Ach, herrliche Ruhe. Nach den vielen Riesenspinnen dürfte erst mal Ruhe sein, dachte ich, und dann erscheinen eine Treppe tiefer zwei stinkende Giftpilze, jeder von ihnen eine mannshohe Dreckschleuder. Meine Viererparty kämpft tapfer, kämpft erbittert, aber innerhalb der giftgrünen Wolken hört man nur Keuchen und Stöhnen.

Legend of Grimrock - TrailerEin weiteres Video

Bei den Schleimschnecken in den oberen Stockwerken war es noch offensichtlich, dass man am besten mit dem Rücken zur Wand kämpft, wenn Magier und Schurkin in der hinteren Reihe nichts abbekommen sollen, aber hier fressen sich Giftwolken sekündlich durch Heldenlungen, bis die komplette Truppe röchelnd darniederliegt. Ihre Porträts unten rechts verwandeln sich in Totenköpfe. So ein Mist. Und dabei hatte ich auf eine Ruhepause im Stockwerk unter den Riesenspinnen gehofft. Ach.

„Legend of Grimrock“ ist nicht nur im erzählerischen Sinne eine Reise, weil ich mit vier Sträflingen aus einem Kerker fliehen muss. Aus den verwitterten Gedärmen eines hässlich-alten Burgmonsters mit schimmeligen Mauersteinen und brüchigen Wänden. Wenn sie es nach draußen schaffen, seien ihre Taten vergeben. Mehr erzählt das Intro nicht. Der Dungeon-Crawler des finnischen Teams Almost Human Games ist auch im spielhistorischen Kontext eine Reise zurück in eine Zeit, als Dungeons noch zermürbend, gefährlich und kryptisch waren. In sich verschlossen, könnte man sagen, und bewusst reduziert auf das Wesentliche: einen Kerker, den man in wochenlanger Arbeit durchkämmt. Schaffst das schon.

Spiele heutzutage sind übelste Plaudertaschen, kaum fähig, auch nur eine Minute lang hinterm Berg zu halten und dem Spieler den Vortritt zu lassen. Die meisten von ihnen fühlen sich in der Rolle so pudelwohl, dass sie ihre Zeit im Rampenlicht richtig genießen, euch alles vorkauen und mit dem Finger drauf zeigen. Eine Entwicklung, die sich durch sämtliche Bereiche zieht und besonders bei den RPGs in absurden Quest-Markern mit bombensicherem Komfort gipfelt.

Ein Dungeon-Crawler im besten Sinne: altmodisch, düster und verdammt gefährlich.Fazit lesen

„Legend of Grimrock“ kennt all das nicht. Es ist old-school, wie man es sich nur wünschen kann, mit einem Inventar, das im Zweifelsfall immer einen Klick zu viel als einen zu wenig einfordert.

Legend of Grimrock - Wie damals, nur flüssig

alle Bilderstrecken
Wenn euch zwei solcher Mistkäfer überraschen, müsst ihr handeln oder einfach sterben. Eure Wahl.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 1/51/5

Es setzt auf die Geduld all jener, die seufzend an die Tage unter Tage zurückdenken: an „Dungeon Master“, an „Ultima Underworld“, „Eye of the Beholder“ und - viel später dann - „Arx Fatalis“. An eine Zeit, als mutigen Entdeckern schweigend der Hof gemacht wurde und als Verliese mit ihren Geheimnissen Abenteurer noch mit Haut und Haaren fraßen. Seht euch die Bilder zu „Legend of Grimrock“ an, die Benutzeroberfläche und die Anordnung der Elemente, die Hinweise an den Wänden, schaut euch Spielszenen an, fühlt rein in die Art und Weise, wie man Dinge benutzt, Frostbomben wirft, Schalter beschwert. Das hier ist „Dungeon Master“.

