Früher gab es mal eine Zeit, zu der 3D-Actionspiele und –Jump’n‘Runs mit putzigen Tierchen als Helden total „in“ waren. Beutelratten, Drachen, Igel, Affen, Bären oder Vögel (letztere beide sogar im Duo!) – das Genre war bunt, verspielt, kindlich-naiv und irgendwie einfach herzallerliebst. Und natürlich gab es auch ein Spiel, in dem eine Katze den Retter der Welt spielen durfte: Legend of Kay. Man sagt, das Spiel sei einer dieser Klassiker der PS2-Ära – und ausgerechnet ich als Fan der Szene habe es damals verpasst. Zeit, das endlich nachzuholen und zu checken, was die Anniversary Edition auf dem Kasten hat – die Neuauflage aus dem Hause Nordic Games für PC, Wii U und PlayStation 4.

Woher der Untertitel „Anniversary“ kommt, wird frühestens im Hauptmenü, spätestens im Spiel selbst klar: Das originale Legend of Kay ist zehn Jahre alt. Zehn Jahre, die an Nordic Games und dem hier beschriebenen Remake scheinbar hoffnungslos vorbeigegangen sind, denn von der angekündigten Überarbeitung ist wenig zu spüren. Wie lautete die offizielle Produktbeschreibung noch einmal?

Legend of Kay: Anniversary - Früher war eben doch nicht alles besser

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 10/131/13
Hochauflösend und modern sieht das Remake nun wirklich nicht aus.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

„Hochauflösende Texturen, neue, detailliertere Charakter-Modelle, moderne Rendertechniken und glasklarer Surround-Sound lassen diesen großartigen Klassiker in neuem Glanz erstrahlen.“ Hört sich alles super an, ist aber nicht viel mehr als inhaltsleeres Marketing-Gewäsch. Ich habe leider keine PlayStation 2 hier zu stehen, um einen direkten Vergleich zu ziehen, aber den braucht es auch gar nicht, um zu erkennen, wie schrecklich veraltet dieses Remake aussieht. Für diese verpixelten Texturen würde sich sogar die Wii regelrecht schämen! Ach kommt schon Leute, ist der Remastered-Trend nun schon so weit fortgeschritten, dass sogar PS2-Spiele ohne Überarbeitungsaufwand auf die neuen Konsolen geschmissen werden können? Klar, Grafik ist nicht alles, aber traurig ist das schon ein wenig.

Sei’s drum; immerhin ist Legend of Kay schön bunt und herrlich verspielt inszeniert und macht so tatsächlich ein gutes Stück seiner unterdurchschnittlichen Technik wieder wett. Vom sympathischen kleinen Katzendörfchen geht es schon nach kurzer Zeit hinaus in die weite Welt, durch einen mysteriösen Wald und eine Drachenhöhle hindurch, bis hin in eine verlassene Stadt und zu einem lodernden Vulkan, dazwischen warten einige Abstecher in alte Tempel und Ruinen.

Das ist alles ganz genauso „oldschool“, wie man es eben von der PS1- und PS2-Ära in Erinnerung hat – vor allem, was die abwechslungsreichen und farbenprächtigen Levels und Welten angeht. Fast überraschend wirkte es dann, als irgendwann die Erkenntnis kam, dass sich Legend of Kay dabei eigentlich gar nicht mal so sehr an Banjo & Co. orientiert – stattdessen stand ausgerechnet The Legend of Zelda Pate.

Legend of Kay: Anniversary - Früher war eben doch nicht alles besser

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder
Das zugrundeliegende Spiel ist immer noch niedlich, wenn auch nichts besonderes.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

„Ausgerechnet“ deshalb, weil Kay auf den ersten Blick nicht wirklich an Ocarina of Time oder Wind Waker erinnert – die Story um die Rettung des Katzendorfs und der Insel Yenching vor der Besatzungsmacht der Gorillas ist nicht unbedingt episch und der lineare Spielverlauf in Levelform entspricht ganz und gar nicht dem, was man von Link so gewöhnt ist. Und dennoch sind die Einflüsse von Zelda unverkennbar, wenn man Herzcontainer einsammelt, kleinere Nebenquests absolviert, mit Bomben Hindernisse sprengt und beim fahrenden Händler Lebens- und Magieelixiere kauft. Es klingt nach einer absurden Idee, das mitunter doch recht offene Zelda-Prinzip in lineare Levels zu packen; in Legend of Kay geht das Ganze aber erstaunlich gut auf, zumal der Fokus ohnehin eher auf Platforming und Kämpfen liegt anstatt auf dem Erkunden der Welt und dem Lösen von komplexeren Rätseln.

