“Hier ist alles super!” schallt es aus den LEGO-affinen Kinderzimmern dieser Welt, denn spätestens seit LEGO - The Movie gilt dieser Leitspruch wohl für alles, was mit den kleinen, bunten Klötzchen zu tun hat. Nahezu jedes aktuell interessante Franchise wird “verlegot” und erobert so nicht nur Kinos, Fernseher, PCs und Konsolen, sondern auch Kinderzimmer und Sammlervitrinen. Doch gilt das auch für die humorvollen und sehr beliebten Spiele von Traveller’s Tales, kurz Tt Games? Ich habe mir mit Jurassic World den aktuellsten Ableger angesehen und muss sagen: Hier ist alles… eigentlich so wie immer.

Dabei muss man natürlich sagen, dass “wie immer” nicht unbedingt etwas Schlechtes sein muss. Manche Spielprinzipien funktionieren halt einfach, auch wenn ein Entwickler in solchen Fällen immer Gefahr laufen, ihre Spieler irgendwann zu langweilen - Innovation muss ab und an auch sein. In LEGO: Der Hobbit haben wir solche zum Beispiel in Form des “Craftingsystems” gefunden. “Ob es sowas auch in Jurassic World gibt?”, fragte ich mich und begab mich auf die Suche danach.

Vier Filme - ein Spiel

Die Suche fand dann auch gleich in allen vier Teilen des Spiels statt, welche sich, wer hätte es gedacht, an den vier bisherigen Jurassic Park Filmen orientieren. So inspizieren wir im ersten Teil mit Alan Grant und Co. den ersten Dino Park, wechseln dann mit Ion Malcom auf eine Nachbarinsel und finden heraus, dass es auch dort drunter und drüber geht. Wir widmen uns in Teil 3, wieder mit Grant, der Suche nach dem Jungen Eric und wechseln anschließend gefühlt das Jahrhundert und finden uns in der hochmodernen, aber nicht minder zum Scheitern verurteilten Jurassic World wieder.

Das Leveldesign bietet dabei sehr viele Wiedererkennungswerte, wer die Filme gesehen hat, weiß sofort, was Sache ist. Auch wenn die Lösungen der jeweiligen Szenen natürlich nicht immer die gleichen sind wie im Film (weglaufen und schreien wird in einem Spiel halt irgendwann langweilig), entsteht hier sehr schön die Atmosphäre der Filme. Dazu trägt auch bei, dass die Legofiguren in weiten Teilen von den Synchronsprechern der Schauspieler aus den Filmen vertont wurden.

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Leider kommt die Geschichte aber auf LEGO-typische Art etwas zu kurz. Manche Dialoge werden so schnell abgehandelt, dass man kaum hinterherkommt, und auch der große Handlungsrahmen bleibt zumindest in den ersten drei Teilen etwas auf der Strecke. Jurassic World unterscheidet sich dabei in einigen Bereichen von den anderen beiden Teilen, hier scheint der deutliche Schwerpunkt des Spiels zu liegen. Abwechslungsreichere Mechaniken, größere Level, weitläufigere Freiflächen und irgendwie auch mehr Liebe zum Detail kann man hier finden.

Und ewig ruft der Stud

Wie schon in der Einleitung angesprochen: an den allgemeinen Mechaniken des Spiels hat sich absolut nichts verändert. Wer andere LEGO-Spiele kennt, wird sich sofort zurecht finden, immer wissen, was von ihm erwartet wird und wird höchstens von den etwas zu häufigen Quicktime-Sequenzen überrascht. Quasi jeder Raptor im Spiel startet eine solche und verlangt von uns das abwechselnde und reaktionsschnelle Drücken bestimmter Knöpfe.

Humorvoll, spaßig, aber irgendwie wie immer. LEGO Jurassic World ist wie der Besuch eines Bekannten, der immer die gleichen Geschichten erzählt, dabei aber so verflucht sympathisch ist, dass man sie auch immer wieder hören will. Und Dinos!Fazit lesen

Eine Neuigkeit, die wir finden, ist das Aufspüren und Verfolgen von Fährten. An bestimmten Orten können so Raptoren oder bestimmte Spielfiguren einer Spur folgen, um verdeckte Gegenstände zu finden. Ansonsten herrscht das übliche Schema vor: zerkloppe alle Lego-Gegenstände, löse nicht allzu schwere Rätsel, sammle alle Studs, Bonusobjekte und Freischaltungen und investiere selbige wieder in andere Freischaltungen.

LEGO Jurassic World - Everything is... so wie immer

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Ikonische Szenen wie diese erkennen Filmkenner natürlich sofort.
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Das Spiel mit den Dinos gehört dabei zu den Highlights, wird aber leider sehr selten in den Levels eingesetzt. Etwas häufiger greift man zur Schreckensechse, wenn man sich auf die Jagd nach den Bonusitems begibt. Hier können wir Dinge rammen, mit Schwänzen um uns schlagen, weit springen, Gift spucken etc. pp. Mit einer der Urzeitechsen durch die Levels zu toben, macht schon verdammt viel Spaß.

