 entliehene Karriere sind da doch eher Trainingssessions im LEGO-Design.

Auch wenn das Aufnehmen eigener Alben ein witziges neues Feature darstellt und die Schauplätze absurde Dimensionen annehmen – echte Innovationen oder nützliche Aufwertungen bleiben Mangelware. Ich hätte mir lieber speicherbare Setlisten und freien Einstieg im Freeplay gewünscht.