Sich für eines der mittlerweile unzähligen Lego-Spiele entscheiden zu müssen, ist vermutlich vergleichbar mit der Situation vor dem Erotikregal in der Videothek um die Ecke: Irgendwie ist doch eh überall das Gleiche drin. Nur die persönliche Vorliebe legt fest, ob es im einen Fall blond, brünett oder rothaarig sein darf – oder im anderen Fall eben Lego Star Wars, Lego Harry Potter oder nun auch noch Lego Herr der Ringe.

Wo beim einen mal der Klempner, mal der Postmann oder der Pizzabote klingelt, trägt beim anderen mal der Jedi-Azubi, Zauberlehrling oder Halbling sein Lichtschwert, Zauberstab oder magischen Ring spazieren. Wo die einen nichts Sinnvolles zu sagen haben, schweigen die anderen gleich völlig. Wo beim einen Stroh liegt, liegen beim anderen die Legosteine, die eingesammelt den Highscore nach oben treiben. Und während‘s die einen treiben, treiben die anderen ihre Späße.

Kurzum: Auf den ersten Blick scheint es, als gäbe es wenig über „Lego Der Herr der Ringe“ zu sagen, was nicht schon über die unzähligen anderen Spiele dieser Art gesagt worden wäre, wenn nicht… wenn es eben auf den zweiten Blick nicht plötzlich doch so viel zu sagen gäbe, dass man schon kaum mehr zu reden aufhören möchte. Denn das ist schon mal die erste große Neuerung im Lego-Kosmos: Diesmal reden die zuvor stummen Plastikfiguren. So banal und nebensächlich dies klingen mag, so sinnbildlich steht es für alles, was „Lego Der Herr der Ringe“ von seinen Quasi-Vorgängern abhebt.

Sie reden!

Zwar hatten bereits die Comichelden in „Lego Batman 2“ das Sprechen gelernt, dass hier nun im großen Stil gequasselt wird und den Charakteren dafür sogar Original-Sprachsamples aus den Kinofilmen in den Mund gelegt wurden, deutet bereits an, mit welcher Herausforderung Traveller’s Tales bei der Entwicklung konfrontiert gewesen sein muss: nämlich, dass die Geschichte und das Universum der Tolkien-Vorlage bei weitem zu kompliziert und komplex ist, um sie in der Pantomimensprache der Lego-Figuren aufzuführen.

LEGO Der Herr der Ringe - Voll Porno!

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Alle drei zusammen: Die komplette Tolkien-Trilogie eröffnet dem Spiel einen enormen Umfang.
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In diesem Zuge ist der typische Slapstick der Serie stark zurückgefahren und wirkt, wenn er denn mal bemüht wird, eben so: bemüht. Und dennoch tut sich das Spiel verhältnismäßig schwer damit, die Vorlage mit ihren unzähligen Figuren, Handlungssträngen und Nebenschauplätzen sinnvoll und in sich schlüssig nachzuerzählen. Es erzählt weniger eine Geschichte als es vielmehr die Erinnerung an Film und Buch anruft und auffrischt – auch indem es die Szenen aus den Filmen bis hin zu den Einstellungsgrößen und Kamerafahrten nachstellt.

Überhaupt nimmt sich das „Lego“ in „Lego Der Herr der Ringe“ deutlich zurück: Die opulent gemalten Hintergrundgrafiken zitieren eher den Bilderbuchrealismus und -Stil der Filme, auf deren gepinselten Oberflächen die vereinzelten Klötzchenkreationen fast schon wie Fremdkörper wirken. Der putzige Charme, der in den anderen Spielen der Reihe noch über manche spielerische Schwäche hinwegtäuschte, geht so beinahe vollständig verloren. „Lego Der Herr der Ringe“ ist im Grunde schon gar kein wirkliches Lego-Spiel mehr.

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Vor den quasi-realistischen Hintergründen wirken die Lego-Figuren schon fast wie Fremdkörper.
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Doch was derart formuliert zunächst wie ein Makel klingt, wird bei näherer Betrachtung zur größten Stärke des Titels: „Lego Der Herr der Ringe“ ist mehr als ein weiteres austauschbares Lego-Spiel aus der Retorte - es ist ein famoses Action-Adventure geworden. Mitunter schon fast ein richtiges Rollenspiel. Und das vermutlich beste „Spiel zum Film“ seit Ewigkeiten.

Fast schon ein Rollenspiel

Indem sich „Lego Herr der Ringe“ die komplette Tolkien-Trilogie vorknöpft, erschließt es sich vor allem und zunächst einmal eines: einen erstaunlichen Umfang. Je nach Spielweise benötigt bereits die Kampagne, die die Geschichte aller drei Teile umfasst, etwa 15 Stunden Spielzeit. Das „eigentliche“ Spiel beginnt jedoch erst danach: die Jagd nach Sammelobjekten, Spezialgegenständen und Zusatzaufgaben kann dann schonmal die 30 Stunden Spielzeit locker überschreiten.

