Als kleiner Junge hatte ich Angst vor einem Bild, das mir meine Mutter gemalt hat. Es zeigte einen an den ersten Tim-Burton-Film angelehnten Batman von Kopf bis Schultern, dessen Form sich in einem Meer aus Fledermäusen ergoss. Ich fand es super. Doch was ich nicht wusste: Sobald die Sonne untergegangen und das Licht erloschen war, verwandelte sich das gegenüber meines Hochbetts angebrachte Gesicht von Keaton-Batman durch den leichten Schimmer der durch mein Fenster dringenden Straßenlaternen in eine fürchterliche Fratze mit Teufelshörnern. Weil es ein Geschenk meiner Mutter war, traute ich mich auch lange Zeit nicht, es wieder abzuhängen – und dass obwohl ich kleiner Knirps Rotz und Wasser schwitze, sobald das Licht ausging.

Layers of Fear - Gruseliger Launch-Trailer

Angst vor einem Bild zu haben, ist mir heute fremd. Dachte ich zumindest. Denn Layers of Fear hat es geschafft, dieses seltsame Unwohlsein wieder wachzurufen, dass ich damals verspürte, als ich mit aufgerissenen Augen auf das teuflische Gemälde gegenüber meines Hochbetts starrte. Danke. Du Drecksspiel.

ES IST KUNST!!!

Layers of Fear ist ein psychedelisches Horrorspiel. In der Rolle eines Künstlers erkundet ihr ein altes Anwesen und rekonstruiert anhand von Fundstücken wie Briefen und Mementos zurückliegende Ereignisse, die ihn und seine Frau umgeben. Spielerisch erinnert Layers of Fear damit an eine grotesk-abscheuliche Variante von Gone Home.

Layers of Fear - Malen nach Qualen

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Würden diese Bilder in meinem Haus hängen, hätte ich sogar ohne Spuk eine Heidenangst.
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Während ihr auf der Suche nach Antworten durch das Anwesen stolpert, suchen euch surreale, albtraumhafte Erscheinungen heim, die keine besonders erfreulichen Rückschlüsse auf den mentalen Zustand eures Alter Egos zulassen. Das vorherrschende Thema sind dabei Gemälde, die im gesamten Gebäude hängen, und euch den einen oder anderen grauenhaften Streich spielen. Und genau dabei haben sie in mir die Art von Furcht wachgerufen, die ich damals als kleiner Bub empfunden haben muss.

Der Teufel malt Rembrandt

Die Entwickler schaffen es dabei, auf subtile Art und Weise mit eurer Wahrnehmung zu spielen. Stellt euch folgendes Szenario vor: Ihr lauft einen Korridor entlang, der etwas weiter vorn nach links abknickt. An der Wand zu eurer Rechten hängt ein Gemälde, das einen gut situierten Mann zeigt, der einen edlen Zwirn und einen breiten Hut trägt. Ihr geht den Gang entlang und durchwühlt auf dem Weg einige Schränke. Auf der Höhe des Bildes angekommen, hört ihr plötzlich ein Flüstern, das leise durch die Geräusche von Regen und Donner dringt. Ihr dreht euch zum Gemälde, aus dessen Richtung die Geräusche zu kommen scheinen – doch: nichts. Nur ein Gemälde.

Packshot zu Layers of FearLayers of FearErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Ihr geht weiter. Kurz vor dem Linksschwenk des Korridors wird das Flüstern, das ihr hinter euch gelassen habt, plötzlich laut. Ihr dreht euch um. Aus dem Augenwinkel heraus scheint es so, als ob der Mann auf dem Gemälde den Mund unmenschlich weit aufgerissen und eine Reihe monströser Reißzähne offenlegen würde. Bei einem genaueren Blick scheint das Bild aber normal. Ihr dreht euch zum Weitergehen um, entscheidet euch nach zwei Schritten, aber noch einmal einen Blick nach Hinten zu werfen. Diesmal seht ihr es deutlich, ja, das Bild hat sich verändert. Es zeigt eine dämonenhafte Fratze, deren bedrohliche Lefzen euch Schauer über den Rücken jagen. Wenige Sekunden später kehrt das Bild aber zur Normalität zurück.

Layers of Fear - Malen nach Qualen

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Die Gemälde sind nicht nur hübsche Staffage, sondern spielen mit euch und eurer Wahrnehmung.
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Ihr dreht euch um und entscheidet euch dazu, schnelleren Schrittes weiterzugehen. Doch: RUMMS! Zwei Schritte später fahrt ihr aufgrund eines lauten Knalls schreckartig zusammen. Als ihr euch langsam umdreht, seht ihr das Bild, das von der Wand geschossen in eure Richtung geflogen zu sein scheint.