Macht schon Spaß, kann man mal spielen, aber die Jahre sind an Kay nicht spurlos vorbei gegangen – und hinter der Anniversary Edition verbirgt sich kein aufwendiges Remake, sondern eher eine hingeschluderte Portierung von der PS2.Fazit lesen

Die zehn Jahre, die das Spiel mittlerweile alt ist, haben allerdings so ihre Spuren hinterlassen. Vor allem in Hinsicht auf das Leveldesign: Viele der Areale sind sehr beengt, das Platforming ist mit dem Hüpfen über kleinere Abgründe und dem Schwingen an Stangen und Seilen altbacken. Das ist insofern keine Überraschung, als dass zehn Jahre eben doch eine ganz schön lange Zeit sind, hat aber eben trotzdem zur Konsequenz, dass man sich ein bisschen so fühlt, als würde man ein Spiel auf einem PS2-Emulator zocken.

Zwar ist diese „Rückkehr“ in die gute alte Zeit schon cool – und sicherlich sehr nostalgisch für diejenigen, die das Original damals schon gespielt haben –, andererseits ist man heute einfach Besseres gewohnt; selbst im Genre der 3D-Platformer, das leider seit Jahren nicht mehr ausreichend bedient wird. Immerhin sind die Reitausflüge auf dem Rücken eines Wildschweins, Drachens oder Wolfs eine nette Auflockerung zum ansonsten doch wenig innovativen Hüpfen, Klettern, Sammeln und Kämpfen, und die Bosskämpfe sind ihrer Einfachheit zum Trotz teilweise spektakulär inszeniert und spannend.

Schön finde ich in dem Zusammenhang übrigens auch das Kampfsystem selbst, das schon vor zehn Jahren besser gelungen war als das, was Sony mit Knack zum Launch der PlayStation 4 abgeliefert hat. Hier gibt es tatsächlich mehr als nur zwei Angriffe unterschiedlicher Stärke, sondern graziöse Lufthiebe, Attacken aus dem Block, Combo-Ketten und sogar einen unheimlich befriedigenden Move, bei dem Kay um seinen Gegner herumrollt und ihm das Schwert, den Hammer oder die Klauen (je nachdem, welche Waffe gerade ausgerüstet ist) in den Rücken sticht. Dass auch das von Zelda übernommen ist, wiegt in meinen Augen nicht negativ – lieber ist etwas gut geklaut als selbst schlecht erfunden, richtig?

Legend of Kay: Anniversary - Früher war eben doch nicht alles besser

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 10/131/13
Ein paar Modernisierungen mehr hätte Anniversary schon vertragen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Cool wäre es gewesen, hätte man auch die Kameraführung von Zelda geklaut oder zumindest eine Lock-On-Funktion integriert – so ist es nämlich schon ziemlich nervig, wenn man in hektischen Kampfszenen nicht erkennen kann, wo man genau hinschlagen soll, nur weil sich die Kamera stets hinter dem Gegner versteckt. Eine jederzeit freie Kamera hätte hier regelrecht Wunder bewirkt.

Das Spiel, das der Anniversary Edition zugrunde liegt, ist also absolut solide, sehr sympathisch, schön verspielt, bunt, gerade für Kinder prima geeignet – eigentlich gäbe es also gar nicht mal so viel zu meckern. Das Remake, das auf diesem Fundament entstanden ist, ist jedoch eine herbe Enttäuschung.

Selbst wenn man die unverzeihlich schwache Grafik mal ignoriert: Die Anniversary Edition wird der generellen Definition eines Remakes nicht gerecht – nicht mal der eines Remastered, wenn man es so nennen möchte. Man hat es weder geschafft, die katastrophale Kameraführung zu verbessern, noch hat man irgendwelche Komfortfunktionen eingebaut; ich denke da speziell an die Möglichkeit, Dialoge satz- oder abschnittsweise zu überspringen, damit man den gelangweilten Sprechern mit ihrem Schneckentempo nicht immer gefühlt mehrere Minuten lang zuhören muss.

Wäre das denn so schwer gewesen? Und dann ist da ja auch noch das Optionsmenü, das jedem PC-Spieler Tränen in die Augen treibt, weil es allen Ernstes aus einer einzigen Option besteht, nämlich den Helligkeitseinstellungen. Nicht mal Auflösung oder Fenstermodus lassen sich nativ im Spiel anpassen. Leute, wir haben 2015!
Einen großen Teil dieser Kritik könnt ihr mit der Konsolenversion selbstverständlich umgehen; einen noch größeren Teil damit, indem ihr die Anniversary Edition nicht als ein Remake, sondern als eine Portierung akzeptiert. Das funktioniert tatsächlich – entspricht aber nicht dem, was ich mir von dieser Neuauflage gewünscht habe, und auch nicht dem, was das solide Basisspiel eigentlich verdient hätte.