Gefühle spielen nicht nur in der Beziehung eine Rolle, auch für Videospiele können sie ganz entscheidend sein. LEGO City: Undercover (Wii U) beispielsweise wurde mit so viel Liebe und Herz entwickelt, dass man es so schnell nicht mehr vergisst. Aber was passiert nun, wenn diese wichtigen Emotionen fehlen? Das sieht man an LEGO City: Undercover – The Chase Begins (3DS): Das Spiel wird unspektakulär, es fehlt der Pepp, es fehlt die kreative Würze. Das Spiel wird zum Quickie. Rein und raus in Rekordzeit, mehr sollte es nicht werden, und mehr ist The Chase Begins leider auch nicht geworden.

LEGO City Undercover: The Chase Begins - Webisode #1

Und da haben sie mich geködert

Klar: Auch ein Quickie zwischendurch kann Spaß machen. Und es ist ja nicht so, als ob ich mich mit LEGO City: Undercover – The Chase Begins nur gelangweilt hätte. Aber man merkt dem Spiel einfach an, dass es nicht mehr sein sollte als ein schneller Cash-in ohne großes Drumherum, der im Fahrwasser des großen Bruders mitschwimmt und noch ein paar zusätzliche Euro einfängt.

Ich muss schon zugeben, die Strategie dahinter ist ziemlich clever ausgedacht: Erst bringt man das schicke, aufwendig produzierte und inhaltlich ausgereifte Produkt für Wii U auf den Markt, das die Kunden begeistert und ihnen Appetit auf mehr macht – und dann schmeißt man ein zweites Spiel auf 3DS hinterher, das die Vorgeschichte erzählt und damit eine brandneue Erfahrung verspricht.

Und da The Chase Begins ein Prequel ist, kann man ja auch gleich die Spielwelt 1:1 von der Wii U auf den 3DS portieren und ob der technischen Limitierungen sogar die imposanten Bauwerke streichen – die befanden sich damals nämlich erst noch im Bau. Dann fügt man noch ein paar neue Missionen hinzu und fertig ist das Spiel.

Das mag für Nintendo und Traveller’s Tales zufriedenstellend gewesen sein, für mich ist es das nicht. Nach den Dutzenden Spielstunden, die ich auf der Wii U schon mit Chase McCain verbracht habe, hatte ich mich nämlich wirklich auf The Chase Begins gefreut.

Schließlich hatte ich so viel Spaß dabei, diese riesige und liebevoll gestaltete Bauklötzchen-Stadt zu erkunden, die 15 spannenden Kapitel mit ihren kreativen Puzzles zu absolvieren, mich Stück für Stück in die so herrlich präsentierte Geschichte hineinzuarbeiten und dabei immer und immer wieder über die wunderbaren Anspielungen an Filme und Spiele zu lachen. Mit The Chase Begins hatte mich Nintendo an der Angel und wie ein Fisch habe ich einfach angebissen und fest darauf vertraut, ein qualitativ ähnlich wertiges Spiel zu bekommen.

LEGO City Undercover: The Chase Begins - Stein für Stein auseinandergenommen

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Leere Welt, wenig zu tun: The Chase begins ist ein müder 3DS-Abklatsch von Lego City Undercover auf Wii U.
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Nun sitze ich hier und versuche, meine Enttäuschung über dieses lieblos hingeklatschte Stück Software möglichst präzise in Worte zu fassen. Alles, was LEGO City: Undercover auf der Wii U ausgezeichnet hat, wurde für das 3DS-Prequel gestrichen: Die Spielwelt ist leer und steril, von der tollen Sprachausgabe ist keine Spur mehr vorhanden – stattdessen wird in Textfeldern geschwiegen und sogar auf eine adäquate Hintergrundmusik hat man verzichtet. Die Missionen sind keine halbstündigen Abenteuer in eigens angelegten Levels mehr, sondern stupide Hol-, Bring- und Kloppdienste, die man jeweils in weniger als fünf Minuten abgeschlossen hat.