Walking Shockulator

Gerade diese Art von fiesem Trickspiel beherrscht Layers of Fear vorzüglich. Es spielt mit euch und eurem eingeschränkten Sichtfeld. Sobald ihr einem Teil des Anwesens den Rücken kehrt, könnt ihr euch nicht sicher sein, dass er beim nächsten Blick zurück noch so ist, wie ihr ihn kurz zuvor vorgefunden habt. Oft verändert sich die Architektur dieses unwirtlichen Gebäudes, sodass die verknoteten, kopfübergestellten Gänge und Räume gen Ende mehr wie die Vorhölle denn das heimelige Anwesen wirken, das ihr zu Beginn vorgefunden habt. Und gerade in diesen Momenten zeigt sich Layers of Fear unheimlich kreativ: Selbst wenn ihr ungefähr erahnt, wann euch einer dieser schrecklichen Tricks erwartet, seid ihr doch meistens von dessen Ausführung und Arrangement überrascht.

Gruselige interaktive Geisterbahn, deren Mindfuck-Momente atemberaubend sind.Fazit lesen

Viele Kritiker von Layers of Fear beschweren sich darüber, dass das Spiel nur eine interaktive Geisterbahn ist. Im kompletten Spielverlauf habt ihr nur wenig Freiraum, werdet von Raum zu Raum geschleust und an Script-Sequenzen vorbeigescheucht. Ein Scheitern ist aus spielerischer Sicht dabei nicht möglich: Ihr müsst euch nicht vor einem KI-Alien in Lüftungsschächten verstecken, um eine Chance aufs Überleben zu haben. Doch gerade deshalb hat Layers of Fear für mich so gut funktioniert. Ich werde nicht dazu aufgefordert, die Mechanik des Spielsystems zu analysieren, um vorankommen. Nein, ich kann mich einzig und allein auf Stimmung und Geschichte des Spiels einlassen, um dabei ab und an durch einen Jump-Scare durchgeschüttelt zu werden.

Klischeebehaftete Kunstkiste

Was nicht heißt, dass Layers of Fear unfehlbar ist. Keinesfalls. Denn leider haben die Entwickler es nicht geschafft, ausgelutschten Horror-Tropen zum Opfer zu fallen. Schemenhafte Geisterwesen mit spastisch wackelnden Köpfen und langen wallenden Haaren gibt es hier genauso sehr wie plötzlich auf der Rückseite von geschlossenen Türen wütende, formlose Monster, die verschwunden sind, sobald wir sie öffnen. Und ja, auch die Geschichte ist nicht ganz frei von Klischees – auch wenn sie mich trotzdem bis zum Schluss soweit fasziniert hat, dass ich zumindest wissen wollte, was genau da eigentlich vor sich gegangen ist.

Layers of Fear - Malen nach Qualen

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Was es mit diesem unvollständigen Gemälde auf sich hat, ist das große Mysterium von Layers of Fear.
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Gerade nach einigen längeren Runden mit Layers of Fear nutzen sich die Schreckmomente etwas ab. Das Timing ist stellenweise vorhersehbar und gerade die Momente, in denen die Entwickler auf klassische Dinge wie Geister und Gruselkinder zurückgreifen, verpuffen des öfteren. Trotzdem hat ein Großteil der Streiche, die das Spiel mit mir gespielt hat, nicht ihr Ziel verfehlt. Ideal hat Layers of Fear dann für mich funktioniert, wenn ich nach einem der deutlich abgesteckten Kapitel eine Pause eingelegt habe und der Gewohnheit keine Zeit geschenkt habe.

Der Spaß, den ihr mit dem Spiel haben werdet, hängt davon ab, wie sehr ihr euch darauf einlasst. Layers of Fear hindert euch nicht daran, einfach durch die Kulissen zu huschen und vielen Details keine Aufmerksamkeit zu schenken – dann dürfte es kaum gruselig sein. Wenn ihr euch aber die Zeit nehmt, in dem unwirtlichen Haus anzukommen und es zu untersuchen, dann sollte es auch bei euch für die kurze Spielzeit von drei bis vier Stunden ganz hervorragend funktionieren.

Noch ein abschließender Hinweis zur Technik: Dem Test lag die PC-Version zugrunde. Die uns ebenfalls vorliegende PS4-Version leidet an starken technischen Problemen. Das betrifft sowohl die mehr als häufig einknickende Bildwiederholrate als auch deutliches Screentearing. Im derzeitigen Zustand raten wir vom Kauf der Konsolenfassungen ab, bis ein entsprechender Patch diese Probleme beseitigt.