Ach, liebe Lara, du hattest es nicht leicht in deinem virtuellen Leben: Zu einer Zeit geboren, als man deine weiblichen Vorzüge in Spielen nur unzureichend darstellen konnte, hat man dich stattdessen in sexistischen Artworks verbraten, auf Magazine und in Musikvideos gepresst und dabei viel zu selten gelobt, welch starker Charakter du außerdem bist.

Dann wurde die Technik besser, somit auch dein Aussehen. Deine Spiele, nun, sie waren zumindest unterhaltsam. Du hast viel durchgemacht, auch einen Umzug von Großbritannien in die USA, der deine Persönlichkeit teils stark verändert hat.

Und nun geben uns deine amerikanischen Eltern Crystal Dynamics auch noch ein Spiel, das ein ganz anderes Format als deine bisherigen Abenteuer hat: Action und Puzzle aus einer isometrischen Perspektive. Erstmals kannst du nicht als Eye Candy die Herzen der Leute gewinnen, sondern musst spielerisch alles reißen. Wirst du das schaffen?

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Storyfossil

Erläutern wir kurz das Wichtigste zum Spiel und räumen mögliche Missverständnisse aus dem Weg: Lara Croft and the Guardian of Light ist just als Downloadspiel auf Xbox Live Arcade erschienen zum Preis von 1200 Microsoft Points, also in etwa 15 Euro. Eine Veröffentlichung im Playstation Network und auf Steam wird am 28. September erfolgen, bis dahin wird den Xbox-Spielern übrigens auch das Online-Coop-Feature vorenthalten, wer also keine Couch und/oder Freunde in der Nähe zum Spielen hat, der wird warten müssen.

Lara Croft and the Guardian of Light - Nix mehr alte Schabracke! Lara Croft macht wieder eine hervorragende Figur!

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Lara und ihr Zottelfreund meistern gemeinsam ein neues Abenteuer.
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LCATGOL (tolle Abkürzung) erzählt die Geschichte von Lara, die, mal wieder, ein Artefakt gefunden hat, den „Mirror of Smoke“, der bislang im Tempel des Lichts vor sich hinspiegelte. Allerdings wurde Lara, Überraschung, von Gangstern verfolgt, die sich nun des Spiegels bemächtigen und dabei, geradezu schockierend, einen Dämonen befreien, der bislang darin versiegelt war. Xolotl, so der in typischer Aztekenmanier schwer auszusprechende Name des Finsterlings, will nun also natürlich die Apokalypse herbeiführen. So weit, so altbacken.

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Ungewohnt: Lara in Iso-Perspektive.
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Neu ist, dass neben dem Bösewicht auch ein Held beschworen wird: Totec, der tituläre Wächter des Lichts, sieht es als seine Pflicht, Xolotl wieder einzufangen und begleitet Lara fortan, entweder indirekt im Singleplayer-Modus (in dem er nicht wirklich dabei ist, sondern sich immer mal wieder in Cutscenes blicken lässt, wenn sich seine und Laras Wege kreuzen) oder direkt von einem weiteren Spieler im Coop gesteuert. Die Zwischensequenzen werden angepasst, je nachdem, ob er vor Ort ist oder nicht, ein nettes Detail.

Wir merken also, die Story ist nicht das Gelbe vom Ei und dient mehr oder weniger als bloßer Aufhänger für das neue Abenteuer. Aber ganz ehrlich: Wer spielt schon ein Lara-Croft-Spiel der Story wegen? Da geht es um Schätze, Stunts und Action, beidhändig abgefeuerte Pistolen, wagemutige Kletterpassagen und knifflige Rätsel, durchbrochen von einem Quentchen Mystizismus und gewürzt mit der Entdeckerfreude eines echten Tempelforschers. So viel sei schon verraten: LCATGOL bietet all das, auf seine ganz eigene Weise. Aber ist es auch gut?

Lichtblicke

Wer hätte gedacht, dass eine so etablierte Figur jemals einen solch großen Sprung machen müsste: Lara Croft and the Guardian of Light hat, abgesehen von Hauptfigur Lara und dem für Tomb Raider typischen Ambiente mit Tempeln und Dschungeln, erstaunlich wenig mit der „Tomb Raider“-Reihe gemein. Oder vielleicht sollten wir besser sagen: Sie hat einige Sachen gemein, aber sie funktionieren ganz anders. Prinzipiell erlebt ihr ein typisches Abenteuer, dank der isometrischen Top-Down-Perspektive ähnelt das Schießen, Hüpfen, Klettern und Rätseln aber eher einer Kreuzung aus Diablo und Lost Vikings, versetzt mit einem Schuss Trine.

