Als vor zweieinhalb Jahren der erste Teil der Legende von Grimrock erschien, offenbarte sich erstmals, wie gespalten die Community der Rollenspieler doch ist. Während die einen tief in den Berg Grimrock kletterten, verfluchten die anderen das Spiel, forderten ihr Geld zurück und konnten einfach nicht verstehen, was an diesem Relikt aus alten Tagen dran sein soll. Beim zweiten Teil wird das kaum anders werden. Und das ist auch gut so.

Es ist der Traum eines jeden Kindes, beim Durchwühlen verstaubter Kisten auf dem Dachboden, auf uralte Schatzkarten zu stoßen. Und wenngleich ich die Kindheit weit hinter mir gelassen habe, ging dieser Traum für mich vor nicht allzu langer Zeit in Erfüllung. In einem längst vergessenen Karton stieß ich auf ganzen Stapel vergilbter Dokumente.

Feinste Handarbeit

Es waren handgezeichnete Karten, offensichtlich die Grundrisse von Gewölben. Hier und da waren Symbole zu erkennen für unterschiedliche Gefahren, Hebel, Fallen, Leitern und für alle erdenklichen Schätze. Hier hatte sich jemand unglaublich viel Mühe gemacht und in stundenlangen Sitzungen seine Reisen dokumentiert. Ich wusste das, denn dieser jemand war ich.

Legend of Grimrock 2 - Ein Schritt zurück, zwei Schritte nach vorn

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Zwei kleine Schritte nur für unsere Party und ein großer für meine Nerven.
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Es war im Jahre 1990, als ich zum ersten Mal zum Bleistift griff, um eine virtuelle Umgebung auf reales Papier zu bannen. Ich bin wahrlich kein guter Zeichner, doch hielt ich es für eine gute Idee, da ich in Wizardry VI so langsam dabei war, die Orientierung zu verlieren. Wo kam ich her, wo sollte ich hin - was hatte ich übersehen? Ich musste wohl an etwas Wichtigem vorbeigerannt sein.

Mit Geduld und einer Menge Papier

Und tatsächlich half der Blick aus der Vogelperspektive regelmäßig  aus der Klemme. Und nicht nur das - ich konnte mich noch viel mehr als zuvor für das extrem knifflige Spiel begeistern, eben weil es mir einen Haufen Geduld und jede Menge Arbeit abverlangte, und weil mir die sichtbar produktive Kartenzeichnerei einfach höllischen Spaß bereitete.

Selbstredend, dass ich auch wieder mitzeichnete, als 1991 schließlich der erste Teil von Eye of the Beholder erschien. Das Spiel und seine Nachfolger zogen mich komplett in ihren Bann und ließen Ferien generell wie im Fluge vergehen. Nur der wachsende Papierstapel zeugte von den vielen Stunden, die ich mit diesen Spielen verbrachte, die eigentlich furchtbar einfach gestrickt waren.

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Wer auch immer behauptet, Legends of Grimrock 2 sei einfach, sagt nicht die Wahrheit.
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Der Reiz der kleinen Schritte

Insbesondere Eye of the Beholder bestach eigentlich nicht gerade durch die Freiheiten, die es gewährte. Im Gegenteil - die Entwickler schickten den Spieler mit seiner Vierergruppe gleich zu Beginn in die Gewölben unter der Stadt Waterdeep und ließen den einzigen Ausgang zuschütten. Es gab also nur einen Weg - und der führte - wie sollte es auch anders sein -immer tiefer nach unten.

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Das sorgte für eine Atmosphäre, der man sich nur schwerlich entziehen konnte. Dass man sich in den engen Höhlen schrittweise fortbewegte und nicht fließend, sorgte seltsamerweise für einen zusätzlichen Reiz und gab ein gewisses Gefühl von Sicherheit - zudem es das Mitzeichnen ungemein vereinfachte.

Weniger Spaß durch mehr Komfort
Ausgerechnet die rasant voranschreitende technische Entwicklung war es dann, die den kartenzeichnenden Höhlenforschern einen Strich durchs Hobby machen sollte. Mit Ultima Underworld wurden fließende Bewegungen schnell zum Standard und natürlich lag es für die Entwickler solcher Spiele nahe, Bleistift und Papier durch ein cleveres Automapping zu ersetzen.

Das vielleicht beste Rollenspiel für frustresistente Rätselknacker der alten Schule.Fazit lesen

Für die Industrie war das ein großer Schritt und im Laufe der Jahre wuchs eine neue Generation von Spielern heran. Spieler, die riesige und offene Welten erwarten und die sich im Traum nicht vorstellen könnten, mit Bleistift und Papier bewaffnet Schritt für Schritt einen engen Dungeon bis auf den hinterletzten Winkel zu erkunden, weil man irgendwo einen versteckten Knopf in der Wand übersehen haben könnte.

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Dank offener Welt bietet Legends of Grimrock 2 jetzt Dungeons und Dragons.
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Petri Dank!

Natürlich verschlossen sich auch die hartgesottenen Veteranen der Ära von Dungeon Master und Eye of the Beholder nicht der technischen Entwicklung. Sie spielten auch die modernen Titel und sie spielten sie gerne. Doch wenn sie mal unter sich waren, packten sie die alten Geschichten wieder aus und erzählten von den Abenteuern im Dungeon und von ihren gezeichneten Karten, die sie noch immer hüteten wie einen Schatz - als bestünde die Gefahr, dass sie tatsächlich einmal in einem dieser Dungeons landen würden.