Anspruchsvoll ist das Ganze natürlich gar nicht. Die Gegner kamen mit etwas schwerer vor als sonst üblich, das digitale Ableben lässt sich aber in 99% der Fälle ohne große Anstrengungen vermeiden. Die Rätsel sind für erfahrene Spieler extrem offensichtlich, Kinder können hier vielleicht aber doch an der ein oder anderen Stelle gefordert werden.

Packshot zu LEGO Jurassic WorldLEGO Jurassic WorldErschienen für 3DS, PC, PlayStation Vita, PS3, PS4, Wii U, Xbox 360 und Xbox One kaufen: ab 18,14€

Kindgerecht und humorvoll

Apropos Kinder: das Spiel ist von der USK für Kinder ab 6 Jahren freigegeben, was für die eigentlich doch sehr spannende, nervenaufreibende und teils auch brutale Geschichte rund um Jurassic Park etwas erstaunen mag. Doch: wie in LEGO-Spielen üblich, schaffen es die Entwickler sehr gut, mit Humor und der ein oder anderen “Umgestaltung” der eigentlichen Ereignisse, das kindgerechte Milieu des Spiels aufrechtzuerhalten.

Es sterben keine Figuren, die Dinos werden nie verletzt und eigentlich geht jede Szene mit einem augenzwinkernden “Alles ist gut”-Gefühl aus. Das mag auf erwachsene Spieler zunächst abschreckend wirken, wer sich aber darauf einlässt, wird seinen Spaß daran haben, die Entwickler dabei zu beobachten, wie sie immer wieder Szenen entschärfen. Und ganz ehrlich: der Humor hat auch bei mir das ein oder andere Mal gezündet, vor allem die immer wieder zu kleinen Slapstick-Einlagen oder Späßen aufgelegten Raptoren haben mich zum Schmunzeln gebracht.

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Auch vermeintlich nervenaufreibende Szenen werden in LEGO-Manier sehr kindgerecht dargestellt.
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Und nebenbei wird versucht, zumindest in den Ladebildschirmen und in einigen Gesprächen der Charaktere Wissen zu vermitteln. Mr. DNA, der knuffige Strang Lebensinformationen, den wir schon zu Beginn des Films Jurassic Park kennenlernen, erzählt während jedes Ladebildschirms Wissenswertes zu Dinosaurier-Arten, auch wenn diese Infos immer mit etwas Fiktivem aus der Welt der Dinoparks kombiniert werden. Ob sich hier tatsächlich etwas lernen lässt, ich wage es zu bezweifeln. Ein netter, kleiner Bonus ist es aber allemal, denn wer wusste schon, dass ein Brachiosaurus so viel wog wie 20.600.000 Lego-Steine?

Und dann ist noch lang nicht Schluss

Haben wir die ca. 8-10 Stunden für das erste Durchspielen der Geschichte hinter uns, geht es aber eigentlich auch erst richtig los. Wie üblich können wir dann jedes Level in zwei verschiedenen Varianten spielen. Entweder spielen wir die Geschichte mit vorgegebenen Charakteren, oder wir wählen das freie Spiel, in welchem wir zwischen allen freigeschalteten Dinos und Figuren wählen dürfen. Der Modus eröffnet nicht nur weitere Lösungswege für gewisse Rätsel und Passagen, er ermöglicht auch erst so richtig das Ausleben des inneren Jägers und Sammlers.

Denn nachdem man im ersten Durchspielen an einigen Stellen Dinge hätte öffnen, aktivieren oder benutzen können, es aber nicht durfte, weil die Spielfigur nicht im aktuellen Level verfügbar war, kann man nun frei hin und her wechseln und alle Bonusitems, Geheimnisse und Rätsel lösen und so immer mehr Figuren, Dinos und Fahrzeuge freischalten.

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Im freien Spiel können jedem Level noch mehr Geheimnisse entlockt werden.
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Wer generell gerne einem solchen Spielprinzip verfällt und auch keine Scheu hat, einige Level mehrmals zu spielen, der wird hier voll auf seine Kosten (und auch auf eine deutlich höhere Spielzeit) kommen. Um alles freizuschalten, dürften gute 50 bis 60 Stunden ins Land gehen, wobei das dann wirklich nur etwas für Hardcore-Fans sein dürfte.

Zu zweit in den Dschungel

Oder man geht das ganze im lokalen Mehrspielermodus an. Zwei Controller angeschlossen und schon kann der Spaß losgehen. Während wir in der offenen Spielwelt immer eine Zweiteilung des Bildschirms erleben, ist das Ganze dann innerhalb der Levels deutlich flexibler - mit Vor- und Nachteilen.

Denn die dynamische Anzeige des Splitscreens, die sich je nach der relativen Position der Figuren zueinander verschiebt, kann in hektischen Situationen oder in engen Leveln schnell unübersichtlich werden. Dabei scheint das Problem hier ausgeprägter als bei vorherigen LEGO-Spielen zu sein, was aber auch an den meist eher düsteren Leveln und der relativ einheitlichen Khaki-Färbung der Figuren liegen kann.