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Kämpfen, Klettern, Rätseln: Die Mischung macht's.
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Wenn man das liest, kann man sich schon denken, dass sich Laras und Totecs Fieslingshatz sehr unterschiedlich spielen, je nachdem, ob man es allein oder mit einem Freund angeht. Im zweiteren Fall teilen sich Lara und Totec Fähigkeiten, die kombiniert werden müssen, um die zahlreichen Todesfallen (und, in einem geringeren Maße, auch die Gegner) zu überwinden.

Ob allein oder mit einem Freund, dieses Abenteuer ist sein Geld mehr als wert. Einer der besten Downloadtitel, die man derzeit spielen kann – besonders im Multiplayer.Fazit lesen

Totec hat einen Schild, mit dem er Geschosse reflektiert, damit Lara z.B. in Ruhe einen Schalter betätigen kann, ohne als Nadelkissen zu enden. Er kann diesen Schild auch über seinen Kopf halten, so dass die dralle Archäologin eine zusätzliche Plattform zum Springen erhält. Außerdem kann der sympathische Aztekengeist Speere werfen, die in Wänden stecken bleiben und Lara das Klettern erleichtern.

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Vor allem im Coop-Modus rockt die neue Lara.
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Ist Lara dann erst einmal auf eine Plattform geklettert, kann sie Totec mit einem Seil hochziehen. An bestimmten Stellen muss sie auch einen Schalter aktivieren, um für ihren Partner eine zusätzliche Plattform zu erschaffen oder ihr Seil über den Abgrund werfen, damit Totec über den fest gestrafften Strick balancieren kann. Außerdem haben beide Heroen ferngezündete Bomben, die nicht nur im Kampf verwendet werden können, sondern auch aus der Ferne bestimmte Schalter aktivieren oder riesige Steinkugeln in Bewegung setzen.

Das alles sind mittlerweile schon fast Standards im Arcade- und Puzzlegenre, die hier aber einmal mehr exzellent umgesetzt werden. Im Singleplayer-Modus erhält Lara Totecs Speere und die Fallen und Rätsel sind so angepasst, dass man sie alleine lösen kann, was immer noch großartig funktioniert und jede Menge Spaß macht, wenngleich der Coop-Modus (und das dazugehörige Chaos à la “Warum hast du mich nicht aufgefangen! Beleb mich wieder!”) seinen ganz eigenen Reiz hat. In beiden Fällen kommt aber echtes “Indiana Jones”-Feeling auf.

Von Bällen und Ballern

Die Plattformelemente sind also gelungen, wie steht es mit den Rätseln und Kämpfen? In ersterer Hinsicht enttäuscht LCATGOL nicht: Jedes Level hat eine gute Portion an mehr oder weniger schwierigen Kopfnüssen, die einen geschickten Einsatz der Fähigkeiten und einen wachen Kopf erfordern. Das Spielt schafft dabei einen guten Balanceakt zwischen Geschicklichkeitsaufgaben und echten Rätseln, oft muss der Spieler sowohl behände als auch clever sein.

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Die Kämpfe hätten noch eine Spur fordernder sein können.
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Herausforderung ist dabei stets gegeben, jedoch nie überwältigend. Tatsächlich kommt man auf die meisten Lösungen bereits nach kurzem Überlegen und selten sind mehr als zwei oder drei Versuche nötig, um eine tödliche Falle zu überwinden. Optionale Rätsel belohnen den Spieler mit neuen Ausrüstungsgegenständen, die das Kämpfen erleichtern.

Überhaupt muss sich das Spiel nicht verstecken, was Items und Unlockables angeht, fast alles wird belohnt, von besonders gründlichem Absuchen und Punktehorten über Bonusziele bis hin zu einem guten alten Speedrun durch die Levels – egal, wie man spielt, irgendwie erhält man immer neue Waffen oder ausrüstbare Relikte. Allein die Anzahl der Waffen ist für die Verhältnisse eines Downloadtitels quasi atemberaubend, über 30 teils sehr unterschiedliche Bleipusten wandern im Laufe der Zeit ins Inventar.

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Klarer Fall: Der Typ ist blau bis obenhin.
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Womit wir beim Kampfsystem wären. Obwohl es sich hierbei um den vielleicht schwächsten Teil des Spiels handelt, macht das Ballern und Ausweichen erstaunlich viel Spaß. Man zielt mit dem rechten Analogstick und schießt, wie immer, mit der Schultertaste, was in aller Regel gut funktioniert. Stellt man sich beim Kämpfen geschickt an und wird nicht getroffen, erhält man nach einer Weile ein Power-Up, dessen Effekt sich danach richtet, welches der freigespielten Relikte man ausrüstet – Streuschüsse oder bessere Bomben, mehr Speed oder Lebensregeneration lockern die Kämpfe auf und machen sie leichter. Die Gegner sind unterschiedlich genug, als dass man sich nicht immer wieder auf dieselben Taktiken verlassen kann und daher stets auf der Hut sein muss.