Mehr Tolkien als Lego: Das beste Herr-der-Ringe-Spiel seit Ewigkeiten!Fazit lesen

Denn beim Durchspielen der Geschichte schaltet ihr nach und nach die ganze Welt von Mittelerde für den Freien Modus frei – bzw. den Ausschnitt davon, den die Gefährten auf ihrem Weg hindurch in der Vorlage gegangen sind. Eine Open World von den Dimensionen eines Skyrim ist das zwar noch nicht, zu tun gibt es dort aber dennoch jede Menge: Rezepte und Zutaten finden beispielsweise, mit denen sich beim Schmied neue, einzigartige Werkzeuge und Waffen herstellen lassen.

Oder neue Charaktere freispielen, deren Spezialfähigkeiten beim Lösen bestimmter Rätsel vonnöten sind: So kann etwa nur Sam mit seiner Zunderbüchse Feuer machen und damit im Weg liegende Bäume abfackeln, Frodo dank Galadriels leuchtender Phiole dunkle Höhlen erforschen, Gimli mit seiner Axt brüchige Felsen zerschmettern und Legolas wie ein Akrobat über Seile und Vorsprünge turnen. Ist die Lösung zu solcherlei Rätseln in der Kampagne noch größtenteils offensichtlich, werden sie für die begehrten Schatztruhen und Sammelobjekte zunehmend kniffliger.

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Fast schon ein Rollenspiel: Nur Sam kann Feuer machen, Frodo erleuchtet dafür dunkle Höhlen mit Galadriels Phiole.
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Überhaupt: Rätsel! Traveller’s Tales verschiebt den Schwerpunkt immer weiter weg von den traditionell tumben Kämpfen hin zu gewieften Knobeleien bei denen die zahlreichen Quest-Gegenstände und Spezialfähigkeiten der Charaktere zum Einsatz kommen. Die im Grunde stupiden Kaputtklick-Kämpfe gibt es zwar immer noch, doch werden sie nun eher als Auflockerung eingesetzt, als pointierendes Kontrastprogramm zum Basteln und Bauen – ähnlich wie mit den echten Legosteinen nach dem Zusammensetzen und Konstruieren anschließend gespielt und alles wieder zu Klump gehauen werden darf.

„Lego Der Herr der Ringe“ gelingt auf diese Weise ein erstaunlich gut harmonierender Dreiklang aus Kämpfen, Knobeln und Hüpfen, der stets schwingt und kaum krächzt. Die Level sind denn auch weniger dem Jump’n’Run-Genre verpflichtet, wie es bei den meisten Vorgängern noch der Fall war, sondern mehr mit dem Knobelklassiker Gobliiins vergleichbar: kleine Bastelkästen, in denen die Fähigkeiten und Eigenschaften der Figuren ausgespielt werden müssen, um die Geheimnisse der Welt offenzulegen.

Und das oftmals sogar verblüffend originell: Auf der Flucht vor den schwarzen Reitern müssen sich Frodo und seine Hobbit-Gefährten beispielsweise die Fauna und Flora des Waldes zunutze machen, um die bösen Blicke von sich zu lenken – Vögel aufscheuchen, Baumstämme umwerfen, Felsbrocken zum Einsturz bringen.

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Die spielerisch eher tumben Kämpfe werden diesmal sehr viel geschickter als Auflockerung ins rätsellastige Game-Design eingeflochten.
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Solche Schleich- und Bastel-Passagen werden immer wieder kontrastiert durch ausgefeilte Bosskämpfe gegen Kankra, den Balrog oder die Nazgul. Oder durch Szenen wie die Schlacht um Helms Klamm, in denen Traveller’s Tales unglaublich geschickt auf ihren verschiedenen Standbeinen balanciert, ohne dabei ins Straucheln zu geraten: Orks kaputtklicken, Belagerungstürme abwehren, Hindernisse für die anstürmende Horde errichten, neue Wege durch die Burg freilegen und und und… Das hat Tempo, das hat Abwechslung, das wird zu keiner Sekunde langweilig.

Natürlich aber erbt auch „Lego Der Herr der Ringe“ etliche kleine Unzulänglichkeiten aus seiner Ahnenreihe: Die Guckkasten-Perspektive in den Raum hinein macht es bisweilen immer noch schwierig, beim Sprung punktgenau den richtigen Fleck zu treffen – allerdings wirkt sich dies sehr viel seltener zum Problem aus als in manchem Vorgänger.

Auf Dauer nervt zudem das unter Beschäftigungstherapie-Verdacht fallende, andauernde Kaputthauen von allem, was in der Gegend steht, nur um an die benötigten Legosteine zu kommen. Und unter demselben Gesichtspunkt ist die Designentscheidung fraglich, die den Spieler zum wieder und wieder Durchspielen – Traveller’s Tales würde an dieser Stelle vermutlich gerne hören: motiviert, ich nenne es aber: – nötigt, weil bestimmte Rätsel eben nur mit bestimmten Charakteren und Gegenständen aufzudröseln sind. Jedoch: Solange es Spaß macht…