Packshot zu Legend of GrimrockLegend of GrimrockErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Bewegungen nur im 90-Grad-Raster, Gänge im rechten Winkel, viele rechte Winkel. Heutzutage scrollt das Bild bei den Streifzügen wunderbar weich, während Fackeln im trügerischen Licht knistern, sich die Korridore hinziehen und in endloser Schwärze verlieren. Vorhin auf Ebene 4 war das alles noch halbwegs überschaubar, jetzt bin ich irgendwo in der Mitte des dutzendstöckigen Dungeons und pirsche durch die Gänge, langsam und vorsichtig, in respektvollem Abstand vor dem brüllenden Troll mit den Hörnern. Er jagt mich. Walzt wie eine Naturgewalt auf mich zu. Ich fliehe. Ziehe an Ketten zum Herunterlassen von Gittern. Sperre mich ein und ihn aus. Warte und raste. Ein ewiges Fangenspiel. Immer wieder.

Gut, dass ich eine Karte habe und weiß, wo es langgeht. Man ist über die Jahre halt doch verweichlicht von automatisch mitgezeichneten Karten, die in Grimrock eine enorme Erleichterung sind auf der Suche nach Schaltern und Schlüsseln zur nächsten Ebene. Eigene Notiznadeln mit Anmerkungen inklusive.

Wer mag, kann solch' neumodischen Käse verschimmeln lassen, den Old-School-Modus wählen und wie in geraumer Vorzeit Stift und Kästchenpapier zur Dungeon-Party einladen – hier darf das Duo aus vergangenen Tagen noch mal richtig aufblühen. Das ist nur das i-Tüpfelchen eines Abenteuers, das ohnehin nicht viel erklärt und hilft, weil es nicht viel zu erklären gibt. Entkomme aus den Gemäuern oder verhungere am ausgestreckten Arm. Oder deshalb, weil du nichts mehr zu essen findest.

Legend of Grimrock - Wie damals, nur flüssig

alle Bilderstrecken
Wer nicht kämpfen mag, kann auch fliehen. Was bei diesem Kerl sehr zu empfehlen ist.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder

So bequem das Rasten in den Gängen manchmal auch sein mag – mit leerem Magen füllt sich der Energiebalken nicht. Daher muss man die fleischigen Hinterlassenschaften besiegter Riesenschnecken mitnehmen, Brotreste aus alten Pritschen fischen, morsche Holzkisten durchwühlen in der Hoffnung, dass eine Made am Spieß drinliegt. Man nimmt, was man kriegen kann.

Auf den oberen Stockwerken ist das alles recht gut machbar. Später entsteht regelrechter Futterneid, wenn man nur noch drei Happen hat, aber vier hungrige Heldenmäuler. Man muss haushalten, knausern und sich eben mit Heiltränken aushelfen, falls es nicht anders geht. Zum Glück hatte ich auf Ebene 2 oder so zwei neue Kumpanen gefunden, Mörser und Stößel in einem Beutel, eine herzlich willkommene Möglichkeit, aus Kräutern und leeren Flaschen Tränke oder Gegengifte herzustellen. Ich will mir nicht ausmalen, was jemand tut, der gedankenverloren daran vorbeirennt. Habe wirklich oft und gern herumpepanscht. Rezepte? Findet man. Oder halt nicht. Euer Pech, wenn die Ecke nicht eure war. Man kann nicht überall sein.

Der Lohn für die Mühen

Entdecker haben zwar nicht leichtes, aber leichteres Spiel und Husch-husch-Helden ein schweres Leben. Es gibt unzählige lose Mauersteine, die bei einem Druck Wände zur Seite fahren und Verstecke offenbaren. Man freut sich über jedes Bisschen, und sei es nur ein Kraut für den nächsten, dringend benötigten Heiltrank. Oder eine Fackel, wenn die eigene gerade verloschen ist. Kein Gefühl ist so schön wie das guter Vorbereitung.

Vielleicht habe ich Glück und erbeute einen Umhang, der das Mana meines Zauberers schneller wieder auflädt, oder gar eine Feuerklinge. Das schartige Rostschwert, das ich seit Stunden schwinge, wird langsam überfordert. Oben bei den Spinnen ging es noch. Hier unten krabbeln gepanzerte Krabbenwesen herum, ihre Scheren so lang wie ein Bein - da klappt kein Klick-und-Weg mehr. Besser nicht kämpfen, und wenn doch, dann nur gut vorbereitet – Tränke und Bomben griffbereit, Mana und Lebensenergie aufgeladen. Vorher speichern. Oft speichern.