Neben den Relikten darf man sich mit Artefakten schmücken, die einen oder mehrere der vier internen Statuswerte (Waffenschaden, Verteidigung, Bombenstärke und Geschwindigkeit) entweder erhöhen oder senken, gegen Ende des Spiels lassen sich besonders mächtige Vertreter finden, die mehrere Verbesserungen bieten, ohne Nachteile zu haben, was zusätzlich zu der ohnehin schon gegebenen Sammellust noch mehr motiviert sich anzustrengen. Beinahe vergisst man schon, dass man auch einen Punktestand hat, der auf den üblichen Leaderboards eingetragen wird, da im Gegensatz zu vielen anderen Downloadgames keines der Spielelemente reiner Selbstzweck ist.

Rolling Stones

Die wirkliche Stärke des Spiels liegt in dem, was Gamer unter dem Begriff “Pacing” kennen, der Spielfluss und die Komposition des Titels. Dass alle Elemente des Spiels toll funktionieren wäre nur halb so viel wert, wenn es nicht geradezu meisterhaft verstünde, sie in einem für den Spieler angenehmen Rhythmus miteinander zu verbinden. Immer, wenn man sich denkt “Jetzt könnte ich mal wieder ein bisschen kämpfen...” oder “Jetzt wäre mal wieder ein optionales Rätsel schön” - Schwupps! - schon liefert LCATGOL und hält so unwahrscheinlich bei Laune. Verbunden mit der Motivation durch das Itemgesammle kommt hier ein Spielfluss auf, der den Spieler nicht loslässt und dazu treibt, den Titel in einem Rutsch durchspielen zu wollen.

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Für 15 Euro ein klarer Kauftipp!
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Ein solcher “Rutsch” dauert in etwa fünf Stunden, je nach Gründlichkeit. Unser übliches Meckerargument “Das ist zu wenig Spielzeit!” müssen wir diesmal allerdings vor der Tür lassen: Nicht nur, weil die Unlockables ein mehrfaches Durchspielen attraktiv machen, sondern auch, weil der Coop-Modus eine so andersartige Erfahrung liefert. Wir zumindest haben uns direkt nach den Credits an unseren zweiten Spieldurchgang gesetzt, ein gutes Zeichen. Es mag auch daran liegen, dass das Spiel tatsächlich “Momente” generiert, denkwürdige Augenblicke, durchaus keine Selbstverständlichkeit bei solch kleinen Titeln.

Auch in anderen Bereichen können sich viele Downloadspiele ein Scheibchen von LCATGOL abschneiden: Wenngleich aus der isometrischen Perspektive dargestellt, sehen die erstaunlich abwechslungsreichen Dschungel und Tempel fantastisch aus, von Lara und Totec mal ganz zu schweigen. Dumpfe Dschungelrhythmen werden in den Actionszenen zu aufgeregtem Orchesterpomp hochgepeitscht und untermalen die Kämpfe gut.

Leider machen unsere Protagonisten viel zu selten den Mund auf, ein Jammer, denn die Synchro kann sich sehen lassen und wenn Lara im Angesicht einer Todesfalle ein genervt-britisches “That's just not fair” zum Besten gibt, muss man unweigerlich Schmunzeln – als hätte Nathan Drake plötzlich Klasse und Etiquette.

Die Schwächen des Spiels trüben besagten Spielspaß kaum: Die Alibistory haben wir bereits erwähnt. Kleinere Probleme mit der starren isometrischen Perspektive und Momente, in denen die Steuerung nicht allzu präzise wirkt, sind zwar vorhanden, aber selten und ohne wirkliches Gewicht. Ein etwas höherer Schwierigkeitsgrad hätte dem Spiel noch ganz gut getan, teils sind die Rätsel zu leicht und Kämpfe werden spätestens mit den eingebauten Relikten/Power-Ups eher zu einer kurzfristigen Unterbrechung als zu einer echten Gefahr.

Überhaupt hätte das Kampfsystem, so witzig es bereits ist, vielleicht noch etwas Feinschliff vertragen – viele Waffen und Gegner sind cool, aber wenn man einen der sporadischen (aber gut in Szene gesetzten) Bosse in sage und schreibe fünf Sekunden erledigen kann, hinterlässt das einen bitteren Nachgeschmack.