2012 geschah es dann. Nach über zehn Jahren Entwicklungszeit veröffentlichte der Finne Petri Häkkinen, unterstützt von einigen ehemaligen Remedy-Mitarbeitern (Max Payne, Alan Wake), mit Legend of Grimrock ein Spiel, das die Höhlenforscher aus alten Tagen mitten ins Herz traf und in der Branche für den oben erwähnten Wirbel sorgte, weil es exakt an das anknüpfte, was Dungeon Master, Eye of the Beholder und Konsorten einst hinterlassen hatten - technisch leicht aufpoliert und mit einer optionalen Automapping-Funktion versehen, spielerisch hingegen jedoch weitgehend identisch.

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Es sind nicht so sehr die Monster, die den Spieler an den Rand der Verzweiflung bringen - es sind die bockschweren Rätsel.
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Und weil Legend of Grimrock wirtschaftlich ein derart großer Erfolg war, haben die Jungs um Petri Häkkinen genau das getan, was die Fans von ihnen erwartet haben. Sie haben einen Nachfolger zusammengeschraubt. Dabei war ihnen augenscheinlich wichtig, dass sie zwar technisch einen Schritt nach vorne machen, spielerisch jedoch erneut ganz zurück in die 90er Jahre gehen.

Lost

Anders als im ersten Teil findet man sich bei Legend of Grimrock 2 mit seiner Gruppe auf der Insel Nex und unter freiem Himmel wieder. Damit endet die Freiheit allerdings auch schon, denn letztlich herrschen auch in der auf den ersten Blick ausladenden Außenlandschaft die gleichen Naturgesetze wie im Dungeon. Die Wände werden dort eben von Bäumen und Felsen markiert.

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Schrittweise geht es also auch bei Legend of Grimrock 2 voran, wo das Spielerauge jedoch von einer stark überarbeiteten Grafik verwöhnt wird. Die ist mittlerweile so gut geworden, dass man dem Spiel seinen Indie-Ursprung absolut nicht mehr ansieht. Sowohl die Umgebung als auch die Monstern wurden dabei optisch wie akustisch gehörig aufpoliert.

Hallo - ist da jemand!?

So gilt es also, zuerst die Wildnis der Insel zu erkunden, wobei man - Veteranen werden das zu schätzen wissen - bald auch wieder in die typischen Dungeons geraten wird. Dabei enthüllt sich Stück für Stück, dass die Insel nicht ganz so verlassen ist, wie sie auf den ersten Blick erscheint und dass unsere Gruppe einem Wesen in die Hände gefallen ist, das seinen Spaß daran zu haben scheint, uns in ausweglose Situationen zu jagen und uns unlösbare Rätsel vorzusetzen.

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Dieses smarte Automapping ersetzt Block und Bleistift - auf Wunsch.
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Letzteres sollte man wissen, bevor man sich der Herausforderung stellt. Schon der Vorgänger verlangte insbesondere manch verwöhntem Spieler mehr ab, als er aufbringen konnte oder wollte. Und bei Legend of Grimrock 2 packt Mastermind Petri Häkkinen noch einmal eine ordentliche Portion Sadismus drauf.

Frust, Lust und jede Menge Spielerschweiß

Dabei sind es weniger die Begegnung mit den Monstern, die für die leidvollsten Momente im Spiel sorgen. Es sind vielmehr die vielen, teilweise ebenso kreativen wie knackigen Rätsel, die das stolze Abenteurergrüppchen immer wieder ausbremsen und an den Rand der Verzweiflung treiben. Doch machen wir uns nichts vor - genau so und nicht anders wollen wir Veteranen es doch: Frust und Lust liegen nach dem Regelwerk der alten Schule ganz nah beieinander.

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Über 20 Stunden reines, blutiges Dungeon-Crawler-Gameplay versprechen die Entwickler. Tatsächlich dürften es, je nach eingestelltem Schwierigkeitsgrad, für den durchschnittlich begabten Spieler deutlich mehr werden, zudem man im zweiten Teil mit acht unterschiedlichen Klassen, fünf Rassen und einer ordentlichen Auswahl von Fähigkeiten einen erhöhten Wiederspielwert hat.

Ein Ende ist nicht in Sicht

Und selbst wenn man Nex gemeistert hat, ist die Reise noch lange nicht vorbei. Schon der erste Teil begeisterte passionierte Dungeon-Keeper mit einem der besten Editoren im Genre und ermöglichte ihnen, die Spieler da draußen mit immer neuen und zum Teil grandiosen Abenteuern zu versorgen.

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Allen Spielern von Grimrock sprechen wir schon mal vorab unsere Bewunderung aus - und unser Beileid gleichermaßen.
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Entsprechend bietet Legend of Grimrock 2 einen neuen Editor mit noch mehr Funktionen und Möglichkeiten der Umgebungsgestaltung. Dazu kommen mittlerweile insgesamt 42 Monstertypen - 30 davon stammen aus den neuen Abenteuern auf und unter der seltsamen Insel Nex. Sie alle bewegen sich zwar nach wie vor schrittweise voran, werden jedoch von einer spürbar verbesserten KI gesteuert.