Legend of Grimrock - Wie damals, nur flüssig

alle Bilderstrecken
Gegner einzusperren ist ein probates Mittel, das euch oft den Hintern retten wird.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 1/51/5

Peinlich genau wird sämtliche Ausrüstung gehortet und aus der ersten Reihe weitergegeben, sobald etwas Besseres da ist. Grimrock feiert jenen Moment innig, der in heutigen RPGs fast gänzlich verlorengegangen ist: den Fund des Kriegshammers, des Kettenhemdes, des Amuletts. Wenn man hier zugreift, dann entschlossen und nicht, weil es geht und weil der Händler um die Ecke gerade neues Gold bekommen hat. Grimrock kennt keine freundlichen Wesen, und alles, was ihr haben möchtet, müsst ihr euch verdienen. Wirklich verdienen!

Das richtig gute Zeugs liegt da, wo das Krabbeln und Schaben am stärksten zu hören ist, dort, wo sich selbst eine gut gerüstete Party mit Geduld und Spucke durchbeißen muss. Wo man probiert, sich abmüht, scheitert und abblitzt. Seid ihr mal von blitzschleudernden Gargoyles umringt worden, keinen Platz zum Ausweichen, weil sie genau um euer Feld herumschweben? Kann passieren, wenn die Bodenplatte plötzlich nachgibt und man in voller Montur nach unten stürzt. Viel Glück. Damit greift „Legend of Grimrock“ eine harsche, unendlich befriedigende Art der Belohnung auf, an die in den letzten Jahren nur Spiele wie „Demon's Souls“ anknüpften – und die zeigt, wie sehr so etwas in heutigen Abenteuern fehlt.

Wer Erfolg haben und belohnt werden möchte, muss seine Angst vor dem Unbekannten überwinden, sich tiefer hinabwagen in die endlose Dunkelheit, auch mal umkehren, stichpunktartig an den Wänden hinterlassene Hinweise deuten und mit detektivischer Genauigkeit die Umgebung absuchen. Eben weil sich das Spiel weigert, alles offen anzusprechen, und weil es euch ermutigt, vieles selber herauszufinden - manchmal sind es kleinste Mauersteine -, ist es ein unheimlich starkes Erlebnis, wenn man noch ein Stockwerk überwindet. Und noch eine in die Tiefe führende Treppe entdeckt.

„Legend of Grimrock“ ist anspruchsvoll, aber niemals unfair. Und eines dieser Spiele, bei denen der "leichte" Schwierigkeitsgrad keine Schande ist. Vor meinem geistigen Auge kann ich die Entwickler regelrecht kichern sehen, als ich auf einen Schalter trete, der ringsum die Wände anhebt und Schleimmonster hevorkriechen lässt, bevor sie mich einkesseln. Von allen Seiten. Keine Chance. Wirklich nicht.

Legend of Grimrock - Wie damals, nur flüssig

alle Bilderstrecken
Euch erwarten viele Abgründe, die ihr überwinden müsst.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder

Aber besser als die brennenden Untoten, deren Flammenstöße die ganze Gruppe rösten. Die kriege ich nur klein, wenn ich genug Platz zum Bewegen habe, mich drehe, um die empfindlichen hinteren Reihen zu schützen, und sie einzeln anlocke – was nicht immer klappt. Wenn ich an die Riesenheuschrecken denke, wird mir ganz anders. Da denkt man an nichts Böses und legt Schriftrollen in die vorgesehenen Einbuchtungen, schon krabbelt die Plage im Dutzend in meine Richtung. Wieder keine Chance.

Grimrock überrumpelt euch oft, und das Beste ist in vielen Situationen so einfach: fliehen. Erst mal Abstand gewinnen (einfach), vielleicht eines der Monster irgendwo einsperren (schon kniffliger), wo man nicht mehr hin muss, und dann das Problem von einer anderen Seite angehen (klappt oft).

Dann entdeckt man etwa einen Wandschalter, mit dem sich die verräterischen Bodenluken öffnen und die Skelettsoldaten runterspülen lassen. Dann kann man die Verfolger in den Gängen loswerden, sie hinterherziehen, wo sie sich verstreuen. Und der Weg wird frei. Und vielleicht, nur vielleicht findet man dann das, was seit dem Erwachen in der Gefängniszelle nie möglich war: ein Moment der Ruhe.