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Zu Zweit macht alles mehr Spaß - bis auf die Bugs.
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Abgesehen davon gibt es, wie in allen LEGO-Spielen bisher, im Multiplayer deutlich mehr Bugs, als im Spiel alleine. Sind wir alleine unterwegs, kann es mal passieren, dass der Charakter durch den Boden fällt (sehr selten), oder dass die Kamera nicht alles Wichtige zeigt und man Gegner nicht sieht, Gegenstände nicht gut findet, etc. Im Multiplayer hingegen passieren solche Dinge deutlich häufiger, wobei auch hier hauptsächlich der dynamische Splitscreen die Schuld auf sich nehmen muss. Feststeckende Charaktere, Endlosschleifentode, weil die Figur zu nahe am Abgrund wiederbelebt wird, sowie verdeckte Anzeigen bei Quicktime-Events, führen hier manchmal zum Frust, lassen sich aber meist schnell und einfach beheben. Wirklich, den Spielablauf blockierende Bugs gab es keine.

Klischees fürs Kinderzimmer

Wo wir eben beim Thema Kinder waren: Da sich LEGO-Spiele vermutlich vornehmlich an die junge Zielgruppe wendet, möchte ich hier noch ein Thema ansprechen: die Figuren und Charaktere des Spiels kommen mit einer dicken Tüte Klischees und Stereotypen um die Ecke. Um genau zu sein: die Geschlechter der Figuren legen deutlich ihr Repertoire an Fähigkeiten und ihre Reaktionen auf bestimmte Situationen im Spiel fest. Klar, das kommt zum Teil auch vom Erbe der Filme, aber es fällt in Jurassic World sogar mir sehr stark auf. Und das leider nicht zum Positiven.

Das fängt bei Kleinigkeiten an, wie dass zum Beispiel Mädchen im Spiel die Fähigkeit haben, Glas zu zerkreischen, Jungen aber nicht. Dass nur männliche Figuren Dinge reparieren können, alle weiblichen dafür viel agiler und beweglicher sind. Viel nerviger fand ich aber z.B., dass weibliche Charaktere in Gefahrensituationen beginnen zu wimmern und zu stöhnen, als würde der Raptor schon an ihrem Unterschenkel nagen. Die männlichen Figuren bleiben hingegen still, nur wenn man versucht, direkt in den nächstgelegenen T-Rex zu rennen, bleiben sie etwas erschrocken stehen.

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Gutes Beispiel für das Geschlechterrollen-Problem: Dr. Ellie Sattler gießt meist nur Blumen.
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Das hier an Kinder vermittelte Bild der Geschlechterrollen ist problematisch. Männliche Figuren sind stark, mutig und technisch versiert (meist auch besser bewaffnet), weibliche Figuren eher ängstlich, gießen Blumen, um sie zum Wachsen zu bringen, und erzeugen im gesamten Spiel das Gefühl, gerettet werden zu müssen. Gerade ein Charakter wie Ellie Sattler aus Jurassic Park oder auch eine der weiblichen Rollen aus Jurassic World hätten hier durchaus mehr Potential für ein ausgeglicheneres Verhältnis zwischen den Geschlechtern gehabt. Solche Werte in Kinderzimmer oder die Gedankenwelt der Kinder zu bringen, ist in meinen Augen ein deutlicher Kritikpunkt an LEGO Jurassic World, wenn nicht sogar an einer Großzahl der LEGO Spiele.

Dringend gesucht: Innovation!
Ein in meinen Augen gewichtigerer Kritikpunkt ist aber der Mangel an jeglicher Innovation, beziehungsweise eigentlich sogar ein Rückschritt. Wo in LEGO: Der Hobbit neue Mechaniken wie das “Crafting” eingeführt wurden und auch die allgemeine Spielwelt zwischen den dezidierten Leveln eher den Charakter eines Open World Rollenspiels trugen, haben wir in Jurassic World nichts davon übrig behalten.

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Auch solche Verfolgungsszenen sind alte Bekannte. Im nächsten Spiel bitte mehr Innovation, liebe Entwickler.
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Das Spiel bietet in seinen Mechaniken kaum mehr als LEGO-Spiele vor 5 Jahren schon geboten haben. Rätseln, kaputtkloppen, sammeln, freischalten: Dass das System auch heute noch ziemlich gut funktioniert, zeigt nur, wie gut die Entwickler es in den ersten Jahren der LEGO-Spiele perfektioniert haben. Denn Spaß macht es immer noch. Aber: wie lange wird das noch gut gehen? Bei mir hat sich, nachdem ich die letzten 6 LEGO Spiele alle mitgenommen habe, recht schnell ein Gefühl von Langeweile bzw. Abgedroschenheit eingestellt, welches auch dazu geführt hat, dass ich nach den mittlerweile knapp 20 Stunden nicht mehr weiterspielen möchte.

Innovation, frische Ideen, neue Mechaniken und vor allem Überraschungen würden der gesamten LEGO Reihe sehr gut tun und gerade der starke Rückschritt von Mittelerde in die Dinoparks enttäuscht.