Dafür gibt es einen Überschuss an hirnlosen Gegnern, die ich mit dem jämmerlichen Kampfsystem in Sekundenschnelle auskontere. Ich brauche nur die Taste X und wenn ich sie drücken muss, wird das auch noch überdeutlich symbolisiert – selbst das berüchtigte Parieren in Assassin’s Creed II ist schwieriger.

Packshot zu LEGO City Undercover: The Chase BeginsLEGO City Undercover: The Chase BeginsErschienen für 3DS kaufen: Jetzt kaufen:

Die schlimmste Form der Zensur

Sicherlich richtet sich The Chase Begins in erster Linie an Kinder, aber LEGO City auf der Wii U war auch ein großer Spaß für das Kind im Manne, also quasi der perfekte Spagat – man hätte den Schwierigkeitsgrad doch so beibehalten können. Noch einfacher hätte es echt nicht werden müssen.

Stein für Stein hat man LEGO City auseinandergenommen, bis nur noch das Fundament geblieben ist.Fazit lesen

Nicht einmal die offene Welt schafft es, mir auch nur einen Funken Interesse zu entlocken. Denn erstens kenne ich sie in viel lebendigerer und größerer Form von der Wii U und zweitens wüsste ich nicht, warum ich mir überhaupt die Mühe machen sollte, auf Sightseeing-Tour zu gehen – es gibt ja keine Sehenswürdigkeiten. Es gibt auch so gut wie keine Nebenbeschäftigungen. Außerdem ist LEGO City am 3DS nicht wirklich offen; streng genommen wird das Areal einfach jedes Kapitel gewechselt.

Als ob all das noch nicht schon mehr als genug wäre, um The Chase Begins das Herz aus der Brust zu reißen, macht auch noch die Technik dem Spiel einen Strich durch die Rechnung. Stellenweise ruckelt es noch schlimmer als der Wii-U-Bruder in seinen schlimmsten Momenten – und das, obwohl eigentlich überhaupt nichts Besonderes auf dem Bildschirm passiert. Es ist schon fast ironisch, dass Spiele wie Luigi’s Mansion: Dark Moon oder Kid Icarus: Uprising jederzeit flüssig spielbar sind – trotz ihrer für System-Verhältnisse überragenden Grafik in 2D und 3D.

Kurz gesagt: Ich habe das Gefühl, dass man sich bei TT Fusion keine große Mühe geben wollte. Es ist eben nur ein Quickie. Wen wundert es da, dass keines der vielen 3DS-Features wirklich genutzt wird, nicht mal der Touchscreen.

Egal, wohin man schaut, The Chase Begins wirkt beschnitten – es ist die schlimmste Form der Zensur, wenn man es so nennen mag. Selbst die eigentlich bewährte Spielmechanik hat man bis zum Rand des Erträglichen gekürzt: Rätsel gibt es so gut wie keine mehr, dafür stehen die schwachen Kämpfe viel zu oft im Mittelpunkt und das mit einem Kampfsystem, welches den Namen nicht verdient. Hier und da muss man ein bisschen klettern, aber auch das ist halb-automatisiert und eintönig. Von der Abwechslung, die den Wii-U-Ableger ausgezeichnet hat, ist keine Spur mehr – im Wesentlichen macht man von Anfang bis Ende immer das Gleiche.

LEGO City Undercover: The Chase Begins - Stein für Stein auseinandergenommen

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Schade: Von dem berühmten Lego-Charme ist wenig übriggeblieben.
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Halbwegs interessant ist zwar die Idee mit den unterschiedlichen Verkleidungen, die wiederum unterschiedliche Fähigkeiten verleihen, aber auch das kennt man schon von der Wii U. Als Häftling kann man Schlösser und Tresore knacken, als Bauarbeiter Bodenplatten zerlegen - das verspricht Vielfalt, wird auf dem 3DS aber viel zu selten sinnvoll genutzt.

Es gibt noch so viel mehr, über das ich mich beschweren könnte: über die trockene Story ohne Höhepunkte, über den abhanden gekommenen Humor, über die ellenlangen Ladezeiten, über die grauenhafte Soundkulisse. Letztendlich ist es eben nur ein Quickie. Nur ein Quickie, nicht mehr…